Zwölf österreichische Ministerien und ein Mal Webstandards
Donnerstag, 16 August 2007 21:22 MET
Unspektakulär standardkonform
Ganz unspektakulär sind diese Seiten für jedes (assistive) Programm zugänglich. Auch für sehende Benutzer, die die Seiten nur mit der Tastatur navigieren, ist der Unterschied zur Mausbenutzung kaum eine Komforteinschränkung.
Dieser Umstand entlockt mir ein unspektakuläres Wow
!
Hier wurde die CSS (Cascading Style Sheets) Pseudo-Klasse :focus ganz bewusst und beispielhaft eingesetzt.
BenutzerInnen eines assistiven Ausgabegerätes fühlen sich hier nicht als Menschen zweiter Klasse, brauchen nicht zur barrierefreien Version
springen und spüren, dass ihnen alles genauso zugänglich ist, wie jedem anderen Besucher auch.
Das ist die gefühlte Resonanz, welche die Website des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur 1 bei mir erzeugt. Meine gestellten Kriterien sind hier im Großen und Ganzen positiv abzuhaken.
Außer dem grundsätzlichen Mangel von fehlenden Abkürzungsauszeichnungen, wären die von mir weiter unten beschriebenen Unzulänglichkeiten, kleine Korrekturen und liegen oft im Verantwortungsbereich derer, die laufende Aktualisierungen vornehmen. Zuerst aber einmal zu den positiven Auffälligkeiten.
Die unspektakulären Besonderheiten
Außer der zuvor bereits erwähnten bewusst eingesetzten Möglichkeit der komfortablen Tastaturnavigation, fällt der Einsatz eines reinen Druck-Stylesheets natürlich auch positiv auf.
Da in einer Behörde immer sehr viel PDF-Dokumente anfallen, verfallen viele oft in die Unsitte, riesige Mengen an Material unstrukturiert und ohne viel Erklärung ganz einfach zum Herunterladen anzubieten. Auf den Seiten des BM:UKK wird meistens zumindest eine Erklärung oder kurze Einführung zu einem Dokument geliefert und dieses dann mit Angabe des Dokumententyps und der Dateigröße offeriert.
Zusätzlich gibt es auf einigen Artikelseiten einen eigenen – mit korrekt geordneter Überschrift – Navigationsbereich Downloads
, wo alle Dokumente zu einem Artikel zusammengefasst sind. Das ist ein hervorragendes Feature, weil aus Sicht von assistiven Programmen dieser Bereich logisch und schnell mit Hilfe der Überschriftenliste erfasst und zugeordnet werden kann. Solche Bereiche gibt es auch zum Beispiel für verwandte Links und Abkürzungen, die auf dieser speziellen Seite vorkommen. Sehr durchdacht!
Die Mängel
Hier unterscheide ich zwischen durchgängigen, nicht unwichtigen Mängeln und denen, die unregelmäßig auftreten oder offenbar von den jeweiligen RedakteurInnen abhängen.
Durchgängige Mängel
- Generell keine Abkürzungsauszeichnungen
- Keine Sprachwechsel in Fließtexten
- Weiterführende Links in Übersichtsseiten werden nur am Ende des Einführungstextes mit dem Link
mehr
gekennzeichnet und auch nicht zumindest mit einem Titel-Attribut mit der Überschrift des Artikels ausgestattet. Schlecht für Benutzer assistiver Ausgaberäte.
Sporadische Mängel
- Artikel in französicher oder englischer Sprache sind meist nicht in derjenigen Sprache ausgezeichnet (Beispiel). Kleinere Textpassagen wiederum schon (Beispiel).
- Sinnvolle Zwischenüberschriften fehlen in etlichen langen Artikeln und werden oft nur mit
<strong>Elementen ausgezeichnet. Für Programme und assistive Ausgabegeräte wird so etwas zu einer unstrukturierten Textwüste. Hier kommt es offenbar auf die jeweiligen BearbeiterInnen an. - Suchresultate des Telefon- und E-Mailverzeichnisses werden in – zwar halbwegs strukturierten –, aber in diesem Fall völlig unnötigen Tabellen ausgegeben. Dies wäre ein typischer Anwendungsfall für das Mikroformat vCard beziehungsweise hCard. Auch eine Definitions- oder ungeordnete Liste wäre hierfür geeignet. Suchresultate der allgemeinen Suchfunktion werden hingegen semantisch in einer geordneten Liste präsentiert.
- Die MitarbeiterInnen des Büros der Ministerin sind überhaupt in ein unsemantisches Tabellengesülze reingemurkst.
Was mir sonst noch aufgefallen ist
Die folgenden Anmerkungen sind sozusagen off topic, da sie nicht ursächlich mit Webstandards und Barrierefreiheit zu tun haben.
Mittlerweile gängige Verbreitung von Informationen, wie beispielsweise RSS (Really Simple Syndication), haben sich allerdings auch in dieser Behörde noch nicht durchgesprochen. Außer einem schnöden Newsletter der kurioserweise über ein PDF-Formular bestellt werden muss, scheint im Medienbereich noch das gute alte Papier von einigen Bürokraten mit Ärmelschoner und strengem Gebot verwaltet zu werden.
Auch die virtuelle Pressestelle vermittelt ein herziges Bild des bürokratischen Stillstandes nach dem Motto: Du musst immer wieder zum Amt kommen, wennst was wissen willst
.
Die einzige wirklich standarkonforme ministerielle Website
Die barrierearme und benutzerfreundliche Website des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur soll aber nicht darüber hinwegmogeln, dass dies der einzige Artikel zu einem positiven Beispiel zu Webstandards bei österreichischen Ministerien derzeit bleibt.
Eine standardkonforme Website von zwölf österreichischen Ministerien ergibt ein sehr trauriges Bild.
Selbstverständlich lassen sich einige der anderen Websites auch von Benutzern assistiver Geräte halbwegs bedienen und finden Suchmaschinen die relevanten Informationen. Von durchgängiger sinnvoller Anwendung von Webstandards kann aber bei all diesen anderen elf Sites nicht gesprochen werden.
Ich vermute einmal, dass das Datum 1. Jänner 2008, wo angeblich österr. Behördenseiten wirklich barrierefrei sein sollen, wieder eine große verbale Luftblase ist.
Grenzfall Bundeskanzleramt
Das österreichische Bundeskanzleramt und angeschlossene Subdomain für Frauen und Gleichstellung ist kein Ministerium und deswegen nicht direkt in der Liste derer.
Diese Seiten hellen das Bild dann etwas auf, weil sie für Benutzer assistiver Geräte – meiner Einschätzung nach – soweit zu bedienen sind und formal barrierearm. Im Angesicht der Vorgabe des österreichischen Amtshelfers (siehe Artikel), der offenbar ja aus dem selben Hause stammt, ist das HTML-Tabellenverhau-Gemurkse der anderen Websites des Bundeskanzleramtes allerdings eine schwache Vorstellung. Mehr dazu im nächsten Artikel.
Im nächsten und letzten Artikel dieser Serie schreibe ich noch eine Zusammenfassung des Grenzfalles Bundeskanzleramt
und beschreibe Kuriositäten auf Sites österreichischer Ministerien. Entweder führten die zu einer Verschlimmbesserung
oder wie die Standardkonformität einer einzelnen Seite im Kontext überhaupt nicht verstanden wird und bei ernsthafter Benutzung zu grotesken Ausgeburten im Gesamtbild führt.
- Abschnitt 1 von 1
Quellenverzeichnis
- bmukk.gv.at – Website des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur
Weitere Links zum Thema
- Serie: Webstandards bei Ministerien und Landesseiten in Österreich – Auflistung der Artikel dieser Serie
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 16. August 2007 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 16 August 2007, 21:22 MET.
- Artikel:
- Zwölf österreichische Ministerien und ein Mal Webstandards [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/76
- Thema:
- Webgestaltung
- Stichworte:
- barrierearm, Behörden, benutzerfreundlich, Serie01, Webstandards
Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:
- Webstandards bei Ministerien und Landesseiten in Österreich vom 30. Juli 2007
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