Zugänglichkeit von Websites mit Empathie testen
Montag, 09 Juni 2008 22:07 MET
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Empathie = Einfühlungsvermögen
Ich schreibe in diesem Beitrag nicht von Checklisten, Richtlinien und Verordnungen. Hier geht es auch nicht um Toolbars und Prüfprogramme.
Ich schreibe vom einfachen Menschenverstand. Damit sollten wir im Regelfall soweit soziale Fähigkeiten entwickelt haben, uns etwas in die Lage von (von Menschen gemachten) Programmen, anderen Benutzern oder unterschiedlichen Umgebungsbedingungen hinein zu versetzen.
Als Empathie […] bezeichnet man die Fähigkeit eines Menschen, einen anderen Mensch von Außen (ohne persönliche Grenzen zu überschreiten) möglichst ganzheitlich zu erfassen, dessen Gefühle zu verstehen, nicht jedoch notwendig auch zu teilen und sich damit über dessen Verstehen und Handeln klar zu werden. Wikipedia – Empathie
Ohne Hilfsmittel und mit etwas Empathie können wir als Webgestalter, Texter und Site-Betreiber schnell ausprobieren, wie andere mit unserer Website zurechtkommen.
Der Handschuh- oder Handbruch-Test
Ziehen Sie einfach einen (nicht allzu dicken) Handschuh über und versuchen Sie damit die Maus zu führen und die Navigation der Website zu benutzen. Alternativ können Sie auch die Hand wechseln, mit der Sie normalerweise die Maus bedienen.
- Sie treffen keine Links?
- Sie schaffen es nicht, die Maus in der richtigen Position zu halten und gleichzeitig zu klicken?
Dann wissen Sie jetzt wie es Menschen mit motorischen Störungen gehen kann.
Betroffene:
- Durch Verletzung kann das jeden Menschen von heute auf morgen treffen. Wenn Ihre
Maus-Hand
unvermittelt eingegipst oder bandagiert ist, sind Sie eben temporär behindert. Dann müssen Sie die andere Hand zur Mausführung verwenden oder Sie sind auf eingeschränkte Tastaturbedienung angewiesen. - Temporäre Behinderung kann aber auch eine Entzündung, ein
Tennisarm
oder Migräne sein, welche die Mausführung bereits beeinträchtigt. - Es gibt Medikamente, deren Nebenwirkungen unter anderem die Beeinträchtigung der feinmotorischen Koordination von Bewegungen sein kann. Nicht dramatisch aber zum
Herumfuzeln
in verschachtelten Winzigmenüs reicht es dann nicht mehr so recht. - Ältere Menschen sind allein durch natürliche
Abnutzungserscheinungen
vor allem durch häufigere Anfälligkeit zu vorher genannten temporären Behinderungen oder den Nebenwirkungen von Medikamenten betroffen.
Wie wir sehen, geht es bei motorischen Behinderungen nicht um eine vermeintlich kleine Gruppe von vor sich hinlallenden
, die vor dem Bildschirm mit Vergrößerungsglas sitzen und unkoordiniert auf die Maus trommeln. Die Betroffenen sind in Summe eine Gruppe, die im Durchschnitt wahrscheinlich bis zu 25% der Benutzer einer Website ausmachen kann.
Abhilfe:
- Machen wir uns klar, dass mehrheitlich – und im Gegensatz zu speziellen Desktop-Programmen – Websites für alle bedienbar sein müssen.
- Vermeiden Sie verschachtelte Menüstrukturen, die nur durch Berührung mit der Maus weitere Menüpunkte anklickbar machen.
- Und wenn es (vermeintlich) unbedingt notwendig ist, dann muss diese Navigation große Anklickflächen haben und auch mit reiner Tastaturbenützung funktionieren.
Der Maus-Raus
oder Tastatur-Test
Benutzen Sie ausschließlich nur mehr die Tastatur zur Benutzung der Website.
- Wissen Sie nicht, wo Sie sich gerade auf der Seite befinden?
- Sehen Sie nicht den Link, den Sie gerade anklicken könnten?
- Bleiben Ihnen Teile der Navigation überhaupt verschlossen?
Tja, blöde Sache, wenn Ihre Maus nicht funktioniert und Sie mal auf die Tastatur angewiesen sind.
Dieses Thema wurde auch schon ausführlicher behandelt. Lesen Sie hierzu folgende Beiträge:
- Maus raus [accessBlog]
- Maus raus [Maria Putzhuber im Main_blog] –
Ich habe es nur zu einer mausfreien Stunde gebracht und heute morgen beim Zeitung lesen die Klicks auf die Tabulatortaste gezählt, die es bei einzelnen österreichischen Online-Medien braucht bis man den ersten Headline Artikel lesen kann.
- Barrierearm - und doch nicht gut nutzbar? [wai-austria.at] –
Ich kenne Seiten, die mit 8 Sprungmarken beginnen, um AnwenderInnen von Screen Readern möglichst viele Navigationshilfen an die Hand zu geben. Es braucht geraume Zeit, um diesen
Sprungmarken-Dschungel
zu durchwandern […].
Wir werden noch auf einige der Probleme stoßen, die auch im folgenden Test auftreten können:
Der Vorlese-Test
Zu diesem Test benötigen wir eine zweite Person. Weiters sollten Sie auf Ihrem Browser die Möglichkeit haben, alle Stylesheets abzuschalten. Das ist mit allen modernen Programmen – außer dem Internet Explorer – mit wenigen Klicks möglich.
Nun lassen Sie sich eine Seite vorlesen (oder lesen Sie vor). Immer der Reihe nach von oben nach unten. Wenn Sie irgendeinen Hyperlink verwenden wollen, sagen Sie Klick
und die vorlesende Person verbindet zur gewünschten Seite. Dort wird wieder von vorne begonnen.
- Sie bekommen (oder auch Ihr Vorleser) nach drei Seiten einen Schreikrampf und fragen sich, warum Ihnen auf jeder Seite immer wieder die selben 45 Navigationspunkte vorgelesen werden (beziehungsweise gelesen werden müssen) bevor Sie zum Inhalt kommen?
- Sie können das Wort
leer.gif
nicht mehr hören? - Sie finden das Untermenü in den 125 Verweisen einer Seite nicht?
- Es ist so gut wie unmöglich, sich eine ungefähre gedanklich räumliche Struktur dieser Site mit geschlossenen Augen vorzustellen?
- Sie treffen auf endlose Texte die keine Gliederungen und Überschriften enthalten?
Dann wissen Sie jetzt wie es Menschen geht, die auf Vorlese-Software angewiesen sind. Weiters können Sie auch erahnen, dass auch schnöde Suchmaschinen aus einem gut gegliederten Dokument mit Sicherheit Informationen besser herausziehen und einteilen könnten.
Betroffene:
- Jedes Programm das Informationen aus der Website herauszieht und anderweitig aufbereitet.
- Jeder Mensch der auf Vorleseprogramme angewiesen ist.
Da der Anteil von Suchmaschinen bei Ihren Seitenaufrufen bis zu 70% ausmachen kann, legen Sie Ihren hauptsächlichen Benutzern – Spider und Crawler, die ihre Informationen transportieren – doch ziemliche Barrieren in den Weg.
Abhilfe:
- Versehen Sie den Anfang des Dokumentes mit wichtigen Sprungmarken zu Inhalt und Navigation.
- Auch Suchmaschinen lieben Bildbeschreibungen, weil die eben auch nicht sehen können.
- Gliedern Sie das gesamte Dokument logisch und semantisch, gemäß Webstandards.
- Texte mit Überschriften und bedeutungsvollen Auszeichnungen nützen allen, nicht nur Blinden.
Die Logik eines Programms kommt auch von Menschen
Nur mittelbar der Definition der Empathie entsprechend ist die Logik von Suchmaschinen und anderen Programmen. Es braucht eben auch Verständnis, sich in die letztendlich auch von Menschen programmierten Verhaltensweisen einfühlen zu können und aus dieser Sicht eine Website auf Zugänglichkeit zu testen.
Beispiel: Weben
ist in deutscher Sprache eine handwerkliche Tätigkeit. Wenn wir also von Web-Design sprechen, kann dies zwei Bedeutungen haben:
- Web-Design: Die Gestaltung des jahrhundertealten Handwerks des Webens oder
- Web-Design: Die Gestaltung digitaler Räume.
Den Unterschied macht die Aussprache und der Kontext.
Ein doofes Programm weiß aber erst dann wovon wir schreiben – und das steckt auch noch in den Kinderschuhen, wenn wir das sprachlich auch markieren. Allein aus dem textlichen Zusammenhang können Programme die Bedeutung (noch) nicht erfassen. Genauso ist es auch mit Abkürzungen.
Der folgende Test erfordert volle Konzentration, weil Sie sich extrem doof anstellen müssen.
Der Roboter-Test
Für diesen Test gilt: Was heute in der Praxis kaum Bedeutung hat, kann morgen schon Standard sein. Wer das heute schon beachtet, profitiert morgen von der Entwicklung.
Hierzu ist ein Browser gut, der zu einem markierten Wort unmittelbar per Rechtsklick-Menü die Eigenschaften und verwendeten Attribute anzeigt (im Firefox möglich).
Konzentrieren Sie sich beim Lesen einer Seite auf verwendete Abkürzungen und Wörter in anderer Sprache, vor allem den Anglizismen auf nicht englisch-sprachigen Seiten. Markieren Sie mit der Maus ein solches Wort und überprüfen Sie die verwendeten Attribute.
- Ist eine verwendete Abkürzung auch mit einem dementsprechenden Abkürzungselement (
abbroderacronym) ausgezeichnet? - Ist eine Abkürzung entweder am Anfang des Textes ausgeschrieben worden oder im Titel-Attribut der Abkürzung ausgezeichnet?
- Ist ein nicht zur Standardsprache des Dokumentes gehörendes Wort in seiner Sprache ausgezeichnet?
- Werden Beispiele mit geeigneten HTML-Elementen (
code,samp,kbd) oder Definitionen (dfn) und Adressen (address) auch als solche ausgezeichnet?
Betroffene:
- Abkürzungselemente sind für Benutzerinnen von Vorlese-Software wichtig.
- Alle anderen Auszeichnungen sind derzeit leider noch für viele Programme ziemlich belanglos. Wir nähern uns aber mit Riesenschritten der Zeit, wo auch die richtige sprachliche Auszeichnung ausgewertet wird und dadurch die genauere Analyse von digitalen Texten enormen Schub bekommen wird.
Abhilfe:
Als Texter oder Redakteurin sollten Sie die vorhandenen semantischen Auszeichnungen auch einsetzen.
Die Barrieren im Hirn vieler Normalos
Es gab mal eine Zeit – ich könnte durchaus auch in der Gegenwartsform schreiben –, da wurde Menschen mit Handicap ein selbstbestimmtes Leben sogar in gesetzlichen Verordnungen und Verhaltensrichtlinien abgesprochen.
Es ist noch gar nicht so lange her, da stand in den Beförderungsrichtlinien eines lokalen städtischen Transportunternehmens, dass Rollstuhlfahrer und Mobilitätseingeschränkte nur mit einer Begleitperson reisen dürfen.
Viele glauben offenbar mit einer nicht reflektierten Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit Behinderung auch eine Website nur mit Begleitperson aufsuchen sollten (dürfen).
Hier ein paar dieser unreflektierten Argumente:
- Wenn ich mir ein Bein breche, kann ich eine Zeit lang nicht gehen. Das ist eben so. Wenn wir uns an der Hand ernsthaft verletzen, werden wir eben eine Woche lang keinen Computer bedienen können.
- Wenn ich krank bin, liege ich im Bett und sitze nicht vor dem Computer.
- Blinde haben bis jetzt auch nicht jedes Buch ganz einfach so lesen können. Warum soll das im Web anders sein?
- Behinderte sind eben behindert. Deswegen können sie auch nicht alles machen, was alle anderen machen können.
- Wir können uns nicht um alles kümmern. Ein Spastiker kann eben auch nicht dem Beruf eines Piloten nachgehen.
- Das Web ist ein interaktives Medium und daher für einige Behinderte nicht nutzbar. Das ist halt so.
- Wenn wir uns um Behinderte im Web kümmern müssen, behindert das die künstlerische Entfaltung und die Entwicklung des Mediums.
Mit etwas Empathie wären viele Websites zugänglicher.
Das Wort ins Dunkel
Als erstes muss ich auf den Long-Tail verweisen. Es gibt so viel Raum und Freiheit in Digitalien, dass für jedes Angebot Platz ist. Eine künstlerisch experimentelle Website braucht ja auch nicht den Anspruch, von einem Blinden oder Gehörlosen erfasst werden zu können oder ohne Maus bedienbar sein zu müssen.
Die meisten Websites erheben allerdings den Anspruch in Suchmaschinen gefunden zu werden und Information zu transportieren.
Stellen wir uns vor, es gäbe eine Operationsmethode für Beinbrüche, wo wir nachher aufstehen und sofort wieder ganz normal gehen können. Ihr Spital wendet aber diese Methode nicht an, weil die Ärzte bis jetzt zu faul sind diese Art der Operation zu lernen. Ich glaube, wir würden uns über solche Zustände zurecht aufregen.
Oder stellen wir uns vor es gäbe eine Methode, alle Blinde auf dieser Welt mit einer speziellen Operation sofort sehend machen zu können. Es wird aber nicht getan, weil die Ärzte sagen, wegen ein paar Blinden lernen sie jetzt keine neuen Operationsmethoden.
Anmerkung:
In der Pharma-Forschung, der Herstellung und dem Marketing von Medikamenten nähert sich mein vorher genanntes Beispiel aufgrund zynischer Marktmechanismen traurigerweise bereits der Wirklichkeit.
Optionen nutzen
Da es nun die Möglichkeit gibt ein digitales Dokument so aufzubereiten, dass wir auch mit einer Handverletzung, als Blinde oder Sehbehinderte, mit einem großen oder kleinen Bildschirm – oder auch ohne Bildschirm – die Informationen nutzen können, gibt es nur einen Grund, warum das nicht getan wird: Inkompetente Entwickler oder ignorante Auftraggeber!
- Abschnitt 1 von 1
Weitere Verweise zum Thema
- Barrierefreiheit selber testen – Schnelltest ohne Werkzeuge [putzhuber.net]
- Barrierefreiheit selber testen – Schnelltest mit Werkzeugleisten [putzhuber.net]
- Introduction to screen readers and screen magnifiers [456bereastreet.com] – mit weiterführenden Links zu Videos die Screen-Reader und Bildschirmlupen im Einsatz zeigen.
- Barrierefreiheit zum Kucken [accessBlog] –
Die britische Organisation Abilitynet hat sich bei YouTube eine Ecke eingerichtet, in der alle Videos gesammlt werden, die irgendwie mit der Computer-Nutzung von und durch Menschen mit Behinderungen zu tun haben.
- Was man aus Lehrfilmen lernen kann: ein schweizer Film mit Nutzern [sprungmarker.de] –
Der Lehrfilm
Wie bedient ein sehbehinderter oder blinder Mensch das Web
der Universität Bern ist wirklich sehr interessant.
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 9. Juni 2008 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 09 Juni 2008, 22:07 MET.
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- Thema:
- Webgestaltung, Kommunikation
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- barrierearm, benutzerfreundlich, HTML, Webstandards
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