Webstandards und die scheinfrommen Prediger von Google

Freitag, 19 September 2008 16:13 MET

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Kommunikation  
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Foto: Mann mit Buch in der Hand und ausgestrecktem Arm hält Predigt
Webstandards und die scheinfrommen Prediger von Google [hyperkontext | Weblog]
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Die Pamphlete der Google Webmaster-Zentrale über validen Code und Accessibility sind schlicht eine Heuchelei. Wenn die Suchmaschine von Google ihre eigenen Ergebnisseiten indizieren müsste, würde ihr vor sich selbst grausen.

Liebe Tante Guugl, ich weiß, dass Du es nicht böse meinst. Aber stoppe bitte die heuchlerischen Pamphlete zur Accessibility, solange Deine eigenen Websites diese Regeln kaum befolgen.

Ungültiger Code und mangelhafte Zugänglichkeit auf Google-Sites

Die Google Webmaster-Zentrale ist ein übersetzter Blog – hier das englischsprachige Original, auf dem Mitarbeiterinnen des Unternehmens immer wieder nützliche Tipps zur Suchmaschine und den Dienstleistungen eintragen.

Als aber unlängst ein Beitrag über gültigen Code erschien, sah ich mir dieses digitale Pamphlet genauer an. Dass der Eintrag in der deutschen Version dann noch zusätzlich unter Accessibility abgelegt wurde, erregte meine Aufmerksamkeit dann noch umso mehr.

Eigentlich ging es in diesem Eintrag, der kurz nach Erscheinen des hauseigenen Browsers Chrome erschien, um die Kompatibilität einer Webseite zu allen Browsern. Dort wird es dann allerdings in lehrerhaftem Ton etwas heuchlerisch: Macht eure Website kompatibel für alle Browser! 

Zitat: Zieht es in Betracht, euren Code zu validieren.

Google's invalider Code

Google sollte es jedenfalls nicht nur in Betracht ziehen – wie etwas holprig aus dem Amerikanischen übersetzt, sondern es mal tun: Den eigenen Code durch einen Validator laufen zu lassen.

Gebe ich also nur die Adresse des vorher genannten Blog-Eintrages in den im nämlichen Beitrag empfohlenen und verlinkten W3C-Validator ein, dann spuckt der gleich mal rund 290 Fehler aus.

Nun gut, eine erkleckliche Anzahl davon geht auf XML Parsing-Errors zurück, die sich auf Variablen für die hauseigene Blog-Software beziehen. Ob das nun so notwendig ist und warum das nicht in externe Dateien ausgelagert wird, vergessen wir mal. Schlampigkeit ist es auf jeden Fall.

Aber zitieren wir doch gleich die Prediger aus ihrer eigenen Hilfeseite: Auch wenn Ihre Website in einigen Browsern richtig angezeigt wird, obwohl Ihr HTML-Code nicht gültig ist, ist dies keine Garantie dafür, dass sie in allen Browsern richtig angezeigt wird.

Sehen wir uns den Quelltext genauer an, erschließt sich eine Mischung aus ungültigem Code, mitunter eigenartigen Konstrukten und sogenannter Tag-Soup.

  • Das fängt damit an, dass hier eine Dokumenttyp-Deklaration von striktem XHTML1.0 (eXtensible HyperText Markup Language) angegeben wird, aber die Hälfte der Seite in ein veraltetes (somit also für diesen Dokumenttyp ungültiges) center Element eingeschlossen wird.
  • Dass ein select Element, ohne in ein Formular-Element eingebunden zu sein, in einer strikten XHTML Variante gültig wäre, ist mir neu. Ohne Hilfe von JavaScript kann solch ein Konstrukt interaktiv auch nicht benutzt werden. Also auch wenn das theoretisch gültig wäre, wird Zugänglichkeit damit schon vorsätzlich ausgeschlossen.
  • Sonderzeichen in einigen URIs (Uniform Resource Identifiers) – wie & – sind nicht UTF-8 codiert (&), obwohl im Kopf des Dokumentes so angegeben.
  • Mitunter tauchen großgeschriebene Elemente auf, die in striktem XHTML auch nicht zulässig sind.

Wenn die Suchmaschine von Google ihre eigenen Ergebnisseiten indizieren müsste, würde ihr vor sich selbst grausen.

Nun wollen wir aber nicht kleinlich sein und Fehler in Quelltexten hochspielen, die derzeit in der Praxis meist keine oder marginale Auswirkungen haben.

Auf diversen anderen Seiten von Google sieht es völlig unterschiedlich aus und die Qualität des Codes und der Zugänglichkeit variiert oft buchstäblich von Seite zu Seite. Manchmal besser, manchmal schlechter.

Auswirkungen haben allerdings nicht umgesetzte Webstandards für Barrierefreiheit und Zugänglichkeit, die aber heuchlerisch gepredigt werden.

Auf den Kernseiten des Konzerns, also der Suchmaschine, herrscht  überhaupt vollkommen steinzeitliches Code-Gemetzel vor, wie schon einmal von mir erwähnt. So steinzeitlich, dass es kurioserweise ein eigenes Beta-Projekt mit dem Namen Accessible-Search gibt.

Zitat: Browser-Kompatibilität durch gute Accessibility erreichen.

Google's seltsame Vorstellung von Accessibility

Was die scheinfrommen Prediger der Google Webmaster-Zentrale unter Zugänglichkeit und Barrierefreiheit verstehen, beschränkt sich offenbar nur auf das Verständnis der Kompatibilität zu verschiedenen Programmen. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Begriffe Webstandards und Web-Accessibility hier munter vermischt werden und barrierefreier Zugang zu Websites ein automatisches Nebenprodukt von Browser-Kompatibilität wäre.

Vergleichen wir also zwei Ratschläge aus der Hilfe für Webmaster mit dem vorher erwähnten hauseigenen Blog-Eintrag – Macht eure Website kompatibel für alle Browser!

Titel der Hilfe-Seite: Stellen Sie sicher, dass Ihre Website in verschiedenen Browsern richtig angezeigt wird.

  1. Zitat: Bedenken Sie die Verfügbarkeit. Nicht alle Nutzer haben JavaScript in Ihren Browsern aktiviert.

    • Die Suchfunktion zu diesem Blog erscheint nur mit JavaScript. Ohne JavaScript dürfen wir im Google-Blog gar nicht suchen.
    • Ohne JavaScript kann die Auswahlliste zum Archiv nicht bedient werden. Da diese nicht einmal in ein form Element eingebettet ist und damit eine Fallback-Variante zur Bedienung ohne JavaScript überhaupt unmöglich wird.
    • Der berühmte Home-Link zur Startseite existiert im deutschen Blog nur mit eingeschaltetem JavaScript. In der englischen Variante gehts ja auch ohne.
  2. Zitat: die Verwendung von CSS trennt Präsentation von Content.

    • Zwei existierende Sprungmarken am Anfang des Blogs werden mit folgendem irrwitzigen Konstrukt umgeben: <span id='skiplinks' style='display:none;'>.
      1. Wenn es also bereits eine ID dafür gibt, warum existiert dann noch zusätzlich ein Inline-Style? Die Antwort: die ID skiplinks ist nirgendwo definiert und hat keine Funktion.
      2. Das eigentlich Schlimme: Jeder halbwegs versierte Gestalter weiß, dass display:none ein Element auch für die meisten assistiven Ausgabegeräte unsichtbar macht und kennt die dafür geeignetere Methode zum Ausblenden. So manchen Google-Entwicklern ist das offenbar aber nicht bekannt. Auf dieser Hilfe-Seite ist das wiederum vorbildlich umgesetzt.

Auch logisches und aussagekräftiges Markup scheint nur gepredigt aber in den eigenen Seiten nicht verwendet zu werden.

  • Ein Eintrag im Google-Webmaster-Blog ist eine einzige div-Wurst.
  • Von Absätzen, in Form eines p Elementes, hat offenbar noch keiner etwas gehört. Absätze werden mit doppelten breaks – <br /><br /> – erzeugt, Überschriften und Zwischenüberschriften gibt es innerhalb eines Beitrages sowieso nicht.
  • Gewollte Überschriften werden mit völlig unsemantischen Methoden wie <span style="font-weight:bold; font-family:arial;"> erzeugt. In der englischen Version mit dem nicht minder aussagelosen Element b versehen (Text mit HTML Bedeutung geben).

Solch mangelhaftes und unlogisches HTML bedarf wohl keiner weiteren Erklärung oder tieferen Einblicken in das Grauen. Dass das gesamte Blog-Konstrukt keine Meta-Sprachauszeichnung hat und solche natürlich auch innerhalb von Texten nirgends eingesetzt werden – und auch sonst kaum logische Textauszeichnungen –, ist da nur mehr einen Beisatz wert.

Umso mehr verwundern dann Beiträge, wie beispielsweise im März 2008 – Tipps, um Informationen allgemein zugänglich zu machen –, wo auch auf die WCAG (Web Content Accessibility Guidelines) verwiesen wird. Symptomatisch sprachlicher Lapsus: Aus den Accessibility Guidelines werden in dem Beitrag die Access Guidelines.

Schluss mit heuchlerischen Predigten

So manche Einträge der Google Webmaster-Zentrale zu Accessibility stellen sich in etwa so dar, als wenn der Redner einer Konferenz zur Drogenbekämpfung mit einer Whiskey-Flasche in der Hand auf das Podium torkelt, ein halbstündiges Pamphlet gegen Alkoholmissbrauch lallt, nochmal einen großen Schluck aus der Flasche saugt und dann von Sanitätern aus dem Saal getragen wird.

Die Pamphlete der Google Webmaster-Zentrale sind streckenweise schlicht eine Heuchelei.

Zusätzlich empfinde ich den meist infantilen, lehrerhaften Charakter dieser Beiträge – auch in englischer Originalfassung – als unerträglich.

Ich versuche mich mal in diesem Stil mit einer Botschaft an Tante Guugl:

hyperkontext
Webmaster-Zentrale

Liebe Tante Guugl!

  1. Ich weiß, dass Du es nicht böse meinst. Aber stoppe bitte die heuchlerischen Pamphlete Deiner Priesterinnen zur Accessibility, solange Deine eigenen Websites diese Regeln kaum befolgen.
  2. Überprüfe die Quelltexte Deines digitalen Himmelreiches. Es gibt verschiedene gute Websites, die Dir dabei helfen.
  3. Ziehe in Betracht, Deine Jünger mit bedeutungsvollem (semantischem) HTML vertraut zu machen und Dein Digitalien mit Webstandards auch auszustatten. Es gibt verschiedene gute Websites, die ihnen dabei helfen können.
  4. Nimm Dir die Zeit, Deine Gefolgschaft mit mehr Empathie und Redlichkeit auszustatten und weniger lehrerhaft zu sein, bevor Du sie auf die virtuelle Reise schickst.

Wenn Du diese einfachen Tipps befolgst, könntest Du damit die Qualität Deiner Sites für alle Besucher steigern. Wenn Du andere Ideen hast oder noch etwas fragen möchtest, dann besuche doch bitte Dein Diskussionsforum.

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