Websites ohne RSS sind wie Rundfunk ohne Sender

Dienstag, 12 Februar 2008 22:55 MET

Thema:
Kommunikation  
Stichworte:
, ,  
dieser Artikel  
Foto: Mann dreht Sendersuchknopf auf altem Radio
Websites ohne RSS sind wie Rundfunk ohne Sender [hyperkontext | Weblog]
Kommentare 3

Im Kulturmanagement-Blog hat Christian Henner-Fehr sich ein paar Gedanken zur Funktion von Blogs, Foren und sozialen Netzwerken gemacht.

Beim Lesen schoss mir allerdings ein Gedanke durch den Kopf:
Jemand der weder die Abkürzung RSS (Really Simple Syndication), noch einen Feed-Reader kennt, wird das nicht verstehen. Hierzu komme ich dann später in diesem Beitrag.

Warum funktionieren virtuelle Foren oder Gruppen oft nicht?

Im Wesentlichen stimme ich mit den Definitionen von Jeremiah Owyang (Understanding the difference between Forums, Blogs and Social Networks) überein, auf dessen Beitrag die Gedanken von Christian beruhen.

Am Schluss seines Beitrages stellt Christian die Frage, warum Foren oder Gruppen oft nicht funktionieren.

Für mich stellt sich die Sache relativ klar dar.

Vor zehn Jahren betrieben nur Technik-Freaks eine eigene Plattform. Diese wiederum machten es anderen dann in Form von Foren möglich, Diskussionen zu führen und sich einzubringen. Diese Freaks stellten sozusagen Gemeinschaftsräume zur Verfügung, in denen der Austausch stattfand.

Mittlerweile kann aber nun praktisch jeder sein eigenes virtuelles Wohnzimmer schaffen. Auf der Grundlage von XML (Extensible Markup Language)-Dateien vernetzen sich Blogs zur sogenannten Blogosphäre, die in ihrer Gesamtheit wesentlich flexibler ist, als die früheren Foren (ohne RSS-Feeds), die ja in sich auch wieder nur Silos waren.

Die Erfahrungen aus der 1.0 Ära zeigen für die meisten Foren eines der zwei Szenarien:

  • Es tut sich in einem Forum überhaupt nichts, es geht sprichwörtlich keiner mehr hin.
  • Oder es ist digital völlig verwahrlost, wo sich Trolle, Werbefritzen und – hier passt der Ausspruch von Bernd Graff wirklich – die digitale Idiotae die Maus in die Hand drücken.

Es ist daher ein Fehler zu glauben, alleine mit der Verfügbarkeit eines Forums wäre ein Diskurs geschaffen. Mitnichten. Der selbe Irrglaube ist übrigens im Offline-Bereich auch immer wieder zu beobachten.

Die funktionierenden Foren die Mehrwert bieten sind entweder welche,

  • wo es um ein Produkt, Support oder thematisch eng eingegrenztes Thema geht und jeder das Ziel hat, zu einer bestimmten Sache in möglichst kurzer Zeit informiert zu werden.
  • oder von einer oder mehreren charismatischen Person/en Themen aktiv getrieben und moderiert werden.

Der letzte Punkt ist nun genau der, der durch Blogs ersetzt wurde.

Blogs entstehen aus persönlicher Motivation

Durch die vereinfachten technischen Möglichkeiten können Menschen nun ihre Themen, ihre Anliegen, ihre Persönlichkeit auf ihrer eigenen Plattform präsentieren, ohne auf die kommunikativen Möglichkeiten des schon bekannten Forums verzichten zu müssen.

Aus meiner Sicht gibt es damit eine klare Abgrenzung, wo und wie Blogs und Foren eingesetzt werden.

Foren entstehen als konkreter Bedarf

Foren können fast immer nur ein Zusatz sein oder aus einem Bedürfnis entstehen, das im Vorfeld über Blogs oder Netzwerke (zum Beispiel Game-Communities) entsteht.

Die einzige Ausnahme für Foren ohne Vorarbeit oder Begleitmaßnahmen ist aus meiner Sicht der Support zu einem Produkt.

Optisch und technisch können Blog und Forum natürlich verschmelzen. Die Kommentare zu einem Blog können beispielsweise im Forum angesiedelt sein, wo der Anreisser-Text des Blog-Eintrags am Kopf der Diskussion steht. Der gesamte Eintrag aber nur im Blog gelesen werden kann.

RSS – die logistische Grundlage für Web 2.0

Um den Unterschied zwischen Foren und Weblogs angemessen zu diskutieren, muss allerdings ein wesentlicher Bestandteil des sogenannten Web 2.0 verstanden und erlebt sein.

Video übersetzt von Peter Turi:
RSS-Feeds für Dummies
Original: RSS in Plain English
Plattform: sevenload.com

Diese Grundlage fehlt meiner Ansicht in weiten Kreisen. Vor allem aber auch in Berufsgruppen, deren ureigenste Aufgabe es wäre, diesbezüglich am Laufenden zu sein.

Sender brauchen auch Empfangsgeräte

XML-Feeds sind die Sender im Web 2.0. E-Mails sind persönliche Depeschendienste.

Erst die Newsfeed Technik, also RSS (oder das Format Atom), bereitet die Grundlage der Vernetzung.

Die jeweils nach Anlass und Bedarf vernetzten Blogs und Wikis übersteigen die Vorstellungskraft der im Web 1.0 stecken gebliebenen, weil sie eine wesentliche Technik der Datenbeschaffung und Verarbeitung nicht kennen beziehungsweise noch nie produktiv verwendet haben.

In ihrer Vorstellung sehen sie sich mit einem unüberschaubaren Datenwust konfrontiert, dessen Sichtung alleine schon viel Zeit brauchen würde. Deswegen reden die dann immer von Informationsüberflutung.

Es ist etwa so, als ob ein zeitgereister Phönizier in jedem Containerschiff tausende von menschlichen Ruderern vermutet und diese Vorstellung mental nicht auf die Reihe kriegt.

Die Gedankenwelt 1.0

  • mehr Information = mehr Seiten anwählen, mehr Newsletter, mehr Zeitaufwand
  • mehr Interaktion = mehr E-Mails, noch mehr Newsletter und noch mehr Seiten anwählen und noch mehr Zeitaufwand
  • sich aktiv einbringen = unnötiger Zeitaufwand, weil noch viel mehr Newsletter und E-Mails sortieren und wegschmeißen
  • Alles in allem: ein nicht zu bewältigender Zeitaufwand

Mitunter schlagen sich manche – der Zeit verlorenen – Gesellen (oder lassen es andere für sich tun) täglich auch noch mit Tonnen von E-Mails herum, drucken sie aus und behandeln und archivieren jede elektronische Depesche, als ob sie der Kurierdienst persönlich gebracht hätte (Das Internet lassen wir von anderen bedienen).

Hinzu kommen dann noch Interessensgruppen, wie die halbseidene Branche der E-Mail-Marketender oder eine ganze Software-Industrie für Verwaltung und Kontrolle der elektronischen Post, die am Status quo kräftig verdienen. Die haben gar kein Interesse die digitalen Phönizier aus ihren Ruderbooten zu holen.

Solche Leute, die das Radio noch gar nicht kennen und sozusagen im Zeitalter von Kutschen und Depeschenträgern leben, sind mit einer Liste von Radiofrequenzen so verloren, wie der zeitgereiste Phönizier beim Anblick eines Containerschiffes.

Jemand der also einen wesentlichen Teil des Web 2.0 noch nicht verstanden hat, kann einer Diskussion über den Unterschied zwischen virtuellen Foren, Blogs und sozialen Plattformen nicht in angebrachter Weise folgen.

Oder um bei unserem zeitgereisten Phönizier zu bleiben:
Solange der Bursche nicht die heutige Antriebstechnik von Schiffen verstanden hat, wird er einer Diskussion über die Vor- und Nachteile der neuesten Generation von Containerschiffen nicht folgen können. Seine Gedanken werden sich permanent um Organisation und Lebensmittel-Vorratshaltung für eine unüberschaubare Menge von Ruderern drehen.

Kein Rundfunk ohne Sender

Für die Gegenwart und Zukunft lässt sich feststellen, dass so gut wie alle Websites ohne RSS-Angebot – also nicht nur Blogs – wie ein Rundfunkprogramm ohne Sender agieren und jeglichen partizipativen Charakter verlieren.

Die selbe Feststellung gilt für den internen Kommunikationsbereich in Unternehmen. Blogs und Wikis in einem Intranet müssen auf der einen Seite Sender (RSS) haben und auf der anderen Seite alle Arbeitsplätze mit geeigneter Lese-Software ausgestattet sein.

Hier aber nun endgültig zum Grund meines Artikels, der Beitrag von Christian Henner-Fehr im Kulturmanagement-Blog: Der Unterschied zwischen Foren, Blogs und Social Networks.

Abschnitt 1 von 1

Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 12. Februar 2008 auf Relevanz geprüft.

Datum:
veröffentlicht am 12 Februar 2008, 22:55 MET.
Artikel:
Websites ohne RSS sind wie Rundfunk ohne Sender [hyperkontext | Weblog]
Kurz-URL:
http://hyperkontext.at/s/116
Thema:
Kommunikation 
Stichworte:
, ,  
Reaktionen:
Kommentare 3

Kommentare (3) ansehen

Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.

Mögliche themenverwandte Artikel aus dem Weblog

Blättern (chronologisch)

älterer Artikel »
Januar 2008 im Kontext