Web-Usability: Nur erkennbare Funktionen werden benutzt
Samstag, 29 Mai 2010 18:55 MET
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Erkenntnis braucht Information
Wir kennen das alle: Geräte mit unzähligen Funktionen, die uns bestenfalls durch ausgedehntes Studium der Bedienungsanleitung oder auf Grund jahrelanger Verwendung durch Zufall bekannt werden.
Oft fragen wir uns dann, warum so manch nützliche Funktion nicht offenkundiger verfügbar ist und wir sie erst jetzt schätzen lernen.
Ob es sich nun um Bildvergrößerung, Sortieren einer Tabelle oder Hyperlinks handelt, auch im Web haben viele Menschen tagtäglich ihr Aha-Erlebnis. Anschließend fragen sie sich, warum sie manch nützliche Gebrauchsart übersehen. Oder etwa gar nicht darüber informiert werden?
Bild vergrößern auf Klick
Ich erzählte einer Bekannten am Telefon vom Detail eines Bildes und sie surfte während des Gespräches auf diese Seite. Sie behauptete nun, dass das besprochene Detail gar nicht auffalle und keiner weiteren Diskussion bedarf.
Im wienerischen Dialekt und salopp zu einer guten Bekannten gesprochen, war mein erstaunter Ausruf: Bist schasaugert?
zum Wort »schasaugert«:
- Wiener Dialektausdruck der etwas rüderen Gattung, welcher sich aus den Wortstämmen »Scheiße« und »Auge« zusammensetzt. Die Bedeutung sollte nun selbsterklärend sein.
- Weitere Quelle: Österreichisch-Deutsch : schasaugert-sehschwach.
Nach kurzem Wortgeplänkel wurde mir klar, dass die Frau gar nicht auf das Bild klickte, um die Originalgröße zu betrachten, sondern lediglich die Zoomfunktion des Browsers verwendete. Dieses Verhalten ist kein außergewöhnliches. Ich beobachte das immer wieder.
Auf Nachfrage, warum das Bild nicht angeklickt wird, ernte ich meist einen überraschten Aha-Blick.
Die verbreitete Gepflogenheit, Grafiken oder kleine Fotos mit Klick darauf in Originalgröße zugänglich zu machen, war ihr einfach nicht bekannt. Bei bloßer Betrachtung der Seite ist ja nicht erkennbar, dass das kleine Foto durch Draufklicken in großer Ansicht gezeigt wird.
Auf der anderen Seite können wir aber auch nicht von einer allgemein anerkannten Konvention sprechen. Manchmal führt solch ein einzeln verlinktes Bild auch auf eine andere interne oder externe Seite oder gar auf ein PDF (Portable Document Format).
Wichtig bleibt daher, die Möglicheit und das Ziel einer Klickaktion auf einem Bild schon bei Betrachtung zu zeigen oder zusätzlich einen aussagekräftigen Hyperlink zum selben Ziel zu platzieren.
Sortieren gewusst wie
Markus Schlegel hat die Symbole für Tabellensortierung unlängst angesprochen: Aufsteigend, absteigend, überlegt euch etwas besseres!
Ich kann mich der Aufforderung nur anschließen. Da müssen verständlichere Dinger als diese Dreiecke her, die dann übrigens auch per Tastatur zugänglich und für Screenreader erklärend sein sollten, um eine Sortierfunktion zu verdeutlichen.
Ich selbst übersehe immer wieder solche Funktionen. Weniger webaffine Leute werden bei Tabellen nicht mal die Möglichkeit einer Sortierung in Betracht ziehen.
Die beste Lösung ist derzeit wahrscheinlich immer noch die gute alte Auswahlliste. Platziert vor einer Tabelle, um Möglichkeiten einer Sortierung überhaupt erkennbar zu machen und ausreichend bezeichnen zu können. Zumindest für solche Sites, die vorwiegend von einem breit gefächerten Benutzerkreis besucht werden.
Hyperlinks zum Übersehen
Mir ist noch immer der Vortrag von Daniele Marano am 17. Accessibility-Stammtisch (12. Mai 2009) in Erinnerung.
Daniele Marano bewegt sich viel im Web und ist hochgradig sehbehindert. Er arbeitet meist mit einer Lupenfunktion am Bildschirm, seltener mit einem Screenreader. Die Zahl der Anwender mit Sehbehinderung in unterschiedlichen Graden ist übrigens wesentlich größer als die der Blinden.
Er zeigte uns, wie er im Web surft und an Hand von Sites, wo er sich gut und wo er sich schlecht zurechtfindet.
Unter anderem kam dabei die Site der Wiener Universität vor.
Hyperlinks stechen farblich schon für normalsichtige im Text nicht gut hervor.
Während also Daniele die Benutzung der Navigationsleiste erklärte, stellte ich die Zwischenfrage, ob die nicht unterstrichenen Hyperlinks im Fließtext für ihn erkennbar wären. Ich landete einen »Volltreffer«. Er bemerkte gar keine Links im Text und wir mussten ihm die Wörter sagen, welche als Hyperlink unterlegt sind.
Die Hyperlinks sind auf dieser Site schon für normalsichtige Menschen unter widrigen Verhältnissen – beispielsweise schräger Lichteinfall, schlecht eingestellter Bildschirm – schwer im Fließtext zu unterscheiden. Die Sache wäre aber nicht so gravierend, wenn die Links unterstrichen wären, weil damit die Farbe dann eine untergeordnete Rolle spielen würde.
Gerade im heranbrechenden Zeitalter von immer mehr Touch-Screens ohne Maus-Hover-Effekte bleiben unterstrichene Hyperlinks en vogue denn je.
Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, warum immer wieder versucht wird, Hyperlinks so unauffällig als möglich in Fließtext einzubetten. Es ist vermutlich die selbe Motivation, die dazu treibt, endlos lange Texte im Web in einen aalglatten Blocksatz zu schweißen, an dem jeder Sehnerv gnadenlos abrutscht, um von einem ästhetischen Schriftbild faseln zu können – zur Benutzung allerdings nicht wirklich geeignet.
Das Gegenteil sollte der Fall sein. Hyperlinks müssen hervorgehoben werden und das (auch) unabhängig einer Farbe. Das beste Mittel dazu ist die Unterstreichung. Die älteste und vermutlich einzige wirkliche Konvention in diesem Medium, die seit den Anfangstagen des Webs besteht:
Its a time-honored expectation for links to be underlined on the Web. Accessibility of Links
Andy Rutledge schrieb 2008 einmal sehr treffend, dass Hyperlinks noch viel mehr sind als bloße Unterscheidung zum restlichen Text
: (2011-11-10: nicht mehr abrufbar) Why and How: Styling Text Links.
Erkennbar enttäuschte Erwartung
Es gibt auch noch die Kategorie von gut erkennbaren Funktionen, die ohne weitere Erklärung bei der überwältigenden Mehrheit eine ganz bestimmte Erwartung auslösen.
Wenn solche Erwartungen enttäuscht werden, werden Menschen unsicher. Das wirkt sich wiederum auf das Vertrauen zum Betreiber der Website aus.
Aus der Navigationsleiste zum PDF
Ohne weitere Erklärung lösen Navigationsleisten im Regelfall die Erwartung aus, damit auf eine Unterseite des Angebotes geführt zu werden. Alles andere sollte vermieden werden, zumindest aber vor Benutzung deutlich kommuniziert sein.
Auch im Jahr 2010 treffe ich noch immer auf Sites, wo von der Haupt- beziehungsweise Seitennavigationsleiste ohne weiteren Hinweis auf ein anderes Angebot oder – noch viel schlimmer – direkt auf ein PDF, sogar auf PowerPoint-Dokumente verwiesen wird.
Es ist wie Schienenersatzverkehr während einer Bahnreise.
- Der Fluss wird unterbrochen, da plötzlich ein anderes Programm ins Spiel kommt. Bei langsamen Rechnern kann das Starten des PDF-Readers zu gefühlten Minuten werden.
- Als geübter Benutzer vergesse ich schon mal bei Navigationsleisten auf das tatsächliche Ziel zu sehen, da meine Erwartungshaltung eindeutig ist. Umso größer das Ärgernis, wenn der PDF-Reader plötzlich startet.
- Weniger geübte Leute erleiden mitunter einen regelrechten Schock, weil sie nach dem Klick nicht wissen was nun genau passiert. Mir wurde erzählt, dass ein älterer Herr durch das langsame Starten des Readers einen Virus oder eine Fehlfunktion vermutete und den Computer einfach ausschaltete.
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- Datum:
- veröffentlicht am 29 Mai 2010, 18:55 MET.
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