Web-Abenteuer Textwüste: Werkzeuge und Strategie

Samstag, 13 Februar 2010 22:57 MET

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Spuren im Wüstensand
Web-Abenteuer Textwüste: Werkzeuge und Strategie [hyperkontext | Weblog]
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Unvermutet findest du dich am Rande einer Textwüste wieder. Für Überlebende ein traumatisches Erlebnis, das in Beiträgen wie diesem eine Aufarbeitung erfährt.

Ich verfluche die, die Wortsteppen säen und Textwüsten in Digitalien hinterlassen.

Diesmal möchte ich den Opfern der Wüste zeigen, wie wir uns das Durchlesen einer Wortsteppe erleichtern können.

Textwüsten und Wortsteppen

Suchmaschinen lassen uns virtuell weit reisen und unvermutet findest du dich am Rande einer Textwüste wieder.

Es ist nicht leicht, Wortsteppen ohne Werkzeug und mentaler Stärke zu durchlesen. Der Versuch endet zu oft schon nach ein paar Zeilen erschöpft am Textrand. Diejenigen die sich durchkämpfen, halluzinieren mitunter über Inhalt, Sinn und Aussage.

Durch auf Block gesetzte Zeilen türmen sich Worte unvermutet mal hier und mal dort auf. Es brennt wie Treibsand in den Augen.

Für Überlebende ein traumatisches Erlebnis, das in Beiträgen wie diesem eine Aufarbeitung erfährt.

Wir müssen nicht alles lesen

Screenshot eines verkleinerten Schriftbildes Das in der Abbildung in Miniatur gezeigte Schriftbild eines Blogbeitrages besteht aus 1117 Worten und befindet sich in einem einzigen Absatz. In der vorgesehenen Breite und Schriftgröße besteht dieser Absatz aus 99 Zeilen.

Fein säuberlich mit Blocksatz in ein Rechteck verpackt.

Zuallererst gilt daher: Das Abenteuer Textwüste kann gefährlich werden. Wir müssen nicht alles lesen.

Definition einer Textwüste

  • hat keine Abschnitte und Zwischenüberschriften;
  • lässt keine Hervorhebung erkennen;
  • besteht aus einem Block oder wenigen Absatzblöcken;
  • ist oft durch Blocksatz mit tückischen Rissen gespickt und aalglatt an den Rändern;
  • Hyperlinks heben sich vom Text kaum ab und sind schwer aufzuspüren.

Textwüsten werden von wenigen Personen durchgelesen. Niemand zeigt dir den Weg, niemand hilft dir. Du bist auf dich alleine gestellt.

Manchmal handelt es sich »nur« um eine digitale Text-Serengeti. Durch Einsatz von Werkzeugen kann aber lebenswichtiger Weißraum zum Durchlesen geschaffen werden.

Hilf dir selbst

Ich könnte nun sinnieren, warum Menschen beim Verfassen von Texten solche Wüsten hinterlassen. Ich könnte glühende Pamphlets für blühende Text­landschaften schreiben und auch so manche Ratschläge erteilen.

Ersteres ändert nichts und zweiteres mache ich ja mitunter, lässt aber nur darauf hoffen, dass der ein oder andere Verfasser von Texten Einsicht zeigt und Strukturen anerkennt.

Diesmal möchte ich den Opfern der Wüste zeigen, wie wir uns das Durchlesen einer ausgedehnten Wortsteppe unter Umständen erleichtern können.

Der Browser

Zum Tragen der Werkzeuge brauchen wir auf jeden Fall einen Rucksack. Es eignet sich hierfür so gut wie jeder moderne Browser.

Ich bevorzuge den Firefox, da er für das wichtigste Werkzeug – nämlich eigene Stylesheets – eine maßgeschneiderte Zusatztasche in Form eines Addons hat. Aber auch Opera bietet hierfür recht praktische Optionen.

Meine Werkzeuge

  • User-Stylesheets

    Im Grunde kenne ich nur ein effektives Werkzeug, um ein unlesbares Schriftbild im eigenen Browser halbwegs menschenwürdig aufzubereiten: CSS-User-Stylesheets. Leider erfordert diese Anpassung Spezialkenntnisse.

    Lieschen Müller ist aber von unmenschlicher Schriftaufbereitung ebenso betroffen.

    Was also Laien empfehlen?

    1. Kurze Antwort: Ich weiß es nicht. Vielleicht kann aber der ein oder die andere Leserin einen Tipp geben.

    2. Lange Antwort: Es gibt natürlich ein paar Werkzeuge, die allerdings nicht immer zuverlässig funktionieren und mitunter Textpassagen unterschlagen oder nur die Hälfte eines Eintrages anzeigen.

      Trotzdem seien zwei hier kurz erwähnt:

      • Tidy-Read ist ein Add-on für den Firefox und versucht nur den relevanten Textteil (hier versagt das Ding zu oft) einer Seite auszufiltern und das Schriftbild nach eigenen Bedürfnissen zu formatieren und anzuzeigen.

      • Readability kann via Javascript mit jedem Browser verwendet werden und existiert auch als Readability for Firefox.

        Leider nur eine halbgare Sache, denn auch dieses Werkzeug erkennt oft ganze Abschnitte eines Artikels nicht und stellt Teile des Textes gar nicht dar.

    Als zuverlässiges Eingreifen bleibt also nur selbst angepasstes CSS (Cascading Style Sheets).

    Hier sind meine paar CSS-Anweisungen (dazu weiter unten mehr), die mich schon öfter vor dem Verdursten gerettet haben:

    * { text-align:left !important; }
    p,li { line-height:1.5 !important; }
    br { margin-bottom:2em !important; }
    a { text-decoration:underline !important; }
    

    Für den Firefox bietet sich das Add-on Stylish an. Hier können eigene Stile sogar nur auf bestimmte Domains oder Unterseiten angewendet werden und es existiert eine Site, wo unzählige User-Styles heruntergeladen werden können.

    Für einige Blogs, die ich zwar gerne lese, aber das Schriftbild einfach unmenschlich ist, verwende ich CSS-Anweisungen, die mit Hilfe dieses Add-on automatisch auf der jeweiligen Site aktiviert werden.

  • Suchfunktion im Browser

    In Textwüsten kann uns diese Funktion so manche Schweißperle ersparen.

    Ein nützliches Feature im Anzeigeprogramm ist die Suchfunktion. Auf jedem gängigen Browser vorhanden und meist schnell mit der Tastenkombination Strg+F beziehungsweise Cmd+F und natürlich über das Menü zu erreichen.

    Oft kommen wir über Suchmaschinen auf lange Texte. Wenn wir uns dort nicht zurechtfinden, lassen sich mit der internen Suchfunktion Worte auf der aufgeschlagenen Seite zügig hervorheben und anspringen.

  • Texteditor des Vertrauens

    Dieses Werkzeug ist für absolut hartnäckige Fälle und eine Art Schleudersitz aus dem Browser. Wir kopieren die Textwurst auf der Webseite in den Texteditor unseres Vertrauens. Anschließend machen wir aus allen paar Zeilen einen Absatz.

Die Strategie

  1. Wir müssen nicht alles lesen

    Das Abenteuer Textwüste kann gefährlich werden. Betreten wir eine Textwüste nur dann, wenn wir uns mental dazu in der Lage fühlen.

  2. Werkzeug mitnehmen

    Nur mit Rucksack und Werkzeug in die Wüste aufbrechen (siehe vorigen Abschnitt über Werkzeuge).

  3. Langsam lesen

    Es gibt keine Wegweiser und trotzdem müssen wir die Orientierung behalten. Wenn wir Textwüsten nur durchscannen, kann es zu Halluzinationen kommen und unsere Urteilskraft schwindet. Sinn und Unsinn verschwimmen.

    Wir müssen Zeile für Zeile erforschen und uns Schritt um Schritt an die Aussage herantasten. Erst nach dem Durchlesen werden wir Gewissheit haben, ob sich das Abenteuer für uns gelohnt hat.

  4. Nicht zurückgehen

    Nicht versuchen einen vorher gelesenen Punkt wieder zu finden. Zumeist endet dieses Unterfangen in völligem Verlust der Orientierung.

  5. Fata Morgana erkennen

    Hüten wir uns vor der gefährlichen Fata Morgana, die uns eine große Überschrift am Texthorizont vorgaukelt. Sollte es tatsächlich eine Überschrift sein, ist es zumeist der Beginn einer anderen, weiteren Textwüste.

  6. Blocksatz ausschalten

    Gibt es Blocksatz, dann packen wir unser Stylesheet aus und aktivieren die Anweisung *{text-align:left !important;}.

    Vorher:
    Verkleinertes Schriftbild mit Blocksatz

    Nachher:
    Verkleinertes Schriftbild mit sichtbaren Fransen am rechten Rand

    Damit finden wir wenigstens grobe Orientierung an unterschiedlichen Zeilenlängen.

  7. Weißraum aktivieren

    Gibt es keine Absätze, dann graben wir danach. Lebenswichtiger Weißraum verbirgt sich oft in der CSS-Oberfläche in Form eines HTML-Zeilenumbruches.

    Aktivieren wir die Anweisung br{margin-bottom:2em !important;}.

    Vorher:
    Verkleinertes Schriftbild einer endlosen Textwurst

    Nachher:
    Verkleinertes Schriftbild weist nun sichtbare Zwischenräume auf

    In vielen Fällen eröffnen sich damit ungeahnte Oasen aus Weißraum.

  8. Abbruch erwägen

    Wenn wir nach dem Graben keinen Zeilenumbruch finden, dann sollten wir die Expedition abbrechen, da sich in weiterer Folge die Gefahr von Halluzinationen um ein Vielfaches erhöht.

    Wenn wir die vor uns liegende Textwüste unbedingt bezwingen müssen, dann fahren wir mit dem nächsten Punkt fort.

  9. Mit Schriftgröße und Zeilenabstand experimentieren

    Aktivieren wir in unserem mitgenommenem Stylesheet die Anweisung p,li{line-height:1.5;}.

    Mit verschiedenen Fenster- und Schriftgrößen und in Kombination mit Punkt 6 (Blocksatz ausschalten), verschaffen wir uns damit in einigen Fällen zumindest etwas Luft.

  10. Hyperlinks sichtbar machen

    Hyperlinks dienen als weitere Hilfsanker für das Auge und zeigen zusätzlich den ureigensten Zweck, nämlich auf Verknüpfungen aufmerksam zu machen.

    Machen wir alle Hyperlinks mit der CSS-Anweisung a{text-decoration:underline !important;} sichtbar.

    Denn in einigen Wortsteppen werden selbst Hyperlinks versteckt.

    Vorher:
    Ausschnitt aus Text, in dem nichts auf einen Hyperlink hindeutet

    Nachher:
    Selber Text, der nun einige Wörter unterstrichen hat

  11. CSS ausschalten

    In manchen Textwüsten geht es nicht mehr anders: Wir müssen CSS komplett ausschalten, um unseren Kreislaufkollaps zu verhindern und das Abenteuer noch irgendwie durchzustehen.

    Vorher:
    Schriftbild einer endlos langen Textwurst als Literaturverzeichnis, weiße Schrift auf grünem Hintergrund

    Suchen wir mit der internen Suchfunktion im Browser nach uns wichtigen Worten in deren Umgebung wir die gesuchten Informationen zu finden hoffen.

    Nachher:
    Ausschnitt des Textes, nachdem das Wort Gedicht gesucht wurde, nun schwarze Schrift auf weißem Hintergrund

  12. Abschnitte markieren

    Wir markieren immer einen kleinen Abschnitt mit Tastatur oder Maus und lesen den nun invertierten Text. Wir können umgekehrt, den markierten Teil als Marker für zuletzt gelesenen Text verwenden.

  13. Ruhepausen

    Erholen wir uns an diesen Notankern und planen von dort aus die nächste Lese-Etappe.

  14. Schleudersitz aktivieren

    Wir kopieren den Text und fügen ihn in den Texteditor unseres Vertrauens. Dort kreieren wir alle paar Zeilen einen Absatz. Nach dieser ersten Orientierung formatieren wir nun den Text weiter, um ihn endlich halbwegs sinnvoll lesen zu können.

  15. Fluchen

    Jetzt lassen wir unserem Ärger mal freien Lauf und schreien mit voller Kraft:

    Ich verfluche die, die Wortsteppen säen und Textwüsten in Digitalien hinterlassen.
    Einfach zum Kotzen!

Zum Abschluss sei noch darauf hingewiesen, dass alle diese Tipps nur für das sehende Auge und den verstehenden Menschen geeignet sind.

Die gezeigten Beispiele bleiben für Menschen mit assistivem Ausgabegerät, also zum Beispiel einem Screenreader, eine kaum durchlesbare Wüste. Denn ein Zeilenumbruch bleibt ein Zeilenumbruch und verwandelt sich nicht einfach in einen Absatz, wenn ein Programm den Text liest.

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veröffentlicht am 13 Februar 2010, 22:57 MET.
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