Von der Einsicht der Struktur zur Vielfalt der Ansichten (1)
Donnerstag, 11 Oktober 2007 00:26 MET
Dieser Artikel ist ein Beitrag zur
Accessibility Blog-Parade 2007

Es war einmal…
Es gab eine Zeit, da war jeder Tippfehler auf der Schreibmaschine – oder gar der Wunsch einer anderen Satzstellung – eine zeitaufwändige Sache. Entweder Blatt rausziehen
und neu schreiben oder mit diesen kleinen Pinseln (kann mich an den Namen nicht mehr erinnern) überstreichen, eintrocknen lassen und drübertippsen.
Vor ungefähr zwanzig Jahren wurde ich zum ersten Mal mit einem Programm zur Textverarbeitung konfrontiert. Es war eine enorme Arbeitserleichterung, Tippfehler und Änderungen direkt am Bildschirm zu korrigieren und dann erst auszudrucken. Der Sinn der Sache bestand eindeutig darin, ein Schriftstück am Bildschirm so herzurichten, dass es ausgedruckt werden konnte.
Wie im Programm das Inhaltsverzeichnis erstellt oder etwa das Datum rechtsbündig ausgerichtet wurde, war im Endresultat – also das gedruckte Blatt Papier – nicht von Belang.
Mein Ziel war das gedruckte Blatt Papier
Überschriften wurden ganz einfach fett gemacht
und mit einer Leerzeile
der Abstand gehalten.
Wollte ich etwas in die Mitte rücken, habe ich die Tabulatortaste eingestellt – gewohnt von der Schreibmaschine – oder überhaupt so viele Leerzeichen verwendet, dass das halbwegs in der Mitte stand. Sogar Aufzählungen und kleine Inhaltsverzeichnisse wurden mit Leerzeichen zurechtgerückt und händisch nummeriert.
Standards abspeichern und wieder verwenden
Mit der Zeit und intensiverer Nutzung und Verbesserung von Textverarbeitungsprogrammen, habe ich dann langsam kapiert, dass Aufzählungen, Überschriften und Inhaltsverzeichnisse mit solchen Programmen schneller und logischer zu erstellen sind.
Der Sinn war nun vor allem, standardisierte Strukturen als Vorlage wieder verwenden zu können. Auf Disketten – ja, sowas gab es auch einmal – zu speichern und mitnehmen oder weitergeben zu können.
Dann kam der erste Browser
Als der erste Browser (Mosaic) aufkam, war ich neugierig, was da dahinter steckte und stöberte die Quelltexte dieser Seiten durch. Die ersten Webseiten waren pures HTML (Hypertext Markup Language) und die Seiten präsentierten sich so, wie das Programm die HTML-Elemente darstellte. Daran hat sich bis heute nichts verändert.
In guter Erinnerung bleiben mir die riesengroßen Überschriften und fetten Linien (<hr>).
Überschriften und eine Linie waren fast die einzige Möglichkeit, sichtbare Trennung von Abschnitten zu markieren. War eine Überschrift etwas kleiner, war sofort klar, dass es sich hier um einen Unterabschnitt der dazugehörigen größeren Überschrift handelt.
Es sah zwar alles irgendwie öde aus, aber jeder der etwas typografisches und gestalterisches Verständnis hatte, musste auf diese wenigen Strukturelemente zurückgreifen, um nicht eine komplette Textwüste zu hinterlassen.
Dann kam der große Boom mit Netscape, Tabellen und Frames, die gestalterische Möglichkeiten boten. Es ging darum, dass alles so cool als möglich rüberkam, wer nicht die letzte Version von Java-Script hatte oder den falschen Browser, der hatte Pech.
Mein Aha
Erlebnis
Es muss so um die Jahrtausendwende (hui, das klingt jetzt salbungsvoll) gewesen sein, als ich das erste Mal mit Cascading Style Sheets (CSS) einem Element eine Farbe verpasste und kleiner machte und dann von der Aussicht hingerissen war, dies nur ein Mal für zwanzig verschiedene Seiten definieren zu müssen.
Ja, ich stellte auch einmal die Frage: Was machen denn Blinde auf einer Website?
Ein paar Tage später las ich in einem Artikel über Suchmaschinen, auch etwas von Braille-Ausgabegeräten, Screen-Readern und wie alle diese Programme Webseiten verarbeiten und ausgeben.
Und dann hat es Zoom
gemacht
Alle Erfahrungen und Eindrücke der vergangenen Jahre begannen sich plötzlich ganz logisch zu verbinden:
- Genauso wie ich Strukturen in der Textverarbeitung zur Standardisierung und Übersichtlichkeit eingerichtet habe, kann ein blinder Mensch durch ein assistives Programm ein solch strukturiertes Dokument
erfühlen
, sich schnell Übersicht verschaffen und lesen. - So wie ich 1993 die ersten Webseiten gesehen und
gefühlt
habe (große und kleine Überschriften, Aufzählungen in Gruppen), genauso kann eine Suchmaschine oder ein Programm eine Seite schnell und logisch erfassen. Egal ob die Schrift groß, klein, grün oder rot ist. - Mit CSS kann ich mit einer Datei eine ganze Website nach meinen Wünschen optisch gestalten, während die Dokumentenstruktur unangetastet bleibt und somit für alle Programme weiterhin logisch erfassbar ist.
- Ich kann dem selben Dokument via CSS unterschiedliche Formatierungen für verschiedene Zwecke geben (zum Beipiel für den Ausdruck).
Ein Dokument kann somit von (fast) allen Menschen, und auch von verschiedenen Programmen in seiner Bedeutung erfasst, weiterverarbeitet, analysiert, im- und exportiert werden, ohne jeweils eigene Versionen zu brauchen.
Wow! Fantastisch.
Diese Faszination hält bis heute an und war der Ausgangspunkt für mein tieferes Interesse an dem Thema, das meiner Ansicht nach in Zukunft auch immer wichtiger wird, weil immer mehr Programme Struktur-, Text, und auch Sprachauszeichnungen auswerten werden können.
Diese, meine Geschichte haben einige vielleicht auch so ähnlich erlebt und anderen kann sie helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen.
Die konsequente Trennung zwischen Struktur und Formatierung beziehungsweise Inhalt und Layouts wird dann zu einer klar formulierten, sinnstiftenden Aufgabe.
Bei vielen hat es noch nicht Zoom
gemacht
Bei vielen Websites habe ich den Eindruck, dass die Entwickler und Texter glauben, eine Webseite ist nur für ihren Bildschirm gemacht und es egal ist, ob eine Überschrift mit einem dementsprechenden HTML-Element ausgezeichnet wird oder bloß fett formatiert.
Manche verwenden überhaupt keine Struktur- und Textauszeichnungen. Schlecht für sehende Menschen und schlecht für Programme und die Menschen, die auf solche Programme angewiesen sind.
Gut strukturierte Texte beziehungsweise ganze HTML-Dokumente können eigentlich schon mit durchdachtem Einsatz einiger weniger Elemente für alle Benutzer das Lesen und die Orientierung erheblich erleichtern.
Darüber schreibe ich im nächsten Teil.
Teil 2: Von der Einsicht der Struktur zur Vielfalt der Ansichten (2)
Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Accessibility Blog-Parade 2007.
- Abschnitt 1 von 1
- Datum:
- veröffentlicht am 11 Oktober 2007, 00:26 MET.
- Artikel:
- Von der Einsicht der Struktur zur Vielfalt der Ansichten (1) [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/89
- Thema:
- Webgestaltung
- Stichworte:
- barrierearm, Blogparaden, CSS, HTML, Logbuch Accessibility
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