Von Pädo- und Kasperkriminellen der Leyen

Montag, 11 Mai 2009 23:55 MET

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Kommunikation  
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Porträtfoto: Ursula von der Leyen
Von Pädo- und Kasperkriminellen der Leyen [hyperkontext | Weblog]

Die deutsche Ministerin für Jugend und Familie, Ursula von der Leyen, schwafelt von 20 Prozent der Internetnutzer, die zum Teil schwer pädokriminell seien.

Die halbseidene Polit-Inszenierung vermengt sich mit Gesülze aus der Journaillen-Ecke, mit dem sich wohl nur mehr Internet-Analphabeten ernsthaft besudeln lassen.

Ich erwärme mich für einen Neusprech-Begriff: Kasperkriminell.
Tatbestand: Verantwortung angenommen aber vorsätzlich nicht übernommen.

Pädokriminelle

Jeder, der jetzt zuhört, kann eigentlich sich selber fragen, wen kenne ich, der Sperren im Internet aktiv umgehen kann. Die müssen schon deutlich versierter sein. Das sind die 20 Prozent. Die sind zum Teil schwer Pädokriminelle. Die bewegen sich in ganz anderen Foren. Die sind versierte Internetnutzer, natürlich auch geschult im Laufe der Jahre in diesem widerwärtigen Geschäft. Gespräch mit Ursula von der Leyen [Radio Eins]

Nun können wir uns also auf die Suche nach der Definition des Wortes pädokriminell machen.

Wir finden einen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu Pädokriminalität, wo klar wird, dass das Wort erst in den späten 90er Jahren von einigen Personen, die sich mit Kinderschutz befassen, aufgebracht wurde und selbst unter diesen Protagonisten nicht unumstritten ist. In diesem Eintrag wird lapidar festgehalten, dass der Begriff nun zum Teil auch von Ermittlungs­behörden und Politikern verwendet wird.

Der Duden kennt das Wort (bis jetzt) nicht. Auf Wikipedia existiert bis dato keine Definition in englischer Sprache (Pedocriminality), noch in französischer (Pédocriminalité). Die Verbreitung des Wortes im Deutschen hat aber durchaus dubiose Züge:

Womit wir beim Grund meiner ungewöhnlichen Nachforschung wären. Es liegt also ein Fall von sogenanntem Neusprech vor.

Neusprech

Neusprech gehört zwar vornehmlich zum Handwerk von Journalisten, aber auch Spin-Doktoren verwenden es gerne für Marketing und in der PR- und Lobbyarbeit: Ein erfundenes – meist zusammen­gesetztes – Wort wird ständig wiederholt, um damit besondere Aufmerksamkeit zu erzielen und der Sache gewisser­maßen didaktische Diktion verliehen.

Die deutsche Ministerin für Jugend und Familie, Ursula von der Leyen, genannt auch Zensursula – als Ösi nenne ich sie liebevoller Zensursel – schwafelt also von 20 Prozent der Internetnutzer, die zum Teil schwer pädokriminell seien [telepolis].

Deswegen wird der Besuch von Schweinekram-Seiten jetzt gesperrt und die potentiellen Besucher von einem digitalen Polizisten aufgeschrieben, so die Vorstellung von den Laien der Leyen.

Und Basta, würde der frühere Bundes­kasper­kanzler dieser Republik sagen.

  • Suuuper, schrein die digitalen Analphabeten, wo kämen wir denn hin, wenn solch Schweinekram im Internet abrufbar ist.
  • Solchen Leuten, die auf so ’ne Seite wollen, wird ein Stoppschild gezeigt, erklärt Frau Alice Schwarzer unter Körpereinsatz der flach erhobenen Hand in der ORF-Diskussionsrunde Club2 am 29.4.2009. Und ich mutmaße mal, dass die durchaus von mir geschätzte Dame der Gruppe der erfahrenen Internet-Ausdruckerinnen angehört.
  • Alles Schlechte wird rausgesperrt aus dem Internet. So einfach kann die Welt sein, wenn wir denn nur wollen, freut sich auch unser Karli Manager schon über all die tollen Add-ons (Erweiterungen), mit denen die potentiellen Wirtschafts­kriminellen von ihren zukünftigen Urheberrechts­verbrechen abgehalten, registriert, ausgesperrt und verklagt werden.

Aber bitte, zeigen manche vorsichtig mit dem Finger auf, könnte es nicht sein, dass damit gar nicht der propagierte Effekt erreicht wird, aber das System für andere Zwecke verwendet wird? Stichwort Datenschutz, Datenmissbrauch, Überwachung und so?

Ha, du Pädokrimineller, faucht es dir entgegen: Wenn du nicht für solche Sperren bist, dann bist du wohl einer aus dieser Schweine-Ecke, frohlockt der bauernschlaue Politberater, und von wegen Überwachung … Kriminellen, die solche Schweinekrämer aufsuchen wollen, wird ein großes Stoppschild gezeigt … und außerdem bringt die Aktion sicher viele Wählerstimmen.

Äh… ja. War ja nur so ein Gedanke.

Trotzdem Widerstand?

Also klar, nee? Puh, das sind schon ganz schön viele (66.000 innerhalb weniger Tage), die sich auch noch öffentlich in so ’ner schweinischen Liste outen: Petition: Internet - Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten (läuft vom 22.4.2009 bis 16.6.2009).

Und dann gibt’s auch noch Missbrauchsopfer – also quasi die, die es durch die zensurselige Inszenierung bald gar nicht mehr geben soll –, die sich auch gegen solche Internetsperren aussprechen: MissbrauchsOpfer Gegen InternetSperren.

Sind das jetzt alles Schweinepriester oder ticken die einfach nicht mehr richtig? Der deutsche Wirtschaftsminister, von und zu (nicht lachen, der nennt sich wirklich so) Guttenberg, vermutet wohl ersteres:

Es macht mich schon sehr betroffen, wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinder­porno­graphischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich einer der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht. zitiert aus Online-Petition in der Tagesschau

66.000 potenzielle Wähler, die noch hoffen, dass sich die Politik für ihre Meinung interessiert, meint Kai Biermann in Zeit-Online dazu: Wie man eine Generation verliert.

Nun sollten wir auch noch wissen, dass die Angetraute des von und zu Wirtschaftsministers, auch eine von und zu, die (Show-)Präsidentin desjenigen Vereines ist, der offenbar hauptsächlich die kolportierten Informationen liefert, denen von einigen etwas genauer auf den Zahn gefühlt wurde:

Wenn wir den Namen dieses Vereines – Innocence in Danger – googeln, erscheinen fast nur Promiseiten und Verweise auf Parties und Galas, aktuell gemischt mit Blogeinträgen, die diese hehren adeligen Aktivitäten auch schon kommentiert haben. Andere Aktivitäten dieses internationalen Vereines halten sich im übrigen zumindest im Internet in überschaubaren (nationalen) Grenzen.

Wer soll sich da noch auskennen?

Kasperkriminelle

Ich erfinde also jetzt auch einmal ein Neusprech: Kasperkriminelle. Analog zum vorher diskutierten Kunstwort, will ich mit diesem die Assoziation triggern, dass Kasperle nicht nur harmlose lustige Figuren sind, sondern wissentlich oder unwissentlich schwer kriminell sein könnten oder Kriminalität begünstigen.

Jens Scholz spricht in seinem herausragenden Beitrag – Warum es um Zensur geht – wohl einen der wesentlichen Gründe für den Polit-Aktionismus an: Die Musik- und Filmindustrie, mittlerweile auch Verlage, lobbyieren seit langer Zeit für Überwachungs­mechanismen im bösen Internet, um den – aus ihrer Sicht – ständigen Urheberrechts­verletzungen Herr zu werden.

Wenn wir bis in das Jahr 2003 zurückgehen gibt es Indizien, dass die Lobby der Musikindustrie sich nicht nur an das emotionale und schwer kriminelle Thema des Kindesmissbrauchs perfide dranhängt, sondern aktiv eine Vermischung mit ihren Interessen fördert: Aiming at Pornography to Hit Music Piracy [New York Times].

Und wenn wir uns nach diesen Lektüren mit der nackten Erkenntnis angefreundet haben, dass es wieder mal nur um Macht und schnöden Mammon geht, lassen wir uns bei BooCompany noch darüber aufklären, dass die Zensursel der Familie Albrecht entspringt (Vater war Minister­präsident) und ihr Bruder neben eigenwilligem HumorGood evening, Ladies, Gentlemen and Niggers, wird auch zitiert von Die Welt am 15.Januar 2005, Seite 11 (als PDF) – auch so allerhand Geschäftchen betreibt: Warum Ursula von der Leyen Glücksspielseiten nicht sperren wollte.

Auf Fefes Blog gibt´s auch noch eine kleine Sammlung zu den Aktivitäten der Familie Albrecht.

Alles zusammen gerechnet wäre dieser Akt für halbwegs intelligente Bürgerinnen nun als das bestens bekannte Milieu-Profil abzulegen.

Zufälligerweise vermengt sich diese halbseidene Polit-Inszenierung aber dann noch zeitlich mit Gesülze aus der Journaillen-Ecke und mutiert zu anachronistischem Gebräu, mit dem sich wohl nur mehr Internet-Analphabeten ernsthaft besudeln lassen.

In dieser morastigen Suhle aus Public Relations, Lobbyismus, Machtgehabe, Milieu-Usance und schlichter Dummheit, bleibt für das Fußvolk gar nichts mehr anderes übrig, als auf heuristische Methoden in der Einschätzung von Politikern zurückzugreifen:

Handelt die Person kasperkriminell oder können wir den ersten Teil dieser Eigenschaft bereits weglassen, weil eine vorsätzlich beabsichtigte Irreführung vorliegt?

Hier ein paar unverdrossene web-affine Zeitgenossen, die die Vorgänge noch kommentieren:

Ich wette darauf, dass diese Polit-Kasper – eingeflüstert durch Lobbyisten – uns bald die Idee einer Internet-Lizenz vortragen werden. Darüber hat sich Dobszay Gedanken gemacht: Zensur und Lizenzen für das Internet.

Sie werden es mit dem Führerschein vergleichen, so wie manche Innenminister immer vom hinkenden Vergleich des Nummernschildes eines Autos mit dem einer IP-Nummer reden, um es den Internet-Analphabeten des Wahlvolkes schmackhaft zu machen.

Mit den DNA-Profilen sind wir in diesem Zusammenhang schon weiter. Und ich will mir gar nicht vorstellen (ich verdränge es), was ohne Befugnis schon heute in Behörden zweckentfremdet damit getrieben wird: US-amerikanische Polizei weitet Erfassung von DNA-Profilen aus.

Und als Ösi muss ich auch noch darauf hinweisen:
In Oberösterreich finden im September Landtagswahlen statt. Klar, da muss dann auch plötzlich so ein Antrag her: Oberösterreichs Landtag fordert Kinderporno-Sperren.

Kasperltheater ist nicht nur lustig

Was mich beunruhigt, ist, dass das Funktionieren im System so kritiklos hingenommen wird. Das gefährdet die Demokratie. CSU-Bundestags­abgeordneter Gauweiler im Spiegel:
Wir haben vor Feigheit gestunken

Deswegen erwärme ich mich für die Einführung eines Neusprech-Begriffes: Kasperkriminell. Auf österreichisch, Kasperlkriminell.
Tatbestand: Verantwortung angenommen aber vorsätzlich nicht übernommen.

Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass aus Kasperltheater ein todernstes Drama wird. Und es wird nicht das letzte Mal sein, dass Kindeskinder fragen, warum wir das nicht kommen sehen haben.

Wie es sich anfühlt, wenn du dich als Mitarbeiter eines Medien­unternehmens politisch gegen Überwachungspläne engagierst, führt uns der Fernsehsender TF1 ganz aktuell vor: Frankreich: Kündigung nach Kritik an Internetsperren [golem.de].

Wie mancher Staatsapparat mitten in Europa, in diesem Fall der deutsche, mit korrekten Beamten umgeht, die sich nicht von Eigeninteressen so mancher politischer Machenschaften beirren lassen, können wir auch aus dem wirklichen Leben zweier Steuerfahnder erfahren: Jurybegründung: Whistleblower-Preis 2009.

Hinweis:
Leider ist der vorher genannte Blogeintrag eine Textwüste und ein gestalterischer GAU. Ich verknüpfe das nur ausnahmsweise, ob der Wichtigkeit.

Mehr über ähnliche Fälle erfahren wir auch hier: DokZentrum Couragierte Recherchen und Reportagen (Site technologisch leider auch nicht auf adäquatem Stand: kein RSS).

Zeit zum Aufbruch

Nun, ich habe die Entstehungsgeschichte einer – damals in den 80er Jahren – neuen Bewegung miterlebt. Und irgendwie habe ich heute ein ähnliches Gefühl wie damals: Es verändert sich politisch etwas ganz fundamental. Nein, ich bin mir sicher: Es kristallisiert sich eine neue politische Kraft heraus.

Ich befürchte, dass sich die Politiker in Berlin gerade von einer ganzen Generation von heranwachsenden und jungen Erwachsenen entfernt, weil sie einfach nicht mehr kapieren, wie moderne Technik funktioniert und was Jugendliche in ihrer Freizeit tun. Jens Schröder, Ein Schrei.

Ich kann nur hoffen, dass eine neue politische Kraft – wie auch immer die agiert und sich organisiert – sich noch in einem demokratischen Umfeld etablieren kann. Ich hoffe es. Dann hätte sich unser formales Grundgesetz bewährt: Der Aufbruch der Generationen [Cem Basman].

Wie das in einigen Jahren aber auch aussehen könnte, wenn solche Kasperkriminellen uns weiter veräppeln, steht im Basic Thinking Blog in einem lesenswerten Gastbeitrag von Alper Iseri: Das freie Internet ist Geschichte.

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veröffentlicht am 11 Mai 2009, 23:55 MET.
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