Von digitaler Evolution zur Revolution - 2/2
Samstag, 05 März 2011 16:25 MET
« Teil 1/2: Despoten, Politiker, Narzissten, Plagiatoren
Lunten liegen überall herum
Meinungen sind allerorten anzutreffen. Wo eine hinführt, sie schnell im Sande verläuft, gar eine gute Idee oder vielleicht eine gefährliche Entwicklung am Ende steht, erfahren wir erst, wenn wir ihnen nachgehen und uns damit auseinandersetzen. Wir müssen nicht jede Meinung sofort aufgreifen, aber unsere Sinne offen halten und zuhören.
Anders gesagt: Lunten liegen überall herum. Die Gefahr sind aber nicht die Lunten an sich, sondern ob sie am anderen Ende mit explosivem Stoff verknüpft sind.
Das Internet macht bisher unsichtbare Lunten nur sichtbar und wirkt als Katalysator.
Einfach nur Zündschnüre einsammeln oder Warnschilder hinstellen wird zur unlösbaren Sisyphosarbeit im digitalen Zeitalter. Das sei vor allem unseren Politikern und Managern ins Stammbuch geschrieben. Social-Web macht die notwendige Beteiligung möglich, damit verheerend explosiver Stoff am anderen Ende der Schnur gar nicht platziert beziehungsweise rechtzeitig erkannt wird. Das ist unsere demokratische Pflicht.
In welcher Form unsere Politiker und Manager diese Pflicht allerdings wahrnehmen, ist eine Tragikomödie für sich: Sie lassen Lunten sammeln und legen ihre eigenen. Ein Problem das Folgen hat. Da kann auch bei uns schnell was durchbrennen.
Dass die ein oder andere gefährliche Lunte bei uns gerade abbrennt und knapp vor Explosion steht, bezweifle ich derzeit. Aber wer weiß schon genaueres in diesen Zeiten?
Die größte Falle der Mächtigen war immer schon der Elfenbeinturm, der nicht mehr verlassen wird. Einige arabische Despoten führ(t)en uns das eben in extremer Weise vor.
Ein harmloses, aber schönes Lehrbeispiel ist der öffentliche Auftritt vom deutschen Ex-Kanzler Gerhard »Basta« Schröder nach langer Regierungszeit und verlorener Wahl: Er verweigert Frau Merkel von Angesicht zu Angesicht den Machtanspruch erstmal, obgleich sich die demokratisch legitimierten Verhältnisse glasklar darstellten.
Demokratie
Ein Erfolg der Demokratie ist zweifelsohne, den Kampf um Macht und Meinungshoheit von Schlachtfeldern und Straßen in Parlamente und Gremien verlagert zu haben. Lunten wurden zu Meinungen domestiziert und Dispute verhindern Explosionen.
Probleme der Vetternwirtschaft hingegen werden mit zunehmender Dauer der Demokratie bloß auf Günstlinge verfilzter Politiker-, Berater- und Managerkasten verlagert. Je weniger Information und Medien, umso weniger ist das Ausmaß der Malversationen sichtbar.
Demokratie hat übrigens nichts mit Kapitalismus und wirtschaftlicher Freiheit zu tun, die uns in den Nachkriegsjahren ganz selbstverständlich als Paar suggeriert wurden. Zumeist herrscht in unseren Wirtschaftsunternehmen und öffentlichen Verwaltungen Despotismus, im schlechteren Fall Tyrannei.
Postdemokratie
Zuerst Zeitungen, dann Radio und später Fernsehen, lösten anfangs einen aufklärerischen Schub und Begeisterung aus.
Erinnern wir uns nur an die Radiotheorie von Bertold Brecht.
Diktatoren und verfilzte Kasten lernten aber sehr schnell und benutzen diese Sender-Empfänger Medien manipulativ. Folgerichtig wirken demokratische Verfassungen und rechtsstaatliche Prinzipien der Pressefreiheit diesen eindeutigen Manipulationen entgegen.
In unseren Demokratien läuft die Sache daher subtiler ab:
Günstlingswirtschaft wird mit Hilfe der Medien vor demokratischer Fassade geschickt inszeniert. So kam in den letzten Jahren der Begriff der Postdemokratie auf.
Wenn gewählte Politiker nun Angst vor Hetzjagden im Internet
haben – wie sie in Interviews und Talk-Shows im Zusammenhang mit der Guttenberg-Affäre mitunter äußerten –, weil Menschen ihre öffentlich zugänglichen Arbeiten mal genauer unter die Lupe nehmen, dann haben wir es mit ungenierter Überheblichkeit feudaler Art oder Dummheit zu tun. Ersteres ist in einer Demokratie nicht hinnehmbar und zweiteres ein Fall für Abwahl und Nachhilfe in politischer Bildung.
Im selben Atemzug verlangen diese Leute nämlich generelle verdachtsunabhängige Speicherung unserer Bewegungsdaten, Telefon- und Internetverbindungen auf Vorrat und jederzeitigen Abruf.
Es wird viel Aufwand betrieben, die Potemkinschen Dörfer täglich für uns zu bauen.
Elfenbeinturm der Mediokratie
Regierungen lancieren beispielsweise gezielt Image-Kampagnen fast ausschließlich in Boulevardmedien. Das bringt unkritische Wählerstimmen – mitunter Jubelperser als Multiplikatoren –, denn kritisches Publikum ist nicht erwünscht.
Das Handwerk der perfiden massenmedialen Manipulation wurde in den letzten Jahrzehnten geradezu perfektioniert und brachte einen einträglichen Berufsstand hervor.
Wie abgehoben und dreist die Günstlinge dieser postgraduellen Demokratieentwicklung bereits sind und wie viele Menschen denen quasi aus der Hand fressen, konnten wir bei den Ereignissen um Guttenberg fast modellhaft beobachten.
Sehr interessant sind auch Personen aus dem hofierten medialen Dunstkreis, die bestenfalls das Internet hie und da ausdrucken (lassen), die in diversen Talk- und anderen Shows ihre Bewertungen abließen:
- Sogenannte Medienberater, die das Maß aller Dinge an der Inszenierung festmachen und immer nur zwischen medialen Soll- und Ist-Zuständen unterscheiden.
- Politbeobachter des alten Schlages, die parteipolitisches Taktieren und ein Komplott der Opposition mit inszeniertem Monumentalspektakel orten.
- Adelige oder dem Adel nahestehende Berater, die ungeniert vermittelten, dass Herr von und zu es nicht nötig hätte sich bürgerlichen Neidern erklären zu müssen. Das Fußvolk hingegen, das bedauerlicherweise von Arbeit leben muss, kenne das/die Bild aber ausreichend und weiß um die Volksnähe, die staatsmännische Kompetenz und demutsvolle Hingabe von ehrhaften Männern wie des Barons Schlages.
- Politiker, die sich je nach Farbanstrich in Diskussionen und Interviews entweder wie Aale um den Stuhl winden oder in hämischer Kindlichkeit verbal den Tango tanzen und noch immer nicht begreifen, dass das Web gleichermaßen alle auf dem Kieker hat.
- Irgendwelche Seitenblicke-Promis, die
gehört haben, dass die im Internet da was gemacht haben
und sinnbefreite Bewertungen dazu abgeben.
Nachträglich, über lange Zeiträume betrachtet, erscheint es heute logisch in solch eine Phase gekommen zu sein.
Die Chance der digitalen Evolution
Der Kampf um Meinungshoheit geht immer öfter und schneller vom Web aus. Repräsentative Gremien, Mauschelei hinter geschlossenen Türen und vorgekaute Meinungen organisierter Medien werden hinterfragt und verlieren an Akzeptanz.
Medial aufgebaute Fassaden zerbröseln mitunter in Stunden.
Das Internet ist eine Evolutionsstufe, die komplexer, schneller und schwerer zu fassen ist. Wenn wir die Chancen auf breiter Front erkennen und danach handeln, dann kann das Wort Postdemokratie durchaus positiv besetzt werden. Für einige Jahrzehnte zumindest. Was danach kommt? Wer weiß es schon.
Ein Schub dieser Evolutionsstufe kann meiner Meinung nach auch eine Art aufklärerische Renaissance sein, welche den Widerspruch der demokratisch organisierten Gesellschaft gegen feudale Verhältnisse in Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen erkennt und etwas auflöst.
Die Chance einer Aufklärung, welche dumpfen Taylorismus als anachronistisch verwirft und die Einzigartigkeit des Menschen auch im Wirtschaftswesen Sinn findet.
Herausforderung annehmen
Viele wollen es heute nicht glauben, aber wir werden ein ähnliches Problem mit dem Social-Web bekommen: Anfangs als demokratisierend empfunden, kann und wird die Plattform für ausgeklügelte Manipulationen benutzt werden.
Demokratie, Mediokratie und Ochlokratie liegen da sehr eng beieinander.
Die Entwicklungen in der arabischen Welt zeigen, dass die digitale Evolution in ihren verschiedenen Umsetzungen und Verwendungen mittlerweile zu Revolutionen führen kann.
Es gibt aber auch eine, bisher im deutschsprachigen Raum noch nicht dagewesene, Mobilisierung von Menschen und Programmen in einer Art, die uns etwas tiefer in die Zukunft blicken lässt. 300.000 Guttenberg-Likes auf Facebook in ein paar Stunden erscheinen im Rückblick vermutlich als Vorschulübung.
Nichtsdestoweniger müssen wir die Herausforderung annehmen.
Es wird noch eine Weile dauern bis mehrheitlich unsere Eliten die Bedeutung erkennen und die Herausforderung annehmen. Wie sie das verstehen werden, ist in der Tat die spannende Frage.
Unsere Herausforderung als Zivilgesellschaft besteht darin zu verhindern, dass wir nicht in totale Manipulations- und Überwachungsstaaten geführt werden.
Sonst könnte aus der digitalen Evolution eines Tages eine Revolution auf Straßen und Schlachtfeldern werden. Ein archaischer Kampf, den gerade die bewundernswerte Jugend der arabischen Welt fechten muss.
Unsere Kindeskinder würden dann die unangenehmste aller Fragen stellen:
Warum habt ihr das zugelassen?
- Abschnitt 1 von 1
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- Datum:
- veröffentlicht am 05 März 2011, 16:25 MET.
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- Von digitaler Evolution zur Revolution - 2/2 [hyperkontext | Weblog]
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- Thema:
- Kommunikation
- Stichworte:
- Internet, Medien, Politik, Social-Web
Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:
- Von digitaler Evolution zur Revolution - 1/2 vom 04. März 2011
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