Techniksoziologie am Beispiel Internet Explorer
Dienstag, 10 März 2009 19:13 MET
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Social Construction of Technology (SCOT)
Für Entwicklung und Erfolg einer Technik sind weniger technische oder ingenieurmäßige Prinzipien (z.B.: gute Konstruktion oder Haltbarkeit) entscheidend, sondern eher soziale Prozesse (z.B.: Bedeutungszuschreibungen oder Gruppendynamik). […]
Entscheidend ist nach SCOT einfach, ob die Betroffenen glauben, dass ihr Problem gelöst sei. Und wer seinen Glauben als den
richtigendurchsetzt, ist eine Machtfrage. Wikipedia: Social Construction of Technology (SCOT)
Im Fall Internet Explorer haben Benutzer gar kein Problem. Der Hersteller aber zunehmend eines mit der Machtfrage.
Die Kausalkette am Beispiel Internet Explorer:
-
Durch Marktmacht (Einbau in das Betriebssystem) wird Wirklichkeit geschaffen.
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Millionen Menschen betrachten das Weichwaren-Konstrukt zunehmend als einzig gültige Realität.
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Millionen Entwickler konstruieren auf dieser Basis ihre Programme.
Spezialisierte Web-Entwickler sind nicht so richtig vorgesehen. Man versucht vielmehr, klassische Software-Entwickler dazu in die Lage zu versetzen, ihre .NET-Fähigkeiten auch für Websites und Webapplikationen einzusetzen
, beschreibt Gerrit [praegnanz.de] diese Welt sehr eindrucksvoll: Das Microsoft-Community-Get-Together und ich. -
Um diesen Haufen scharen sich tausende Geschäftemacher. Nach dem Motto: Millionen Fliegen können nicht irren.
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Nach einiger Zeit wird dem ursprünglichen Erfinder klar, dass der IE ein immer größerer und stinkender Haufen ist.
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Es gibt aber nur schwer ein
Zurück
, weil viele hauseigene Produkte auf die proprietären Eigenschaften des IE angewiesen sind und mittlerweile die einzig gültige Realität für unzählige Menschen und Geschäftsmodelle darstellen. -
Der Urheber, welcher die Bredouille erkennt und die Richtung selbst gerne ändern möchte, stellt nun folgende Fragen:
- Soll ich weiter den IE als zukunftsweisend anpreisen?
- Gibt es einen Mittelweg, der eine Schockwirkung vermeidet, mich nicht als Versager darstellt und eine Kompatibilität zur früheren Inkompatibilität herstellt?
- Soll ich ratzeputz die Wahrheit sagen? Werden die Menschen das überhaupt zur Kenntnis nehmen (was nicht sein darf, kann nicht sein)?
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Die Antwort scheint im Moment irgendwo zwischen den vorher erwähnten Fragen eins und zwei zu pendeln.
Solch angewandte Techniksoziologie ist natürlich nicht planbar. Sozialkonstruktivismus kann (mit wenigen Ausnahmen) nur Erklärungen ex-post – im Nachhinein – liefern.
- Einführung in SCOT
- Sozialkonstruktivismus [Wikipedia]
- Techniksoziologie [Wikipedia]
- Konstruktivistisches Kommunikationsmodell [Wikipedia]
Unter dem Druck einer immer stärker werdenden Opposition muss das Unternehmen die über Jahre sorgsam inszenierte Wirklichkeit – das Fenster ins Internet ist das Betriebssystem – nun den Leuten teilweise wieder ausreden und die eigenen Produkte mehr einer offenen Basis-Architektur anpassen.
Die Büchse der Pandora
IE-Entwicklungen sind wie das Öffnen der Büchse der Pandora.
Beim Öffnen kommt mal ein Schwall Unheilvolles raus. Später wird in die Büchse noch mal reingesehen und es schlüpft auch noch die Hoffnung der Sorte alles wird gut
raus. Mitunter wird dann eine dieser vorher entschlüpften Krankheiten zwar geheilt, die anderen wüten aber weiter.
Wie im Kontext des Oktober 2008 berichtet, kochte Mikroweich in Bezug auf WAI ARIA wieder zuerst eigenen Kaffee. Die Hoffnung, das Unternehmen interpretiert Standards letztendlich auch als solche, bestätigte sich diesmal beim zweiten Öffnen der Pandora und der IE8 interpretiert diesen Standard nun so wie alle anderen, wie Roger Johansson berichtet: WAI-ARIA support in IE8 RC no longer non-standard.
Andere Krankheiten bleiben chronisch oder neu hinzugekommene breiten sich gerade aus.
Ein paar Tage später schreibt Johansson: IE 8 still does not resize text sized in pixels. Hier können wir also schon von einer chronischen IE-Krankheit sprechen.
Chris Coyier berichtet von der Fähigkeit moderner Browser, CSS-Farbangaben in RGBA (Rot-Grün-Blau-Alpha) zu tätigen: RGBa Browser Support [css-tricks.com].
Einige Browser, darunter auch IE, beherrschen diese CSS-Angaben nicht. Es gibt aber seit langem einen proprietären Filter für Internet Explorer, den Chris in seinem Artikel auch erklärt.
Leider hat er dabei vergessen, dass der IE8 wiederum eine extra Angabe braucht. Alle bisherigen proprietären Filterangaben für IE gelten nämlich für den IE8 nicht mehr. Für den wurden wieder eigene erfunden, damit es auch spannend bleibt: The CSS Corner: Using Filters In IE8 [IE-Blog].
Mit IE8 sieht jetzt alles Sch[piep] aus
Kurios: Die Angst vor Reputationsverlust sitzt dem Unternehmen jetzt im Nacken, wenn IE8 nur mehr standardkonform funktionieren würde.
Es ist ja tatsächlich so, dass in Unternehmensumgebungen noch genügend veraltete Programmpakete mit Web-Frontend im Einsatz sind und allein schon die Anmeldung nur mit IE funktioniert.
Das Reputations-Problem des Unternehmens besteht zusätzlich noch darin, dass nicht einmal mehr einige hauseigene Programme, die auf ein Web-Frontend setzen, mit dem nun standardkonformen IE8 funktionieren würden, gäbe es nicht den Emulationsmodus.
Die von SharePoint (als Oberbegriff) erzeugten Seiten – in steinzeitlichem HTML – lassen sich beispielsweise mit Firefox oder Safari nur sehr holprig benutzen, vermutlich auch ähnlich mit einem IE8 im standardkonformen Modus.
- Microsoft Windows SharePoint Services [de.Wikipedia 2009-03-09] –
Seit der Version 3.0 bietet Microsoft Unterstützung für Firefox, Opera und Apple Safari. Diese umfasst aber nur Basisfunktionen.
- SharePoint Browsers Compatibility [zimbio.com] – Opera bleibt laut dieser Liste offenbar überhaupt außen vor (hab es nicht ausprobiert).
- Add Color to Spruce Up Your SharePoint Content [blog.techgalaxy.net] –
the moral of the story is that you may have to switch between Internet Explorer and Firefox when working with SharePoint.
- Browsing SharePoint Sites in Firefox With IE Tab [siolon.com]
- Wiki-Editor in Firefox [sharepointer.ch] –
ein Ausschnitt aus dem HTML-Code, der entsteht, wenn man eine SharePoint 2007 Wiki-Seite mit einem anderen Browser als den Internet Explorer ändert.
- MS SharePoint als Wiki: Wenig Funktionen, nicht kompatibel [Seibert Media]
-
Eingefügt am 11. März 2009:
Diese eben erschienenen Blog-Posts aus derSharePoint-Gemeinde
bestätigen, dass IE8 im standardkonformen Modus SharePoint-Seiten nichtrichtig
darstellt und diese Entwickler das grundsätzliche Dilemma wohl nicht begreifen (wollen) und in ihrer Welt leben:- SharePoint Tip #23. Do you know “how to make MOSS sites rendered correctly in IE8”? –
<meta http-equiv="X-UA-Compatible" content="IE=EmulateIE7" /> - MOSS und IE8 –
So wird sichergestellt, dass der IE8 auch SharePoint-Seiten exakt so darstellt, wie es der IE7 tun würde.
- SharePoint Tip #23. Do you know “how to make MOSS sites rendered correctly in IE8”? –
Zu erwähnen wäre noch, dass alles rund um SharePoint dem Konzern im Jahr 2008 rund eine Milliarde Dollar Umsatz brachte und sich zu einer Cash-Cow
entwickelt.
Was also tun, um die Proprietät der eigenen Produkte mit dem – unter Druck der Öffentlichkeit – endlich standardkonformen eigenen Browser unter einen Hut zu bringen?
Bauernschlaue Strategie
Sonst sagen ja dann alle, mit IE8 sieht jetzt alles Sch[piep] aus
.
Die Marketing-Fuzzis haben sich dazu eine – aus meiner Sicht bauernschlaue – Strategie ausgedacht, die ich mal aus deren Sicht beschreibe:
- Wir liefern mit dem IE8 auch die IE7 Rendering-Engine und einen kleinen Schalter, mit dem auf IE7 umgestellt werden kann, damit wieder alles so aussieht wie früher.
- Viele kapieren das entweder nicht oder fragen sich warum das alles, wenn es doch vorher wunderbar funktionierte.
- Deswegen werden wir für DAUs (Dümmste Anzunehmende User) das automatisieren. Wenn die Seite unter IE8 nicht
gut aussiehst
, dann sendet unser schlaues Programm ein Signal durch die virtuellen Weiten zu uns und die gesamte Domain wird automatisch auf ein Liste gesetzt, dass sie immer gleich als IE7-Emulation läuft. - Damit braucht niemand mehr einen Schalter drücken.
- Die die nicht standardkonforme Seiten entwickeln (also auch wir), können das auch weiter ohne Probleme tun.
- Und alle, die standardkonforme Seiten entwickeln, können sich nicht mehr beschweren, dass der IE8 nicht den Standards entspricht.
- Was in drei Jahren sein wird, was mit Version 9 oder 10 sein wird, überlegen wir uns dann mal später.
Ein paar Verweise zu diesen grotesken Absichten:
- Internet Explorer 8 setzt auf Blacklisten [praegnanz.de]
- Microsoft betrayed the web community (or not? — Update) [yatil.de]
- IE8: Standards Mode Opt-In is Back From the Dead [Craig Buckler on SitePoint]
Und um die Sache für Webgestalter nicht zu einfach werden zu lassen, gibt es noch ein spezielles Schmankerl: Das Verhalten des emulierten IE7 stimmt offenbar nicht mit dem Original überein.
- The IE8 Blacklist minefield [isolani.co.uk] –
Internet Explorer 8 has four different rendering modes (IE8 standards, IE7, EmulateIE7, IE8 quirks), and not a single one of them is 100% compatible with IE7.
Wir sollen also nun noch den IE7 von einem IEmu7 unterscheiden? Ich betrachte gerade sehr entspannt meinen Gebissabdruck an der Tischkante.
IE als Open-Source
Die makroharte Alternative zur mikroweichen Proprietät.
Ich hatte schon unlängst kurz angeschnitten (Warum der Internet Explorer für Webgestalter ein Albtraum ist), dass die Freigabe als Open-Source-Projekt durchaus eine Alternative wäre, aus dieser tragikomischen Nummer erhobenen Hauptes rauszukommen.
Josh Catone erwähnt in einem Artikel auf SitePoint diese Möglichkeit auch: Will IE8 Be Enough to Save Internet Explorer? Ich schließe mich seinen Ausführungen an und bin überzeugt, dass der Internet Explorer als Open-Source zu ungeahnten qualitativen Höhenflügen ansetzen könnte.
- Abschnitt 1 von 1
Weitere Verweise
- (hinzugefügt am 11. März 2009)
Is IE8 the end of the line for Internet Explorer? [InfoWorld] –IE8 is the last version of the Internet Explorer Web browser. At least, that's what Im hearing through the grapevine. It seems that Microsoft is preparing to throw in the towel on its Internet Explorer engine once and for all.
- (hinzugefügt am 13. März 2009)
Microsoft to drop Internet Explorer? No chance! [SitePoint]
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 13. März 2009 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 10 März 2009, 19:13 MET.
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- Techniksoziologie am Beispiel Internet Explorer [hyperkontext | Weblog]
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- Thema:
- Kommunikation
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- Browser, IE, IE8
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Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:
- Warum der Internet Explorer für Webgestalter ein Albtraum ist vom 12. November 2008
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