Strukturelle Dokumentverarbeitung statt bloß Texte schreiben
Freitag, 29 Oktober 2010 09:27 MET
Komödie der Analogfetischisten
Seit vielen Jahren pendelt meine Reaktion zu Informationsabläufen in Behörden, Organisationen und Unternehmen zwischen Lachanfall und Hoffnungslosigkeit, dass sich das anachronistische Treiben jemals ändern könnte.
Wie sich Informationsverbreitung und -behandlung da meistens abspielt, kann je nach Stimmungslage als Komödie oder Drama der Digitalzeit kommentiert werden:
- Da wird eine Information – vom Zweizeiler bis zur 50seitigen Abhandlung – ausschließlich mit dem Ansinnen in die WYSIWYG-Textverarbeitung geklopft, anschließend drucken zu können.
- Ausdrucken.
- Um die Information zu verbreiten, wird das gedruckte Blatt nun von einem dieser superschicken Allzweck-Multi-Kopier-Scan-Fax-Geräte abgelichtet, in ein PDF verpackt und an hunderte E-Mail-Adressen verschickt. Mitunter auch gefaxt.
- Die Empfänger drucken das PDF wieder aus, um in den Rundordner zu sortieren beziehungsweise scannen das Fax ein, um als PDF elektronisch archiviert zu sein.
- Das Fax beziehungsweise das ausgedruckte PDF wird unter Umständen mit handschriftlichen Notizen versehen, mit dem superschicken Allzweck-Multi-Kopier-Scan-Fax-Gerät eingescannt und an weitere Leute, die bereits schon das Original erhielten, verschickt.
- Die Sache verzweigt sich nun x-fach und es kommt zusätzlich zu Rücksendungen von Bearbeitungen.
- Wie auch immer, nach einiger Zeit findet sich eine Information in hundert- oder tausendfacher Ausführung – und Varianten davon – auf unzähligen Rechnern, virtuellen und physischen Ordnern.
- Bei tatsächlicher Suche nach einer Information dauern die Abgleiche verschiedener Versionen noch länger, als die vorausgehende lange Suche nach dem Ursprungsdokument.
Drama der Zwangshaptiker
Dieser Fetischismus wird zudem noch durch zahlreiche Neurotiker befeuert, die das zwanghafte Verlangen nach Haptik durch permanentes Ausdrucken von Bildschirmerscheinungen befriedigen. Der so erzeugte Fetisch wird sorgsam verpackt in Klarsichthülle im Rundordner archiviert. Anschließend nutzen sie durch immer neues Kopieren ihrer Fetische jede Gelegenheit, anderen ihre Welt greifbar zu machen.
Viele dieser Zwangshaptiker sind auch Manager-Karlis. Die kommen dann schon mal auf die Idee, einer ganzen Abteilung das haptische Erlebnis näher zu bringen, indem sie alle Dokumente auf eine neu eingerichtet Faxnummer
senden lassen, um die E-Mail-Sintflut abwenden zu wollen.
So verrückt das alles klingt, es ist Alltag und eigentlich den täglichen Lachanfall wert.
Wären diese Protagonisten nicht in der Mehrheit, wäre vermutlich der »Zwangshaptiker« ein anerkanntes Krankheitsbild.
Sogar dem Grünwald würde dann ein Sketch über das lustige Scan-PDF-Druck-Bingo einfallen. Die Leute lachen derzeit aber nur, wenn sich der Mann mit dem englisch-deutschen Wortspiel Browser / brausen in bayerischer Mundart bis zum Erbrechen beschäftigt.
Digitaler Kontext
Der Diskurs über neue Medien ist selbst ein gutes Beispiel dafür, wie Distributionskanäle und Medium in einen Topf geworfen werden. Das Werkzeug ist nicht das Medium
Das Problem fängt bereits bei der Texteingabe an. Im Verständnis vieler ist ein Textverarbeitungsprogramm bloß das Werkzeug, Text drucken zu können. Vermeintlich also eine Schreibmaschine mit Vorschaufunktion.
Die Hersteller der verbreiteten Programme zur Textverarbeitung tun alles dafür, diese Vision aufrecht zu erhalten: Eintippen und so ausdrucken wie auf dem Bildschirm zurechtgestöpselt – fertig.
Das Bild eines Neanderthalers drängt sich auf, der mit dem Feuer der Gasflamme vom Küchenherd das Reisig entzündet, um das Lagerfeuer daneben für die warme Suppe anzuheizen.
Es ist einfach erschütternd zusehen zu müssen, wie selbst in größeren Organisationen Dokumente, Handbücher, Präsentationen und ähnliches im Schicki-Klicki Programm mit der Unbefangenheit eines zehnjährigen Kindes erstellt werden und sich kaum ein Entscheider weitere Gedanken darüber macht.
Das Wort Dokumentenverarbeitung bekommt eine andere Bedeutung und verkümmert in dieser Umgebung zum Regelwerk für ein .doc und .pdf Bingospiel, die (teure) Software enpuppt sich als simpler Verteilungspunkt dafür.
Dokumentverarbeitung
Bereits in den 80er Jahren ersannen schlaue Leute die Möglichkeit, Dokumente und Texte strukturell aufzubereiten. Ich spreche hier von TeX beziehungsweise LaTeX. Darauf aufbauend, gibt es Texteditoren mit grafischer Oberfläche.
Durch die Struktur kann digitaler Kontext zur Formatierung, Aufbereitung und Verwendung für unterschiedlichste Medien und Programme hergestellt werden. Erst dadurch werden unsere Dokumente dem digitalen Zeitalter gerecht.
Eines dieser Projekte, das Programm LyX, liefert in der Einführung zur Dokumentation eine weitere treffende Erläuterung, worum es bei digitaler Textverarbeitung eigentlich geht:
LyX wird auch als Dokumentverarbeitung bezeichnet, weil es anders als übliche Textverarbeitungsprogramme ermöglicht, Dokumente mit Blick auf ihre Struktur zu schreiben, nicht mit Blick auf ihr Aussehen. Was ist LyX?
Egal wie die Programme nun heißen: Wieso werden solche Ansätze noch immer nicht auf breiter Basis verfolgt? Dabei wäre das nicht einmal vorausschauend, sondern dringlicher denn je.
Dokumente digital strukturieren statt bloß Texte schreiben, heißt das Motto.
Der Markt, das (un)bekannte Wesen
Die großen kommerziellen Hersteller wollen wohl mit dem eigenen Süppchen weiterhin den großen Reibach machen und verkaufen ihre derzeitigen Programme so lange, bis irgendwann auch die Mehrheit kapiert, dass proprietäre Schicki-Klicki-Drucki Textstöpselei im Web-Zeitalter immer untragbarere Redundanzen nach sich zieht.
Laut zeitgeistiger Maxime sollten wir uns darauf verlassen, dass »der Markt« die Hersteller letztlich dazu zwingt, ihre Produkte auf die Gegebenheiten des Hypermediums umzustellen. Nun, das ist neuliberal theoretisch, denn vorher kann genauso gut passieren, dass die Produzenten – im trauten Einvernehmen mit der schrumpfenden Druck- und Verlagsindustrie – uns durch rechtliche Tricks dazu zwingen, ihren anachronistischen Status quo weiter zu finanzieren – vergleiche Musikindustrie.
Das Schwierige in diesem Themenfeld ist, dass bei Entscheidern meist überhaupt kein kontextuelles Verständnis dafür vorhanden ist. So greift das Eine ins Andere über: Die wissen gar nicht, worüber es sich nachzudenken lohnen würde und spielen damit den Verkäufern des Stillstandes in die Hände.
Um den Vergleich mit unserem Neanderthaler nochmals zu bemühen:
Er hat bis jetzt noch immer nicht begriffen, dass er auf dem Gasherd auch gleich die Suppe kochen könnte. Die aber, die es wissen, sagen es ihm nicht, weil sie den Wald abholzten und mit ihm nun Holzscheite gegen warme Suppe tauschen.
Hinweise erbeten
Ich mache mich gerade über Optionen des Zusammenspiels LaTeX-XML-HTML schlau. Insbesondere auch die Möglichkeiten im Kontext mit einem WCMS (Web Content Management System).
Soviel kann ich nach kurzer Recherche sagen:
Ich bin äußerst verwundert, dass es auch im Jahr 2010 offenbar nur Nischenprojekte in diese Richtung gibt. Andererseits bin ich als Autodidakt in diesem Themenkomplex auf jeden Hinweis angewiesen, weil ich vermutlich einige Zusammenhänge noch gar nicht begriffen habe.
Wenn also jemand weitere Projekte, Programme zu struktureller Dokumentverarbeitung im Zusammenspiel mit HTML kennt, Hinweise geben, vielleicht sogar Erfahrungen berichten kann, ich freue mich über jeden Kommentar hierzu.
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Ein paar gefundene Beiträge zum Thema:
- LaTeX in LyX
- LyX - ein Wysiwym Editor für LaTeX [blue-it.org]
- How and Why to use TextMate for LaTeX [astrobetter.com]
- eLyXer - LyX to HTML converter
- LyxBlogging with the New eLyXer [Jack Desert]
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 28. Oktober 2010 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 29 Oktober 2010, 09:27 MET.
- Artikel:
- Strukturelle Dokumentverarbeitung statt bloß Texte schreiben [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/283
- Thema:
- Kommunikation
- Stichworte:
- Behörden, Open-Source, Unternehmen, Webpublishing
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