Safari Reader: Lesemodus entblößt

Samstag, 19 Juni 2010 18:42 MET

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Gesicht eines Mädchens, davor ein Schild mit dem Safari-Reader-Symbol
Safari Reader: Lesemodus entblößt [hyperkontext | Weblog]
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Safari 5 beinhaltet nun einen eingebauten Lesemodus. Die Idee dieses Features ist allerdings weder revolutionär, noch neu. Die Innovation ist viel mehr, dass das Prinzip des Webs, Trennung von Inhalt und Form, nun für Laien mit einem Klick sichtbar wird.

Dieser Lesemodus entblößt nicht nur das Web. Marketender schreien Zeter und Mordio.

Das eigentlich Interessante ist die Beobachtung des unterschiedlichen Zuganges zur Bedeutung und Funktion des Webs.

Safari Lesemodus

Der neue Safari-Reader, wie ihn die Apfelfirma nennt, ist ein eingebauter Lesemodus. Wenn Safari 5 einen längeren Beitrag erkennt, wird er auf Wunsch in anderer und größerer, schwarzer Schrift auf weißem Hintergrund dargestellt, deutlich abgehoben durch Verdunkeln der eigentlichen Webseite.

Die Idee dieses Features ist weder revolutionär, noch neu.

  1. Nicht revolutionär, weil es die Grundidee von Cascading Style Sheets (CSS) ist, Inhalt und Prä­sentations­formen von einander zu trennen. Weil es das Prinzip digitaler Medien ist, Inhalte jederzeit und in verschiedenen Zusammenhängen zu verarbeiten und in jeder Umgebung zu präsentieren.

  2. Nicht neu, weil die Sache auf dem Open-Source Readability von Arc90 basiert, welches mit jedem Browser schon seit 2008 – wenn ich mich recht entsinne – verwendet werden kann.

    Die Urheber bestätigen das übrigens selbst: Why We Built Readability.

Die Innovation ist viel mehr, dass das Prinzip des Webs, Trennung von Inhalt und Form, nun als Grundfunktion eines Browser für Laien mit einem Klick sichtbar wird.

Darstellung während des Lesemodus (Screenshot)
+ Screenshot in Originalgröße (137 KB)

Von akademie.de gibt es sogar eine Videoeinführung: Safari Reader 5.0 - Längere Texte auf Webseiten einfach und ungestört lesen.

Ob Text als Lesemodus angeboten wird – das anklickbare Wort »Reader« also in der Adresszeile erscheintAusschnitt Adresszeile, erkennt das Programm an Hand verschiedener Kriterien. Damit fängt allerdings das erste Problem an.

Noch unausgegoren

Der Algorithmus, unter welchen Bedingungen das Programm den Lesemodus anbietet, scheint vom ursprünglichen Programm übernommen worden zu sein. Auch dieses hat so seine Schwierigkeiten mit zuverlässiger Erkennung, wie ich im Beitrag zum Schutz gegen Textwüsten schon mal anschnitt.

Über den Algorithmus wird auch schon philosophiert:

Klar ist jedenfalls, dass der Algorithmus nicht zu offensichtlich sein darf, weil sonst das Katz-Maus-Spiel mit den Werbefritzen beginnt, die ihre Ad-Placements daran ausrichten und Banner-Gezappel postwendend auch im Lesemodus erscheinen würde.

Einen guten Werbeblocker ersetzt der Safari-Reader allerdings nicht, weil

  1. die Webseite ja komplett geladen wird – daher keine Einsparung der Bandbreite – und
  2. das Katz-Maus-Spiel früher oder später sowieso losgeht und Banner-Gezappel dann mitten im Text auftauchen wird.

Derzeit gibt es auch keine vorgesehene Möglichkeit der Anpassung. Vorgegebener Blocksatz – I honestly don’t get why a simple option isn’t available – und nicht unterstrichene Hyperlinks sind zumindest fragwürdig.

Über Möglichkeiten der Anpassung haben sich natürlich schon andere Gedanken gemacht. Sie zeigen, wie und an welcher Stelle so mancher CSS-Bastler die komplette Datei adaptieren kann:

Wenn ich allerdings schon ein CSS-Frickler bin ist die Frage, ob ich anstatt Veränderung einer Original-Datei im Ordner eines Programmes, nicht gleich auf die anpassbaren Möglichkeiten von Readability zurückgreife; noch dazu unabhängig des Browsers.

Außerdem ist anzunehmen, dass Apple selbst diese Möglichkeiten zukünftig einbauen wird.

Unterschiedlicher Zugang

Das eigentlich Interessante ist die Beobachtung des unterschiedlichen Zuganges zur Bedeutung und Funktion des Webs.

Sätze wie, andrerseits sorgt diese Funktion aber auch dafür, dass die betreffende Website nicht in der vom Website-Betreiber gewünschten Form ausgeliefert wird, wie PC-Welt schreibt, zeigen ganz deutlich, welches verquere Verständnis hier vorliegt.

Im Kontrast dazu, sollten wir uns mehr diesem Gedanken widmen:

a clear message to web designers: Your designs are failing your readers. Safari 5’s ‘Reader’ Simplifies the Web

Wir alle haben wahrscheinlich die Dimension des Hypermediums noch gar nicht wirklich erfasst. Viele verstehen aber tatsächlich nicht einmal den Ansatz, andere verteidigen – bewusst oder auch naiv – anachronistische Geschäftsmodelle.

Lesemodus entblößt

Die Trennung von Inhalt und Form ist ein wesentliches Merkmal digitaler Medien und eine entscheidende Innovation in der Handhabung von Information. Nicht zuletzt dieser Fortschritt ermöglicht es beispielsweise, dass Blinde, hochgradig Sehbehinderte und viele andere Menschen mit ungewöhnlichen Bedürfnissen – ohne fremde Hilfe – Daten, Texte, Bilder und Videos erfassen können.

Inhalt und Form sind im Web keine Symbiose. So manche verzweifeln daran, weil sie kaum originäre Inhalte, aber trotzdem eine Website haben.

Viele meinen, Inhalt und Form seien, wie bei Druckerzeugnissen, eine zwangsläufige Symbiose. Der Lesemodus im Safari-Browser entblößt diesen Anachronismus nun mit einem Klick.

Im digitalen Zeitalter liefern wir im Web als Autor und Verleger primär den Inhalt. Mit der visuellen Verpackung bieten wir bloß Optionen an, wie unser Inhalt betrachtet werden kann.

Die Form bestimmt in letzter Konsequenz die benutzende Person beziehungsweise das Ausgabegerät. Die haben mitunter eine ganz andere Vorstellung der Präsentation. Das ist legitim und dem Medium entsprechend.

Der Lesemodus entblößt nicht nur das Web.

Marketender schreien Zeter und Mordio

Amüsant wird es, wenn wir das Zeter und Mordio-Geschrei der Web-Marketender beobachten, die richtig aggressiv werden und dem Browser-Hersteller sogar Betrug vorwerfen.

Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis halblustige Lobbyisten der Verleger und Werber sich soweit entblößen und fordern, Veränderungen der von ihnen vorgegebenen Präsentationsform einer Webseite auch am eigenen Bildschirm gesetzlich unter Strafe zu stellen.

Wir erleben derzeit eine mediale Umbruchsphase. Wir sollten alles dafür tun, dass diese Phase nicht all zu lange von einfältigen Verteidigern alter Geschäftsmodelle prolongiert wird.

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veröffentlicht am 19 Juni 2010, 18:42 MET.
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