Rückblick: A-Tag 2009 in Wien oder Panta rhei und dann sind wir tot
Sonntag, 25 Oktober 2009 20:31 MET
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A-Day und B-Tag = A-Tag
Nun finde ich also die Zeit, den 16. Oktober 2009 im Techgate-Vienna aus meiner Sicht Revue passieren zu lassen. Es war spannend, anregend und gleichzeitig auch unterhaltsam.
Zuerst einmal zum A (und O) im Begriff A-Tag:
- Für Eingeweihte selbstverständlich,
- für Kombinierer leicht zu erraten,
- für Belustigte mitunter ein Quell der Erheiterung und
- für die Mehrheit eine rätselhafte Wortkreation.
Wie auch immer, das A steht für Accessibility.
Dieser raffinierte Kombinations-Anglizismus (Accessibility-Tag) suggeriert wohl die sprachliche Moderne.
»B-Tag« (Barrierefrei-Tag) würde sich mit diesem Lebensgefühl vermutlich wie der »Ewige Zweite« aussprechen – und das nicht der alphabetischen Abfolge wegen.
Kompliment an die Organisation
Die Organisation, getragen durch den Verein Accessible Media, war hervorragend.
- Namentlich sei hier auch noch Markus Ladstätter erwähnt, der meines Wissens die organisatorische Koordination trug.
- Eric Eggert besorgt den technischen Part der Website zum A-Tag und moderierte uns durch diesen 16. Oktober.
- Jo Spelbrink steht für die grafische Gestaltung – Online wie Offline.
Auf just die zwei zuletzt genannten Herren traf ich denn auch als erstes direkt vor der Aufzugstüre, knapp nach neun Uhr bei meiner Ankunft im 19. Stock des Techgate, als sie vor einem dort platzierten Bildschirm gerade intensiv über ein grafisches Detail diskutierten.
Nach der Anmeldung und dem freundlichen Kopfnicken zu einigen bekannten Gesichtern, ging es dann auch schon kurz darauf mit der Begrüßung durch Eva Papst (Vorsitzende von Accessible Media) los.
Die Vorträge
Mittlerweile gibt es schon einige Rückblicke und Kommentare (siehe am Ende unter weitere Verweise). Im Wesentlichen beschäftige ich mich mit dem Vortrag von Christian Heilmann, weil er meiner Ansicht nach ein fundamentales Missverständnis provoziert.
Zuvor aber noch kurze Kommentare zu den anderen Vorträgen.
Im Gegensatz zu den bisherigen Blogbeiträgen, ordne ich die Vorträge nicht zeitlich, sondern teile sie in zwei wesentliche Gruppen:
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Vorträge, die sich detailliert oder unmittelbar mit barrierearmer (-freier) Webentwicklung beschäftigten:
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Am Anfang war die Tastatur
, stellte Sylvia Egger ihrem Vortrag voran und erinnert an eine Tatsache, die so manche im mausinteraktiven Zeitalter zu vergessen scheinen.Am Beispiel der Website eines österreichischen Startups, die mit Tastaturbedienung derzeit völlig unzugänglich ist, zeigt Sylvia gleich auch diverse Hilfsmittel und Lösungsansätze: 2009: Eine Tastatur-Odyssee.
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Wie wird eine barrierefreie Website in einer großen Institution wie der Stadt Linz eingeführt?
Michael Barthofer, verantwortlich für linz.at, sprach vor allem über die organisatorischen Herausforderungen dieser Aufgabe. Ich persönlich finde Informationen aus diesem Blickwinkel sehr spannend. Interessant auch, wie die Qualitätssicherung in Bezug auf barrierearme Seiten nun stattfindet.
Leider fand ich nirgendwo Unterlagen zu diesem Beitrag.
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5500 Seiten, 12 Sprachen, 450.000 Seitenaufrufe pro Tag – wien.info
Dieser Aufgabe, das Wiener Tourismusportal auch barrierefrei und breit zugänglich aufzustellen, nahm sich die Agentur Wienfluss an. Michael Stenitzer, von eben dieser, erläuterte zusammen mit Manuela Vergud von wien.info die Dimensionen und Aufgaben dieses Mammut-Projektes.
Meiner Ansicht nach ist sowohl die Website selbst, als auch der Vortrag, hervorragend gelungen und wien.info wird in Zukunft wohl auch als Vorzeigeobjekt dienen.
In einer losen Artikelserie können sie den Entstehungsprozess auch nachlesen: Making of wien.info.
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Testen Sie Ihre Scripts, bevor es Ihre Kunden tun
, meint Fritz Weisshart und liefert eine schöne Übersicht, wie Javascript strukturiert sein sollte, um Websites effektiven Nutzen zu bringen.Leider hören Sie beim Lesen nicht seine sympathische bayerische Aussprache: Böses Javascript, gutes Javascript.
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Wir stehen noch immer am Anfang
, war eine der vielen prägnanten Aussagen von Jens Grochtdreis in seinem Vortrag.Ich unterschreibe jedes Wort. Ich frage mich aber, ob wir das richtige Publikum waren. Vermutlich alle Anwesenden wussten, dass die Verwendung des IE6 gestoppt werden müsste, weil er die Entwicklung des Web seit Jahren verzögert.
Seine Worte wären etwa bei Veranstaltungen wie dem Deutschen Multimedia Award noch viel besser aufgehoben. (Dort will sie leider niemand hören.) Hier gehts zum Slide: Aspekte moderner Frontend-Entwicklung.
Übrigens, was die Wiener U-Bahn-Station Arbeiterstrandbadstraße mit Webgestaltung zu tun haben könnte, hält Jens noch in einem Blogeintrag fest: Schöner Navigationstitel.
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Die Vorträge allgemeinerer Natur:
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Schöne Einblicke in die Vielfältigkeiten die uns das Web erschließt, zeigte Max Kossatz gleich zu Anfang des Tages. Hat zwar nichts direkt mit Barrierefreiheit zu tun, aber sehr wohl mit den sich eröffnenden Perspektiven: Wie wird Web 2.0 unser Leben verändern?
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Hier nun der Hauptteil meines Blogeintrages zu zwei weiteren Vorträgen, die sich dem barrierefreien Web über Metaphern nähern:
Panta rhei und dann sind wir tot
Christian Heilmann stellt sich kurzerhand auf die Elementarebene und meint, es fließt doch alles. Lasst uns doch einfach mittreiben, annehmen, Geduld und Spaß dabei haben: Panta Rhei – das Netz ändert sich, warum nicht wir?
Die Ansage – Panta rhei (Alles fließt) – ist per se richtig und er kann natürlich viele Beispiele zeigen, wie das Resultat eines erfolgreichen Wandels aussieht. Voraussetzungen, Details und Wechselwirkungen, die zu dieser Momentaufnahme geführt haben, werden dabei aber zumeist ausgeblendet.
Meiner Ansicht nach ist das die Flucht aus der Komplexität des Wandels, die ganze Scharen von Manager-Karlis schon antraten und leider immer wieder antreten werden.
Der Psychologe und Unternehmensberater Peter Kruse, der sich vor allem mit Komplexitätsverarbeitung beschäftigt, bringt das in einem kurzen Video-Interview wohl besser auf den Punkt:
Panta rhei – alles fließt, die triviale Form von Veränderung, gilt nur auf der Elementarebene. [0:20]
Wir erzählen niemals den Schmerz des Übergangs. Wir erzählen immer nur den Erfolg des Erreichten. [3:44] Prof. Peter Kruse über Change-Management
Andere in den Fluss zu treiben und ihnen vom Ufer Ratschläge zum Überleben zuzurufen ist leicht, aber substanzlos.
Der Mensch kann nicht ständig im Fluss schwimmen. So ticken wir nicht. Wir müssen Pausen machen, uns erholen und die nächste Etappe vorbereiten.
Lästige Details klären, unerwartetes Wetter und Strömungen berücksichtigen, Klippen orten und unsere Ziele setzen. Das ist die notwendige Balance zwischen Stabilität und Wandel.
Einfach auf die Elementarebene zu wechseln, um der Komplexität von Change-Prozessen auszuweichen, endet im Bagatellisieren, wo wir die Welt für jeweils unsere Ebene einfach schönreden. Nicht überraschend – aber trotzdem frustrierend – machen das immer wieder die Leute, die selbst am trockenen Ufer stehen.
Wo die Metapher Panta rhei allerdings genau zutrifft: Für Informationen.
Und wiederum genau die Zurufer, die nur am trockenen Ufer stehen und Leute in den Fluss treiben, genau die lassen Staumauern und Wehre bauen, um Informationen zu horten, welche die in den Fluss getriebenen Menschen notwendig brauchen würden – Information is like water [Content Economy].
Exakt diese unfairen Spielchen erleben wir tagtäglich in Politik, Unternehmen und Verwaltungen. Sie sind zwar schon so alt wie die Menschheit, allerdings führt das auftretende Ungleichgewicht in einer Wissensgesellschaft zu immer größerem Effizienzverlust eines Systems, der Organisation.
Ein Bumerang traf denn auch den Blogeintrag von Chris zu diesem Vortrag.
Ups, diese blöden verschiedenen Sprachen
Das Weblog von Christian Heilmann – Wait till i come – ist in englischer Sprache gehalten. Ausnahmsweise schrieb er diesen Eintrag aber in Deutsch. Leider vergaß er ursprünglich, diesen auch mit deutscher Sprache zu markieren. Prompt verwirrt das eine Screenreader-Benutzerin.
Natürlich hat Chris darauf reagiert und seinen Blogeintrag nun in ein zusätzliches div mit deutschem Sprachattribut eingeschlossen. In einer Organisation würde dieses Detail der Realität mitunter ganze Prozesse auslösen, die den Beteiligten nicht unbedingt Spaß machen und zu Konflikten führen.
An dieser Stelle nun aus der Komplexität rauszutreten und schlicht auf das Ganze zu wechseln – wir müssen halt mitfließen und alle Englisch schreiben und lesen oder ein Leseprogramm muss Sprachwechsel ohne weiteres Zutun doch automatisch erkennen –, kommt einer Bagatellisierung gleich und hat keine Bedeutung für das Leben.
Zynisch gesagt, der Inhalt des Vortrages würde perfekt in ein zeitgeistiges Manager-Karli-Seminar passen.
Meine Kritik fällt daher eindeutig aus: Interessantes Thema extrem vereinfacht und unterhaltsam vorgetragen. Es lenkt aber von den eigentlichen Barrieren ab.
Ich bin überzeugt, dass Chris das gar nicht so meint und sich bloß in die – in diesem Kontext falsche – Metapher des Panta rhei verrennt. Ich hätte es mit ihm am Abend auch noch persönlich diskutiert. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich aber nur etwas Unbehagen, das ich noch nicht wirklich formulieren konnte.
Um den Vortrag von Chris entfachte auch schon eine Diskussion:
- Barrierefreiheit, Geduld und Zwang [Behindertenparkplatz]
- Barrierefreiheit: Geduld mit Entwicklern und Designern? [xwolf.de]
- Update (2009-10-26):
Barrierefreiheit nachhaltig verankern [Eric Eggert] - Update (2009-11-06):
Barrierefreiheit muss sexy sein [Jens Grochtdreis]
Die Farbe des Fahrradständers
Das war sehr spannend.
Auch metaphorisch philosophierend, aber zeitlich bereits vor Chris angesiedelt, begab sich Tomas Caspers Präsentation mit der Heisenbergschen Unschärferelation bewusst auf die Ebene der Widersprüche und Wechselwirkungen. Dorthin, wo es also nicht gerade üppig fließt und (vermeintlich) in die falsche Richtung.
Hier macht er unter anderem auf eine Falle anderer Art aufmerksam: Als Ausweg aus der Komplexität wird um unerhebliche Kleinigkeiten gestritten; zum Beispiel um die Farbe eines Fahrradständers.
Hier flüchten sich Beteiligte also nicht in die Elementarebene des Panta rhei, sondern verzetteln sich in Details der Mikroebene, um zumindest irgendwo Kompetenz oder Macht zu markieren.
Menschen und Gespräche
Mit einigen Leuten unterhielt ich mich länger als ein paar Worte. Ich liste sie hier einfach aus meiner Erinnerung auf, ohne Garantie der Vollständigkeit:
- Vormittags plauderte ich ein bisschen mit Jens Grochtdreis [Vortragender] und nahm ein paar interessante Anregungen aus dem Gespräch mit. Danke nochmals, Jens.
- Die Drupal-Nerds Thomas Renner und Markus Rössler, die ich von den Accessibility-Stammtischen kenne, machten auch auf das von ihnen mitorganisierte DrupalCamp in Wien (27. und 28. November 2009) aufmerksam.
- Mit Jürgen Zahrl aus Wien – ein neues Gesicht für mich – unterhielt ich mich etwas länger (naja, war wohl eher ein Monolog meinerseits).
- Endlich lernte ich auch Sylvia Egger [Vortragende] aus Köln, und auch die aus Essen angereisten Sandra Kallmeyer und Maik Wagner samt Begleitung, persönlich kennen. Danke, waren unterhaltsame Gespräche.
- An Robert Lender kommt natürlich keiner bei so einer Veranstaltung »vorbei« – immer nett mit ihm zu plaudern.
- Zu später Stunde erfreuten mich auch noch kurze Gespräche mit Fritz Weisshart [Vortragender] und Markus Ladstätter [Organisation].
- Und noch einige nette Menschen mehr, mit denen ich nur ein paar Worte wechselte und teilweise auch gar nicht den vollen Namen kenne.
So gegen die halbe Stunde vor Mitternacht verließ ich eine kleine lustige Runde.
Und nun noch ein riesiges Dankeschön an alle, die am reibungslosen Ablauf dieser gelungenen Veranstaltung beteiligt waren und natürlich auch an die Vortragenden dieses Tages.
- Abschnitt 1 von 1
Weitere Verweise zum Thema
- A-Tag 09 - Interaktiv [A-Tag Website]
- Impressionen auf Flickr
- A-TAG 09 - Ein Rückblick [Nur ein Blog]
- Das war der A-Tag 09 [WAI-Austria]
- Links zum A-Tag ‘09 [accessible media]
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- Datum:
- veröffentlicht am 25 Oktober 2009, 20:31 MET.
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- Thema:
- Kommunikation
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- barrierearm, Webentwicklung, Webstandards
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