Rezension: Wir nennen es Arbeit

Freitag, 25 Mai 2007 13:36 MET

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Rezension: Wir nennen es Arbeit [hyperkontext | Weblog]

Dieses Buch ist kein Leitfaden zum Glücklichsein und auch kein antikapitalistisches Essay eines Untergangszenarios.

Es ist in erster Linie eine nüchterne Analyse von historischen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen der Arbeitswelt und eine feinfühlige Interpretation des Lebensgefühls einer immer größer werdenden – nicht heterogenen – Gruppe von Menschen, die sinnvolle Arbeit als Teil ihres Glücklichseins entdecken und die Möglichkeiten der digitalen Welt aktiv probieren und offensiv umsetzen. Die digitale Bohème, auch als DIBOs bezeichnet.

Unzählige Beschreibungen und Rezensionen

Hier gleich noch eine Beschreibung dieses Buches, welche auf der Rückseite des Umschlages zu finden ist:

Dieses Buch ist hypermodern, jeder sollte es lesen. Es ist eine wundervolle Analyse von etwas Ununtersuchbarem: den Grundstoffen einer Alchemie des 21. Jahrhunderts nämlich, die versucht, Arbeit in Glück zu verwandeln; in etwas, das man Arbyte nennen könnte. Was Kolumbus mit drei Karavellen geschaft hat, lässt sich nun mit einem Laptop unternehmen. Entdecker wissen heute: Die Welt ist eine Google. Und endlich steuern wir auf das zu, was Technologie tatsächlich bedeutet – nicht, wie in Zukunft Geräte aussehen werden, sondern wie wir im Hier & Netz zusammenleben. Peter Glaser

Eines hat das Buch ganz sicher schon bewirkt: Es ist etwas mit Worten an die Oberfläche geschwemmt worden, das viele Diskussionen und weiterführenden Gesprächsstoff liefert. Allein für diese Tatsache ist den Autoren – Sascha Lobo und Holm Friebe – zu danken.

Da ich mit meiner Rezension nun schon ziemlich spät dran bin, verzichte ich auf einen Inhaltsüberblick und verweise auf die ausgesuchten Links am Ende dieses Artikels, der bereits unzähligen Besprechungen und Diskussionen. Ich möchte nur ein paar mir wesentlich erscheinende Passagen zitieren und herausarbeiten.

Wir glauben – und glauben es jetzt, wo wir das Buch abgeschlossen haben, noch mehr als zu Anfang –, dass es Alternativen gibt zum erstarrenden System der festangestellten Erwerbsarbeit, die uns neben der Massenarbeitslosigkeit auch eine Massenunzufriedenheit beschert hat. Seite 17

Wahrheit verdrängen oder zulassen

Ein langes Kapitel widmet sich der Beschreibung der derzeitigen Arbeitswelt und wohl jeder der die normale Berufswelt kennt, wird hier nur frustriert nicken können.

Der Terminus originelle und unangepasste Mitarbeiter ist entweder eine Lüge oder ein Kündigungsgrund. Seite 54

Lobo und Friebe sind aber nicht dazu angetreten, um zu lamentieren und irgendwelche Verbesserungsvorschläge zu machen. Nein. Sie beschreiben ja bereits eine Gruppe von Menschen – zu der sie sich zweifelsohne selbst rechnen, die eben nicht nur den Kopf in den Sand steckt und auf bessere Zeiten oder die Politik wartet, sondern – ob gewollt oder ungewollt – aus diesem immer unglücklicher werden bewusst ausbricht und abseits von hehren Vorstellungen oder verklärtem Weltverbessertum ihren ganz eigenen Weg geht. Und so nebenbei damit auch eine brauchbare Alternative zum Angestelltendasein schafft.

Die Befindlichkeit eines typischen Angestellten wird dann zum Beispiel so beschrieben:

Die zentrale Frage, die einen vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Gehen und oft noch bis in die Träume verfolgt, lautet nun nicht mehr Was kann ich tun, damit ich glücklich werde?, sondern Wie kann ich meine persönliche Situation verbessern unter den Bedingungen, die mir mein Arbeitsplatz und mein bisheriger Lebenslauf auferlegen?. Seite 55

Verlorene Lebenszeit wird nicht dadurch aufgewertet, dass sie als Gleitzeit getarnt daherkommt. Seite 58

Und alle die sich Gedanken darüber machen, warum denn diese Lebenseinstellung nicht so funktionieren kann oder nachrechnen, ob Sascha Lobo denn auch wirklich mit seinem neuesten Projekt adical.de soviel verdient wie er angibt, sind meist die, die ihr Leben lang reden und letztendlich nur darauf hoffen, vielleicht doch noch mal eine ausreichende Rente bezahlt zu bekommen. Aber das habe ich jetzt so geschrieben.

Friebe und Lobo machen niemandem Vorwürfe. Im Gegenteil: Sie arbeiten die Symbiose der Bohème mit der etablierten Wirtschaft ganz eindeutig heraus, aber auch die selbstreferenzierenden Aspekte von kleinen Wirtschaftskreisläufen. Und hier schreiben sie einen Satz, den der vor einigen Jahren verstorbene Finanzexperte und Investor André Kostolany öfter sinngemäß gesagt hatte: Das Geld zirkuliert, und wo Geld zirkuliert, findet Wertschöpfung statt (Seite 144).

Initiative ergreifen ist das Motto

Wer hinter dem Mond beziehungsweise der Firmen-Firewall vegetiert, muss für ein Leben in Freier Wildbahn faktisch als verloren gelten. Seite 59

Es macht keinen Unterschied, ob Wertschöpfung nun in der sogenannten realen Welt oder in der digitalen stattfindet. Der Unterschied, den Lobo und Friebe feststellen, sind die enormen Veränderungen und Möglichkeiten, die die virtuelle Welt ganz real machen. Die Leichtigkeit mit der heute Ideen realisiert werden können, ohne gleich ein ganzes Heer an Vertrieb und Verwaltung hinter sich haben zu müssen, ist wohl die zentrale Botschaft des Buches. Die Autoren bleiben dennoch am Boden:

Die Fähigkeit, ein gewisses Maß an Zukunftsangst und Unsicherheit auszuhalten, ist gewissermaßen die Grundvoraussetzung für ein Leben in der digitalen Bohème. Nicht jeder kann das und nicht jeder will das, und die von sich wissen, dass sie es nicht können oder wollen, sollten es lieber gar nicht erst versuchen. Seite 100

Digitale Wirtschaft und so

Und was ist denn nun diese digitale Wirtschaft? Das hatten wir doch schon mit New Economy und so, höre ich so manchen nun denken.

Um diese Missverständnisse aufzuklären geben die Autoren Einblick in íhre Welt, die doch nur inmitten dieser Welt stattfindet. Sie erklären schlüssig und konsequent, die sich ständig neu eröffnenden Möglichkeiten und – vor allem, dass wir irgendwie schon alle mittendrin sind und es nur vielleicht noch nicht gemerkt haben.

Die Grenzziehung zwischen realer und virtueller Ökonomie ist ebenfalls rein virtuell, hüben wie drüben gelten die gleichen Gesetze, und es ist nur die gedankliche Trägheit, die sich gegen diese Einsicht sträubt. Seite 255

Sehr gut erklärt und mit zahlreichen Literaturhinweisen belegt, halte ich die Analyse unseres Wirtschaftssystems, das künftig durch die digitale Option in vielen Segmenten Nischenprodukte ermöglicht und ökonomisch herstellen lässt. Hier folgen die Autoren im Wesentlichen den Argumentationen von Douglas Rushkoff (Die neue Renaissance) und Chris Anderson (The Long Tail). Trotzdem verfallen Lobo und Friebe nicht in weltfremde Abhandlungen. Es bleibt immer offensichtlich, dass diese Leute irgendwie doch über ihr Leben schreiben.

Web 2.0

Oh Leute, wie ich dieses Web 2.0-Wort bereits hasse! Und dann lese ich es noch in diesem Buch. Ok, da musste ich durch und dann fällt mir – neben dem üblichen Geschreibsel über AJAX, das sie sich wirklich hätten sparen können – doch ein Absatz auf, der vielleicht für eine gute Beschreibung dieses dummen Schlagwortes passt:

Web 2.0 bedeutet, dass es ein Instrument gibt, mit dem ein einzelner Mensch ohne übergroßen finanziellen Aufwand viel mehr erreichen kann als vor wenigen Jahren. Was damit erreicht wird, andere Menschen, wirtschaftliche Erfolge mit Nischenprokukten oder eine Bedrohung der Freiheit, hängt weniger von der Technologie ab, sondern davon, was die Menschen damit anstellen. Seite 184/185

Der Versuch, das Wir zu beschreiben

Dieser Teil ist wahrscheinlich der schwierigste – vermutlich sowohl für die Autoren zu schreiben gewesen, als auch für den Leser.

Die Verweigerungshaltung setzt nicht beim Konsum oder bei der Politik an, sondern bei der Produktion und der Arbeit, indem sie (die digitale Bohème, Anm. des Autors) sich selbstbestimmte Arbeitsbedingungen schlichtweg schafft. Seite 130

Der Versuch einer Definition zieht sich durch das gesamte Buch oder andersrum: Darum wurde es ja geschrieben.

An manchen Stellen wirken diese Definitionen einer Gruppe holprig und an anderen Stellen widersprüchlich. Aber gerade deswegen sehr authentisch und nicht konstruiert.

Und fast am Ende des Buches raffen sich Lobo und Friebe dann doch noch – obwohl immer betont unpolitisch – zu einer (politischen?) Forderung auf:

Wenn es eine einhellig geteilte Forderung der digitalen Bohème gibt, dann ist es die einer benutzerfreundlichen Welt, die sich den Lebens- und Arbeitsbedürfnissen der Menschen anpasst und unterordnet. Seite 285

Cool! Buch lesen!, kann ich da nur sagen.

Abschnitt 1 von 1

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Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 16. September 2008 auf Relevanz geprüft.

Daten zum Buch

Wir nennen es Arbeit
Digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung
ISBN-10:
3453120922
Autor(en):
Holm Friebe, Sascha Lobo
Weitere Daten:
Heyne (September 2006)
Sonstige Infos:
Blog zum Buch

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Datum:
veröffentlicht am 25 Mai 2007, 13:36 MET.
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