Rezension: Die Köpfe sind das Kapital

Dienstag, 25 September 2007 07:04 MET

Thema:
Kommunikation, Empfehlungen, Bücher  
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Rezension: Die Köpfe sind das Kapital [hyperkontext | Weblog]

Franz Reinisch, Gründer der reinisch-ag, erklärt in diesem Buch, welch enormen Wert das Wissen der Mitarbeiter hat und wie er in seinem Unternehmen diese immateriellen Werte bilanziert und damit auch gezielter umgehen kann.

Eines wird klar: Wissensbilanzierung hat nichts mit gewöhnlicher Buchhaltung zu tun und Wissen kann nicht mit starren Prozessen gelenkt werden.

Das Besondere an diesem Buch

Es gibt schon viel Literatur zu dem Thema. Das Besondere an diesem Buch ist jedoch, dass es auch Erfahrungswissen beinhaltet. Von einem Unternehmer, welcher sich nicht nur Gedanken über immaterielle Werte der Wirtschaft macht, sondern auch als einer der ersten in Deutschland, der Wissensbilanzierung in seinem Unternehmen einsetzt.
Das ist

  1. bewundernswert, weil es mutig, weitsichtig und verantwortungsvoll ist und
  2. sehr lehrreich für alle anderen.

Der zweite Punkt ist wohl der wichtigste Grund, warum wir dieses Buch gelesen haben sollten.

Inhaltserläuterungen

Die reinisch-ag ist ein Dienstleister für Technische Dokumentationen. Von Franz Reinisch 1991 als Ein-Mann-Betrieb gegründet, hat das Unternehmen derzeit rund 400 Mitarbeiter und Niederlassungen in mehreren Ländern.

Die fünf Hauptpunkte des Inhaltsverzeichnisses des Buches im Originaltext:

  1. Rote Zahlen, die in keiner Bilanz stehen
  2. Der Wert des Wissenskapitals
  3. Wissen bilanzieren
  4. Die Wissensschätze der Nation
  5. Ausblick

Die Zahlen, die in keiner Bilanz stehen

Reinisch schneidet die mannigfaltigen Aspekte an, wo und wie Wissen verloren geht. Die wesentlichsten Punkte hierbei sind:

  • Der Wissensverlust durch Personalabbau, Fluktuation oder Frühverrentung.
  • Ungeteiltes Wissen, das sich nicht vermehren kann und für Kollegen und die Firma damit wertlos ist.
  • Der gängige Karriereweg – genannt auch Peter-Prinzip – welcher quasi gesetzmäßig dafür sorgt, dass das größtmögliche Maß an Unfähigkeit auf die Chefsessel befördert wird (Seite 21).

Der Verlust an Wissen und Motivation, der dadurch entsteht, dass gute Leute ihr ganzes Erwerbsleben auf ungewünschten, ungeeigneten Positionen absitzen, ist in seinen Ausmaßen kaum abzuschätzen. (Seite 21)

Er verweist darauf, dass alle diese Faktoren in gängigen Bilanzierungsmodellen nirgendwo vorkommen und immer nur der materielle Wert des sogenannten Produktivkapitals gemessen wird. Wieviel Wissen in einem Unternehmen steckt oder bereits verloren ging – und damit ein wesentlicher Teil des tatsächlichen Marktwertes –, ist aus diesen Erfassungsmodellen nicht ersichtlich.

Die Aufklärung, dass potenziell alle Menschen im Unternehmen Wissensarbeiter sind – und nicht wie oft vermeintlich angenommen nur Hochqualifizierte –, nimmt auch einen wichtigen Teil dieses Kapitels ein.

Die zweite Dimension

Sehr interessant finde ich den Hinweis, dass auch in der Seefahrt zuerst nur Breitengrade bekannt waren und es drei Jahrhunderte dauerte, bis sich die Erkenntnis der Längengrade durchsetzte und es sich mit zwei Dimensionen wesentlich genauer navigieren lässt.
Dies führt zu einer Kernaussage:

Die Betriebsführung kannte, ähnlich wie die Kartografie, viele Jahrhunderte lang nur eine Dimension – die der greifbaren Vermögenswerte. (Seite 34)

Der Wert von Wissen

Immer wieder betont der Autor des Buches den Faktor Mensch und weist zum Beispiel darauf hin, dass Produktivitätswachstum das Ergebnis von intelligenterer Arbeit ist und nur ehrliche Wertschätzung der Menschen zu effizienter Wissensteilung, Kooperation und Loyalität führt.

Unter Managern grassiert der Irrtum, man könne Erfolge vor allem über Strukturen, Prozesse und Kennzahlen erzielen. (Seite 55)

Und weil es sich um Menschen – und nicht um Schachfiguren – handelt, ist eine Warnung des Autors, der hier ja auch Erfahrungswerte weitergibt, sehr wichtig: Die Mobilisierung des Wissenskapitals hat eine gewisse Sprengkraft (Seite 79). Will sagen, dass dies ein ständiger Wandlungsprozess ist, der einiges auch durcheinander bringt und selbst das gewachsene Selbstverständnis des Unternehmens ins Wanken bringen kann.

Wissen bilanzieren

Dies ist wohl das Kernstück des Buches, denn vieles andere findet sich ja in dieser oder ähnlicher Form bereits in anderen (wissenschaftlichen) Arbeiten.

Für die kritische Frage, wie die unternehmensinterne Verständigung kultiviert werden kann, braucht es keine Ausflüge in Erlebnisparks.

Auch ich habe das einmal geglaubt, aber es ist Blödsinn, denn die Menschen wollen über ihr Wissen und ihre Erfahrungen reden. (Seite 126)

Wissen wird mehr, wenn es geteilt wird. (Seite 149)

Franz Reinisch stellt kurz die theoretischen Modelle der Wissensbilanzierung vor und widmet sich dann sehr ausführlich der Vorgangsweise, die in seinem Unternehmen angewendet wird.

Diese Abschnitte sind durchzogen mit kleinen Beispielen und Vorkommnissen und führen bis zur Erklärung, was Wissensbilanzen nicht können und wo die Gefahr der Fehlinterpretation besteht.

Warum etwas reparieren, wenn es nicht kaputt ist?

Unter dieser bequemen Devise ist schon manches kerngesunde Unternehmen sehenden Auges an die Wand gefahren worden. (Seite 156)

Hierzu liefert der Autor ein sehr aktuelles Beispiel der Encyclopaedia Britannica, die durch die Entwicklung der Wikipedia quasi überrollt wurde.

Wissensschätze und Ausblick

Das letzte Viertel des Buches widmet der Autor allgemeineren gesellschaftspolitischen Ausführungen und Ausblicken zum Thema. Für meinen Geschmack manchmal etwas langatmig oder zu vage vorausgeblickt.

Mit einer bildungspolitischen Aussage trifft Franz Reinisch allerdings den Nagel auf den Kopf:

Statt junge Menschen auf ein selbstständiges, eigenverantwortliches und aktives Leben in der Wissensgesellschaft vorzubereiten, produzieren unsere Bildungsinstitutionen wie am Fließband den Prototyp des gehorsamen Befehlsempfängers der Industriegesellschaft. (Seite 181)

Diese Aussage trifft mit Sicherheit nicht nur auf Deutschland zu.

Buchempfehlung mit Vorbehalt

Im Unterschied zu wissenschaftlichen Werken müssen Praktiker nun auch damit leben, dass ihre geschriebenen Wörter mit ihren Taten verglichen werden können.

Also habe ich dann mal die angegebene Adresse zur Wissensbilanzierung des Unternehmens – reinisch-wissensbilanz.de – besucht. Pustekuchen – die existiert gar nicht. Da also die angegebene Adresse gar nicht existiert, statte ich doch gleich dem Unternehmen reinisch-ag einen virtuellen Besuch ab.

Als webaffiner Zeitgenosse sehe ich nun mal einen engen Zusammenhang zwischen Wissensmanagement und dem offensiven Umgang mit modernen Web-Techniken als Grundlage. Dies mögen andere vielleicht nicht so eng sehen.

Hier werde ich mit verstaubtem Flair der Web 1.0 Ära begrüßt.

Ausflug ins vorige Jahrhundert

Waschechter Tabellenverschlag, garniert mit Wuzelschrift in 11 Pixel, in der Sidebar 10 Pixel-Größe, Schriftart Arial. Fest eingestellt auf eine Breite von 800 Pixel. Na prima.

Da wird das gesamte Spektrum der Web-Technik des vorigen Jahrhunderts feilgeboten.

  • Keine Bildbeschreibungen – ohne Grafik also nicht einmal der Name des Unternehmens und Teile der Navigation sichtbar.
  • Keine Überschriften zur logischen Dokumentenstruktur.
  • Für IE (Internet Explorer) Nutzer gibt es auch keine Textvergrößerung, da die Schriftart in Pixel angegeben ist.
  • Weiterführende Texte in kleinen Javascript-Fenstern.
  • und, und, und.

Wollen die Information für sich behalten?

Nach dem kurzen Ausflug in die – für einige meiner Leser vielleicht nicht relevanten – technischen Details, eine der Auswirkungen, die sich dann in der Praxis damit ergeben:

Gleich auf der Eingangsseite werden Kurzinformationen zu bestimmten Events angeboten. Will ich mehr darüber lesen, wird der weiterführende Text nach einem Klick auf weiter in einem zusätzlichen Popup-Fenster dargestellt, welches sich allerdings nur mit Javascript öffnen lässt und auch kein Fallback – für den Fall, dass Javascript nicht verwendet wird – bietet.

Schlimm genug, dass solche Teile ohne Javascript also gar nicht abrufbar sind, ist dieser Inhalt Suchmaschinen nicht zugänglich, wird also eigentlich versteckt.

Im Klartext: Das Unternehmen stellt Informationen bereit, verhindert aber gleichzeitig massiv die Verbreitung. Unwissenheit? Absicht?

An diesem Punkt schließt sich für mich ganz klar der Kreis zum Wissensmanagement und ich komme ins Grübeln, ob der Wissenstransfer in dem Unternehmen, welches Herr Reinisch als Gründer und Mehrheitseigentümer in seinem Buch beschreibt, in diesem Bereich schon angekommen ist.

Newsletter? Nein danke.

Abgesehen von oben genannten Dingen frage ich mich als interessierter Besucher, wie es allgemein mit der Informationspolitik in dem Unternehmen aussieht. Im Jahr 2007 gibt es gerade mal bis 22. September eine Unternehmensmeldung. Ein paar Branchen-News, welche Suchmaschinen nicht einmal zugänglich sind und überhaupt alles irgendwie in schnöder Public Relations-Manier.

Von RSS (Really Simple Syndication) haben die auch noch nichts gehört. Und heutzutage einen Newsletter anzubieten, wirkt fast schon unseriös.

Ich meine, ich bin ja das alles gewohnt. Nur wenn ich ein Buch des Mehrheitseigentümers dieses Unternehmens lese, der zum Umdenken und Aufbruch aufruft und Regierungen auffordert Wissen zu teilen, zu bilanzieren und endlich in der Wissensgesellschaft anzukommen, dann frage ich mich beim Besuch dieser Website schon: Was ist bei denen anders?

Wissensbilanz 2006?

Die angegebene Adresse im Buch, an der ich die Wissensbilanzen im Detail abrufen kann, existiert also nicht. Auf der Unternehmensseite finde ich dann den entsprechenden Bereich und wundere mich, wo denn am 22. September 2007 diejenige aus dem Jahre 2006 ist. Naja, vielleicht bin ich ja auch zu ungeduldig.

Bloggende Mitarbeiter? Ey, cool.

Ich bin überzeugt: Gerade in dieser Branche würde das Bloggen Vertrauen von potenziellen und bestehenden Kunden erheblich stärken und neue Marktpotenziale erschließen.

Nach Lektüre des Buches wäre das für mich ein Teil der Konsequenz des offensiveren Umganges mit Wissen und Information, auch nach außen hin. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass bei über 400 Leuten noch niemand auf die Idee gekommen ist. Dürfen die nicht? Oder ist das im transparenten Wissenstransfer noch nicht bis nach oben gedrungen? Bloggen die geheim? Haben die Angst vor der Konkurrenz?

Ich habe jedenfalls nach langer Suche keinen Blog gefunden, der von reinisch-Mitarbeitern oder natürlich auch vom Chef persönlich geführt wird. Schade.

Mit gewissem Zwiespalt empfehle ich das Buch allen, die zum Thema Wissensmanagement und Wissensgesellschaft auch einmal von einem Mann aus der Praxis lesen wollen.

Und jetzt bin ich gespannt, ob Blog-Monitoring bei reinisch schon angekommen ist. Wenn das so ist, dann freue ich mich über Kommentare von Mitarbeitern, Kunden oder der Geschäftsleitung der reinisch-ag, die mir helfen könnten meinen Zwiespalt zwischen Lektüre und Beobachtung aufzulösen.

Abschnitt 1 von 1

Daten zum Buch

Die Köpfe sind das Kapital
Wissen bilanzieren und erfolgreich nutzen
ISBN-10:
3636015435
Autor(en):
Franz Reinisch
Weitere Daten:
Redline Wirtschaftsverlag, 1. Auflage, August 2007

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veröffentlicht am 25 September 2007, 07:04 MET.
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