Rezension: Das Ende der Privatsphäre
Sonntag, 16 Dezember 2007 11:37 MET
Auch Sie haben nichts zu verbergen?
Für Stammtisch-Sprüche ist dieses Thema sehr beliebt. Nun, wenn Sie auch nichts zu verbergen haben
, dann stört es Sie wohl sicher nicht,
- wenn Sie irrtümlich auf einer Verdächtigenliste auftauchen und Ihre Telefon- und Internetverbindungen – ohne Ihrem Wissen – gezielt verfolgt werden.
- wenn Sie persönliche Briefe von Unternehmen bekommen, mit denen Sie noch nie in Geschäftsverbindung gestanden haben.
- wenn auf Ihrem Browser auffällig ähnliche Werbungen auftauchen.
- wenn Sie bei einer medizinischen Untersuchung waren und ein Monat später die Versicherung Ihre Prämie plötzlich erhöhen will.
- wenn Bearbeiter im Finanzamt auch beiläufig sehen, welche Geschwindigkeitsübertretungen sie schon begangen haben und vor zehn Jahren einmal für eine Woche in einem Fachkrankenhaus waren.
- wenn Ihnen Strom und Gas nur mehr gegen Vorkasse geliefert wird, weil Sie in ein
schlechtes Wohnviertel
gezogen sind, gerade kein Einkommen haben und das Telekom-Unternehmen Ihren Vertrag auch plötzlich kündigen will.
Die Vorstellung hält sich hartnäckig, der Datenschutz behindere die Kriminalitätsbekämpfung und trage so zu gestiegener Gefährdung bei. Seite 25
Peter Schaar zeigt unter anderem, dass
- mitunter schlampige polizeiliche Ermittlungen lieber nachher mit
übertriebenem Datenschutz
argumentiert werden, anstatt Fehler einzugestehen (Seite 24). - London die am lückenloseste videoüberwachte europäische Großstadt ist, aber auch leider noch immer die mit der höchsten Kriminalitätsrate (Seite 26).
- viele Bürger ohne eigenes Fehlverhalten in elektronische Warnsysteme geraten, ihnen damit Nachteile entstehen, sich niemand für Wiedergutmachung verantwortlich fühlt und solche Fehlinformationen auch nach Berichtigung in anderen Systemen weiterleben (Seite 204).
Können wir uns gegen die unerwünschte elektronische Feststellung unseres Aufenthaltortes noch wehren? Im Zweifel nur, wenn wir auf die Segnungen der jederzeitigen Erreichbarkeit verzichten. Seite 58/59
Die Lehren der Vergangenheit
Aufgrund der Lehren aus der Vergangenheit wurden Verfassungsschutz, Nachrichtendienste und Polizei gesetzlich strikt getrennt. Die zunehmende Verflechtung und Vernetzung dieser Organisationen ist der Weg in die Überwachungsgesellschaft
, wie der Untertitel des Buches verdeutlicht.
Mit den immer perfekteren Methoden der heutigen Informations-Technologie, wird das die dunkelsten Beispiele aus der Geschichte in den Schatten stellen. Immer wieder weist Schaar auf diese brisanten Zusammenhänge hin (Seite 27, 151 – 156, 166).
Während staatliche Stellen – von der Polizei bis zur Finanzverwaltung – immer mehr über uns wissen wollen, bleiben die Bürger ohne angemessenen Schutz gegen Ausspionieren, Missbrauch, Manipulation und Verfälschung ihrer Daten. Seite 19
Fehlende globale Datenschutzstandards untergraben Menschenrechte
Ohne weltweite Datenschutzstandards können auch grundlegende Menschenrechte durch zu intensive
Zusammenarbeit von Polizei und Nachrichtendiensten gravierend verletzt werden, denn eine Organisation, die in einem Land als Freiheitsbewegung angesehen wird, gilt in einem anderen Staat als Terrorgruppe
(Seite 237).
Einen besonders brisanten Hinweis liefert Schaar bezüglich internationaler Datenübermittlung in Länder, anlässlich von Verfahren, in denen möglicherweise die Todesstrafe verhängt wird
(Seite 237). Gerade auch im Datenaustausch mit den USA sei daran erinnert, dass in knapp 40 Bundesstaaten die Todesstrafe gesetzlich verankert ist.
Internationaler Datenschutz betrifft nicht nur staatliche Organisationen, sondern wird zunehmend auch ein Thema von privaten Unternehmen. Der Fall eines Betreibers einer großen Suchmaschine aus den USA zeigt – welcher Daten eines chinesischen Dissidenten bereitwillig an die dortigen Behörden weitergab und zur Verhaftung dieses führten –, dass hier einiges im Argen liegt.
Begehrlichkeiten werden geweckt
Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass die ungeheure Menge der auf Vorrat zu speichernden Daten weitere Begehrlichkeiten wecken wird. Seite 118
Datenschutz und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung werden ausgehebelt.
Der Autor liefert Beispiele
- aus der Vergangenheit (deutsche Volkszählung 1938/39),
- über die derzeitige Aufweichung der Verwendung von Daten (Überweisungsdaten innerhalb Europas werden auch in den USA gespeichert),
- bis zu den heutigen Forderungen (Sozialdaten auch durch andere Behörden abrufen zu können, um gegen Schwarzarbeit vorzugehen; Maut-, Handydaten und Standortbestimmung zum jederzeitigen Abruf zur Verfügung halten).
Immer wurden (werden) bereits vorliegende Datenbestände scheibchenweise für andere Zwecke verwendet und verknüpft. Ob dies nun von
- anerkannten Volksvertretungen per Gesetz,
- verbrecherischen Regimen,
- Staaten, die andere wirtschaftlich erpressen,
- korrupten Beamten, Unternehmern und Angestellten oder
- gewinnmaximierenden Unternehmen
erfolgt, bleibt im Endresultat gleich.
Die Sammelwut von Unternehmen ist ja hinlänglich bekannt. Eine ganze Industrie lebt davon, personenbezogene Daten zu handeln.
Unternehmen und Ethik
Durch Social Communities entsteht derzeit eine hysterische Angewohnheit, alle möglichen persönlichen Daten gleich bei Anmeldung dem Betreiber preiszugeben, die ich normalerweise nur mir bekannten Menschen übermittle.
Diese Praxis bringt Benutzerinnen eventuell persönlich einen sozialen oder wirtschaftlichen Vorteil. Zu hundert Prozent bringt es aber dem Anbieter etwas: Die gewinnerzielende (erhoffte zukünftige) Nutzung dieser Daten.
Ohne konkrete internationale Vereinbarungen kann ethisches Verhalten von Unternehmen mit dem Umgang von persönlichen Daten daher ausgeschlossen werden. Wer das nicht versteht, muss als naiv bezeichnet werden.
Nicht nur die Unternehmen selbst, die riesige Datenmengen verknüpfen, handeln und verkaufen, liefern hier schon ein unüberschaubares Potenzial an Brisanz. Auch die Begehrlichkeiten von staatlichen Nachrichten- und Polizeidiensten, früher oder später per Gesetz oder Zwangsmaßnahmen diese Daten zu verbinden, lassen einem den kalten Schauer über den Rücken jagen.
Schaar fordert daher ein modernes Datenschutzrecht (Seite 226) und eine Diskussion um Ethik der Informationsgesellschaft und welchen Stellenwert der Mensch und sein Recht auf informationelle Selbstbestimmung haben sollen
(Seite 230). Hier sollte eine Pflicht zur Selbstbegrenzung
ebenso einfließen, wie weltweit anerkannte Datenschutzstandards
.
Überwachte Menschen agieren anders
Menschen die sich beobachtet fühlen, verhalten sich auch entsprechend.
Und letztendlich weist das Buch noch auf die Tatsache hin, dass sich beobachtete Menschen auch anders verhalten. Das ist nicht nur Lehre aus der Vergangenheit, sondern wird von jedem, jeder PsychologiestudentIn im ersten Semester bestätigt.
Welche Auswirkungen das auf ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem hat, brauche ich wohl nicht näher erläutern. Diese sind der etwas älteren Generation aus dem Osten Europas noch sehr vertraut.
Überleben im Überwachungsstaat
Beschrieben wird das Buch am Umschlag als eindringliches Plädoyer
– leidenschaftliche, eindrückliche Stellungnahme – für eine globale Ethik im Informationszeitalter, die auf Verantwortung statt auf Kontrolle setzt
.
Für mich ist das vorliegende Buch kein Plädoyer, sondern viel mehr eine resignierende Aufzählung dessen, was bereits im Gange ist und Aufklärung über das was auf uns zukommt.
Peter Schaar weiß genau, dass seine Worte und Warnungen in der Mühle zwischen
- Menschen, die begeistert ihre Daten überall unbekümmert angeben und
nichts zu verbergen haben
oder ihn vielleicht leichtfertig als0.0 Generation
bezeichnen, und - Institutionen, die versessen darauf sind, all dies zu verknüpfen und keine ethischen Ansprüche haben,
zerrieben und erdrückt werden: Ich bin ein unverbesserlicher Optimist
(Peter Schaar, Interview auf Telepolis).
Ungeachtet er sich hier vor allem auf gesetzliche deutsche Verhältnisse bezieht sind die politischen und gesellschaftlichen Trends weltweit zu beobachten.
Leider ist es angesichts der politischen Mehrheitsverhältnisse unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit doch noch ein Datenschutzartikel in das Grundgesetz [Deutschland] eingefügt wird. Seite 31
Die Beschreibung, wie wir uns in Überwachungsstaaten (politisch) organisieren sollten und müssen, um kommende repressive Zeiten zu überwinden und eine freie, auf Bürgerrechte beruhende Gesellschaft wieder aufzubauen, mag der Position eines Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit in Deutschland nicht zu Gesicht stehen und daher fehlt dem Buch dieses Kapitel noch.
Wenn Sie also nichts zu verbergen haben
und Sie jetzt trotzdem Unbehagen erfasst hat, dann sollten Sie dieses Buch lesen.
- Abschnitt 1 von 1
Weitere Links zum Thema
- Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit (Deutschland)
- Datenschutz: Weit verbreitete Unkenntnis oder sogar Ignoranz [heise.de/telepolis]
- Das Ende der Privatsphäre - mit Peter Schaar und Wolfgang Schäuble [netzpolitik.org]
Vergiss niemals, dass China noch immer eine Diktatur ist
[netzpolitik.org]- Shi Tao und Wang Xiaoning: Yahoo zahlt Entschädigung, keine Strafe [netzpolitik.org]
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 16. September 2008 auf Relevanz geprüft.
Daten zum Buch
- Das Ende der Privatsphäre
- Der Weg in die Überwachungsgesellschaft
- ISBN-10:
- 3570009939
- Autor(en):
- Peter Schaar
- Weitere Daten:
- Verlag C. Bertelsmann, September 2007
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- Datum:
- veröffentlicht am 16 Dezember 2007, 11:37 MET.
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