Rezension: Social Web
Dienstag, 15 Juli 2008 20:41 MET
Eine fundierte wissenschaftliche Einführung
Das Buch selbst ist die derzeit – mir zumindest bekannte – fundierteste deutschprachige wissenschaftliche Momentaufnahme von Anfang des Jahres 2008 zur Geschichte, Entwicklung, zur Beschreibung und Übersicht zu Social Web, im Volksmund auch salopp und schwammig Web 2.0
genannt.
Bereits in der Einleitung machen die Autorin und die zwei Autoren klar, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Social Web
die richtige Fragestellung beinhalten sollte und nicht nur ein weiterer Passierschein auf dem persönlichen Karriereweg
(Seite 14) sein kann.
Wie können Menschen über das Web ihre gesellschaftlichen Verhältnisse, ihre soziale Lage verändern oder auch nur besser erkennen? Seite 13/14
Das sind hochgesteckte Ziele für ein Themengebiet, für das wir eine erste Einführung mit Lehrbuchcharakter vorlegen. Seite 14
In der Tat. Diesen Themenkomplex aus wissenschaftlicher Sicht im Jahr 2008 zu bearbeiten und in Form eines gedruckten Buches aufzubereiten, ist ein sehr ambitioniertes Vorhaben. Und gleich vorweg: Meiner Ansicht nach ist das hervorragend gelungen.
Übersicht zum Inhalt
-
Einleitung (13–32)
Ein Abriss zur Geschichte des Internet, Begriffserklärungen und umfangreiche Definition der Begriffe
Web 2.0
undSocial Web
. -
Praxis des Social Web (33–166)
Übersicht zu den folgenden Anwendungen, jeweils mit eigener Geschichte, Vor- und Nachteilen, Beispielen, Übungsfragen und Literatur.
- Wikis
- Blogs
- Social Networks
- Social Sharing
- Tagging, Newsfeeds, Mashups
Obwohl nicht technik-orientiert, wird zum Abschluss dieses Abschnittes die Technik von typischen Anwendungen erklärt. Zitat Seite 144:
Es ist ratsam, die wichtigsten technischen Konzepte des Social Webs zu kennen, da diese zum Teil nicht unerheblich zur Dynamik des Web 2.0 beigetragen haben.
Dieser Teil gibt auch Software-Laien Rüstzeug mit, das Nötige zu verstehen. -
Theorie des Social Web (167–243)
Dieser Abschnitt befasst sich mit den sozialen, medialen, kommunikativen und rechtlichen Aspekten. Auch die Dynamik von Gruppenprozessen und Organisationskultur, der Datenschutz, die Begriffe Kollaboration, Kooperation, das
ewige Beta
, Communities, Crowdsourcing, derLong-Tail
und Open-Source werden ausführlich und gründlich behandelt.Zweifelsohne – natürlich je nach Erfahrungs- und Wissensstand – ist das der spannende Teil des Buches.
-
Ausblick (245–248)
Der Ausblick konzentriert sich auf wenige konkrete Punkte, die sich aber schon jetzt deutlich abzeichnen:
Arbeitsformen
Die Autorin, die Autoren erwarten, dass
Firmen in Zukunft vermehrt auf eine strukturübergreifende kollaborative Arbeitsweise setzen
unddas Social Web zunehmend auch von semiprofessionellen Betreibern gestaltet wird, die auf diese Art ihr Einkommen aufbessern
Seite 245.Hier schlagen sie auch eine Verbindung zu den derzeitigen ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen, hin zu prekären Arbeitsverhältnissen und immer mehr Kleinunternehmen.
Durchdringung
Durch vermehrten Zugriff von mobilen Endgeräten auf das Web, wird
die Durchdringung unserer Lebenswelt mit Social-Web-Anwendungen intensiviert
(Seite 246).Daten
Der Datenschutz ist eines der Themen, denen die Autoren dieses Buches eine zukünftig noch größere Bedeutung zumessen.
(Seite 246).Verschmelzung der Formen
Die Autoren gehen davon aus, dass die diversen Anwendungen miteinander verschmelzen und zusätzliche beziehungsweise neue Möglichkeiten schaffen.
Interessante Stellen und Aussagen
Besonders der Abschnitt Theorie des Social Web
(Seite 167–243) beinhaltet für mich sehr interessante und zitatwürdige Stellen.
Kollaboration, Kooperation und kollektive Intelligenz
Durch zahlreiche Literaturhinweise und Studien untermauert, legen die Autoren von der Gruppendynamik eine Fährte zum sozialen Kapital (Seite 182), der Maslowschen Bedürfnispyramide (Seite 183), zu den Begriffen Kollaboration (Seite 185) und Kooperation und der konstruktivistischen Lerntheorie (Seite 186), bis zu den Erfahrungen aus Open-Space Veranstaltungen und der kollektiven Intelligenz (Seite 188).
An diesem Punkt wird das typische Problem vieler Organisationen angeschnitten, das homogene Gruppen in Bezug auf Innovation und Intelligenz haben:
Kollektive Intelligenz kann ihre Stärken nur ausspielen, wenn starke individuelle und auch kontroverse Meinungen in der Gruppe existieren. Seite 190
Gesellschaftliche Bedeutung
Das Auseinanderfallen des ursprünglich familiären Zusammenhaltes und die stark sozial fragmentierten postindustriellen Gesellschaften fördern offenbar die Entwicklungen der virtuellen Kollaboration. Die Autoren sehen hier eine Art Wiederherstellung des Sozialen
(Seite 198) durch das Social Web.
Selbstinszenierung
wird oft als abwertende Bezeichnung für unangebrachtes eigenes Engagement gesehen. Aus einem erweiterten gesellschaftlichen Blickwinkel kann sich Selbstinszenierung allerdings auch so erklären:
Gleichzeitig bietet das Social Web vielen Menschen die Möglichkeit, sich überhaupt einmal mit ihren Leistungen, Fähigkeiten und Interessen öffentlich darzustellen. Es entstehen Freiräume, Enklaven, für verdrängte Interessen und ignorierte Potenziale. Seite 201
Das Phänomen des spielerischen Lernens
(Seite 203) und der Zwiespalt von Ausbeutung und Selbstentfaltung
(Seite 206) werden danach auch noch ausführlich angesprochen.
Politik, Wirtschaft und Kunst
Die ideale Sprechsituation, die Habermas (1981) beschreibt, ein offener öffentlicher Diskussionsraum, an dem alle gleichberechtigt teilnehmen können, scheint näher zu rücken. Seite 207
Intensiv werden anschließend die sozialen, medialen und kommunikativen Funktionen und Möglichkeiten von Blogs und Wikis für die Bereiche Politik, Wirtschaft, Bildung und Kunst analysiert.
Im Bereich der Wirtschaft sehen die Autoren in der Anwendung von sozialen Web-Applikationen einen starken Widerspruch:
Der Widerspruch besteht zwischen offenem Kommunikationssystem und autoritär-hierarchischer Betriebsverfassung. […] Nur eine Ausweitung des demokratischen Ordnungsprinzips auf das Businessumfeld würde das Konfliktpotenzial reduzieren. Seite 212
Genau das ist meiner Ansicht nach auch ein gesellschaftspolitischer Knackpunkt postindustrieller Demokratien, der durch Web 2.0 – und mittlerweile auch ökonomischen Notwendigkeiten – aufbricht.
Während wir seit einigen Jahrzehnten in der westlichen Welt vom gesellschaftlichen Leitbild demokratischer Spielregeln geprägt werden, bestimmen in vielen Unternehmen strenge militärische Organisationsprinzipien römischer Heere den Alltag.
Fazit: Mehrwert auch für Internet-Analphabeten
Fundierter und übersichtlicher lässt sich dieses junge Thema, das noch wenig in wissenschaftliche Literatur Einzug gehalten hat, derzeit wohl kaum aufbereiten.
Dieses Buch schafft es, Web 2.0 auch auf gedrucktem Papier verständlich zu machen.
Gerade aber weil die Zeit dieses Buch in seiner Aktualität in manchen Teilen bald überholen wird, ist es allen zu empfehlen, die sich auch bewusst mit gesellschaftlichen Veränderungen befassen wollen.
Auch Politiker sollten dieses Buch lesen
In der jüngeren Vergangenheit gab es ja so manch hilflose Ansagen von Politikern im Zusammenhang mit Umgang und Verständnis des Web.
Hier ein paar Höhepunkte zur Erinnerung:
Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen.
Michael Glos, März 2007 - Das Internet lassen wir von anderen bedienen.Browser? Was sind denn jetzt nochmal Browser. Kinder, Kinder, Kinder…
Brigitte Zypries - Kinderreporter fragen Politiker nach dem InternetGenau. Ich habe eine eigene Homepage. Ich kann sie aber überhaupt nicht bedienen.
Hans-Christian Ströbele - Startseite? Kenn' ich nicht!
Eigentlich möchte ich gar nicht wissen, was denn so manche Entscheider aus Unternehmen und Verwaltung von sich geben, wenn sie bei diversen öffentlichen Auftritten hierzu befragt werden würden.
Von daher lässt sich der Aufruf im Geleitwort von Rainer Kuhlen, dass auch Politiker dieses Buch lesen sollten
, auch auf Internet-Analphabeten der Führungsebene aus diversen Unternehmen, Behörden und Institutionen erweitern.
- Abschnitt 1 von 1
Daten zum Buch
- Social Web
- ISBN-10:
- 3825230651
- Autor(en):
- Anja Ebersbach, Markus Glaser, Richard Heigl
- Weitere Daten:
- UTB, Stuttgart, 1. Auflage, April 2008
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- Datum:
- veröffentlicht am 15 Juli 2008, 20:41 MET.
- Artikel:
- Rezension: Social Web [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/148
- Thema:
- Kommunikation, Empfehlungen, Bücher
- Stichworte:
- Datenschutz, Gesellschaft, Rezensionen, Unternehmen, Wirtschaft
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