Rezension: Modernes Webdesign

Montag, 14 April 2008 20:30 MET

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Webgestaltung, Empfehlungen, Bücher  
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Rezension: Modernes Webdesign [hyperkontext | Weblog]
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Die fachliche Kompetenz der Autorin Manuela Hoffmann ist unanfechtbar. Geballtes Erfahrungswissen nicht zu übersehen. Die Aufbereitung und geschmackvollen Illustrationen eine Augenweide.

Das Buch ist eine Gratwanderung zwischen Alles-in-einem und den wichtigen Details. Dieser Grat ist meiner Meinung nach schon zu schmal geworden. Mein Problem mit einer Empfehlung liegt in der Frage, wem es wirklich Mehrwert bringen könnte.

Die LektorInnen schreiben gleich auf der ersten Seite:

Die Anforderungen an modernes Webdesign sind deutlich höher geworden. Aber durch die Professionalisierung sind die Aufgaben eben auch klarer umrissen und immer mehr standardisiert worden. aus dem Vorwort der LektorInnen

Völlig richtig. Und deswegen kann ein Alles-in-einem-Buch – trotz oder gerade wegen der umfassenden Kompetenz von Manuela Hoffmann – auch nicht das angepriesene universelle Lehrbuch sein.

Aber jetzt einmal schön der Reihe nach.

Der Aufbau

Das Buch versucht grundlegend fast alle Aspekte heutiger Webgestaltung abzudecken. Dementsprechend ist es auch in drei wesentliche Teile gegliedert:

  1. Das Design
    1. Webdesign und Standards (17–49)
    2. Gestaltung und Layout (51–104)
    3. Typografie (105–127)
    4. Farbe (129–143)
    5. Medien (145–157)
    6. Werkzeugkasten (159–183)
  2. Die Technik
    1. (X)HTML im Überblick (187–211)
    2. CSS im Überblick (213–251)
    3. Arbeitsvorlagen gestalten (253–267)
  3. Die Praxis
    1. Ein Beispielprojekt (271–319)
    2. Ein Wordpress-Theme gestalten (321–345)
    3. Ausblick: Was bringt die Zukunft (347–359)

Eine DVD mit allen Beispieldateien und dem in diesem Buch erstellten Worpress-Theme liegt bei. Weiters auch nützliche Software und Testversionen von besprochenen Programmen.

Besser ist es, wenn Sie die Website zum Buch besuchen, denn dort findet sich neben den Beispieldateien zum Herunterladen auch eine nützliche Liste aller Hyperlinks die als Quellenangaben vorkommen, sortiert nach Kapitel. Sehr durchdacht!

Das Motto

Es wäre wohl nicht ein gutes Buch zum Thema Webgestaltung, wenn die Autorin nicht von Anfang an klarstellt um was es hier geht:

Webseiten sind mehrdimensionale, flexible, skalierbare Dokumente. […] Die Prinzipien des Printdesigns können und sollten deshalb nicht eins zu eins auf das Webdesign übertragen werden. Seite 26

Zu semantischem HTML (Hypertext Markup Language) empfiehlt Manuela Hoffmann, sich immer wieder eine einfache Frage zu stellen: Sagt mein Markup das, was ich sagen will?

Und als logische Verknüpfung zu vorher erwähnten Prinzipien folgt eine eindeutige Aussage zur Zugänglichkeit und Barrierefreiheit von Websites:

Barrierearmut ist kein Merkmal, das einer Website nachträglich angeheftet werden kann, indem ihr bestimmte Bestandteile hinzugefügt werden. Sie ist ein Konzept, das von Anfang an in die Arbeit einfließen muss. Seite 42

Grob zusammengefasst sind das die Prinzipien auf denen modernes Webdesign aufbaut. Diese grundsätzlichen Aussagen ziehen sich konsquenterweise auch durch alle Beispiele im Buch.

Der Stil

Manuelas Stil ist geprägt von ihrer grafischen Leidenschaft und ihrem scharfen Blick zur visuellen Ausgewogenheit. Dementsprechend ist das Buch mit ansprechenden Illustrationen durchzogen und jede Seite hat ihre stimmige Relation.

Abbildungen sind mit Erklärungen versehen, Verweise ins Web in gesonderten Kästchen platziert, Auflistungen in ästhetischer tabellarischer Form präsentiert. Alles hat seinen Platz und alles spielt ineinander.

Der Schreibstil ist immer sachlich, jeder Gedanke hat seinen Absatz, wichtige Worte und Satzteile ganz selbstverständlich an den richtigen Stellen fett hervorgehoben. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass das Schriftbild seinen Rhythmus hat und daher sehr angenehm zu lesen ist.

Das Herausragende

Wie schon zu Anfang kritisch bemerkt, stellt das Buch offenbar den Anspruch eines universellen Nachschlagewerkes. Demzufolge wird fast jedes Thema zu Webgestaltung angeschnitten, vieles kurz angerissen und einiges detailliert behandelt.

Die folgenden Highlights sind natürlich nur von mir subjektiv empfunden. Je nach Bedürfnis werden andere Leser vielleicht andere Teile des Buches als herausragend charakterisieren.

Gestaltung von Layouts, Typografie (Seite 51–127)

Die Grafikerin ist nicht zu übersehen.

Hier können wir viel sehen, viel lernen und unser Gefühl für Proportionen schärfen. Weiters werden auch grundlegende Techniken in CSS (Cascading Style Sheets) zur Positionierung von Bildern beziehungsweise ganzer Layouts sehr praxisnah erklärt.

Die Typografie im Web ist so eine eigene Sache. Hier wird eine exzellente Brücke vom Druck zu den Einschränkungen und Besonderheiten im Web geschlagen.

Einsatz von Grafiken und Gestaltung von Listen

Der Umgang mit transparenten Grafiken (Seite 228) und mögliche Positionierungen um schöne visuelle Effekte zu erzielen ist aus meiner Sicht ein sehr schöner Abschnitt.

Die Gestaltung von Listen (Seite 241) gehört wohl zum obligatorischen Grundwissen jedes Webgestalters, Gestalterin. Es gehört auch mittlerweile zu jedem Buch das sich allgemein mit Webdesign beschäftigt. Die Autorin bringt zwar nur zwei Beispiele einer Navigationsliste, aber diese sehr genau und Schritt für Schritt erklärt.

Wirklich gelungen finde ich das Beispielprojekt, gezeigt an Hand der fiktiveni Konfiserie Schokoladen.

Das Beispielprojekt (Seite 271)

Manuela Hoffmann spielt hier ihr geballtes Erfahrungswissen aus und zeigt Schritt für Schritt, wie sie an solch ein Projekt herangeht. Von ihren Papierskizzen über Photoshop-Vorlagen bis zur Umsetzung des Entwurfes in HTML und CSS.

Es kommt sehr selten vor, dass ein Layout nach der ersten Umsetzung im Browser perfekt funktioniert (Seite 307). Die Autorin zeigt anschließend sehr lehrreich auf, dass oft nachträglich grundsätzliche Änderungen notwendig sind aber bei Konsequenz in der Umsetzung der Prinzipien moderner Webgestaltung auch schnell vollzogen sind.

In diesem kleinen Exkurs zeige ich Ihnen bewusst, dass es Änderungen auch an grundsätzlichen Entscheidungen gibt. Diese sind durch die klare Trennung von Inhalt und Formatierung, die wir vollzogen haben, auch sehr schnell umsetzbar. Seite 307

Damit schließt sich der Kreis zu den theoretischen Aussagen von flexiblen, skalierbaren Dokumenten, von aussagekräftigem Markup und einem barrierearmen Konzept, das von Anfang an in die Arbeit einfließen muss.

Mal abgesehen von dem ganzen Webzeugs: Mir läuft beim Anblick der Pralinen auf den Abbildungen ständig das Wasser im Mund zusammen!

  1. Ich vermute ja, das Beispielprojekt in den Grundzügen in der realen digitalen Welt erkannt zu haben. Vielleicht ist es ja ein offenes Geheimnis, vielleicht liege ich auch komplett daneben: Wählen Sie den ersten Eintrag aus diesem Suchergebnis.
    Die Art der Erstellung und die geografische Lage könnte auf Manuela hindeuten, obwohl keine Agentur angegeben ist. Eventuell ist das Beispiel in diesem Buch ein ursprünglicher Entwurf oder auch ein nachträglich abgewandelter vom realen Projekt.

Fazit: Mehrwert nur für eingegrenzte Zielgruppe

Es wird so gut wie jedes Thema zu moderner Webgestaltung behandelt. So gut wie jedes Problem angeschnitten und mindestens eine Lösung angeboten. Damit beginnt das Dilemma.

Das Buch ist eine Gratwanderung zwischen Alles-in-einem und den wichtigen Details. Dieser Grat ist meiner Meinung nach schon zu schmal geworden.

  • Es gibt hunderte von Content-Management Systemen. Wozu wird hier ein Tutorial (ab Seite 321) zu einem dieser CMS – zugegebenermaßen dem bekanntesten – reingepfercht? Dafür gibt es genügend spezielle Literatur.
  • Zur Image Replacement Methode gibt es wesentlich mehr zu sagen und mindestens neun praktische Lösungen. Hier wird eine als mehr oder minder probate Allzwecklösung hingestellt (Seite 240). Es gibt natürlich einen Hinweis, dass es mehrere Methoden gibt mit Verweis auf eine Ressource im Web.
  • Doctypes werden zwar angesprochen (Seite 48, 73 und 189), aber nirgends wirklich erklärt. Natürlich gibt es den Verweis auf eine detaillierte Web-Ressource. Aber zumindest der wichtige Hinweis fehlt, dass es erheblichen Unterschied macht und Konsequenzen hat, wenn ich XHTML 1.1 angebe und kaum einen Unterschied ob HTML 4.01 oder XHTML 1.0. Es wird oberflächlich angesprochen, aber nicht wirklich behandelt.

Mein Problem mit einer Empfehlung für dieses Buch liegt also in der Frage, wem es wirklich Mehrwert bringen könnte.

  • Durchschnittlich motivierte Anfänger sind mit der – für sie wahrscheinlich überraschenden – Vielfalt und Komplexität schnell überfordert.
  • Erfahrene Webentwickler finden das Buch zwar ganz toll aber werden keinen wirklichen Mehrwert daraus gewinnen. Diese Gruppe sucht nach speziellen Themen, die im Detail behandelt werden.
  • Entscheider, Projektleiter und Menschen die sich beruflich Allgemeinwissen zu dem umfangreichen Thema aneignen wollen, wird zu wenig Hintergrundwissen vermittelt und zu viel Details.
  • Fortgeschrittene Webgestalterinnen, die sich viel im Web bewegen, kennen die angeschnittenen Themen und haben das Umgebungswissen, suchen aber mehr Details und kennen wahrscheinlich die meisten angegebenen Web-Ressourcen.

So schade ich es finde, aber Mehrwert bietet dieses Buch aus meiner Sicht nur intrinsisch – aus eigenem Antrieb – motivierten Leuten, die mit Webentwicklung gerade angefangen haben und alles was damit zusammenhängt aufsaugen. Für diese Gruppe ist es optimale Orientierung und Ausgangspunkt zur weiteren Vertiefung.

Vermeidbare Dissonanzen

Statt einem Alles-in-einem-Buch wäre es wahrscheinlich klüger gewesen, die Thematik in drei einzelnen Bänden – gemäß den Teilen des Buches (Design, Technik, Praxis) – aufzubereiten und dafür jeweils mehr ins Detail zu gehen. Unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen wären damit gezielter ansprechbar, eventuelle Dissonanzen einzelner – nach Kauf und Konsum dieser Lektüre – vermeidbar gewesen.

Und ja, natürlich ist das Buch gut, wie wir oft so dahinsagen. Aber was heißt denn gut?

  • Die fachliche Kompetenz von Manuela Hoffmann ist unanfechtbar.
  • Geballtes Erfahrungswissen nicht zu übersehen.
  • Die Aufbereitung und geschmackvollen Illustrationen eine Augenweide.

Aus dieser Sicht ist das Werk natürlich eine Empfehlung. An dieser Stelle auch meinen allergrößten Respekt vor dieser fundierten Arbeit.

Lassen Sie sich aber von den optischen Attributen nicht zu sehr beeinflussen! Zum regulären Preis von rund €40,– sollten Sie sich gut überlegen wo Sie stehen und ob Sie dafür den Gegenwert von neuen und nachhaltigen Erkenntnissen bekommen könnten.

Vielleicht wollen Sie aber auch nur durch ein schönes Buch blättern. Nun, schön ist es auf jeden Fall.

Abschnitt 1 von 1

Daten zum Buch

Modernes Webdesign
Gestaltungs­prinzipien, Webstandards, Praxis
ISBN-10:
3836211092
Autor(en):
Manuela Hoffmann
Weitere Daten:
Galileo Press, 1. Auflage, Januar 2008
Sonstige Infos:
Website zum Buch

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Datum:
veröffentlicht am 14 April 2008, 20:30 MET.
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