Rezension: Die Google-Falle
Donnerstag, 22 Mai 2008 23:36 MET
Entlang des Boulevard
Der Autor Gerald Reischl schrammt 170 Seiten – die weiteren zwanzig sind ein Glossar für Internet-Analphabeten – entlang des Boulevard. Ohne Höhepunkte, mal mehr und mal weniger.
Reischl macht in seinem Vorwort allerdings sehr deutlich, dass er mit diesem Werk nicht zum Google-Bashing
angetreten ist und einfach nur die Gefahren eines allmächtigen Datensammlers aufzeigen will.
Es soll einfach aufzeigen, wie der mächtigste Internet-Konzern arbeitet, wie unsere Privatsphäre unterwandert wird und welche Methoden der
Big Brotherdes Internets heute und in Zukunft anwenden wird. Vorwort, Seite 9
Mein Problem mit diesem Buch ist nur, dass die eigentlich subtile Brisanz dieser Thematik durch den einfach gehaltenen Stil nicht wirklich vermittelt werden kann. Das offenbar anvisierte Zielpublikum (Internet-Analphabeten, Büro-Surfer) wird damit in seiner Abwehrhaltung zum Web nur bestärkt beziehungsweise unsicheren Verwendung moderner Web-Anwendungen noch mehr verunsichert werden.
Eines aber deutlich vorweg: Das Thema Datenschutz
und Daten sammeln
– und damit unweigerlich Google
– ist sehr wichtig und es ist mehr als an der Zeit, sich mit diesem Unternehmen kritisch zu beschäftigen. Die Idee und Intention des rezensierten Werkes unterstütze ich.
In diesem Sinne ist meine harsche Kritik auch nicht als Reischl-Bashing
zu verstehen.
Was mir fehlt, ist ein Faden.
Fehlende Struktur
Die eigentliche Tätigkeit des Unternehmens verstreut sich über das gesamte Buch und ist nicht wirklich strukturiert aufgelistet, geschweige denn, technisch fundiert erklärt.
Punktuell werden einige Dienste, wie zum Beispiel AdWords und AdSense (ab Seite 83) oder Google-Earth (ab Seite 111), etwas tiefgreifender erklärt und ansatzweise technische Zusammenhänge verdeutlicht.
Dieser Stil liegt wohl nicht ausschließlich am Autor sondern wahrscheinlich am Anspruch keep it simple
, damit die Verkaufszahlen für den Verlag später stimmen.
Im Allgemeinen blubbern die Texte so dahin. Mal wird da etwas detaillierter besprochen (Datenspeicherung: Seite 44) und mal wird hier was unter die Lupe genommen (Data-Mining: Seite 74) und dann gibt es unvermutet auch noch eine Erörterung des Spannungsfeldes Europa-USA (Seite 100).
Entlang des Boulevard, aufbereitet für den empörten Aufschrei und dem Ballen der Faust in der Hosentasche. Zum Schluss (ab Seite 150) gibt es dann noch, wie aus dem journalistischen Lehrbuch, den Rettungsanker
in Form eines Abschnittes zu Alternativen.
Amphitheater mit Bergblick
Amphitheatre Parkway, Mountain View. So lautet die Adresse des Google-Hauptquartiers und der Autor hat es besucht. Gleich zu Anfang und durch das gesamte Buch bezieht sich Reischl immer wieder auf seine Eindrücke.
Obwohl nie wörtlich erwähnt, wird mir zumindest die Stimmung vermittelt, dass fast alle Eindrücke und auch banalen Vorkommnisse in die Nähe einer Sekte gerückt werden (sollen).
- Da wird dann auch schon mal ein Ideen-Brett beim Eingang als doppelt manipulatives Instrument gesehen, das nicht mehr zum wirklichen Brainstorming verwendet wird sondern die Besucher
veralbern will
(Seite 73). - Da werden motivierte Leute, die nicht stramm mit angezogenen Füßen an einem Schreibtisch sitzen, als
bunter IKEA-Kindergarten für Erwachsene
(Seite 11) bezeichnet. - Kostenlose Busse für Mitarbeiter, die mit WLAN (Wireless Local Area Network) ausgerüstet das Arbeiten schon im Bus ermöglichen könnten, sind offenbar per se nicht geheuer (Seite 14).
- Freitagsfeste sind für Reischl nur dann zulässig, wenn auch Feierabend gemacht wird; Google-Mitarbeiter aber angeblich
ein Wochenende nicht kennen
(Seite 14). - Und dass in Sanitärräumen Zahnputzbecher zu finden sind, ist dem Autor scheinbar ein Indiz für bedingungslose Unterwerfung rund um die Uhr (Seite 13).
Jeder gibt mal den Löffel ab
Jedes Unternehmen gibt mal seine Vorherrschaft ab, meint Reischl. Und dann liefert er eine Möglichkeit, die mir wie vom Regen in die Traufe
vorkommt:
Eventuell ist es schon das Service Facebook, das Google in einigen Jahren den Rang ablaufen wird. Seite 143
Abgesehen davon, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden, wäre dieser Ausblick mehr als deprimierend.
Es kommt dann aber noch schlimmer: Der Autor kann sich eine indische oder chinesische Kopie des Giganten vorstellen, der dem Unternehmen den Rang ablaufen könnte (Seite 144).
Solche Stellen sind dann schon sinnentleerte Lückenfüller und weder Hintergrund-Recherche, noch dienen sie der Aufklärung. Es geht ja – laut Reischls Vorwort – um das zu hinterfragende Geschäftsmodell und dabei ist es mir egal ob die Firma jetzt Google
oder Ling Lang
heißt.
Datenkraken und Politik
Es findet sich auch ein Abschnitt (ab Seite 60), der die brisante Verbindung mit der Politik behandelt.
Wenn eine Regierung heute beschließt, an bestimmte Informationen zu gelangen, dann muss sie ein Unternehmen – über kurz oder lang – auch liefern. Seite 60
Als Ergänzung zu diesem Abschnitt muss darauf hingewiesen werden, dass sich nicht nur Google in den letzten Jahren schon äußert kooperativ in der Zusammenarbeit mit staatlichen Organisationen gezeigt hat.
Egal wie eine private Datenkrake heißt, das größte Problem liegt in der Symbiose mit staatlichen Einrichtungen. Egal ob per vorauseilendem Gehorsam, gewinnoptimierender Voraussicht, diktatorischen Zwangsmaßnahmen oder demokratisch legitimierten Gesetzen durch die Hintertür: Dieses Thema wird in den kommenden zwei Jahrzehnten vermutlich auch unsere Lebensweise beeinflussen.
Google – eine große Marketingblase
Auf Seite 146–149 zitiert und resümiert Reischl sehr treffend und analytisch anhand einer Marktanalyse, die eigens für dieses Buch initiiert wurde, die strategische Marktausrichtung von Google.
Im Endeffekt ist Google eine große Marketingblase. Seite 148, zitiert Kreutzer
Manche Blasen sind klein und manche groß. Manche platzen früher und manche später.
Die Google-Falle
– eine kleine Marketingblase
Weil ein Österreicher ein seicht geschriebenes Büchlein über die große Google
verfasst und von einem österreichischen Verlag publiziert wird, wird zufälligerweise ein Monat nach dem Erscheinen des Buches der New Media Award 2008 an Gerald Reischl (dies ist ein allgemeiner Preis und offiziell nicht speziell für das Buch) vergeben und die lokale Journalisten- und Politikerprominenz versammelt sich zur Auszeichnung.
Das ist österreichisches Provinztheater und quasi die kleine Marketingblase.
Schade, denn das in diesem Buch behandelte Thema harrt noch immer einer tiefgreifenden Behandlung mit fundierten technischen, politischen und ökonomischen Analysen.
Fazit: So what
Wenn Sie sich noch nie über Google kritische Gedanken gemacht haben oder gar zu den Internet-Analphabeten gehören, dann kann Ihnen dieses Buch etwas die Augen öffnen.
Wenn Ihnen bereits klar ist, dass dieses Unternehmen, welches fast alles gratis anbietet und gleichzeitig Milliarden-Gewinne macht, einer sehr kritischen Begutachtung bedarf, dann wird das Buch nicht schlauer machen. Sie werden schon jetzt nicht fraglos alles was Ihnen Google anbietet benutzen.
Dieses Buch kratzt in einfach gehaltenem Stil nur ein bisschen an der Oberfläche. Der Schreibstil, die Aufbereitung und die Tiefe der Recherchen lässt Fragen offen.
- Abschnitt 1 von 1
Weitere Verweise
- Weltverschwörung aufgedeckt! [Zeit Online]
- Kritik an der Google-Falle [dobszay.ch] – Kurzrezension mit vielen Verweisen zu weiteren Nachlesen
- Interview mit Gerald Reischl, Autor des Buches
Die Google-Falle
[chip.de]
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 22. Mai 2008 auf Relevanz geprüft.
Daten zum Buch
- Die Google-Falle
- Die unkontrollierte Weltmacht im Internet
- ISBN-10:
- 3800073234
- Autor(en):
- Gerald Reischl
- Weitere Daten:
- Ueberreuter Verlag, 31. März 2008.
- Sonstige Infos:
- Website zum Buch
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- Datum:
- veröffentlicht am 22 Mai 2008, 23:36 MET.
- Artikel:
- Rezension: Die Google-Falle [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/136
- Thema:
- Kommunikation
- Stichworte:
- Datenschutz, Rezensionen, Unternehmen
Interne Bezugnahme von neueren Artikeln
- Rezension: Das Google-Imperium vom 26. November 2008
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