Rezension: Das Google-Imperium
Mittwoch, 26 November 2008 18:54 MET
Google kennt dich besser, als du denkst
Der in dieser Überschrift genannte Untertitel des Buches ist zweifelsohne nicht gelogen und doch erzeugt er im ersten Moment das Gefühl eines sensationserhaschenden Aufdecker-Buches. Lars Reppesgaard geht das Thema aber nüchtern und strukturiert an. Er zielt nicht darauf ab, eine mehr oder weniger subtile Verschwörungsthese untermauern zu wollen – wie einige mit ähnlichem Thema in jüngerer Zeit.
Bis zur Seite 244 werden wir behutsam in die Welt von Google eingeführt und auf weiteren 24 mit realistischen Betrachtungen zum Nachdenken angeregt.
- Wir erfahren über die Menschen (Googler) dort, wie sie denken und warum sie sich für das Unternehmen und ihre Aufgaben begeistern.
- Wir lernen die Dimensionen des gigantischen Aufwandes für Hardware und Rechenzentren kennen und die damit verbundene Infrastruktur.
- Die Google-Anzeigen als grundlegendes Geschäftsmodell werden nachvollziehbar erklärt und auch die Probleme des Unternehmens durch Manipulationsversuche und Klickbetrüger, sowie die ausgeklügelten Strategien dagegen.
- Wir lernen, dass eigentlich nur unstillbarer Datenhunger die Geschäftsgrundlagen von Google verfestigen kann. Der Autor beschreibt Geschichte, Nutzen und Auswirkungen einiger Dienste.
- Wir erfahren, dass durch die von Google initialisierte Digitalisierung von Bibliotheken letztendlich das Unternehmen wohl einen unschätzbaren Dienst zur Archivierung, Nutzbarkeit und Verbreitung von Wissen leistet.
- Wir erfahren über derzeitige und mögliche Strategien und die Zukäufe, wie zum Beispiel YouTube.
- Und wir erfahren auch, dass die schiere Größe und das Wachstum das Unternehmen auch alt werden lässt. Bürokratie hält langsam Einzug und so manches unumstößlich geglaubte Prinzip – zum Beispiel keine Bannerwerbung – gerät ins Wanken.
- Die Schlussfolgerungen und möglichen Szenarien verfallen an keiner Stelle in undifferenzierte
Warnung vor dem Bösen
.
Womit die ihr Geld verdienen
Vielen ist nicht klar, wie das Geschäftsmodell überhaupt funktioniert.
Wir sollten wissen, welche gigantischen Geschäfte sich allein mit unseren eingegebenen Suchwörtern in den schlichten Suchschlitz generieren lassen.
Und wir sollten auch Bescheid wissen, dass jedes eingetippte Zeichen und jede aufgerufene Seite irgendwo im google’schen Digitalien gespeichert wird und in allen möglichen Zusammenhängen Anwendung und Auswertung findet.
Wir sollten auch wissen, dass Gratis-Dienste nicht kostenlos sind. Je mehr wir in verschiedenen Bereichen des Google-Imperiums an Spuren hinterlassen, desto wertvoller wird das Daten-Puzzle für das Unternehmen.
Und als Schlussfolgerung sollten wir auch wissen, dass gerade ausgehend von der gesamten Sammlung und der vermeintlichen Anonymität der Masse sehr präzise einzelne Handlungen bestimmter Personen analysiert werden können. Auch wenn uns das in den meisten Fällen wohl egal ist und wir nichts zu verbergen haben, würden wir nach persönlicher Betroffenheit nachträglich wahrscheinlich doch anders über das Thema denken.
Das Buch strukturiert die Zusammenhänge klar
Wenn wir uns das einmal bewusst gemacht haben, dann können wir nun selbst entscheiden, ob uns die Leistung für diesen oder jenen Dienst von Google angemessen erscheint, die wir zum Preis unserer verknüpften Daten und Inhalte erkaufen.
Das Buch macht vor allem dem unbedarften Laien die Zusammenhänge klar. Gleichzeitig durch nüchterne Sachlichkeit aber auch deutlich, dass es allein unserem Urteilsvermögen und unserer Verantwortung obliegt, Chancen und Risiken abzuwägen und Geschäfte mit Google richtig einzuordnen; irrationale Verteufelung mit erhobenem Zeigefinger genauso unangebracht ist, wie naive Ahnungslosigkeit.
Irgendwas ist mit denen aber doch anders
Windige Verschwörungsthesen zu den Diskussionen um Datenschutz und den Befürchtungen im Zusammenhang mit Google, werden vom Buchautor nicht bedient. Wichtiger scheinen ihm menschliche Beobachtungen:
Mitunter kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Googler zwar fasziniert davon sind, an Technologie mitzuarbeiten, die die Welt verändert, dass sie sich aber nicht wirklich vorstellen können, was diese Veränderungen in der alltäglichen Praxis bedeuten. Seite 146
Solche Erklärungen machen Sinn und Google nicht per se zum Monster.
Und überhaupt: Kleinkarierte Verständnislosigkeit bleibt uns hier erspart. (siehe Rezension: Die Google-Falle).
In dem Buch muss ich nicht ständig zwischen den Zeilen die Aufdeckung einer subtilen Sekte vermuten, welche ihre Mitglieder bis an den Rand der Selbstaufgabe zwingt und sich die Welt zum Untertan machen will.
Dem Unternehmen wird auch nicht mit Augenzwinkern die Seriosität abgesprochen, weil keiner mit stramm angezogenen Beinen am Schreibtisch sitzt, die Einrichtung der Büros bunter und überhaupt alles irgendwie anders als normal
ist.
Abseits von bunten Möbeln, vermeintlich aufgedeckter Indoktrination durch After-Work-Parties, Wochenendarbeit und Zahnputzbechern im Waschraum, führen die Gedanken des Autors zu brauchbareren Diskussionsansätzen.
Google ist nicht irgendeine Software-Bude
Zum Abschluss (ab Seite 245) zieht der Autor Schlüsse aus seinen Beobachtungen. Sowohl in Bezug auf das Unternehmen selbst, als auch im allgemeinen Zusammenhang werden verschiedene mögliche Szenarien beschrieben.
Wenn wir die Bedeutung von Data-Mining und dem gesamten Umfeld analysieren und Google keine Weltverschwörung unterstellen, dann folgt für Reppesgaard die Frage, ob es denn ausreicht, wenn das Unternehmen in seinem Mission-Statement seine Integrität festschreibt:
- Was ist, wenn Eric Schmidt aus persönlichen Gründen das Unternehmen verlässt oder/und Larry Page und Sergey Brin keinen Spaß mehr mit Google haben und ihre Aktien verkaufen? Was ist, wenn die neuen Eigentümer dann andere Ziele verfolgen?
- Veränderte Situationen machen oft neue Strategien erforderlich. Das Trio kann jederzeit – und macht es auch mitunter – nach Belieben ihre Ansichten und den Umgang mit Daten relativieren und an neue Geschäftsmodelle anpassen.
- Was ist, wenn das Unternehmen in finanzielle Schieflage gerät?
- Was ist, wenn ein bedauerlicher Schicksalsschlag das Führungstrio von einer Minute auf die andere dieser Welt entreißt?
Google ist eben nicht irgendeine Software-Bude. Es geht um einen wesentlichen Wirtschaftszweig, der unser zukünftiges Leben und Handeln dominieren wird.
Deshalb lautet das klare Fazit: Für das, was auf dem Spiel steht, ist ein Versprechen nicht ausreichend.
Niemand würde auf die Idee kommen, dass es ausreicht, wenn der Betreiber eines Atomkraftwerks oder Chemieanlage verspricht, sein Möglichstes zu tun, damit es zu keinem Störfall kommt.
Google-Nutzer müssen sich allein darauf verlassen, dass Larry Page, Sergey Brin und Eric Schmidt nichts tun, was sie als schlecht empfinden. Seite 252
Die logische Schlussfolgerung lautet daher, dass es verbindlicher internationaler Gesetze bedarf, die das gesamte neue Spektrum von Datenarchivierung, -handel und -verbindungen regelt und auch Sanktionsmöglichkeiten hat.
Schon länger ist meine Ansicht, dass früher oder später die UNO ins Spiel kommen muss. Angefangen von der Verwaltung des Internets, bis zu vorher erwähnten internationalen Reglementierungen. Bis dahin steht uns vermutlich aber noch ein steiniger Weg bevor –
- repressive staatliche Überwachungsstrukturen,
- ausufernde Korruption und Schattenwirtschaft mit Daten,
- Informationskriege mit unabsehbaren Folgen.
Stell dir vor es gibt das Internet und kein Politiker geht hin
Die Schlussfolgerungen des Buches münden in eine traurige Perspektive.
Wenn ich mir die derzeitige Generation von netzabstinenten Politikern, Juristen und sogenannten Führungskräften ansehe, dann überkommt mich der echte Horror. Viele derer haben noch nicht mal annähernd digitale Medienkompetenz entwickelt.
Diese Personen glauben noch immer, alles mit Juristen, PR-Fuzzis, Presseaussendungen und Jubiläumsansprachen regeln zu können. Sie glauben, das Internet sei eine Angelegenheit der EDV-Abteilung und die Bedienung ein Planposten.
Jüngste Beispiele von November 2008:
-
Der derzeitige (November 2008) Programmdirektor des ORF (Österreichischer Rundfunk) sieht das Web offenbar als dunkle Parallelwelt und labert in einer Podiumsdiskussion mehrmals von
Sch[piep] Internet
und einerJugend, die nicht mehr rebellieren kann
– weil da offenbar keiner mit Transparenten auf der Straße rumrennt, wie in seiner Jugend.Ein plumperes Beispiel des monokausal denkenden
Entscheiders
– angereichert mit verbalen Fäkal-Auswürfen – lässt sich nur mehr schwer finden.-
Wolfgang Lorenz oder warum sich das junge Publikum des ORF in Grenzen hält [Alles und Nichts] –
Es ist mir scheißegal, ob Sie zuschauen oder nicht.
Wortwörtlich hat er es so gesagt, der Programmdirektor des ORF. - ORF-Programmdirektor Lorenz beschimpft sein Publikum [Lost and Found] –
Wolfgang Lorenz sprach beim ORF Dialogforum auf dem Elevate Festival vom
Scheiss-Internet
, forderte die jungen Leute auf, sich da zu äußern, wo sie der ORF auch hören könne, und warf ihnen dann auch noch vor, nicht zu rebellieren. Ich saß selbst auf dem Podium und war zunehmend entsetzt. Als Reaktion bildeten sich spontan folgende Initiativen:
- Willkommen in diesem
Scheiß-Internet!
–scheissinternet.at sammelt Reaktionen diverser Blogger über Twitter.com in Echtzeit zu einem kollaborativen offenen Brief und demonstriert die Bedeutung der Interaktion in einer vernetzten Öffentlichkeit.
- Super Internet – Für einen besseren ORF im Netz
Währenddessen der alte Professor (Programmdirektor) vermutlich am Fenster steht und nach rebellierenden Jugendlichen Ausschau hält. (Ich klatsch mir gerade die Schenkel vor lauter Lachkrämpfen wund.)
- Willkommen in diesem
-
-
Ein halblustiger Hinterbänkler des deutschen Bundestages lässt gleich die gesamte deutsche Wikipedia sperren, weil er Bemerkungen – richtige oder unrichtige ist der eigentliche juristische Streit – zu seinem bemerkenswerten Werdegang in der ehemaligen DDR gelöscht haben will.
Einen Tag später lässt er den juristischen Wahnwitz wieder aufheben, weil er dann erst offenbar das Ausmaß begriffen hat und ganz schnell die Erfahrung der Macht des Web machte. Gleichzeitig mit seinem unfreiwilligen Kabarett einen unvorteilhaften Eintrag in seine öffentliche Chronologie provoziert.
- Abgeordneter der Linken lässt Wikipedia sperren [welt.de]
- Lutz Heilmann gegen die Wikipedia [netzpolitik.org]
- Das Land braucht eine neue Medienkompetenz [netzwertig.com]
- Wikipedia-Sperre: Bundestagsabgeordneter Heilmann kapituliert [heise.de] –
Heilmann erklärte gegenüber heise online er werde sobald wie möglich die juristischen Schritte einleiten, um die Einstweilige Verfügung aufheben zu lassen.
Oder auch Politiker, die das Internet von anderen bedienen lassen und vielleicht schon ein oder zwei Mal ins Internet geschaut haben.
Da wirkt das Versprechen von Googlern derzeit allemal noch vertrauenswürdiger.
- Solche Leute sollen die Tragweite der Veränderungen durch das (Social-)Web begreifen?
- Geschweige denn zum Beispiel Data-Mining und was Google eigentlich macht verstehen?
- Zukunftstaugliche Perspektiven entwickeln und ausarbeiten können?
Na da versuche ich mal schon aus purer Verzweiflung ganz schnell wieder Optimist zu werden.
Fazit: Allgemeinwissen ist nicht schädlich
Das Web – und die Zukunft damit – hat sich in vielen Köpfen längst etabliert. Die Geschäftsgrundlagen von Google und einhergehende Konsequenzen ungefähr zu verstehen, sollte daher mittlerweile zum Allgemeinwissen gehören. Vieles was sich seit einigen Jahren mit und im Umfeld des Unternehmens verändert, wird sich in den (digitalen) Geschichtsbüchern finden und die Welt geprägt haben.
Daher meine differenzierte Empfehlung:
- Klare Empfehlung für durchschnittliche Alltagsbenutzerinnen die wissen wollen (sollten), wie diese Leute von Google eigentlich ihr Geld verdienen und welche Bedeutung der einfache Suchschlitz auf ihrem Bildschirm hat. Im Gegensatz zur bereits rezensierten Google-Falle, wird das Thema von Reppesgaard nüchtern, differenziert und klar strukturiert aufbereitet.
- Verhaltene Empfehlung für diejenigen, die schon ganz gut wissen auf welcher Geschäftsgrundlage das Unternehmen basiert und wie das Web funktioniert. Diese Personengruppe wird eher anlassbezogene Literatur suchen, welche Teilbereiche des Unternehmens beleuchtet.
- Pflichtlektüre für Web-Unkundige der Politiker- und Manager-Kaste, die sich ihrer zuweilen erschreckenden Unkenntnis entledigen wollen und sich abseits der Lobbyisten und Kolumnenschreiber der Medienindustrie eine unabhängige Meinung bilden sollten!
Wenn Sie in das Buch reinschnuppern wollen, dann bieten sich die längeren Auszüge an, die das Manager-Magazin im September 2008 in einer Serie vorstellte:
- Das Google-Imperium: Software aus der Wolke
- Das Google-Imperium: Ein Roboter der Werbung
- Das Google-Imperium Der Klick in die Unabhängigkeit
- Abschnitt 1 von 1
Weitere Verweise zum Buch
- Google ist eine
Potentielle Bedrohung
- Interview mit dem Autor Lars Reppesgaard [Readers Edition] - Das Google Imperium - Gesprächszeit [Nordwestradio - Radio Bremen] – Das Interview befindet sich als Audio-Stream auf der Seite.
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 26. November 2008 auf Relevanz geprüft.
Daten zum Buch
- Das Google-Imperium
- Google kennt dich besser, als du denkst
- ISBN-10:
- 3867740461
- Autor(en):
- Lars Reppesgaard
- Weitere Daten:
- Murmann Verlag, 1. Auflage, August 2008
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- Datum:
- veröffentlicht am 26 November 2008, 18:54 MET.
- Artikel:
- Rezension: Das Google-Imperium [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/175
- Thema:
- Kommunikation, Empfehlungen, Bücher
- Stichworte:
- Datenschutz, Gesellschaft, Rezensionen, Suchmaschinen, Unternehmen, Wirtschaft
Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:
- Rezension: Die Google-Falle vom 22. Mai 2008
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