Rezension: Breaking News im Web 2.0
Montag, 21 April 2008 22:56 MET
Der Aufbau des Buches
- Vorworte
(Seite 7).
- Über die Zukunft des Journalismus (Viviane Reding – Mitglied der Europäischen Kommission für die Informationsgesellschaft und Medien).
- Plädoyer für einen besseren Journalismus – Ansichten eines Politikers (Alfred Gusenbauer).
- Die Geschichte macht das Medium – das Medium macht Geschichte (21).
Informative Abhandlung von den Anfängen des Buchdruckes bis zur Entwicklung von Tageszeitungen in Österreich seit 1945. - Die Presse macht erfolgreich (46).
Hier wird die Ausbildung der verschiedenen Ressorts der Nachrichtenangebote detailliert beschrieben. - Was den Journalisten macht (76).
- Presse, Macht, Freiheit (90).
Geschichte des Berufsstandes des Journalisten mit Beschreibung der österreichischen Besonderheiten und dem Journalisten Club als Interessensvertretung. - Macht und Pressefreiheit (124).
Sowohl selbstkritische Betrachtungen, als auch der Blick auf die eingeschränkte Pressefreiheit in vielen Ländern und Journalisten, die ihren Beruf auch mit dem Leben bezahlen. - Pressemacht im Äther (132).
Entwicklungen von Rundfunk und Fernsehen. - Breaking News im Web 2.0 (146).
Ein holpriges Herumgeeiere um das Web. Einige Auszüge folgen in diesem Beitrag. - Die Zukunft der Massenmedien (174).
Hier wird leider auch nichts konkret. - Kommunikations-(Un)Profi Mensch (196).
Auf den letzten paar Seiten versucht sich der Autor und Herausgeber an einer These, Aussagen und Ausblicken. Auch hierzu mehr in diesem Beitrag. - Anhang (204).
Hier werden die wichtigsten Daten einer empirischen Erhebung (Journalisten-Report) des Medienhauses-Wien über Struktur und Zusammensetzung österreichischer Journalistinnen präsentiert.
Der Autor und Herausgeber, Fred Turnheim, ist derzeit Präsident des Österreichischen Journalisten Clubs und unterrichtet neben Journalismus
und Public-Relations
auch das Fach Neue Medien
.
Neue Medien
– für manche nur ein Fach
Da entdeckt der Autor als Schlussfolgerung auf Seite 160, dass selbst Angebote, die in der gegenwärtigen Medienlandschaft traditionellen Typs keine Chance auf nennenswerte Verbreitung haben, im Web durchaus ihr Publikum finden
. Nun, es gibt dafür ein – mittlerweile als Standardwerk zu bezeichnendes – Buch von Chris Anderson, The Long Tail.
Da wird uns erklärt, dass das Web – wir hören und staunen – eine Art Rückkanal hat, Meldungen und Rückmeldungen viel schneller von statten gehen als in Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen. Der letzte Satz dieser aufschlussreichen
Erklärungen liest sich dann wie aus einem Schulbuch anno 1989 über das Internet:
Mehrere Aktualitätsebenen können miteinander kombiniert und durch elektronische Links miteinander verknüpft werden. Seite 162
Oder können Sie mit folgender Erklärung zur Funktionsweise von Blogs etwas anfangen?
Andere Dienste ermöglichen den Zugriff auf fremde Rechner, etwa zum Zweck des gemeinschaftlichen Publizierens (Beispiel: Weblogs). Seite 147
Ich kann nicht einmal den Wahrheitsgehalt dieser Aussage prüfen. Unter fremder Rechner
kann ja auch ein Server gemeint sein und mit gemeinschaftlichem Publizieren
kann auch alles mögliche gemeint sein. Solch sinnleere Beschreibungen sind aber mit Sicherheit auch kein Beitrag zur Alphabetisierung der Netz-Abstinenten – für andere kann das ja nicht geschrieben sein.
Moblogging (= Mobile-Blogging)
Jeden Tag gehen hunderte Agenturmeldungen raus. So auch am 25. Mai 2005 ein Artikel von Christiane Link, eine in London lebende deutsche Journalistin, via dpa (Deutsche Presse-Agentur), der sich mit dem damals neu aufkommenden Thema mobiles Bloggen
beschäftigt.
Ein Auszug aus diesem Text in eine Suchmaschine eingegeben, zeigt auf Anhieb mindestens 20 bis 30 verschiedene (online) Zeitungsartikel, in denen dieser Agenturbeitrag mit freilich unterschiedlichen Überschriften von vielen Medien fast wortgleich am selben Tag übernommen wurde.
Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie fantasielos die Arbeitsmethoden der gedruckten Zeitung in das Web übernommen werden und das Medium nicht verstanden wird.
Wir brauchen keine Gatekeeper mehr im Web, die Meldungen nur kopieren. Da könnt ihr gleich XML-Feeds einsetzen.
Was das alles mit diesem Buch zu tun hat
Der Autor übernimmt diese Agenturmeldung wortgleich über zwei Seiten des Buches. Nur im zweiten Absatz (Seite 168) wird die Journalistin Claudia Zettel (aber ohne konkrete Quellenangabe) zu einem Satz davon als Autorin bezeichnet, die aber offenbar auch nicht die ursprüngliche Urheberin ist. (Jede Aufklärung zum genauen Sachverhalt willkommen!)
Weiter geht es dann, indem die wortgleichen Sätze nur an verschiedenen Stellen eingesetzt werden, ohne Hinweis auf den ursrpünglichen Agenturbeitrag.
Aus welchen Wörtern sich das Wort Moblogging
zusammensetzt (Mobile
und Blogging
, also via Handy kurze Texte oder Fotos direkt ins Blog schreiben), wird vom Autor dabei nicht erklärt. Erstaunlich, wenn wir die schulbuchhaften oben zitierten Erklärungsversuche zum Internet ein paar Seiten vorher als Anspruch vergleichen.
Hier wird also eine mehr als zwei Jahre alte Agenturmeldung über das damals aufkommende Moblogging, das eigentlich nur ein spezieller Aspekt von Blogs ist, als Art Standardmethode von Bloggern hingestellt.
Ist das der Qualitätsjournalismus den der Autor und Herausgeber dieses Buches vom Klatsch und Tratsch
im Web unterschieden haben will? Hierzu seine These:
Klatsch und Tratsch werden eher in Richtung neue Medien gehen, der Qualitätsjournalismus wird weiter von hauptberuflichen Journalisten bestritten. Seite 201
Diese Ansage auf der vorletzten Seite ist übrigens die einzig konkrete Vorstellung (Vision), die sich irgendwie auf das Thema Web bezieht.
Anachronismus = Das Web im Buch
Das alles sagt uns, dass der Autor ganz offensichtlich nicht all zu viel Erfahrungen mit dem Web (2.0) hat. Es zeigt uns auch, dass Journalisten viel schwadronieren und aus jedem Thema 200 Seiten machen können. Und auf der letzten Seite kommt es dann, wie es kommen muss: Second Life
muss als schwammig definierte journalistische Option auch noch herhalten.
Auch die Schreibweise Blogg
(mit Doppel-G) lässt auf einen seltenen Umgang mit dem Medium schließen. Auf Seite 7 und 201 rutschte den Lektoren dann aber doch noch das Blog
mit einem einsamen G durch.
Formulierungen wie Homepage des Privatmannes
(Seite 160) oder für die in der Klemme zwischen Quote und Objektivität befindlichen Journalisten dann der Privatmann glaubt in die Bresche springen zu müssen
(Seite 165), stoßen mir auf wie die Gurke im Hamburger und zeigen, dass
- geschlechterneutrale oder -ausgleichende Formulierungen beim Autor noch nicht angekommen sind und
- Bürgerjournalismus für ihn nur ein Zeichen frustierter Bürgerinnen ist, die ja doch alle nach objektiver Berichterstattung durch die professionelle Zunft lechzen. Das
schlimme System
aber die Journalisten an objektiver Schreibe hindert.
Auf Seite 143 wird konstatiert, dass das Fernsehen in Zeiten von Langzeitarbeitslosigkeit als soziales Befriedigungselement fungiert
. Ein paar Seiten weiter wird aus einer Studie zitiert, dass Jugendliche sich Online verbinden um an interessante Informationen zu kommen
(Seite 154) und auf der selben Seite will der Autor diese Jugendlichen wieder flegmatisch vor der Glotze sitzen sehen:
Umgekehrt betrachtet bieten sich für Hörfunk- und Fernsehanbieter breite Möglichkeiten, dieses junge Publikum via Online-Auftritt wieder an das originäre Programm zurückzuführen und zu binden. Seite 154
Und dem nicht genug, werden auch noch Clemens Hüffel und Anneliese Rohrer aus einer Betrachtung (Zur Zukunft der Massenmedien
) zitiert – typischerweise immer aus Offline-Quellen –, die Jugendliche auch im Web abholen
wollen, um sie wieder an die Tugend des gedruckten Wortes heranzuführen:
Gelingt es, junge Menschen über den Umweg durch das World Wide Web wieder an die klassischen Printprodukte heranzuführen, könnte der Verlust an Tageszeitungslesern gestoppt werden. Seite 175, zitiert Hüffel und Rohrer (vermutlich) aus Medienmacher (in) der Zukunft
Rührend wie sich denn alle um unsere Jugend bemühen, sie abholen
und begleiten
wollen.
Es ist eher umgekehrt:
Junge Menschen müssten diese Internet-Analphabeten abholen
und vor dem Anachronismus bewahren, damit sie nicht später mal nur mehr in vergilbten Blättern wühlen und sich intellektuell an dumpfbackenen Talk-Shows reiben müssen!
Das Web (2.0), oder früher auch Neue Medien
genannt, ist eben nicht zum Unterricht mit Hilfe alter Medien geeignet. Es muss erlebt und erfahren werden.
Wer im Glashaus sitzt …
Auf der letzten Seite schreibt Fred Turnheim, dass eine Technologiefeindlichkeit, wie sie heute noch in einigen Medienhäusern zu bemerken ist, der Vergangenheit angehören muss
und versteigt sich dann unglücklicherweise noch zu folgender Aussage:
Journalisten sind künftig Vorreiter bei der Einführung neuer Medientechnologien. So, wie es der ÖJC – als die größte Journalistenorganisation Österreichs – seit Jahrzehnten macht. Seite 202
Nun, da war ich auch schon auf der Website des Clubs und … musste erst mal tief Luft holen. Hätte er das doch nicht geschrieben, dann hätte ich kein Wort darüber verloren. So lässt es sich leider nicht vermeiden.
Ja spinne ich? Träume ich? Da redet der Präsi etwas von Vorreitern?
Was sich hier bietet ist tiefste Web-Steinzeit. Sowohl vom technischen Aufbau, als auch der Informationsstruktur. Die Technik (Frames, Code-Salat und alles was die Steinzeit bietet) ist hier nicht Thema und lasse es mal außen vor.
Es reicht, wenn ich zur Informationsstruktur – in diesem Fall von Professionisten – nur einen Punkt aufzähle:
Die aktuellen Meldungen, welche offenbar Seltenheitswert haben, sind nicht einmal mit Datum versehen. Leute, ich befinde mich hier auf der Website einer Journalistenorganisation und die News sind nicht einmal mit Datum versehen?
Von Newsfeeds und all dem modernen Web-Zeugs findet sich natürlich nichts auf dieser Website. Die eingebundenen OTS (Originaltext-Service)-Meldungen, die auch noch als Newsletter (stirbt sowas nicht endlich aus?) angeboten werden, kann ich mir auch selbst bei der APA-OTS (Austria Presse-Agentur Originaltext-Service) als Feed abonnieren.
Ich erspare mir einen extra Screenshot, aber falls die Website des ÖJC in naher Zukunft doch zeitgemäße Technik und dialogorientierte Informationen bietet, lassen Sie mich das wissen. Ich korrigiere die letzten Passagen gerne und abonniere dann den Newsfeed.
Mich würde ja nur noch interessieren, welche technologiefeindlichen Medienhäuser
Herr Turnheim eigentlich meint?
Vielleicht kann er vom Web 2.0 etwas lernen: Dass nämlich die Dinge beim Namen genannt werden und auf der Stelle auch dorthin verwiesen wird. Das Abdrucken von Web-Adressen scheint aber dem Herausgeber allgemein Schwierigkeiten zu bereiten, denn ich habe in diesem Buch nur eine solche (Seite 204) gefunden.
Fazit: Thema verfehlt
Da das Buch durchaus aufschlussreich die Geschichte des Journalismus im Allgemeinen und die Entwicklung des österreichischen Medienmarktes im Speziellen vermittelt und auch mit diversen Statistiken belegt, belasse ich es mit der Aussage, dass der Titel des Buches nicht zum Inhalt passt. Oder der Umkehrschluss: Thema verfehlt.
Wenn Sie Diskussionsansätze zu den Themen Journalismus
und Web 2.0
suchen, dann wird Sie dieses Buch nicht weiterbringen.
Suchen Sie und machen Sie Ihre Erfahrungen dort wo die Veränderungen stattfinden: im Web.
Hier noch zwei Vorschläge zu einem geeigneteren Titel beziehungsweise Untertitel:
- Geschichte der freien Presse – Journalismus im Wandel der Zeit
- Journalisten im Wandel – Geschichte österreichischer Medien
Einer dieser Buchtitel wäre zweifelsohne der bessere gewesen. Die paar holprigen Ansagen zu Web 2.0 rausgenommen und das Büchlein macht sich gut als Geschichts-Essay zum Journalismus.
- Abschnitt 1 von 1
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 21. April 2008 auf Relevanz geprüft.
Daten zum Buch
- Breaking News im Web 2.0
- Wozu wir Journalisten brauchen
- ISBN-10:
- 3854852142
- Autor(en):
- Fred Turnheim
- Weitere Daten:
- Verlag Molden, Wien, 1. Auflage, September 2007
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- Datum:
- veröffentlicht am 21 April 2008, 22:56 MET.
- Artikel:
- Rezension: Breaking News im Web 2.0 [hyperkontext | Weblog]
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- Thema:
- Kommunikation
- Stichworte:
- Medien, Rezensionen
Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:
- Journalisten, Zeitungen und Web 2.0 vom 20. Februar 2008
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