Mai 2009 im Kontext
Mittwoch, 03 Juni 2009 23:16 MET
Webgestaltung im Mai 2009
Im deutschen Google-Blog wurden die Rich Snippets vorgestellt und erklärt. Damit können sowohl mit Microformats, als auch mit RDFa zusätzliche Bedeutungen im Text ausgezeichnet werden, die dann in Suchergebnissen dargestellt werden können. Gute Idee.
Andreas Hecht [the-netbrain.de] hat eine eigene Version der beliebten Lightbox – zur Darstellung von Bilder-Galerien – entwickelt: Brainbox - die High Performance Lightbox. Das Besondere: Das Javascript hat nur 19,4 Kilobyte und ist im Vergleich zu anderen Versionen um einiges kleiner.
Die Aufmerksamkeit um HTML5 – dem kommenden Standard – reißt nicht ab und das hat gute Gründe.
HTML5
HTML 5 wird das Internet verändern – Browser lösen Betriebssystem als Entwicklungsumgebung ab
, verkündet mittlerweile auch pressetext das Thema für Nicht-Techies. Und Michael Gisiger erklärt die Zusammenhänge für all die Karli Managers und Internet-Ausdrucker auch noch mal sehr gut: HTML 5: Browser statt OS.
Gerade eben (3. Juni 2009, vor Freischalten meiner Mai-Rückschau) wurde auf Basicthinking ein Beitrag veröffentlicht, der bereits relevante Auswirkungen beschreibt: Erste Videoplattform stellt um: HTML 5 macht Flash überflüssig.
Tiefergehende Lektüre aus dem Mai:
- Für Tech-Consulties und Strategen: Warum Google auf die Einführung von HTML 5 drängt [t3n magazin]
- Für Techies und Web-Standardistas: Markup-Qualitätsstandards forcieren [molily]
Die Erkenntnis aus den zwei zuletzt angeführten Beiträgen und dem folgenden Teil ist auch, dass der weltgrößte Hersteller virtueller Fenster trotz neuem IE (Zustandsnummer 8) immer weiter ins Hintertreffen gerät.
Und wir dachten, der IE8 wird keine zusätzliche Arbeit verursachen.
IE8 – schwer getäuscht
Die IE8 overflow and expanding box bugs [edskes.net] zeigen uns schlimme Wahrheiten. Solche CSS-Fehlinterpretationen sind schwerwiegend, kommen nur im IE8 vor und sollten daher sorgfältig studiert werden.
Die Frage ist, ob die mit einem Fix behoben werden oder wieder mal zwei oder drei Jahre bis zum Release der nächsten Version nichts passiert. Aus Erfahrung dürfen wir zweiteres vermuten.
Gefunden habe ich den Hinweis zu diesen hässlichen IE8-Bugs übrigens in einem nicht minder interessanten Artikel von Chris Coyier über The CSS Overflow Property.
Und als anschauliche Abrundung in der IE-Abteilung vom Mai 2009 auch noch gleich 10 Useful CSS Properties Not Supported By Internet Explorer [Impressivewebs].
Meine Erwartung ist nach wie vor, dass die nachhinkende Entwicklung dieses Programmes mit immer weiter fallenden Marktanteilen irgendwann eingestellt und als Open-Source freigegeben wird. Oder auch die eigene Trident Rendering-Engine mit einer bestehenden (Webkit, Mozilla) beziehungsweise Neuentwicklung ausgetauscht wird.
Barrierefreiheit ist kein Weihnachtsmarkt
Anlässlich des alljährlichen Protesttages zur Gleichstellung behinderter Menschen bringt der bei Yahoo! arbeitende blinde Software-Entwickler Artur Ortega in einem Interview im CT-Magazin etwas Licht ins Dunkel und erklärt, warum die Trägheit der Verwaltung ein barrierefreies Internet verzögert [BIZEPS].
Manche Internet-Analphabeten stellen sich ja unter barrierefreien Websites irgendeine Sonderausstattung vor, die für ein paar vor sich hinlallende Geschöpfe
gemacht wird, welche gemeinhin nur zur Weihnachtszeit vor Fernsehkameras gezerrt werden.
Dass Entscheider
der Sorte Internet-Ausdrucker
bei ihren seltenen Ausflügen ins Web auf Grund umständlicher Bedienbarkeit, unverständlicher Textwüsten und nicht wahrgenommener Funktionen auf vielen Websites selbst schon Opfer mangelnder Zugänglichkeit wurden, ist die Ironie dabei – Viele Netz-Nutzer kennen keine Internet-Barrieren [Barrierekompass].
Für die vier Grundprinzipien braucht niemand weihnachtliche Almosen, herzzerreißende Vorführungen und Absichtserklärungen.
Ein barrierefreies, zugängliches Internet betrifft alle Menschen (und auch Programme) und die überwiegende Mehrheit aller derzeit im Web befindlichen Seiten setzt dies nicht ausreichend um.
- Wahrnehmbarkeit,
- Bedienbarkeit,
- Verständlichkeit und
- Robustheit.
Mehr Kompetenz und Akzeptanz
Es braucht viel mehr kompetente Webworker, vor allem auch aus den Reihen von Menschen mit Einschränkungen, die adäquat bezahlt werden und deren Wissen akzeptiert und angenommen wird, die das Web zum Vorteil aller zugänglicher machen.
-
Dann würden solche Dinge nicht passieren:
- Die CSS-Eigenschaft outline wird per Reset gedankenlos weggenommen, anstatt vielleicht noch zu erweitern: Do not remove the outline from links and form controls [Roger Johansson]. Habe ich auch schon einmal beschrieben: Der Tastatur den Fokus zeigen.
- 58% aller Webseiten setzen überhaupt keine HTML-Überschriften ein und noch mehr Unsinn: Unschöne Wahrheiten [Einfach für Alle]
Even if its on the screen, your navigation might as well be invisible if users dont look at it
, Top 10 Information Architecture Mistakes [Jakob Nielsen].
-
Von Dokumenten die allen etwas bringen, wären mehr im Web, wie die folgenden:
- Refreshable Braille and the Web [DingoAccess] – anschauliches Video, wie ein Blinder mit Braille-Zeile arbeitet.
Das Besondere: Zum Video gibt es auch eine Transkription. Damit versteht nicht nur eine gehörlose Person das Gesprochene, sondern auch jede Suchmaschine. - Die Podcasts vom A-Tag hat Eric Eggert nun komplettiert (Audiomitschnitte vom A-Tag 08 online).
Und auch hier dasAha
-Erlebnis für so manche, die sich mitunter noch nie Gedanken darüber gemacht haben: Mit schriftlicher Aufbereitung kann ein akustisch aufgenommener Vortrag nun nicht nur von Gehörlosen verstanden, sondern auch von Suchmaschinen indiziert werden. Alles klar? - Mel Pedley beschreibt die vorbildhafte Site einer englischen Frühstückspension auf Accessites.org, die ich gerne auch gleich direkt verknüpfe: Orion House Bed and Breakfast, Port Isaac.
- Refreshable Braille and the Web [DingoAccess] – anschauliches Video, wie ein Blinder mit Braille-Zeile arbeitet.
Perfide in die Irre geführt
Im Mai fiel mir immer wieder dieser Satz ein: In die Irre geführt
. Es ist nämlich ein schmaler Grat zwischen Aufklärung, Erklärung, lustvoller Verführung – dem Wecken von Bedürfnissen, wie Romantiker der Werbung und PR-Arbeit dies wohl beschreiben würden – und der vorsätzlichen Irreführung. Schlimmer noch: Immer öfter der Perfidie, also eigenen Vorteil durch kalkuliertes Ausnützen eines Vertrauensverhältnisses zu erlangen – meist auf Kosten oder zum Schaden anderer.
Dann wurde es wörtlich in einem Artikel bei business-wissen.de erwähnt: Mitarbeiter (ver)führen anstatt sie in die Irre führen.
Soweit geht der Autor des zuvor erwähnten Artikels zwar nicht, aber ich meine, dass Manipulation durch Perfidie immer öfter in Organisationen das Mittel der Wahl wird.
Umair Haque drückt es auf harvardbusiness.org im letzten Monat ganz klar und unmissverständlich aus, wo wir uns seiner – und auch meiner – Meinung nach befinden:
So what we are left with are the institutions not of economic democracy, capitalism, or socialism – but of feudalism. In feudal systems, business
doesnt exist. Patronage does.
Thats exactly whats happening. The Beginning of the End of Business As We Know It
Es ist zwar nicht so, dass Perfidie und Irreführung neu erfundene Gräßlichkeiten der Menschen wären. Neu ist aber – und deswegen passt es thematisch auch in dieses Blog –, dass die Durchführbarkeit mit und durch das Web auf der einen Seite einfacher wird, gleichzeitig aber auch die Entlarvung durch das Social-Web rapide zunimmt.
Deutsche Bahn, Telekom, Lidl – ein großes deutsches Unternehmen nach dem anderen muss einräumen, in rechtswidriger Weise die Privatsphäre von Mitarbeitern und Dritten verletzt zu haben.Darin sehen die Bürgerrechtler letztlich aber nur einen
Vollzugder Linie, die der Staat der Wirtschaft seit Jahren vorgemacht habe. Trend zu Sicherheits- und Präventionsgesetzen bemängelt
Ich will einmal mehr auf die Gefahren aufmerksam machen und dazu anhalten, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Michael Gisiger verweist auf einige interessante Sites zur digitalen Selbstverteidigung und auch mein letzter Buchtipp passt gerade dazu: Ausgespäht und abgezockt.
Monat für Monat werden Listen, wie die folgende, vermutlich länger und ich müsste ein eigenes Blog führen um dabei auf dem Laufenden zu halten.
Das Positive: Mehr Transparenz, die durch das Web Einzug hält.
von Unternehmen
- Überwachung im Betrieb: Nicht einzelne Skandale, sondern allgemeines Muster [netzpolitik.org]
- E&Y-Studie: Mehr Korruption und zu wenig Whistleblowing [Whistleblower-Netzwerk]
- Starbucks-Kampagne ins Gegenteil verkehrt:
ein findiger Filmemacher namens Robert Greenwald nutzte den Kampagnenstart, um sein selbst produziertes Video über angeblich unlautere Geschäftspraktiken der Starbucks-Personalabteilung zu promoten
– Starbucks erntet trotz Social-Media-Kompetenz Widerspruch [PR-Blogger]. - LobbyControl enthüllt verdeckte PR-Aktivitäten der Deutschen Bahn [Lobbycontrol]
- DB: Internet-Foren und Radiobeiträge gefälscht [pressetext] –
Allein 2007 rund 1,3 Mio. Euro für verdeckte PR ausgegeben.
- DB: Internet-Foren und Radiobeiträge gefälscht [pressetext] –
- Imagepflege im Web: Viele Firmen im Steinzeitalter [pressetext]
von zensurseligen Internet-Blockaden und den Folgen
Wer wissen will, wovor JusProg e.V. die lieben Kleinen wirklich schützen will, sollte einmal versuchen, mit aktiviertem Jugendschutzfilter durch das politische Internet zu surfen. […] Neben Blogs und alternativen Medien trifft es aber auch einige Etablierte und sogar Parteien.
– Jugendschutz ad absurdum [Spiegelfechter]Ich glaube, man braucht auch hier keine Verschwörungstheorien, solange Unfähigkeit oder schlecht ausgebildetes Personal wahrscheinlicher erscheinen.
– Happy Overblocking! [netzpolitik.org]- Jugendschutz und politische Zensur [telepolis]
- Ausweitung der Sperrzone [Die Zeit] –
Die Blockade von Kinder[piep]grafie im Internet könnte nur der erste Schritt sein auf dem Weg zu umfassenden Sperren im Netz.
- Du bist Deutschland, Du hast Angst [Die Zeit] –
Wie stark das Video Du bist Terrorist den Nerv getroffen hat, zeigt eine neue Klagedrohung: Jemand fürchtet, durch den Film mit Terror in Verbindung gebracht zu werden.
- Internetsperren bald auch in Österreich [golem.de]
- Frankreich und die Raubkopierer [3sat.neues] –
kann nur hoffen, dass Europa sich von einem solchen Aktionismus nicht ausbremsen lässt.
[Diese Hoffnung habe ich schon aufgegeben; siehe gleich nächste Liste.]
von Politik(ern) allgemein
- Informationsfreiheit und Schutz von Informanten in Europa [Whistleblower-Netzwerk] –
Leider hat diese Initiative im derzeitigen EU-Parlament lediglich die Unterstützung von 21 Abgeordneten erhalten.
- Sicherheitslücken bei österreichischer Bürgerkarte trotz Zertifizierung [heise] –
Nun stellt sich heraus, dass Regierungsstellen und Hersteller ihnen seit 2006 bekannte Implementierungsfehler der
Bürgerkartenumgebung
genannten Software nicht veröffentlicht haben.
Satiren
Nach all diesem gefährlichen Schwachsinn braucht es einfach mal erleichterndes Lachen:
Erst wenn der letzte politische Blog zensiert, die letzte investigative Zeitung geschlossen und der letzte Journalist eingesperrt ist, werdet ihr herausfinden, dass DNS-Sperren nichts mit Kinder[piep]graphie zu tun haben.
Erst wenn der letzte…
Hier habe ich selten so gelacht:
Netnanny Uschi 1.0 – Danke an den/die Schöpfer/in.
Und dann sei noch an die Realsatire aus dem Jahr 2007 erinnert. Unter anderen peinlichen Akteuren auch mit Frau Zypries:
Brauser? Was isn jetzt noch mal Browser?
Diese Antwort bekamen Kinderreporter von der deutschen Justizministerin Zypries, als sie nach Browser fragten. Hier im Video zu sehen: Kinder fragen Politiker nach dem Internet [sevenload]
Denken wir das nächste Mal daran
In der Zwischenzeit sind ja schon zwei Jahre vergangen. Deswegen frage ich:
- Glauben wir, dass diese Frau Justizministerin das Wort
Browser
überhaupt richtig buchstabieren kann und nun sogar mit einer Funktion in Verbindung bringt? - Glauben wir, dass diese Frau Justizministerin in der Zwischenzeit einen Kurs absolviert hat oder gar selbst das Web benutzt? Schließlich geht es ja um die gewissenhafte Abwägung der Problematik von Netzsperren.
- Glauben wir, dass diese Frau Justizministerin im Zuge der Abwägung der rechtlichen Probleme das Akronym DNS (Domain Name System) richtig entschlüsselt und die Funktionsweise einordnen und schlüssig nachvollziehen kann?
Nein, natürlich glauben wir das nicht. Die Dame hat selbstverständlich Berater. Deswegen liegt die Antwort eher in einem kürzlich von mir geschriebenen Beitrag: Von Pädo- und Kasperkriminellen der Leyen.
Eindrucksvoll beweisen Spitzenpolitiker im Moment, was sie vom Internet und den Menschen die sich darin tummeln halten - gar nichts
– Seltsames Demokratieverständnis [Provinzblog]Mir scheint, im Kindergarten meiner Tochter herrscht ein deutlich besseres, offeneres und demokratischeres Klima, als derzeit bei den Politikern
– Twitter und die Politik [Wir sind das Volk]- Die unerträgliche Seichtigkeit der deutschen Internet-Debatte [netzwertig.com]
Denken wir das nächste Mal daran, bevor wir den Gang zu einer Wahlurne antreten (könnten)!
- Abschnitt 1 von 1
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 3. Juni 2009 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 03 Juni 2009, 23:16 MET.
- Artikel:
- Mai 2009 im Kontext [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/209
- Thema:
- Empfehlungen
- Stichworte:
- barrierearm, Browser, IE, IE8, Datenschutz, HTML, HTML5, Politik, Unternehmen
Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.
Mögliche themenverwandte Artikel aus dem Weblog
Blättern (chronologisch)
- « neuerer Artikel
- Facebook und die IT-Kapazität des Eidgenössischen Personalamtes
- älterer Artikel »
- Mit Little Boxes Buchautor Peter M. Müller im Gespräch

Die Kultur des neuen Kapitalismus