Kurioses und komisches auf Websites österreichischer Ministerien
Montag, 27 August 2007 05:44 MET
Die Kuriosen
Das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft tritt gleich unter 23 quasi Nicknames (und mehr) auf.
Land- und Forstwirtschaft
Ich verstehe, dass es beim langen Namen eines Ministeriums für Land- und Forstwirtschaft einen zündenden und einprägsamen Domainnamen braucht. Dazu wurde lebensministerium.at ins Leben gerufen. Soweit, so gut.
21 Subdomains
Dass sich diese Domain dann allerdings in 21 Subdomains teilt, wo sogar die Sitemap eine solche bildet, sich die meisten in einem neuen Fenster öffnen, eigene Suchfunktionen haben und jede derer dir zwei Cookies verpasst, ist blanker Irrsinn. (Eines der Cookies ist allerdings nur für die Dauer der Sitzung, das andere ist für ein paar Stunden gültig.)
23 weitere Domains
Dem technischen Irrsinn von 21 Subdomains zu lebensministerium.at folgt allerdings noch ein informationsstruktureller Wahnsinn von 23 weiteren Domains.
Allerdings sind das noch nicht alle und der Überblick ist faktisch unmöglich.
- walddialog.at
- forstnet.at
- genuss-region.at
- richtigsammeln.at
- exportinitiative.at
- gentechnikfreiheit.at
- und viele viele mehr
Diese 23 (und mehr) verpassen dir natürlich auch jeweils zwei Cookies, öffnen sich mehrheitlich in neuen Fenstern und haben eigene Suchfunktionen, die sich nur auf die jeweilige Domain beschränken. Nach zehn Minuten Benutzung habe ich rund zehn offene Fenster und fünfzig(!) Cookies auf meiner Festplatte.
Welche Ziele damit verfolgt werden, würde ich gerne von denen erklärt bekommen, die sich den Wahnsinn ausgedacht haben.
Und weil sich die Erfinder wahrscheinlich selbst nicht mehr auskennen, haben sie sicherheitshalber auf der Subdomain hilfe.lebensministerium.at eine Anleitung verfasst, die du gefälligst studieren solltest, bevor du dich auf die Reise in die unendlichen Weiten von Domänen und Unterdomänen der österreichischen Land- und Forstwirtschaft begibst.
Datenschutz und Sicherheit
Einzelne Seiten werden vom CMS (Content Management System) aus einem Cache ausgeliefert. In welchen Abständen sich der Cache erneuert, also die Seite tatsächlich vom CMS neu generiert wird, hängt im Normalfall von den Einstellungen und der Belastung ab.
Die aus dem Cache gelieferten Seiten bieten nun eine seltsame Eigenheit:
Im Quellcode wird innerhalb eines HTML-Kommentarbereiches die Browserkennung, das Betriebssystem und die IP-Adresse desjenigen angezeigt, der mit seinem Aufruf den Cache für eine neue Zeitspanne kreiert hatte. Das halte ich aus Sicht des Datenschutzes für bedenklich.
Ehrlich gesagt halte ich das nicht nur für bedenklich, sondern für eine handfeste Schlamperei.
Auf gut Deutsch heißt das nämlich, dass jeder – zwar unsystematisch, aber doch – einsehen kann, wer bestimmte Seiten zu einem Zeitpunkt abgerufen hat und welches Programm und Betriebssystem hierfür genutzt wurde.
Mit einer IP-Adressen-Suche kann ich anschließend feststellen, von wo die Zugriffe kamen. Handelt es sich um eine fest zugewiesene IP-Adresse, kann ich somit als stinknormaler Nutzer feststellen, dass jemand von der Firma XY am soundsovielten, um 8:30, mit Browser XY den Artikel XY beim Ministerium für Land- und Forstwirtschaft abgerufen hat.
da schaut eh keiner nach
Es stellt sich also noch zusätzlich die Frage, ob die technisch Verantwortlichen nicht nur einen fetischhaften Domänentick haben, sondern sicherheitstechnisch auch nach dem Motto hat mir keiner gesagt
oder da schaut eh keiner nach
agieren.
Mit diesen Vorgaben würde es mich nicht wundern, wenn der Administrations-Zugang von außen zu dem CMS unter admin
zu finden ist und das Passwort admin
lautet.
Welche Farbe wollen Sie denn heute sehen?
Unzählige Farben und Farbkombinationen, die eigentlich als Orientierungshilfe gedacht sind, verwirren dann noch komplett. So gesehen haben (farben)blinde Menschen und reine Programme auf diesen Seiten wenigstens den Vorteil von etwas weniger Verwirrung.
Formal standardkonform heißt noch lange nicht praktikabel
Das wirklich Kuriose ist aber, dass die Mehrzahl der einzelnen Seiten recht standardkonform und zugänglich ist.
Die oben geschilderten Zustände – anders kann ich das nicht nennen – führen allerdings Webstandards und Zugänglichkeit einer einzelnen Seite im Kontext ad absurdum und brauchen daher gleich gar nicht weiter erläutert werden.
Abgesehen davon, entsprechen einige Domains, wie zum Beispiel walddialog.at, wiederum überhaupt keinen Standards. Fast könnte ich von Verwirrungstaktik sprechen und bedauere jeden, der die Seiten ernsthaft – mit welchem Ziel auch immer – benutzen will.
Die Ignoranten
Die folgenden Websites österreichischer Ministerien haben das Thema Webstandards, semantisches Markup und allgemeine Zugänglichkeit bis jetzt offenbar verdrängt oder ignoriert:
- Bundesministerium für Inneres
- Bundesministerium für Justiz
- Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit
- Gesundheit, Familie und Jugend
- Außenministerium – hier gibt es ja immerhin eine Textversion (wenigstens nennt sich die nicht
barrierefrei
), die allerdings genauso unsemantisch daherkommt wie die Standardseiten. - Finanzministerium
Es macht überhaupt keinen Sinn, Websites die Lichtjahre von modernem Markup entfernt sind, zu kritisieren. Deswegen zeige ich hier die selbe Ignoranz: Kein Kommentar
.
Und wenn ich schon bei den Ignoranten bin, dann verweise ich auch auf den Leitartikel dieser Serie – Webstandards bei Ministerien und Landesseiten in Österreich – wo bis auf Wien und dem Burgenland alle offiziellen Websites der Landeshauptstädte und Bundesländer nur schweigend zur Kenntnis genommen werden können.
Guter Wille reicht nicht
Guter Wille, Presseaussendungen und Erhebungsdokumente (aus dem Jahr 2004) reichen nicht zur konsequenten Umsetzung von Webstandards und barrierearmen Seiten! Kompetenz, Konsequenz und Ernsthaftigkeit gegenüber diesem Themenkomplex ist dringend anzuraten.
Damit beende ich meine kleine Serie zu behördlichen standardkonformen Websites. Ich schaue nächstes Jahr wieder genauer nach und freue mich darauf, wenn ich dann doch über die ein oder anderen modernen Seiten schreiben könnte.
Denn wie heißt es so schön?
Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Weitere Links zum Thema
- Serie: Webstandards bei Ministerien und Landesseiten in Österreich – Auflistung der Artikel dieser Serie
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 26. August 2007 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 27 August 2007, 05:44 MET.
- Artikel:
- Kurioses und komisches auf Websites österreichischer Ministerien [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/79
- Thema:
- Webgestaltung
- Stichworte:
- barrierearm, Behörden, Serie01, Webstandards
Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:
- Webstandards bei Ministerien und Landesseiten in Österreich vom 30. Juli 2007
Interne Bezugnahme von neueren Artikeln
- Österreich: Website Bundeskanzleramt ist barrierefrei vom 10. Dezember 2007
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