Kurioses und komisches auf Websites österreichischer Ministerien

Montag, 27 August 2007 05:44 MET

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Webgestaltung  
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Frau, die gewollt komisch schielt
Kurioses und komisches auf Websites österreichischer Ministerien [hyperkontext | Weblog]

Auf den Websites österreichischer Ministerien finden sich mitunter komische Versuche von Standardkonformität und auch kurioser Irrsinn.

Das halbe Dutzend der zwölf Ministerien zeigt bis dato allerdings überhaupt rüde Ignoranz zum Thema Barrierefreiheit.

Abschnitte

  1. Die Bilanz; die Grenzgänger, die Komischen und Möchtegern
  2. Die Kuriosen, die Ignoranten und wo guter Wille nicht reicht

Die Bilanz

Ich habe schon in meinem letzten Artikel auf das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur aufmerksam gemacht, welches derzeit die einzige Website von österreichischen Ministerien ist, die auch tatsächlich konsequent (mit kleinen Macken) modernes Markup sinnvoll einsetzt und daher auch ernsthaft als standardkonforme Site betrachtet werden kann.

Nachtrag vom 10. Dezember 2007:
Österreich: Website Bundeskanzleramt ist barrierefrei

Die anderen Ministerien

Natürlich heißt das nicht, dass alle anderen ministeriellen Websites für assistive Ausgabegeräte völlig unbenutzbar sind oder Suchmaschinen keine Informationen aus den Seiten erhalten.

  • Unsemantisches Markup kann ja durchaus auch von Textbrowsern halbwegs erfasst und mit etwas Fantasie interpretiert werden.
  • Die Benutzer von assistiven Geräten sind Barrieren im Alltag gewohnt und wissen sehr genau, wie übliche Probleme umschifft werden können. Solche Benutzer haben gelernt, auch mit Seiten aus dem vorigen Jahrhundert umzugehen und die benötigten Informationen herauszuholen.
  • Screenreader haben viele gängige sprachliche Nichtauszeichnungen sehr gut im Griff und können sie verständlich interpretieren.
  • Und letztendlich wird jeder Unsinn solange Sinn machen, wenn er von der Mehrheit so wahrgenommen werden will.

Sie können auch auf allen Vieren (fast) jeden geografischen Punkt auf diesem Planeten erreichen.

In diesem Sinne eine Liste von weiteren zugänglichen Seiten der österreichischen Ministerien und Bundeskanzleramt, mit einigen oder wenigen groben Einschränkungen, welche sich in den meisten Fällen nicht direkt formal auf Barrierefreiheit beziehen. Meist hapert es an Semantik, Dokumentenstruktur und/oder logischem, schlankem Markup, welches die Grundlagen zu sinnvoller Zugänglichkeit bildet.

Diese Liste stellt keine wertende Reihenfolge dar:

Die Grenzgänger, die Komischen und Möchtegern

Diese Websites bewegen sich in einem Spektrum des Problembewusstseins, aber lassen dann oft einen der ineinander greifenden Aspekte moderner Webgestaltung unter den Tisch fallen.

Beispiel Sozialministerium

Die Seiten des Sozialministeriums wurden vor rund zwei Jahren – nagele mich keiner auf den Zeitpunkt fest – standardkonform konzipiert und dementsprechend erstellt. Die Site hält auch recht konsequent diese Linie ein.

Es gibt nur einige Dinge wo ich mich frage, warum das denn sein muss und ich das Gefühl nicht loswerde, dass hier im Lauf der Zeit verschlimmbessert wurde:

  • Warum werden (sich wiederholende) Dekorationsgrafiken völlig unnötig direkt ins Markup gepflanzt?
  • Warum werden Hauptnavigationspunkte in lauter unsemantische DIV-Abschnitte gezwängt, anstatt als logische Liste zu erscheinen?
  • Und warum bestehen die Seitenandressen zum großen Teil aus ellenlangen Queries? Sprechende, einfach verständliche URL-Adressen sind ja keine Hexerei mit Hilfe von Rewriting und ähnlichen Möglichkeiten.

Die Website ist aber im Vergleich zu vielen vielen anderen komfortabel und mit ungewöhnlichen Ausgabegeräten zu bedienen, mit Abkürzungs- und Standorthinweisen ausgezeichnet und bietet sogar Vorlesesoftware an.

Sofern es nicht Verschlimmbesserungen gibt, ist die Website des Sozialministeriums praxisgerecht und zugänglich.

Beispiel Bundeskanzleramt

Das Bundeskanzleramt bietet ein zwiespältiges Bild.

Der hervorragende österreichische Amtshelfer (siehe auch Artikel von mir) und das sehr standardkonforme und zugängliche Weblog von Staatssekretär Lopatka sind gute Beispiele. Bei anderen Konstrukten aus diesem Hause frage ich mich, warum hier mit Tabellenverschlag und Frames hantiert wird.

Gehe ich vom Weblog des Herrn Lopatka auf die Seiten seines Sportressorts, dann packt mich der Schüttelfrost.

Abgesehen davon, dass das Ganze ein zwar soweit zugänglicher, aber unsemantischer Tabellenverschlag ist – auch die sogenannte alternative Darstellung –, wird auf jeder Seite der gerade aktuelle Menüpunkt als erster (auch als Nummer 1 gekennzeichnet) aufgelistet. Auf der nächsten Seite findet sich dieser Menüpunkt plötzlich irgendwo anders unter Nummer X. Hat sich da irgendjemand etwas überlegt dazu?

Die eigentlichen Seiten des Bundeskanzleramtes und (Österreich: Website Bundeskanzleramt ist barrierefrei) das Ressort für Frauen und Gleichstellung kommen wiederum recht zugänglich rüber, sind aber in ein völlig unnötiges, unsemantisches Tabellengerüst einbetoniert. Mitunter tauchen dann auch antiquierte Frames auf, wenn mal schnell eine Auflistung via Datenbankanbindung und .NET reingepfuscht werden muss.

Beispiel Wissenschaft und Forschung

Formale Barrierefreiheit lässt sich hier mit einer Mischung aus Fantasie und Ignoranz, untermauert durch softwarebeschränkte Prüfungsprogramme, durchaus festmachen.

Visuell meisterhaft, modern und flashig, scheint das Verständnis der Verantwortlichen für Webstandards und Zugänglichkeit noch sehr ausbaufähig zu sein. Offenbar wird bei Umsetzung von Semantik und Zugänglichkeit ausschließlich in die Fähigkeiten des Content Management Systems vertraut.

Viel Vergnügen, wenn sich jemand mit einem assistiven Gerät durch diese Dokumentenwüsten schlagen muss.

Von Überschriften und Dokumentenstruktur hat hier noch keiner etwas gehört

Es ist nicht zu glauben, aber auf der kompletten Website des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung finden sich nur H1-Überschriften. Weitere Unterteilungen existieren hier ganz einfach nicht. Im kompletten Pressebereich findet sich keine einzige Überschrift.

MenüIcon, MenüIcon, Subenü Icon, …

Manche Ausgabegeräte können wiederholenden Unsinn unterdrücken.

Ausschnitt aus der Navigation mit abgeschalteter Grafik

[+] Galerie der Screenshots

Jeder Benutzer eines Screenreaders tut mir hier leid, weil sich der ja nicht an nicht vorhandenen Überschriften orientieren kann und zusätzlich bei jedem Lesen der Navigationsleiste zehn Mal MenüIcon oder Subenü Icon hört.

Sprungmarken existieren nicht. Aber immerhin befindet sich die Navigation in einer Liste und der aktuelle Menüpunkt wird angezeigt.

Es ist notwendig zu wissen, warum etwas gemacht wird und an welcher Stelle.

Was an der einen Stelle überhaupt nicht existiert, gibt es woanders im Überfluss:
Damit auch jeder mit einem assistiven Ausgabegerät weiß, dass sich ein Link im selben Fenster öffnet, werde ich vor dem eigentlichen Linktext permanent mit dem Hinweis, öffnet einen internen Link im aktuellen Fenster, beglückt. Und damit ich es nicht vergesse, wird das auch noch via Titel-Attribut kommuniziert.

Wenn alle Links einer Seite in einem assistiven Programm aufgelistet werden – so wie es von vielen zur Übersicht gemacht wird – und jeder Linktext beginnt mit der selben langen Leier und erst zum Schluss kommt der eigentliche Text wohin der Link führt, ist das nicht lustig für Betroffene, die auf Sprachausgabe angewiesen sind. Das Vorlesen des Titel-Attributes lässt sich abstellen. Das generelle Unterdrücken des ALT-Attributes von Grafiken, widerspricht ganz klar dem Sinn der Sache.

BenutzerInnen verwenden mehrheitlich immer die Standardeinstellung

Ganz offensichtlich mutieren hier Menschen zu willenlosen Benutzern einer Software und übernehmen ungefragt die Standardeinstellungen.

Abgesehen davon, dass HTML-Überschriften im Repertoire der Verantwortlichen oder des CMS – je nachdem, wie ich die Sache sehe – nur in Form von H1 enthalten sind – ups… ich habe eine Seite entdeckt, die sich auch einer H6-Überschrift bedient (Screenshot) –, scheinen die Leute der Ansicht zu sein, dass jeder Absatz mit der Klasse bodytext versehen werden muss um Text anzeigen zu können. Offenbar die Standardeinstellung des CMS (Screenshot).

Wird Leerraum gebraucht, dann gibt es auch einen Absatz mit der Klasse bodytext, der dann mit gesperrten Leerzeichen versehen wird.

In den CSS (Cascading Style Sheets)-Dateien ist allerdings nirgends eine Klasse bodytext definiert. Hier wird also jedem Absatz x-mal ein Klassenattribut verpasst, welches in keinem Stylesheet jemals definiert wurde. Und wurde sie wirklich definiert, ist es genauso grober Unfug.

Und was machen die, wenn sie denn doch eine Überschrift brauchen?

Diese Frage wird hier souverän beantwortet: Diesmal wird der Absatz mit der Klasse news-single-header bezeichnet und wie es von Experten beziehungsweise dem CMS gemacht wird, via CSS (Cascading Style Sheets) fett dargestellt. Sehr beeindruckend.

An manchen Stellen wird durchaus auch ein semantisches <strong> zur Textauszeichnung verwendet.

Eine Definitionsliste dient hier dazu, BenutzerInnen, die FLASH (Plugin der Firma Adobe für Animationen und Filme) nicht installiert haben oder keine Grafik anzeigen lassen, eine Grafik als zu erklärenden Begriff anzuzeigen (Screenshot). Die Erklärung zum fehlenden Plugin folgt aber erst nach der Definitionsliste, in einem Absatz mit dem Attribut – …Sie haben es erraten – bodytext.

Und obwohl auf der gesamten Website fast nur Überschriften erster Ordnung vorkommen, werden im Stylesheet alle Überschriftenarten fein säuberlich definiert. Offenbar automatisch vom CMS, denn Verwendung finden diese Definitionen nicht.

Die 90er Retro-Show

Weiters finden sich noch anachronistische Formen

  • der Leergrafik, um Abstände zu markieren (Screenshot) und
  • der MouseOver-Effekt mit Java-Script, um Bildwechsel zu erzeugen (Screenshot)

Ganz so, als wenn die letzten sieben Jahre Diskussionen, Weiterentwicklung und Standardisierung nie stattgefunden hätten und hinter dem Namen CSS ein Geheimdienst vermutet wird.

Den Verantwortlichen empfehle ich folgendes Standardwerk:
Webdesign mit Webstandards von Jeffrey Zeldman

Die Kuriosen

Das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft tritt gleich unter 23 quasi Nicknames (und mehr) auf.

Land- und Forstwirtschaft

Ich verstehe, dass es beim langen Namen eines Ministeriums für Land- und Forstwirtschaft einen zündenden und einprägsamen Domainnamen braucht. Dazu wurde lebensministerium.at ins Leben gerufen. Soweit, so gut.

21 Subdomains

Dass sich diese Domain dann allerdings in 21 Subdomains teilt, wo sogar die Sitemap eine solche bildet, sich die meisten in einem neuen Fenster öffnen, eigene Suchfunktionen haben und jede derer dir zwei Cookies verpasst, ist blanker Irrsinn. (Eines der Cookies ist allerdings nur für die Dauer der Sitzung, das andere ist für ein paar Stunden gültig.)

23 weitere Domains

Dem technischen Irrsinn von 21 Subdomains zu lebensministerium.at folgt allerdings noch ein informationsstruktureller Wahnsinn von 23 weiteren Domains.

Allerdings sind das noch nicht alle und der Überblick ist faktisch unmöglich.

Diese 23 (und mehr) verpassen dir natürlich auch jeweils zwei Cookies, öffnen sich mehrheitlich in neuen Fenstern und haben eigene Suchfunktionen, die sich nur auf die jeweilige Domain beschränken. Nach zehn Minuten Benutzung habe ich rund zehn offene Fenster und fünfzig(!) Cookies auf meiner Festplatte.

Welche Ziele damit verfolgt werden, würde ich gerne von denen erklärt bekommen, die sich den Wahnsinn ausgedacht haben.

Und weil sich die Erfinder wahrscheinlich selbst nicht mehr auskennen, haben sie sicherheitshalber auf der Subdomain hilfe.lebensministerium.at eine Anleitung verfasst, die du gefälligst studieren solltest, bevor du dich auf die Reise in die unendlichen Weiten von Domänen und Unterdomänen der österreichischen Land- und Forstwirtschaft begibst.

Datenschutz und Sicherheit

Einzelne Seiten werden vom CMS (Content Management System) aus einem Cache ausgeliefert. In welchen Abständen sich der Cache erneuert, also die Seite tatsächlich vom CMS neu generiert wird, hängt im Normalfall von den Einstellungen und der Belastung ab.

Die aus dem Cache gelieferten Seiten bieten nun eine seltsame Eigenheit:
Im Quellcode wird innerhalb eines HTML-Kommentarbereiches die Browserkennung, das Betriebssystem und die IP-Adresse desjenigen angezeigt, der mit seinem Aufruf den Cache für eine neue Zeitspanne kreiert hatte. Das halte ich aus Sicht des Datenschutzes für bedenklich.

Ehrlich gesagt halte ich das nicht nur für bedenklich, sondern für eine handfeste Schlamperei.

Erkennbare Benutzerdaten im Quelltext [+] vergrößern

Auf gut Deutsch heißt das nämlich, dass jeder – zwar unsystematisch, aber doch – einsehen kann, wer bestimmte Seiten zu einem Zeitpunkt abgerufen hat und welches Programm und Betriebssystem hierfür genutzt wurde.

Mit einer IP-Adressen-Suche kann ich anschließend feststellen, von wo die Zugriffe kamen. Handelt es sich um eine fest zugewiesene IP-Adresse, kann ich somit als stinknormaler Nutzer feststellen, dass jemand von der Firma XY am soundsovielten, um 8:30, mit Browser XY den Artikel XY beim Ministerium für Land- und Forstwirtschaft abgerufen hat.

da schaut eh keiner nach

Es stellt sich also noch zusätzlich die Frage, ob die technisch Verantwortlichen nicht nur einen fetischhaften Domänentick haben, sondern sicherheitstechnisch auch nach dem Motto hat mir keiner gesagt  oder da schaut eh keiner nach agieren.

Mit diesen Vorgaben würde es mich nicht wundern, wenn der Administrations-Zugang von außen zu dem CMS unter admin zu finden ist und das Passwort admin lautet.

Welche Farbe wollen Sie denn heute sehen?

Unzählige Farben und Farbkombinationen, die eigentlich als Orientierungshilfe gedacht sind, verwirren dann noch komplett. So gesehen haben (farben)blinde Menschen und reine Programme auf diesen Seiten wenigstens den Vorteil von etwas weniger Verwirrung.

Formal standardkonform heißt noch lange nicht praktikabel

Das wirklich Kuriose ist aber, dass die Mehrzahl der einzelnen Seiten recht standardkonform und zugänglich ist.

Die oben geschilderten Zustände – anders kann ich das nicht nennen – führen allerdings Webstandards und Zugänglichkeit einer einzelnen Seite im Kontext ad absurdum und brauchen daher gleich gar nicht weiter erläutert werden.

Abgesehen davon, entsprechen einige Domains, wie zum Beispiel walddialog.at, wiederum überhaupt keinen Standards. Fast könnte ich von Verwirrungstaktik sprechen und bedauere jeden, der die Seiten ernsthaft – mit welchem Ziel auch immer – benutzen will.

Die Ignoranten

Die folgenden Websites österreichischer Ministerien haben das Thema Webstandards, semantisches Markup und allgemeine Zugänglichkeit bis jetzt offenbar verdrängt oder ignoriert:

Es macht überhaupt keinen Sinn, Websites die Lichtjahre von modernem Markup entfernt sind, zu kritisieren. Deswegen zeige ich hier die selbe Ignoranz: Kein Kommentar.

Und wenn ich schon bei den Ignoranten bin, dann verweise ich auch auf den Leitartikel dieser Serie – Webstandards bei Ministerien und Landesseiten in Österreich – wo bis auf Wien und dem Burgenland alle offiziellen Websites der Landeshauptstädte und Bundesländer nur schweigend zur Kenntnis genommen werden können.

Guter Wille reicht nicht

Guter Wille, Presseaussendungen und Erhebungsdokumente (aus dem Jahr 2004) reichen nicht zur konsequenten Umsetzung von Webstandards und barrierearmen Seiten! Kompetenz, Konsequenz und Ernsthaftigkeit gegenüber diesem Themenkomplex ist dringend anzuraten.

Damit beende ich meine kleine Serie zu behördlichen standardkonformen Websites. Ich schaue nächstes Jahr wieder genauer nach und freue mich darauf, wenn ich dann doch über die ein oder anderen modernen Seiten schreiben könnte.

Denn wie heißt es so schön?
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Datum:
veröffentlicht am 27 August 2007, 05:44 MET.
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