Karli Manager: Intranet 2.0 und die Kollaborateure
Samstag, 25 April 2009 20:10 MET
Vorige Woche stolperte ich bei business-wissen.de über den Artikel, Intranet 2.0 – Mit fünf Schritten zur sinnvollen Kommunikationsplattform, der einmal mehr in gut gemeinter Art das Potential eines sozialen, kollaborativen Intranets einem Management näher bringen will.
Ich empfinde solche Überzeugungsarbeit
mittlerweile als verschwendete Zeit und kann mich dem nur mehr in satirischer Art nähern. Und ich wurde die Vorstellung nicht mehr los, was sich der Karli Manager bei so einer Lektüre wohl denken mag. Aber alles der Reihe nach.
Zuerst stelle ich Ihnen Herrn Karli Manager – deutsche Aussprache [Mana:ger] – vor:
Karli Manager
Karli gehört der großen kosmopolitischen Familie Manager an. Karli ist nicht herausragend und hinter vorgehaltener Hand munkeln manche, er sei adoptiert worden.
Wie dem auch sei, Karli ist so wie die meisten seiner Familie.
- kumpelhaft arrogant,
- analytisch einfältig,
- kreativ raffgierig,
- hochbegabt eigennützig,
- proaktiv dumm,
- konsequent verantwortungslos,
- genial ideenlos,
- ausdauernd engstirnig,
- dynamisch feig,
- freundlich rücksichtslos,
- bescheiden arschkriechend,
- teamfähig menschenverachtend,
- extrovertiert ignorant und
- kompetent oberflächlich.
Kurz und gut, Karli ist mit diesen typischen Eigenschaften seiner Sippe ausgestattet, aber nur mittelmäßig. Deswegen besetzt er auch nur einen mittelmäßigen Job.
Karli Manager ist Direktor eines halbstaatlichen Unternehmens. Karli ist aber ganz froh keine eigene Firma zu haben und trotzdem den Big Boss markieren zu dürfen, denn sonst wär ja auch sein Geld weg, wenn da irgendwas schief läuft.
Er verdient eh so viel, dass es ihm ziemlich egal ist, ob in dem Unternehmen was weitergeht. Für den Fall der Kündigung hat er schon eine gute Abfindung vereinbart. Und ansonsten verabschiedet er sich sowieso in ein paar Jahren mit dieser Geldspritze.
Er freut sich über die halbe jährliche Million – und ein paar satte Boni, die sein Geheimnis bleiben – und wundert sich über viele seiner Familienangehörigen, die das Zehn-, ja sogar das Hundertfache verdienen, weil er sich gar nicht vorstellen kann, wofür die alle die Kohle brauchen. Bei Familientreffen lachen sie ihn denn auch immer aus. Nunja, Karli ist halt mittelmäßig.
Sein Großvater hat einmal gesagt, Karli, für den sozialen Status macht es keinen Unterschied, ob du als Direktor Teilhaber bist oder angestellt. Aber die Verantwortung unterscheidet sich. Und Verantwortung ist etwas, das ich dir einmal später erkläre.
Leider ist Großvater schon bald später gestorben und so hat Karli nie den zweiten Teil erfahren. Später hat dann auch keiner mehr von Verantwortung gesprochen. Ja doch, so ein paar rechtliche Sachen dafür hat er mal unterschreiben müssen.
Karli und das Intranet 2.0
Stellen wir uns also vor, in der Pressemappe unseres Karli landet durch Zufall der ausgedruckte Text des vorhin erwähnten Beitrages. Ein anderer Vorgang der Informationsbeschaffung ist ja in diesem Milieu leider nicht vorstellbar.
Nachfolgend also der Dialog zwischen dem lesenden und dem denkenden Karli Manager:
- #1 Karli liest
Schritt 1 – Lernen Sie Ihr Unternehmen kennen Oder: Wer ist Frau Meyer?
- #1.1 Karli denkt
Bin da ich gemeint? Meyer? Neue Sekretärin?
- #1.2 Liest
Außerdem hätte sie [Frau Meyer] einige Verbesserungsvorschläge für die internen Abläufe der Buchhaltung, weiß aber nicht so recht, an wen sie sich damit wenden könnte.
- #1.3 Denkt
Deswegen ist Frau Meyer eben eine Buchhalterin. Können ja nicht alle Chef sein. Gerne darf sie aber einen schriftlichen Vorschlag in einem verschlossenen Kuvert abgeben. Damit wir etwas zum Plaudern oder Lachen haben. Vielleicht verwenden wir es sogar.
- #1.4 Liest
Das Management kennt Frau Meyer nicht,
- #1.5 Denkt
Wozu auch? Wat für?
- #1.6 Liest
… würde aber durchaus von ihren Ideen profitieren.
- #1.7 Denkt
-
Sach ich ja immer: Ideen zu mir, Arbeit zu dir.
- #2 Karli liest
Schritt 2 – Arbeiten Sie in neuen Strukturen Oder: Frau Meyer wird innovativ
- #2.1 Karli denkt
Da fällt mir der Lenkungsausschuss für unser Strukturkonzept ein. Was hat die Meyer damit zu tun?
- #2.2 Liest
Deshalb sollte sich das Management genau überlegen, welchen Hauptzweck das Intranet erfüllen soll.
- #2.3 Denkt
-
Einer aus der Propaganda-Abteilung soll die richtigen Infos streuen. Ist doch klar wie Klosbrühe.
- #2.4 Liest
Frau Meyer kennt die Strukturen des Unternehmens von einem Organigramm her, das sie irgendwo einmal auf dem Server gefunden hat.
- #2.5 Denkt
Ui, da läuft was falsch. Wer ist Server? Meyer hätte das Organigramm doch per Hauspost bekommen sollen und es mit Unterschrift zur Kenntnis nehmen müssen.
- #2.6 Liest
Wichtig für den Aufbau eines Intranets sind eine konsistente Navigation und ein eindeutiges Branding.
- #2.7 Denkt
-
Auftrag an irgend ne olle Werbeagentur.
- #2.8 Liest
In jedem Fall sollte auf die Integration von Kollaborations-Tools, wie Nachrichten-Funktionen, und Diskussions-Foren zum direkten Austausch geachtet werden.
- #2.9 Denkt
-
Äh, was? Wir haben Kollaborateure? Es gibt eine fünfte Kolonne bei uns? Da muss wohl die Security ran.
- #2.10 Liest
In jedem Fall muss das Intranet konsistent und aktuell sein.
- #2.11 Denkt
-
Warum brauchen wir dann überhaupt ein Intranet? Die Info über das Betriebsfest oder die letzte Auszeichnung des Branchenverbandes können doch wie immer eingescannt und per E-Mail verschickt werden.
Auch der jährliche Weihnachtsbrief, dass wir viel geleistet haben, uns aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen und dieses Jahr noch mehr leisten müssen.
- #3 Karli liest
Schritt 3 – Lassen Sie kommunizieren Oder: Frau Meyer lernt sprechen
- #3.1 Karli denkt
Unsere Propaganda lassen wir eh zuverlässig kommunizieren. Die Meyer ist doch dabei egal, Herrgotnochmal … Grmpf.
- #3.2 Liest
Wer das Wort ergreift, zeigt Engagement und Interesse und fühlt sich mit seiner Meinung ernst genommen.
- #3.3 Denkt
Jawohl, hier steht was von meinen Stärken … vielleicht sollte ich doch zwei Mal im Jahr eine Ansprache halten?
- #3.4 Liest
Bevor Sie jedoch Ihre Mitarbeiter zu Wort kommen lassen …
- #3.5 Denkt
No, mal nicht so hastig. Dafür gibts das Vorschlagswesen und diverse Lenkungsausschüsse.
- #3.6 Liest
Wenn das Management postet, chattet und bloggt …
- #3.7 Denkt
-
Wat isn dat denn jetzt zum Henker?
- #3.8 Liest
Empfehlenswert ist beispielsweise ein Management-Blog, das intern und in persönlicher Tonalität über Neuigkeiten und Veränderungen informiert.
- #3.9 Denkt
-
Management-Board kenn ich. Management-Blog? Vielleicht ne andere Sitzanordnung? Da muss ich noch mal die Tussi von der Propaganda fragen, was das genau soll.
- #3.10 Liest
Die unterschiedlichen Kommunikationsplattformen und die dargebotenen Beteiligungsmöglichkeiten lassen eine Unternehmens-Community entstehen.
- #3.11 Denkt
Verdammt, was soll das jetzt mit dem Intranet? Versteh überhaupt nix mehr. Wir haben doch eh diese interne Propaganda-Abteilung.
- #3.12 Liest
Frau Meyer hat viele Ideen, wie man Prozesse vereinfachen könnte, und sucht dringend Leute, die ihre Meinung dazu äußern. Außerdem schreibt sie gerne.
- #3.13 Denkt
Was heißt hier schreiben? Dafür haben wir Tippsen. Was bildet sich diese Meyer ein? Die soll arbeiten. Wozu Meinung äußern? Mir wird das immer suspekter mit diesem Intranet.
- #4 Karli liest
Schritt 4 – Setzen Sie die richtigen Techniken ein Oder: Frau Meyer informiert sich
- #4.1 Karli denkt
Ja eben. Wir wollen ja auf Version 2.0 upgraden.
- #4.2 Liest
Frau Meyer lernt über das Netz Mitarbeiter von anderen Standorten kennen, sie schaut sich Filme aus der Produktion an und sieht im Firmen-Kalender immer die neuesten Veranstaltungen. Das Wiki …
- #4.3 Denkt
-
Diese Meyer will sich während der Arbeitszeit dann noch Filme wie Wicki und die starken Männer ansehen? Äh, und unsere Produktion stellt doch überhaupt keine Filme her. Wat soll denn de ganze Quatsch?
- #4.4 Liest
Eine Kollaborations-Software, die Teams, Filialen und Communities verbindet …
- #4.5 Denkt
Jetzt reichts! Da soll auch noch ein Programm eingesetzt werden, das die Kollaborateure verschiedener Abteilungen verbindet? Ja tickt meine Sekretärin nich mehr richtig? Warum bekomme ich sowas überhaupt auf den Schreibtisch?
- #5 Karli liest
Schritt 5 – Pflegen Sie Ihre Daten Oder: Eine neue Position für Frau Meyer
- #5.1 Karli denkt
Das macht meine Sekretärin sehr ordentlich. Neue Posten schreiben wir deswegen aber nicht aus.
- #5.2 Liest
Das Intranet ist eingeführt, die Mitarbeiter nutzen es fleißig und so ist ein erfolgreiches Projekt abgeschlossen, denken viele Unternehmensführer. Doch das Intranet ist ein niemals abzuschließendes Projekt.
- #5.3 Denkt
Nö, nö, da wird nix eingeführt. Soweit wird es bei uns sicher nicht kommen. Was soll das überhaupt alles? Frau Müller, äh… Meyer oder wie die Urschl heißt, soll die Buchhaltung machen und Kollaborateure müssen aufgespürt und überwacht werden.
Karli greift durch
Karli ist außer sich und brüllt nach seiner Sekretärin. Kaum geht die Tür auf, diktiert er schon:
- Vereinbaren Sie mit Heinzi Fazility [Chef von Gebäudeverwaltung] und Otto Cio [Chef der Informationstechnologie] einen ehestmöglichen Gesprächstermin. Schreiben Sie hierzu
Kollaborateure
mit Rufzeichen auf die Agenda. - Lassen Sie sich von einer HR-Tussi [meint Personalabteilung] die Akten und alle Informationen von einer … moment … ja,
Meyer
aus der Buchhaltung bringen. - Termin mit Uschi Propaganda [Chefin der Kommunikation] ansetzen: Es gibt offenbar Leute, die das Organigramm noch nicht unterschrieben haben.
- Setzen Sie für die nächste Management-Sitzung das Wort
Intranet
mit großem Fragezeichen auf den Tagesordnungspunkt
Und ja
, balzt Karli mit lechzendem Blick auf das Hinterteil der hinauseilenden Dame nach, reservieren Sie einen Tisch im
Goldenen Schleimbeutel
für das Mittagessen. Darf ich Sie einladen?
Das war genug Aufregung für Karli Manager. Wieder was erledigt
, denkt er und greift zur E-Mail-Mappe des heutigen Tages, die ihm seine Sekretärin vorhin noch schnell über den Tisch schob.
Übrigens: Die Sekretärin wollte nicht mit ihm Mittagessen.
Und Karli macht Geschäfte
So hat er mit Gabi Consulter – seiner Schwester aus einer Agentur, die irgendwas mit Beratung, aber auch mit Computer und Internet machen – im Goldenen Schleimbeutel
diniert.
Die hat ihm dann das mit den Kollaborateuren erklärt und die diskrete flächendeckende E-Mail Überwachung vorgeschlagen. Der hat er dann auch gleich den Auftrag für so ein Intranet zugesagt – muss natürlich noch von den Gremien abgesegnet werden.
Ja, Karli Manager kann eben auf seine Verwandtschaft zählen.
- Abschnitt 1 von 1
Hinweise:
- Die Quelle zu Karlis Gedanken: Intranet 2.0 – Mit fünf Schritten zur sinnvollen Kommunikationsplattform [business-wissen.de]
- Karli, Heinzi, Otto, Uschi und Gabi sind erfundene Figuren. Jede Ähnlichkeit wäre rein zufällig.
- Sollten Sie sich oder andere darin erkennen, wäre das auch nur purer Zufall.
- Datum:
- veröffentlicht am 25 April 2009, 20:10 MET.
- Artikel:
- Karli Manager: Intranet 2.0 und die Kollaborateure [hyperkontext | Weblog]
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- Thema:
- Kommunikation
- Stichworte:
- Intranet, Karli Manager, Unternehmen
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