Juli 2009 im Kontext
Freitag, 07 August 2009 16:48 MET
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- Juli 2009 im Kontext [hyperkontext | Weblog]
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Webgestaltung im Juli 2009
Es muss einmal ganz zu Anfang geschrieben werden: Michael Jendryschik hat seit dem Jahr 2000 eine herausragende Einführung in XHTML, CSS und Webdesign im Web und im Juli 2009 auf neuesten Stand gebracht. Seit dem Jahr 2004 gibt es diese Ressource auch gedruckt und käuflich und seit Ende 2008 in zweiter Auflage. So, das musste ich mal niederschreiben.
Eva Papst [wai-austria] hat (endlich) wieder einen Beitrag verfasst und verweist auf vorbildhafte Beispiele, wie und in welcher Art längere, alternative Bildbeschreibungen einzusetzen sind: Ein Bild oder 1000 Worte? – Bilder beschriften - Bilder beschreiben.
Ich entdeckte erst Anfang Juli einen Beitrag, der aus dem Juni stammt und zeitlich daher in den vorigen Monatsrückblick gepasst hätte: Wie sieht man als Blinder das Internet? – ein Interview mit vier sehbehinderten Internetexperten [Knetfeder Magazin].
Es sähe zwar doof aus, aber ich würde ein Standardlayout fordern
, sagt dann einer zum Schluss.
HTML5 ist auf dem Weg
Gehen wir davon aus, dass der Interviewte, der ein »Standardlayout« fordert, wohl nicht das visuelle Layout meint, sondern vielmehr eine standardisierte Kennzeichnung – vielleicht auch Anordnung – von Seitenbereichen auf HTML-Ebene. Nun, genau das ist das unermüdliche Bemühen und unter anderem der Sinn von Webstandards.
HTML5 nähert sich nun konkret diesem geäußerten Wunsch mit neuen Elementen, welche die Seitenbereiche (Kopf, Navigation, et cetera) einheitlich kennzeichnen. An diesen Standard-Elementen kann sich dann jedes Programm orientieren – also auch ein Screen-Reader.
Zu HTML5 entstehen derzeit permanent neue Beiträge und Ressourcen:
- 23 Essential HTML 5 Resources [carsonified.com]
- A Whole Lotta HTML5 Love [STC AccessAbility]
- HTML5 Tips: structral elements, Doctype and ARIA [iheni]
- Und es wird auch heftig diskutiert:
HTML 5: nav ambiguity resolved [Jeffrey Zeldman]- In Bezugnahme auf diese Diskussion kritisiert Markus Schlegel die deutschsprachige Web-Szene, die HTML5 gerne als den
heiligen Gral
verehrt – obwohl noch lange nicht verabschiedet – und provoziert mit der Aussage,HTML 5 ist Murks.
- In Bezugnahme auf diese Diskussion kritisiert Markus Schlegel die deutschsprachige Web-Szene, die HTML5 gerne als den
CSS
- Nicht nur mit CSS3, es geht auch mit dem IE: Text Rotation with CSS [Jonathan Snook]
- Anschaulich aufgezeichnet: All About Floats [css-tricks]
- Ohne eine einzige ID oder Klasse eine Seite gestalten. Das sollte mal als Prüfungsaufgabe in CSS-Lehrgängen vorgelegt werden: XAJ-Theme für Wordpress [trash-log]
- Neu gefunden – Die Tutorials und Beispiele dort, können dem ein oder anderen Anfänger durchaus helfen: CSS-Fundgrube mit Tipps, Tricks und Anleitungen
Sonst so aufgeschnappt
- Überarbeitung BITV-Test – Neuentwürfe der Prüfschritte zu Skalierbarkeit und Kontrasten
- Mobile Cross-Browser-Test: Gratis mit 1600 Handys surfen [CSS einfach erklärt] – Jens Kilgenstein, verweist in diesem Beitrag auf die Software MITE.
- Über einen Usability-Fail des IE: Auswahllisten mit der Tastatur bedienen [Webdesign Weisshart]
Verlorene Generationen
Da und dort wird schon an der Netzneutralität gesägt. ISP und Netzneutralität [wortgefecht] beschreibt einige Aspekte.
Auf dem Weg zum Zwei-Klassen-Web [3sat.neues] zeichnet eine düstere Zukunft, auf die wir uns aber sehr real zubewegen, wenn wir den Weg weiter von digitalen Analphabeten gestalten lassen.
If we do not, very quickly, make it easier and more consumer-friendly to access digital content, we could lose a whole generation as supporters of artistic creation and legal use of digital services. Economically, socially, and culturally, this would be a tragedy.Viviane Reding über ein digitales Europa als Ausweg aus der Krise
Anmerkung: Hervorhebung von mir.
Dass die Generation verloren geht, daran arbeitet derweil eine ganze Armada an Politikern und Karli Manager. Der digitale Riss geht quer durch Parteien und Gesellschaft, denn viele sehen das Internet immer noch als Spielzeug von Jugendlichen oder als böse Parallelwelt.
Vielleicht sollte aber auch einmal die Sichtweise gewechselt werden:
Dummschwätzende Politiker und dreiste Manager Karlis sind in Wirklichkeit die verlorenen Generationen!
Die unerträgliche Leichtigkeit der Politik
Die Zensursel der Laien brabbelte im Juli 2009 erneut einfach sinnloses und undurchdachtes Zeug vor sich her
, wie Thomas Knüwer das beschreibt: Der Lügen-Limbo der Ursula von der Leyen.
Rückblick: Erinnern wir uns an Grünen-Opi Ströbele im Jahr 2007: Ich habe leider einen Computer. […] Ja, ich habe eine Hompäidsch, kann sie aber überhaupt nicht bedienen.
In Tradition dieses klassischen Alt-68er-Fail scheint nun ein knapp 30 Jahre jüngerer grüner Don Quichote – Matthias Güldner – in den Kampf gegen Digitalien zu ziehen und publiziert seine unreflektierte Wortsülze auf Welt Online: Unerträgliche Leichtigkeit des Internets.
Nun Herr Güldner, nehmen Sie es in die Hand. Lebenslanges Lernen gilt auch für Politiker.
Digitales Analphabetentum ist kein Schicksal
Am 2. August rudert dieser Grüne, digitale Analphabet, mit einem Gastbeitrag auf netzpolitik.org zurück. Zum ersten Mal lese ich von einem Internet-Ausdrucker, dass er einen deutlichen Riss in der Gesellschaft verspürt und er wohl zur Gruppe der Analphabeten dieser digitalen Spaltung gehört.
Ein anderer Spitzenpolitiker der deutschen Nachbarn – einer mit hellroter Kriegsbemalung – sagt hingegen ganz offen, dass das Grundgesetz für ihn keinen Wert darstellt, wenn durch Nichtbeachtung einige Verbrecher gefasst werden: Dann nehme ich das in Kauf
. George W. Bush scheint diesen Mann sehr beeindruckt zu haben.
Dass eine gewisse Ernsthaftigkeit vonnöten wäre, zeigt ein paar hundert Kilometer südöstlich eine Frau mit selber Kriegsbemalung, aber aus anderem Dorf.
Zuckerbrot
Vorgeschichte: Die EU hat Österreich geklagt, weil die Vorratsdatenspeicherung noch nicht umgesetzt wurde. Die österreichische Ministerin für Verkehr, Innovation und Technologie, Doris Bures, äußerst sich hierzu:
Im Umgang mit personenbezogenen Daten ist größte Sorgfalt das oberste Gebot. Daher steht für mich im Vordergrund, dass eine Regelung gefunden wird, die den größtmöglichen Schutz persönlicher Daten sicherstellt. Entwurf für Vorratsdatenspeicherung wird im September vorliegen
Ist ja mal ein Wort, in Zeiten, in denen Machiavelli und John Wayne das Vorbild, chinesische Zensur-Infrastruktur das Leitbild für Politiker wird.
Peitsche
Für einige Gesetzesbastler in der Schweiz klingen die Worte der österreichischen Ministerin aber wohl wie das Geplapper eines kleinen Mädchens, das mit ihren Puppen spielt:
- Bund will Internet in Realtime überwachen [Blogging Tom]
- Und die Medien scheint das dort nicht zu interessieren, wie Karsten Füllhaas schreibt: Angriff auf Schweizer Surfer: Medienberichte lassen auf sich warten.
Was in der Schweiz jetzt eingeführt wird, wurde in Österreich traurigerweise schon vor einiger Zeit in einer dreisten parlamentarischen Nacht- und Nebelaktion durchgepeitscht. Auch damals ging das an den hiesigen Medien spurlos vorüber.
Die unerträgliche Leichtigkeit der Karlis
Zu allem Überdruss laufen auch noch die vielen Karli Manager herum, die da so ihr digitales Analphabetentum ohne Scham über Medien vebreiten lassen und dementsprechend kommentiert werden:
- Google ist böse. Und Gratis auch. Oder? [Zeit im Blog]
- Die Verlage wollen, dass der Staat »Fehlentwicklungen« im Internet korrigiert [Internet-Law]
- Hamburger Bankrott-Erklärung [Stefan Niggemeier]
- Der Mythos von der Gratiskultur [Indiskretion Ehrensache]
- Schäbige Inszenierung [Deutschlandradio] – Zur Diskussion um das Urheberrecht von Lars Reppesgaard
Dass die Karlis das alles natürlich selbst nicht Ernst nehmen, wenn es um ihren Vorteil geht, verdeutlichte die Redaktion von Spiegel TV: »Qualitätsjournalismus« klaut Beiträge aus dem Netz [netzpolitik.org].
Die menschliche Würde
Was so manche Manager Karlis sonst so treiben, zeigen auch wieder unzählige Meldungen über Datenmissbrauch und Überwachung, allein aus dem Juli 2009.
Da ja gemäß der zeitgeistigen Logik nun niemand Niemandem vertrauen darf, muss ganz selbstverständlich auch alles überwacht und kontrolliert werden:
- Mit Tigerlacke spannen und Datenschutz streichen [netwatcher24.at]
- Kein Geheimnis: Behörden spähten Konten aus – Ämter und Polizei führten 57.000 »Vermögensprüfungen« durch [pressetext]
- Amazons Kindle: Orwell’scher DRM-Sündenfall [netzwertig.com]
- Unzulässige Krankendatensammlung bei der Deutschen Bahn [heise]
Langsam müsste also auch der blödeste begreifen, dass es nicht darum geht, nichts verborgen zu haben, sondern für etwas zu kämpfen:
- Das Recht auf Respekt.
- Das Recht auf Intimsphäre.
- Die Gewissheit der Unschuldsvermutung.
- Das Recht, Vertrauen genießen zu dürfen.
- Die Freiheit, vorsätzlich vertrauen zu dürfen.
- Das Recht auf Individualität und nicht wie abgestempeltes Vieh behandelt zu werden.
Kurzum: Es geht um das Recht, menschenwürdig behandelt zu werden!
Zurück in die Reihe?
Im Weiterbildungsblog übersetzt Jochen Robes einige Stellen aus englischer Quelle, die ein Dilemma des prozessorientierten und überregulierten Zeitgeistes thematisieren:
Sind nicht viele Formen der Wissensarbeit heute nichts anderes als Routinetätigkeiten, eingebunden in Prozesse, Regeln und Policies, immer mit der Gefahr verbunden, entweder durch Software ersetzt oder outgesourct zu werden? Während die Zahl derer, die wirklich kreativ und innovativ sein dürfen, eher abnimmt? Are Knowledge Workers the New “Blue Collar” Workers?
Die Zukunft schreibt jedoch nie einfach die Vergangenheit fort
, wie Michael Risch in einem Artikel auf business-wissen.de über die Fähigkeit von Organisationen zur Innovation meint: Vom Nutzen und Gestalten einer adaptiven Lernkultur.
Das Problem ist mittlerweile, dass unsere Welt so komplex geworden ist, dass hierarchische Systeme in vielen Bereichen nur mehr wie schwimmende Kolosse, korrumpiert und hilflos, dahintreiben.
Ameisen scheinen uns in diesen Belangen voraus zu sein und eine Art Social-Media Komponente zu leben: Was wir von den Ameisen lernen können [Kulturmanagement Blog].
Wertschätzende Organisationskultur? Sinnerfüllte Menschen? Interaktives Intranet? Viele Karlis lachen sich doch einen Ast ab!
Der Kapitalismus ist gescheitert
Ein kurzer Ausflug in andere – nicht unmittelbar digitale – Bereiche zeigt uns aber ganz deutlich, dass keiner solcher Management Karlis je im Traum daran denkt, offene Kommunikationsstrukturen etablieren zu wollen:
- Ermittlungen gegen Metallunternehmen: Betrug bei Kurzarbeit? [Stuttgarter Nachrichten]
- Oder wenn es darum geht, korrekt arbeitende Staatsdiener loszuwerden: Wer aufmuckt wird zwangspsychiatrisiert [Whistleblower-Netzwerk].
Das sind keine Einzelfälle. Das ist etablierte Kultur – so pessimistisch und traurig das auch klingen mag – und in einigen Ländern Europas noch viel extremer ausgeprägt.
Wenn heute jemand das Wort Ethik gebraucht, wird er zumeist im Analogieschluss aus Machiavelli lächerlich gemacht und – aus dubioser sprachlicher Quelle gespeist – als Gutmensch
beschimpft.
Verantwortungsvolle Menschen werden gebraucht
Mutig schreibt Frank Hamm im Juli 2009 gegen diesen Zeitgeist über eine neue Berufsethik. Meine volle Unterstützung für diesen Beitrag!
In einem Gespräch mit dem Handelsblatt meint Fredmund Malik im Juli 2009: Der Kapitalismus ist gescheitert
.
Diese Ökonomen sind wohl überzeugt, dass ein Zurück in die Reihe
nicht mehr reicht.
Leander Wattig verbindet dieses Interview geschickt mit einem Vortrag von Don Tapscott – Rebuilding the World – in einem Blogeintrag: Don Tapscott und Fredmund Malik über Wege aus der Krise.
Verantwortungsvolle Menschen werden gebraucht! Zurück in die Reihe
, bringt mit Sicherheit immer weniger Sicherheit.
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Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 7. August 2009 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 07 August 2009, 16:48 MET.
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