Journalisten, Zeitungen und Web 2.0
Mittwoch, 20 Februar 2008 09:48 MET
Schwimmen auf der Nudelsuppe
Der österreichische Journalist Georg Holzer ortet dringenden Nachholbedarf in vielen Redaktionen und wartet mit 10 Tipps für seine KollegInnen 1 auf.
Neben Ratschlägen
- auch einmal zu
twittern
, - sich mit Video- und Podcasts zu beschäftigen,
- Blogs zu lesen oder
- gar selbst eines zu schreiben,
lässt die Unkenntnis über die logistischen Grundlagen der modernen Informationsbeschaffung besonders aufhorchen:
Es ist unglaublich, aber wahr: In so mancher Redaktion wissen über 90 Prozent nicht, was RSS ist. Dabei lebt gerade dieser Beruf davon, viel zu lesen und ständig am Puls der Zeit zu bleiben. Georg Holzer, Web 2.0 für Journalisten
Wenn ich diese Feststellung als Außenstehender interpretiere, müssen wir von ganzen Redaktionen ausgehen, die die Gegenwart verdrängen und sich in Partystimmung das ökonomische Grab schaufeln.
Scharen von Journalisten und Medienmachern die auf der Nudelsuppe daherschwimmen?
Oder doch nur Parasiten?
In den USA lässt eine Umfrage von Brodeur und MarketWire 2 aufhorchen:
Dort beziehen – nach eigenen Angaben der Journalisten – bereits 75% ihre Ideen aus Weblogs. Die große Mehrheit verweist dann allerdings kaum auf diese Quellen im eigenen Text oder beteiligt sich aktiv an Diskussionen.
Es hat etwas von einem Trittbrettfahrer. Ein Umstand, den die professionellen Schreiberlinge sonst gerne den vermeintlichen Amateuren aus der Blogosphäre vorwerfen
, konstatiert Michael Gisiger (Wort|ge|fecht) in seinen Erläuterungen 3 zu dieser Umfrage.
Während über dem großen Teich also offenbar die Mehrheit der Journalisten ganz freimütig zugibt sich von Blogs inspirieren zu lassen und Anregungen für eigene Texte zu finden, sollen in Mitteleuropa die meisten nicht einmal mit dem Wort RSS (Really Simple Syndication) etwas anfangen können?
Vielleicht verhält es sich ja so wie oft bei Wahlumfragen und dem tatsächlichen Wahlverhalten:
Da Blogs in unseren Breiten noch keine gesellschaftlich anerkannte kritische Masse erreicht haben, geben nur wenige der professionellen Schreiberlinge zu, solche zu lesen. Viele tun es vielleicht, aber verschweigen es sogar in der eigenen Redaktion.
Journalisten-Bashing ist nicht angebracht
Verallgemeinerungen – vor allem dieser Berufsgruppe – wären wohl sehr banal. Das Völkchen der Journalisten ist so interessant, vielfältig und bunt wie eine Kolonie australischer Sittiche.
Ich glaube, wir sollten uns der Sache über den systemischen und historischen Hintergrund nähern.
Während Journalisten früher hinter ihren Produkten zurücktraten, hat sich in den Web 2.0-Zeiten etwas entscheidendes geändert. Heute wollen die Leser durchaus den Autor hinter dem Text kennenlernen, nicht zuletzt um seine Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Klaus Eck (PR-Blogger)
Genauso wie wir mit den Arbeiterheeren des Industriezeitalters zunehmend nicht mehr weiterkommen, lässt sich dies auch auf den journalistischen Bereich umlegen. Gleichgeschaltete Redaktionen, Blattlinien
, Medienprodukte am Fließband. All das passt nicht mehr in eine – nennen wir es vorsichtig und mit Vorbehalt – entstehende Wissensgesellschaft.
Wenn keiner mehr frisst, das Ende gekommen ist
Diese anonymen journalistischen Fabriken verlieren das Vertrauen, wie Stefan Ruß-Mohl in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) kürzlich aus einem neuen Buch von Klaus Maier (Journalistik
) rezensierte 4. Demnach glauben gerade einmal noch 31 Prozent der Deutschen und 43 Prozent der Schweizer dem professionellen Geschreibsel.
Da ich das rezensierte Buch nicht gelesen habe, lasse ich das mal so stehen. Klaus Maier selbst kommentiert diese Rezension in seinem Blog zum Buch denn auch relativierend.
Es ist aber klar, dass sich seit ein paar Jahren massive Umwälzungen auch im Bereich der schreibenden Zunft in Gang gesetzt haben, die ein Weitermachen wie bisher
nicht erlauben. Ansonsten das ökonomische Ende ansteht.
Springt auf, der Online-Zug fährt schon
Langsam haben denn dann doch einige Zeitungen schon kapiert, dass Online-Leser anders ticken, diese immer mehr werden und sich irgendwie viel ändert. Nach der ZEIT
und der angekündigten Öffnung des Archivs vom SPIEGEL
, hat jetzt auch FOCUS
angekündigt, sein Archiv kostenlos zu öffnen 5. Und andere werden zügig folgen.
Es macht eben keinen Sinn, Artikel online zu stellen und ein paar Wochen später zu sperren und nur mehr für Abonnenten zugänglich zu machen.
- Welcher erfahrene Blogger verlinkt Zeitungsartikel, wenn der Verweis ein paar Wochen später tot ist?
- Wie soll ein Artikel bei einer Recherche gefunden und bekannt werden, wenn Suchmaschinen und Programme sie gar nicht erfassen können?
So etwas ist eben blanker Anachronismus in Reinkultur, der nun langsam auch von den Herausgebern als solcher erkannt wird.
Die Risiken von unrichtigen Aussagen aus Suchresultaten von alten Artikeln gehören eben zur digitalen Welt und wir werden lernen (müssen) damit umzugehen.
Online? Aber bitte mit Sahne
Die von Michael Gisiger zitierten Trittbrettfahrer orte ich eher in mitunter konzeptlos anmutenden Online-Spagaten
von traditionellen Zeitungen.
Das fängt schon damit an, dass sich journalistisches Schreiben für das Netz deutlich vom Schreiben für gedruckte Zeitungen oder Magazine unterscheidet
, wie Saim Alkan in einem Blog-Beitrag verdeutlicht 6.
Es zieht sich weiter über Konzeptlosigkeit, traditionelle Abläufe – zum Beispiel Agenturmeldungen wie am Fließband einfach in die Zeitung zu stellen – unreflektiert zu übernehmen.
Ich habe schon längst aufgehört, die mittlerweile doch vorhandenen RSS-Feeds von Zeitungen zu abonnieren.
Die Meldungen gleichen sich und sind – teilweise sogar wortgleiche – aufgewärmte Agenturmeldungen. Viel nützlicher ist es, gleich die Feeds von Presseportalen (zum Beispiel pressetext) oder Diensten wie etwa Rivva zu abonnieren, der gleich auch Zusammenhänge und Reaktionen zeigt.
Und es stellt sich die Frage, ob es langfristig ein solides Geschäftsmodell sein kann, wenn Online-Zeitungen nur mehr Plakatwände mit eingestreuten Agenturmeldungen sind. Viele Seiten präsentieren ein sichtbares Inhalt:Werbung Verhältnis von 1:4. Manche Werbungen dabei die Sicht auf den Inhalt verstellen und so weiter.
Alles was nur irgendwie am Bildschirm zuckt, wird gar nicht mehr angeguckt.
Die sogenannte Banner-Blindheit
sollte sich mittlerweile schon seit 1999 durchgesprochen haben. Ich persönlich frage mich ja, wie blöd eigentlich die werbenden Firmen sind, die solchen Unsinn produzieren lassen und Betreiber für das Abspielen zahlen.
Und jetzt ganz ehrlich: Wenn ich mal ohne Blocker unterwegs bin und mich springt zwei Mal hintereinander ein Layer an, der mir die Sicht auf den Inhalt verstellt, dann kann es schon sein, dass ich mir den Namen dieser Firma merke. Aber ganz sicher in dem Sinne, dass mir bei einer Kaufentscheidung dieser Name hilft, einen Kandidaten ausscheiden zu lassen!
Es sollte einmal ernsthaft überprüft werden, ob Betreiber solcher Seiten nicht eine Warnung für Epileptiker anbringen müssten, analog zu den gesetzlichen Bestimmungen bei Spielen.
Ganz zu schweigen vom Verhältnis des Datentransfers. Wo der eigentliche Inhalt samt dazugehörigen Bildern 60 bis 300 Kilobyte Daten ausmacht, wird zusätzlich dann Werbung von ein bis zwei, in Einzelfällen sogar bis neun Megabyte heruntergeladen. Das entspricht oft einem Verhältnis von 1:10–30!
Der gewiefte Leser benutzt Medienseiten sowieso nur mehr mit einem guten Werbe-Blocker oder schaltet Java-Script und Flash ganz einfach aus.
Mich würde interessieren, wie sich so manche Zeitungen ihre Web-Zukunft denn vorstellen.
- Werden wir beim Besuch solcher Seiten bald ein Gigabyte an Werbung mitladen?
- Werden Online-Zeitungen die Fähigkeiten von XML (Extensible Markup Language) auf ihre Weise entdecken, die meisten Journalisten entlassen und uns nur mehr mit automatisch generiertem Inhalt verschaukeln?
- Werden sich nach einer Phase des Werbe- und Manipulationswahnsinns doch ökonomisch und gesellschaftlich sinnvolle Konzepte durchsetzen?
Ich bin gespannt darauf.
2020: Subventionierte gedruckte Tageszeitungen
Die klassische Gatekeeper-Funktion löst sich im Web auf. Wir brauche keine Zwischenhändler für aktuelle Meldungen. Agenturmeldungen aufzuwärmen und online zu stellen ist sinnlos. Das geht nur mehr für gedruckte Exemplare.
Gedruckte Tageszeitungen – die Betonung liegt auf Tag
– werden aber spätestens in 15 Jahren nur mehr per Abonnement erhältlich und über Subventionen finanzierbar sein. Das ist meine Prognose. Abgesehen davon, dass es ja bereits jetzt schon diverse Presseförderungen gibt.
Einmal mehr digitale Spaltung
Es würde mich nicht wundern, wenn hier das bewährte
Modell des öffentlichen Rundfunks zum Einsatz kommt:
Für den Internetzugang wirst du dann erst einmal eine Pressegebühr zahlen, egal ob und welche Zeitungen du im Web liest, egal wie viel Werbung dort noch auf dich eintrommelt.
Mit solch einer Gebühr würden die Netz-Abstinenten und späteren Pensionisten die digitale Spaltung manifestieren und sich von den Jungen ihre gedruckten Abonnements subventionieren lassen.
Pünktlich geliefert um 5 Uhr Früh von zwangsverordneten Ein-Euro-Jobbern.
- Abschnitt 1 von 1
Quellenverzeichnis
- Web 2.0 für Journalisten [Georg Holzer]
- Journalisten holen sich aus Blogs Inspiration [PR-Blogger]
- Journalisten «klauen» bei Bloggern [wortgefecht.net]
- Vom Schwund des Vertrauens in die Medien [NZZ Online]
- Freie Fakten: “Focus” öffnet sein Archiv [onlinejournalismus.de]
- Zweimal Schreiben für das Netz [text-gold.de]
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 19. Februar 2008 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 20 Februar 2008, 09:48 MET.
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- Journalisten, Zeitungen und Web 2.0 [hyperkontext | Weblog]
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- Medien, RSS, Weblogs
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