Javascript - der Spaß hat Grenzen

Freitag, 29 August 2008 09:19 MET

Thema:
Webgestaltung, Kommunikation  
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Foto: Mann in Nahaufnahme mit drohendem Zeigefinger
Javascript - der Spaß hat Grenzen [hyperkontext | Weblog]

Die Widgetmania erfasst immer mehr Seiten. Die Macher reiben sich die Hände über die erhofften Werbeeinnahmen, die sie mit Werbeflächen auf anderen Seiten verdienen wollen. Alles ganz einfach mit Javascript. IntenseDebate und Lijit sind Beispiele dafür.

Wir könnten aber auch einmal die Entwickler der Javascript-Programme fragen, warum sie sich zumeist einen Dreck um Zugangsrichtlinien (WCAG 1 und 2) scheren und die Welt mit ihren ignoranten Kreationen bedienen.

Wo die Grenzen überschritten werden

Wir sind hip, wir machen auf AJAX (Asynchronous Javascript And XML) und mit fremden Webseiten unsere Kohle. So scheint das Motto der Betreiber mancher Web2.0-Dienste. Ob das gut geht, steht noch auf einem anderen Blatt.

Suchmaschinen sollen Ihre Kommentare nicht finden? Blinde brauchen keine Suchfunktion?

Millionen folgen der Mode und pflastern ihre Seiten mit unzähligen Widgets zu. Anfangs waren es ganz kleine Funktionen, mittlerweile werden da auch schon ganze Programme daraus, die große Teile des Inhalts einer Seite füllen.

Alles ganz einfach mit Javascript. Zugänglich? Barrierefrei? Wie bitte? Was soll das denn, wird da schon mal verwundert gefragt. Die Stimmung erinnert ein wenig an das Jahr 1999.

Zwei solcher Kandidaten der Überschreitung der Grenze von Vernunft und Zugänglichkeit (von mittlerweile etlichen) sind mir vor ein paar Tagen besonders aufgefallen:

IntenseDebate

  • Bei Ihnen kommentieren und lesen nur Leute mit Breitbandanschluss?
  • Ihre Besucher haben alle top ausgestattete Rechner, die nach 200KB Programmtext schaufeln das Skript ohne nennenswerte Verzögerung verarbeiten und auf der Seite darstellen?
  • Auf Ihren Webseiten hat niemand Javascript ausgeschaltet, verwendet niemand einen einfachen Text-Browser?
  • Die Kommentare auf Ihren Seiten sollen auch von keiner Suchmaschine erfasst werden?
  • Ohne Javascript soll niemand bemerken, dass ein Beitrag kommentiert werden könnte oder sogar schon Kommentare enthält?
  • Menschen mit Screen-Reader der letzten Version (die auch Javascript interpretieren) und Menschen die (temporär) auf Tastaturbedienung angewiesen sind, sollen die Kommentarfunktionen nicht bedienen können?

Dann haben Sie das ideale Programm mit IntenseDebate gefunden. Lässt sich mit FriendFeed, FeedFlare, Twitter und allerlei sonstigem hippen Kram mit ein paar Klicks verbinden und intensiver im Web2.0-Rausch schwelgen.

Ich höre schon die ersten Rufer die meinen, das Programm könnte doch auch gleich gesamte Blog-Beiträge verwalten. Damit können dann alle Einträge auf diversen Social-Web-Plattformen zentral verwaltet werden und…

Und auch in Online-Magazinen und Blogs werden die Dienste diskutiert. Das Wort Accessibility vermisse ich in all diesen Beiträgen und Zugang ohne Barrieren scheint kein Thema zu sein. Web2.0 und Barrierefreiheit sind da so weit auseinander wie Sonne und Erde.

Einige meinen wohl, Blog-Systeme und einsame Kommentarfunktionen sind Schnee von gestern und auch Suchfunktionen müssen im Web2.0 zusammengeführt werden. Unabhängige interne Suchen braucht kein Mensch mehr, denn es gibt ja jetzt

Lijit

  • Sie wollen die Suchfunktion vor Besucherinnen, die Javascript abgestellt haben oder das Ausgabeprogramm es nicht interpretieren kann, verstecken?
  • Sie wollen Ihren Besuchern bald schöne Werbebanner zwischen Ihren Suchergebnissen zeigen, für die Sie nicht einmal bezahlt werden?

Dann wäre das Such-Widget von Lijit für Sie interessant. 100% unsichtbar ohne Javascript.

Lijit fasst alle Ihre Beiträge, Rülpser und Zweizeiler aus verschiedenen Social-Web-Plattformen zusammen und präsentiert nach Eingabe eines Suchbegriffes die Resultate auf Ihrer ausgegrauten Seite im modernen Javascript-Lightbox-Layer.

Zugänglichkeit zum Geld motiviert

Im August 2008 hat Lijit 7,1 Millionen Dollar von einem Kapitalgeber lukriert um den nächsten Schritt zu finanzieren: Werbung zwischen die eingeblendeten Suchresultate zu schalten.

Platzieren Sie Schlüsselwort-Werbung in Suchresultaten auf tausenden von Sites und ausgesuchten Themen-Portalen, lautet derzeit die übersetzte Anpreisung dieses Systems auf der Startseite des Dienstes.

Daraus folgernd ist die Absicht von IntenseDebate und ähnlichen Diensten ziemlich klar. Früher oder später werden Werbebanner zwischen die Kommentare geschleust.

In diesem Fall gibt es dann gleich direkt auf deiner Seite die Werbung, dessen Art und Darstellung du wahrscheinlich weder beeinflussen kannst, noch an den Einnahmen beteiligt wirst.

Die neue Qualität

Es lässt sich nun darüber diskutieren, ob das Web2.0 die Trennung von meiner und deiner Site aufhebt. Ob wir uns von solchen Vorstellungen lösen sollten.

Wenn ich mir freiwillig ein Motiv auswähle und auf die Haut tätowieren lasse, dann ist das natürlich meine Entscheidung.

Wenn mir aber der Tätowierende nicht sagt, dass da ein Chip miteingepflanzt wird, der nach einiger Zeit neben dem von mir ausgewählten Motiv auch Werbung auf meiner Haut zeigt, die ich weder aussuche, noch dafür bezahlt werde, dann wäre das Irreführung und Ausbeutung. Denn es ist mein Körper, der da für den Profit anderer herhält.

Solche Modelle haben eine neue Qualität und ich will auf diese kalkulierten Geschäftsmodelle hinweisen, die anfangs den Beteiligten nicht wirklich kommuniziert werden. Wir müssen abwägen, ob wir auf diesen (ungleichen) Handel einsteigen wollen oder rechtzeitig wieder aussteigen.

Blauäugige träumen da gern den Traum eines Open-Source-, Web2.0-Märchens. Die Zugänglichkeit zum Geld motiviert die Betreiber natürlich mehr, als die ihrer Widgets und Programm-Schnipsel.

Verantwortung zur Barrierefreiheit

Früher waren es mehrheitlich ahnungslose Programmierer, die von Accessibility und zugänglichen Websites noch nichts gehört hatten oder gar schlicht ignorierten. Heute werden es immer mehr die Portal-, Website- und Blog-Betreiber.

Überzeugt und eingelullt von den praktischen Funktionen mancher Programm-Schnipsel, rechtfertigen sie unzugängliche Webseiten mit relativierendem Herumgeeiere.

Solche Attitüden kann ich nicht mehr hören.

  • Ja, aber ich habe doch keine blinden Benutzer oder
  • bei mir hat sich noch niemand beschwert oder
  • in der Praxis ist doch sowas gar nicht machbar oder
  • für ein paar Blinde kostet so eine Implementierung viel zu viel oder
  • Behinderte kommen doch gar nicht auf meine Seiten
  • und und und…

Wir könnten aber auch einmal die Entwickler der oben genannten Programme fragen, warum sie sich einen Dreck um Zugangsrichtlinien (WCAG 1 oder 2) scheren und die Welt mit ihren ignoranten Kreationen bedienen.

Die Antwort gebe ich hier selbstsicher gleich selbst:
Es geht nur um die Masse, die Crowds, die den Köder (dieses und jenes Widget) auf ihren Seiten einbauen sollen und die Basis für hunderttausende Werbeflächen präparieren, an denen in Zukunft die Ersteller verdienen wollen.

Auf privaten Seiten können wir machen, was wir für richtig halten. Wenn wir aber öffentlichen Anspruch haben – was wohl auf die meisten Websites zutrifft –, dann gibt es dafür Zugangsrichtlinien:

  1. Nach derzeit noch gültigen WCAG 1.0 (Web Content Accessibility Guidelines) müssen essentielle Funktionen und Teile einer Seite die mit Javascript aufbereitet sind, auch ohne benutzbar sein.
  2. Nach (den bald zu verabschiedenden) WCAG 2.0, ist Javascript gar nicht mehr verpönt. Nur müssen die Skripte dann auch dementsprechend erstellt sein, um zum Beispiel auch per Tastatur bedienbar zu sein.

In der Tat existieren assistive Programme zur Ausgabe, die mittlerweile auch Javascript interpretieren.

Abgesehen von den tausenden alten Skripts, die noch viele Jahre herumgeistern werden, halten sich viele Javascript-Programmierer nicht an die Richtlinien für Zugänglichkeit oder haben noch nie etwas davon gehört.

Bevor wir es also zulassen, ganze Teile unserer Webseiten mit Javascript und AJAX von anderen zupflastern zu lassen, deren Quelltexte und die Qualität sich täglich ändern können, sollten wir vorher innehalten und die Sache jeweils genauer ansehen.

Betreiber von öffentlichen Websites tragen Verantwortung. Auch für den barrierearmen Zugang zu ihren Angeboten. Im eigenen, aber auch im öffentlichen Interesse.

Abschnitt 1 von 1

Verweise zum Thema

Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 5. September 2008 auf Relevanz geprüft.

Datum:
veröffentlicht am 29 August 2008, 09:19 MET.
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