Intranet als strategischer Zündstoff

Sonntag, 09 September 2007 21:26 MET

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Kommunikation  
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Zwei Tonnen mit Aufschrift: Explosiv
Intranet als strategischer Zündstoff [hyperkontext | Weblog]
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Über Intranet 2.0 wird viel geredet. Nur leider weit weg von der Realität. Rauere Töne sind unumgänglich, denn es geht nicht bloß nur um Aufklärung von Entscheidern.

Bestandsbewahrer und Internet-Analphabeten behindern zunehmend die ökonomische Zukunft der jüngeren Generation.

Es ist ein langer Weg

Jane McConnell beschreibt in mehreren ihrer Artikel (steigen Sie am besten hier ein: 2.0 on the intranet – still a long ways off) den erhobenen und geschätzten Zustand von Intranets in großen Unternehmen. Ihre Organisation macht jährliche Umfragen über Entwicklungen und Erwartungen in diesem Bereich.

Sie stellt fest, dass 2006 von 101 befragten Unternehmen gerade mal zwei davon kollaborative Web-Techniken anwenden. Für 2007 erwartet sie, dass zumindest 10% der befragten Unternehmen daran denken oder an der Umsetzung arbeiten.

Das ist die Realität. Bong!

Wenn ich also nun davon ausgehe, dass sich wohl nur diejenigen Entscheider an solchen Umfragen beteiligen, die sich mit dem Thema doch irgendwie ernsthaft auseinandersetzen, dann behaupte ich jetzt ganz einfach so locker, dass sich die Anzahl von Unternehmen – beschränken wir es mal auf den europäischen Raum –, die ein kollaboratives Intranet ernsthaft betreiben (wollen) und mehr als 100 Mitarbeiter haben, im unteren Promille-Bereich bewegt.

Reden wir darüber

Im folgenden versuche ich die ernüchternde Realität zu beschreiben. Ich tue das nicht des Motzens willens, sondern weil ich dahinter doch mehr Ursachen sehe, als bloß das Thema Aufklärung der Entscheider.

Für mich liegen hier die grundsätzlichen Probleme einer riesigen, um nicht zu sagen revolutionären – und bisher doch auch stillen – Umwälzung verborgen, die von einigen als Übergang von der Industrie- in die Wissensgesellschaft beschrieben wird (Willke, Drucker, und einige mehr).

  • Verkorkstes Liniendenken der hierarchischen Organisationen des 19. und 20. Jahrhunderts bricht voll auf und wird verteidigt. Auch zum Beispiel die etablierten Gewerkschaftsstrukturen.
  • Scheinheiliges Public Relations Getue, das sich in den letzten zwanzig Jahren etabliert hat und auch im internen Organisationsbereich immer weiter um sich greift, verträgt sich nicht mit Social Web Komponenten.
  • Buchhaltungsmethoden, die sich seit 500 Jahren im Grundsatz nicht geändert haben, geraten ins Wanken (Stichworte: Wissensbilanzen, Wachstum durch Qualität und Intelligenz).
  • Sender-Empfänger Modelle (Stimulus-Response-Modell) der Kommunikation des 20. Jahrhunderts sind komplett konträr und können auch nicht halbgar und heuchlerisch mit Social Web Komponenten verknüpft werden.
  • Ja selbst die bisher gängigen betriebs- und volkswirtschaftlichen Messzahlen (BIP, BSP, ROI, Arbeitslosenrate) müssen immer mehr auf Relevanz hinterfragt werden.

Daher glaube ich, dass es vielleicht auch einen etwas raueren Ton braucht, um die Zustände und Ursachen schleppender Integration von kommunikativen Web-Techniken auch direkt anzusprechen.

Intranet als Sender (ohne Antwort)

In hierarchischen Organisationen sind Mitarbeiter Produktionsmittel, die Anweisungen entgegen nehmen und auszuführen haben und als Kostenstelle verbucht werden. Wenn das Senden soweit funktioniert, besteht im Allgemeinen für das Management kein weiterer Handlungsbedarf.

Intranet als Intra-PR

Funktioniert es nicht wie gewünscht, fährt die Kommunikationsabteilung die üblicherweise nach außen gerichtete Public Relations-Maschine für das Fußvolk innerhalb des Unternehmens auf. Nur aus diesem Grund wird das Intranet seitens des Managements und der Führungskräfte (temporär) als wichtig erachtet.

Zu den sonst meist belanglosen oberflächlichen Inhalten werden Mitarbeiterinnen dann überfallsartig mit Erfolgsmeldungen und Schönfärbereien zugemüllt. Dezent gewürzt mit ein, zwei Aufrufen des oberen Managements zur gemeinsamen Sache. Natürlich nicht direkt persönlich. Diese Pamphlete werden im Stil der früheren Landesfürsten über Dritte (Kommunikationsabteilung) verkündet.

Um den Anschein der Zusammenarbeit und Transparenz zu wahren, werden nach monatelangen Besprechungen die – sonst nur nach außen gehenden – Pressemeldungen zeitgleich auch ins Intranet gestellt. Oder die Veröffentlichung von oberflächlichem Branchenkram und Fotos des letzten Betriebsfestes wird als tolles Feature beworben und als Meilenstein der Kommunikation verkauft.

Auch wenn jetzt einige meiner geschätzten Leser vielleicht auflachen und mich der Übertreibung bezichtigen, aber diese Vorgangsweise ist wahrscheinlich mehrheitlich Realität2. Mit echter Kommunikation und Zusammenarbeit hat das per se gar nichts zu tun.

Die werden uns nicht zu gescheit

Ein Intranet wird nur als notwendiger Kostenfaktor beziehungsweise Intervention gesehen, um übergeordnete Ziele zu erreichen. Das interne Fußvolk wird als Öffentlichkeit (Stakeholder zu neudeutsch) behandelt, die bei Laune gehalten wird, beruhigt, beschwichtigt, ermuntert oder sogar belogen werden muss. Und obwohl, wenn man diversen Umfragen3 glauben schenkt, in PR-Agenturen Web 2.0 Techniken noch lange nicht angekommen sind, werden solch geartete interne PR-Offensiven mittlerweile auch mit Filmchen unterlegt.

PR-Fuzzi ist für mich das Synonym für die unseriösen Lügenprediger geworden.

Im Normalfall wird diese Vorgangsweise in größeren Unternehmen dann noch auf Abteilungsebene heruntergebrochen und mit Unterstützung der PR-Fuzzis – die im Verständnis des Managements genau dafür da sind – en Detail auch noch gespielt.

Zur Klarstellung: Public Relations sind grundsätzlich wichtig und notwendig. Leider wird PR oft dafür verwendet, Schönfärberei, Vertuschung und Ablenkung zu betreiben.

Wo kämen wir denn da hin?

Im Jahr 1807 wurde ein britischer Gesetzesentwurf zur Ausbildung der Arbeitenden und der Armen mit folgender Begründung abgelehnt:

Wie trügerisch sinnvoll uns das Projekt, den Arbeitenden oder den Armen Bildung zu geben, auch erscheinen mag, es wäre ihrer Moral und ihrer Glückseligkeit nachteilig; es würde sie lehren, ihr Los zu verachten, anstatt sie zu guten Dienern in der Landwirtschaft und anderen anstrengenden Beschäftigungen zu machen, für die sie ihr Rang in der Gesellschaft vorherbestimmt. Anstatt ihnen Unterordnung beizubringen, würde es sie mürrisch und widerspenstig machen. Sie wären nun in der Lage, aufrührerische Pamphlete zu lesen; lasterhafte Bücher und Veröffentlichungen gegen das Christentum; sie würden unverschämt gegenüber ihren Vorgesetzten werden, und in wenigen Jahren müsste der Gesetzgeber es für notwendig erachten, ihnen den starken Arm der Macht entgegenzuhalten…

Hansard, House of Commons, Band 9, 13. Juli 1807
[via Erik Möller, Die heimliche Medienrevolution, Seite 114]

Mit den selben Argumenten wird heute in Kommunikations- und Managementkreisen die Verbreitung von Social Web-Technologien beäugt und in Frage gestellt.

  • Genauso wie vor 200 Jahren viele vor der Schulbildung für alle gewarnt haben, was denn alles Schlimmes passieren wird, wenn Lesen und Schreiben kein Privileg des Bürgertums mehr ist, stellen sich heute viele das Chaos vor, wenn da ganz einfach jeder in der Firma etwas schreiben kann und alle mitlesen können.
  • Genauso wie 1807 wird diskutiert darüber, dass es gar nicht notwendig ist, wenn alle im Unternehmen – vermeintlich unkontrolliert – Wissen austauschen und kooperieren können und es schon seine Richtigkeit hat, Informationen und Wissen nur zu den privilegierten und dafür bestimmten Köpfen vordringen zu lassen und in dosierter Form weiter zu verteilen; ansonsten die Anarchie droht.

Das wirklich Lustige ist, dass – genauso wie vor 2 Jahrhunderten – viele der Betroffenen diese Sichtweise zustimmend zur Kenntnis nehmen, weil sie gewohnt sind nur das zu lernen und zu tun, was andere ihnen sagen (Willke, Seite 41–425).
Laut Willke gibt es demnach drei Kulturen des Lernens:

  • Erstarrte Komplexität = Hierarchie.
    Die Spitze des Systems definiert Lerninhalte und das was zu tun ist.
  • Unorganisierte Komplexität = Anarchie.
    Jeder definiert Lerninhalte und das Handeln für sich.
  • Organisierte Komplexität = Vernetzte Systeme.
    Lernen und handeln ist ein Prozess im systemischen Kontext.

Hierarchie und Anarchie sind die alleinigen Zustände, die gemeinhin gesehen werden.

Die dritte Dimension, mit vernetzten und dezentralen Systemen eine organisierte Komplexität auszubilden, die jeweils auf den relevanten Kontext bezogen ist (siehe Willke, Seite 41–425) und damit auch schnell kontextbezogen lernen und handeln kann, wird ausgeblendet oder ist noch gänzlich unbekannt.

Und so sehen auch viele Mitarbeiter gar keine Notwendigkeit einer Veränderung. Sie vertrauen auf die Weitsicht ihrer Führungskräfte oder hoffen auf das Wohlwollen ihres Fürsten, um ein Privileg-Krümel abzubekommen.

Wenn wir es also ganz nüchtern betrachten, dient das Intranet in vielen Firmen allein der internen PR-Maschinerie als Plattform und im besseren Fall noch zusätzlich als Ablage und Suche für Dokumente, die sich hochtrabend Dokumentenlenkung nennt. Kaum mehr und nichts weniger.

Intranet 2.0

Niemand soll sagen, dass es keine Innovationen im ECM (Enterprise-Content-Management) Bereich gibt. Viele Trends und Entwicklungen zielen aber nur auf die technische Komponente oder Kostenreduktion.

Das sogenannte Web 2.0 wird noch lange nicht Intranet 2.0, vielmehr wird unter dieser Versionsbezeichnung vermutlich etwas ganz anderes den Alltag prägen:

Intranets werden zum Outlook XXL.

Intranet als Office-Installation

Microsoft walzt mit der Werbemaschine für den neuen Sharepoint-Server voll durch. Das heißt, in ein paar Jahren sehen alle Intranets gleich aus, haben die selben Funktionen und unterscheiden sich nur mehr durch die Farbe. Wozu denn auch Gedanken darüber machen, wenn das Intranet mit der Installation eines Servers und des Office-Paketes erledigt ist.

Die meisten Funktionen und Möglichkeiten werden wahrscheinlich nie verstanden und genutzt10. Hier ein paar versprengte Blog-Einträge innerhalb von Arbeitsgruppen, da ein angefangenes Wiki und dort ein Forum, das der digitalen Verwahrlosung6 dient.

Wen kümmert das schon, denn es ist ganz im Sinne der Bestandsbewahrer, der Internet-Analphabeten wie Opa Ströbele und Gott sei Dank-Glos und derer, die nichts zu sagen haben.

Unser Intranet kost gar nix

Mittlerweile sind besonders findige Leute auf die Idee gekommen, Intranets als Werbefläche7 zu vermarkten. Es wird also nicht mehr lange dauern, bis neben belanglosen Inhalten dann auch noch Anzeigen auftauchen, um die Kosten auf diese Art zu minimieren.

Die Rechnung ist einfach: Denn auch wenn ein Intranet keinen wirklichen Mehrwert für Mitarbeiterinnen bietet und die tieferen Seiten kaum besucht werden, können Einstellungen so vorgenommen werden, dass bei jedem Aufruf des Browsers die Startseite des internen Portals in jedem Fall erscheint. Genug Traffic, etwas Werbeeinnahmen zu generieren.

Und obwohl immer wieder Sicherheitsargumente gegen Einführung von Social Web-Technologien herhalten müssen, wird für diesen Zweck sicherlich ein Weg gefunden, die Anzahl der Seitenaufrufe des Intranets bereitwillig an externe Vermarkter zu übermitteln.

An dieser Stelle zwei Fragen:

  1. Haben die Leute, welche beflissen ständig Konferenzen zu Intranet 2.0 abhalten, schon ein solches kollaboratives Netzwerk in ihrem Unternehmen?
  2. Reden diese Leute nur von ihren Träumen oder setzen die auch ab und an einige ihrer unzähligen Vorstellungen um?
    Wenn ja, dann
    1. Wie sieht die Umsetzung nach einem Jahr in der Praxis aus?
    2. Haben sich Führungskräfte und das Management ernsthaft hierbei engagiert?

Unternehmenskultur ist entscheidend

The intranet should be part of the senior person's job description, and treated as seriously as other strategic initiatives or programmes. This means having a mission statement for the intranet, objectives, and a strategy and plan with timelines and deliverables and, of course, allocation of resources that match the level of the ambition of the organisation.

In other words, senior management must walk the talk.

Jane McConnell8

Unternehmenskultur, Einstellung und Führungsarbeit eines Managements, das abseits des derzeitigen Mainstreams agiert, ist der entscheidende Anstoss und Motor zur erfolgreichen Umsetzung eines kollaborativen Intranets.

Um jemandem ein Instrument spielen zu lernen, muss ich es selbst beherrschen. Um ein Orchester zu hören, müssen alle spielen.

Erst durch diese Vorbilder entstehen rekursive Verhaltensmuster bei anderen, die schrittweise kooperierende partnerschaftliche Kommunikation zum Alltag machen. Dadurch wird der eigentliche dynamische Wissensaustausch in Gang gesetzt und könnte in vielen Unternehmen und Organisationen zu ungeahnter Kreativität führen.9

Da sich die meisten Führungskräfte allerdings in dieser Hinsicht so verhalten als wenn sie das alles nichts anginge (siehe auch Das Internet lassen wir von anderen bedienen), weiter 200 E-Mails pro Tag durchfilzen und weiter ungerührt von einem internen Meeting zum anderen hetzen, sehe ich für tatsächlich kollaborative Intranets mehrheitlich in näherer Zukunft schwarz.

Von Oligopolen, Behörden, Ämtern und in dessen Nähe stehenden Organisationen, die sich keiner Konkurrenz stellen müssen, rede ich da gar nicht.

Die digitale Spaltung schreitet voran

Wir werden tiefer in das teuflische Konstrukt immer billigerer Herstellung, Outsourcing und Import von Massenprodukten, erkauft durch stagnierende oder fallende Löhne, Ein-Euro-Jobs und zwangsverordneten Arbeitslosen reingezogen, welches damit auch die fetten Renten der Netz-Abstinenten finanziert.

Eine dynamische Wirtschaft mit intelligenten Produkten wird in der Masse nicht mit hierarchisch organisierten Arbeiterheeren des vorigen Jahrhunderts zu machen sein (siehe Willke, Seite 3005). Und so schreitet die digitale Spaltung der europäischen Gesellschaft immer offensichtlicher voran.

Ohne zu dramatisieren, behindern Internet-Analphabeten in Entscheidungspositionen und die Bestandsbewahrer der Scheinheiligkeit zunehmend die ökonomische Zukunft der jüngeren Generation.

Je stärker sich die Kommunikation unter Anwesenden auflöst in Kommunikationen unter Abwesenden, […], desto stärker kommt der Raum in Bewegung und rekonfiguriert sich als Ort des (gleichzeitigen) Zusammentreffens von Kommunikationsströmen, deren örtliche Gebundenheit irrelevant geworden und durch Zurechnung zu fluiden Netzwerken ersetzt worden ist. Willke, Seite 3095

Abschnitt 1 von 1

Quellenverzeichnis

  1. 2.0 on the intranet – still a long ways off – Jane McConnell
  2. Grundrechte von Mitarbeitern zur Kommunikation (bill of rights) – Frank Hamm (Injelea)
  3. Warum ist der PR 2.0-Hype nicht angekommen?
  4. Die heimliche Medienrevolution (Erik Möller, Heise, 2004)
  5. Systemisches Wissensmanagement (Helmut Willke, UTB Verlag, Stuttgart 2001)
  6. How intranet discussion groups die – Intranet Blog (Toby Ward)
  7. Startup testet Akzeptanz von Werbung im Intranet – ZDNet.de
  8. Why is your intranet not delivering its potential? – Jane McConnell
  9. Soziale Organisationskommunikation – wortgefecht.net
  10. Sharepoint is only 10% of the real challenge [Shaping Thoughts] –
    hinzugefügt am 19. Oktober 2007

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Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 19. Oktober 2007 auf Relevanz geprüft.

Datum:
veröffentlicht am 09 September 2007, 21:26 MET.
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