Intranet 2.0: Kooperierst du noch oder machst du schon mit
Samstag, 17 Mai 2008 11:56 MET
Zwischen Heterarchie und Hierarchie – mitmachen und kooperieren
Die wesentlichen Erfolgsfaktoren im sogenannten Web2.0 sind mit Sicherheit das Mitmachen (kollaborieren) aus innerem Antrieb und wenig verordnete Regeln und Einschränkungen. Damit bilden sich in der Mehrzahl heterogene Gruppen, die sich heterarchisch organisieren. Extremes Beispiel hierfür wäre (derzeit noch) die Wikipedia oder schlicht jede Gruppe, die sich aus Anforderungen und Bedürfnissen (spontan) organisiert.
Im extremen Gegenpol dazu stellt sich die hierarchische Organisation, die ein – selbst oder durch andere – verordnetes Ziel hat, deren Aktionen unablässig koordiniert werden und alle Beteiligten kooperieren müssen. Heterogenität wird durch bürokratische Eintrittsbarrieren mehr oder weniger verhindert. Typisches Beispiel ist jede militärische Organisation oder Behörde.
Zur Verständlichkeit, hier einige Definitionen in diesem Kontext:
- Hierarchie
-
Bezogen auf Soziale Systeme sind Hierarchien oft mit Verhältnissen von Herrschaft und Autorität verbunden - beispielsweise in der Linienorganisation eines Unternehmens, bei Behörden, im Militärwesen oder in der Kirche.
(Wikipedia) - Heterarchie
-
Heterarchie steht für Selbststeuerung und Selbstbestimmung und betont dezentrale und Bottom-up-Entscheidungen.
(Wikipedia) - Kooperation
-
Beim Organisationsprinzip Kooperation wird ein gemeinsames Ziel beziehungsweise eine gemeinsame Aufgabe in unterschiedlich gewichtete Teilaufgaben aufgetrennt, für die jeweils eine Person oder eine Gruppe von Personen verantwortlich ist.
(Schmalz, 20071 - auch zitiert in Social Web2, Seite 186) -
Die Kooperationspartner erwarten ein der Kooperation entsprechendes Verhalten (Quid pro quo). Diese Art von Erwartungen können als Rechte und Pflichten verhandelt und fixiert werden.
(Wikipedia) - Kollaboration
-
in diversen informationstechnischen Arbeitsfeldern und im Internet ist es durchaus üblich, den Begriff immer dann zu benutzen, wenn eine Mehrzahl von Menschen (bspw. Autoren) gemeinsam an einem Projekt arbeitet.
(Wikipedia - Kollaboration ) -
Der Prozess des Schreibens wird zu einer rekursiven Funktion, bei der jede Änderung des Textes Änderungen von den Mitgliedern der kollaborativen Gemeinschaft nach sich zieht.
(Wikipedia - Kollaboratives Schreiben) -
Kollaboration kann also auch als Methode des konstruktivistischen Lernens verstanden werden.
(aus Social Web2, Seite 186)
Mehr Raum zum Mitmachen
Mitmachen (kollaborieren) in heterarchischer Struktur stößt ab einer bestimmten Größe der Gruppe an Grenzen. Der Grad der Kollaboration fällt immer weiter zurück und die Gruppe kann hauptsächlich nur mehr durch Kooperation zusammen gehalten werden. Dadurch sinkt Heterogenität, Motivation und kreative Kraft. Richtung und Ziel können nur mehr durch immer feinstufigere Hierarchie-Ebenen formuliert und umgesetzt werden.
Das Mitmachen wird aber zunehmend durch Werkzeuge des Web 2.0 begünstigt.
Kollaborative Prozesse sind ohne Rechnerunterstützung kaum mehr vorstellbar und setzen eine technische Kommunikationsinfrastruktur voraus. aus Social Web2, Seite 186, zitiert Kuhlen 2006
Kollaboration verliert die Bindung zum realen Raum und wird effektiver im virtuellen. Die vermeintlichen Grenzen der Kollaboration werden damit um einen unbekannten Potenzexponent erweitert.
Damit erweitert sich auch der Raum für die heterarchische Organisationsform, die in etlichen Bereichen viel mehr Effizienz und authentischeres Handeln der einzelnen Akteure ermöglicht und hierarchischen Strukturen überlegen sein kann. Helmut Willke nennt solch vernetzte Systeme die organisierte Komplexität
(Systemisches Wissensmanagement3, Seite 41/42).
Hier setzt meines Erachtens die eigentliche Veränderung ein, die sich im sozialen Web
manifestiert.
Genau diese Verschiebung können aber netz-abstinente Entscheider der zweiten Generation nicht erkennen und einordnen. Sie sind zwar drin
und kennen das Web, aber verharren im Verhalten der Web 1.0 Ära, betonen das Chaos und die Unübersichtlichkeit, lassen präsentieren und engagieren sich nicht.
Machen wir schon mit oder kooperieren wir nur
In letzter Zeit fallen häufiger die Namen kollaborativer Web-Anwendungen (Blog, Wiki) als Buzzwords in unternehmens-internen Treffen als Synonym für die all umfassende Lösung. Das sozio-kulturelle Umfeld im Unternehmen wird hierbei völlig außer Acht gelassen.
Fast jeder Artikel von Fachleuten betont aber die Rahmenbedingungen der Unternehmenskultur und die aktive Mitarbeit des Managements, um mit solchen Anwendungen auch erfolgreich zu sein und aus einem gewöhnlichen Intranet ein Intranet 2.0 werden zu lassen.
Ein genauer Blick auf die internen Umgebungsvariablen im Unternehmen kann da sehr aufschlussreich sein.
Die viel zitierte Unternehmenskultur lässt sich durchaus im Einzelfall beobachten. Die Spannungsfelder und Überschneidungen der zwei Achsen Heterarchie–Hierarchie und Kollaboration–Kooperation lassen Rückschlüsse auf Kultur und Potenzial zu. Für Außenstehende (Berater) allerdings kein leichtes Unterfangen!
Durch Einschätzung dieser Spannungsfelder lässt sich besser erkennen für welchen Einsatz eines bestimmten Werkzeuges die (oder ein Teil der) Organisation gerüstet wäre und wo die kulturellen Grenzen derzeit gesetzt sind. Vermutlich gibt es auch Wechselwirkungen und rekursive Verhaltensmuster durch eingesetzte Werkzeuge, welche die Kultur einer Organisation in die eine oder andere Richtung beeinflussen können.
In der folgenden Grafik versuche ich diese zwei Pole mit sich kreuzenden Achsen zu visualisieren und den möglichen Einsatz einiger Web 2.0 Anwendungen der kulturellen (Mindest-)Bedingung zuzuordnen:
Erklärungen zur Grafik
Je weiter vom Kreuzungspunkt – als Null definiert – der Achsen entfernt, umso ausgeprägter die Organisationsform (Heterarchie–Hierarchie) beziehungsweise Kultur (Kollaboration–Kooperation). Die Einordnung der Anwendungen ist meine persönliche Einschätzung und beruht auf keinen gemessenen Zahlen oder Studien.
Anwendungen und Achsen in Zahlen (Höchstzahl 5):
- CEO-Blog
- Hierarchie 3, Kollaboration 1
- Persönliche Blogs der Geschäftsführer, deren Themen und Publikationsfrequenzen selbst gewählt werden. Alle können kommentieren.
- Yellow-Pages
- Hierarchie 2, Kooperation 1
- Gelbe-Seiten sind in diesem Zusammenhang als Profil-Seiten von Mitarbeiterinnen zu verstehen, die neben Kontaktdaten und automatisch generierten Inhalten (zum Beispiel Verweise auf letzte Blog- oder Wiki-Einträge, Abteilungszugehörigkeit, Arbeitszeiten, anwesend oder außer Haus) selbst gepflegt werden und zum Beispiel über Stichwörter auf Experten-, Erfahrungswissen und Interessen verweisen.
- Manager-Blogs
- Hierarchie 2, Kollaboration 1
- Persönliche Blogs von leitenden Angestellten, deren Themen und Publikationsfrequenzen selbst gewählt werden. Alle können kommentieren.
- Projekt-Blogs
- Hierarchie 1, Kooperation 3
- Werden temporär gemeinsam von Projekt-Teams geschrieben und dienen vor allem der chronologischen Abfolge, Terminvereinbarungen, Archivierung und Koordination. Können für alle zugänglich sein oder nur Projektmitarbeitern. Naturgemäß ist das Thema hier vorgegeben.
- Social-Bookmarking
- Hierarchie 1, Kollaboration 2
- Absetzen von internen oder externen Verweisen (Lesezeichen) mit kurzen Kommentaren, abgelegt unter Stichwörtern, für alle zugänglich. Analog zu Funktionen der großen Bookmark-Dienste.
- Projekt-Wikis
- Heterarchie 1, Kooperation 5
- Werden von Projekt-Teams geschrieben und können vielfältigen Zwecken dienen. Das kann vom asynchronen Brainstorming bis zu komplett dokumentierten Arbeitsergebnissen reichen, die allen zugänglich sind und Input von Dritten auch zulassen.
- Personal-Blogs
- Heterarchie 3, Kollaboration 2
- Persönliche Blogs, deren Themen und Publikationsfrequenzen von den Mitarbeitern selbst gewählt werden. Alle können kommentieren.
- Personal-Foren
- Heterarchie 3, Kollaboration 4
- Gemeinhin oft als
Diskussionsforum
oder früherSchwarzes Brett
bekannt. Oft schon eingeführt in der 1.0 Ära und entweder verwaist oder zur verbalen Latrine des Unternehmens geworden, die niemand mehr beachtet.
Foren mit frei gewählten Themen brauchen gute Moderation und bereits dementsprechend kollaborative Kultur. - Netzwerk-Wiki
- Heterarchie 5, Kollaboration 5
- Als Netzwerk-Wiki kann zum Beispiel eine allgemeine interne Sammlung von Wissen einer Organisation (oder Einheit davon) verstanden werden – ohne eingegrenztes Ziel und formalen Publikationsvorschriften –, das als allgemeines Nachschlagewerk und Archiv verwendet wird, ähnlich der Wikipedia im Web.
Fazit: Passt ein gutes Werkzeug nicht zur Kultur, wird der Einsatz genauso scheitern, wie gute kulturelle Voraussetzungen und hoch motiviertes Personal an rückständiger, schlechter oder nicht geeigneter Software.
Gehen wir also an die Sache im systemischen Kontext heran, könnten einige Enttäuschungen vermieden und Ressourcen gezielter eingesetzt werden.
Die Realität sieht leider anders aus
Meist wird ein Dienstleister mit der Planung und Umsetzung (eines Intranets) beauftragt.
Dieser wird natürlich daran interessiert sein, so viel als möglich Software, Support, Schulung und Wartung zu verkaufen. Ob das Wiki oder Blog tatsächlich auch Sinn machen, Einsatzmöglichkeiten verstanden werden, interessiert in diesem Stadium niemanden mehr. Die Organisation und der Dienstleister sind nur mehr mit der Koordination ihres Tuns beschäftigt.
Erfolgsmessung im Intranet 2.0
Im Gegensatz zur 1.0 Kultur brauchen wir keine Mitarbeiterbefragungen und gefilterte Auskunft der internen Public Relations über Zustand und Erfolg
eines Intranets.
Wir brauchen nur beobachten und die Frage stellen: Wieviel sind mittendrin und wieviel nur dabei?
Jeder kann jederzeit – für alle sichtbar – Inhalt beisteuern. Daraus folgernd wird ein gutes Mitmach-Intra-Web auch Informationen und Diskussionen über das System und die Werkzeuge zulassen. Die weitere Entwicklung wird damit von den Benutzerinnen permanent selbst beeinflusst.
In Anlehnung an Nielsens 90-9-1 Regel4 meine ich, dass ein Prozent schon mittendrin und neun Prozent zumindest dabei sein sollten, um von der sinnbildlichen Versionsnummer 2.0 sprechen zu können.
Je höher sich die zweite Zahl aus Nielsens Faustregel4, also diejenigen welche auch gelegentlich Inhalt beisteuern, über 9 schraubt, umso effektiver wird ein Intranet 2.0 werden. Wenn das passiert, wird sich mit Sicherheit ein positiver ROI (Return of Investment) über Umwegrentabilität in der Buchhaltung 1.0 auch nachrechnen lassen.
- Abschnitt 1 von 1
Quellenverzeichnis
- Schmalz, Sebastian (2007): Zwischen Kooperation und Kollaboration, zwischen Hierarchie und Heterarchie. Organisationsprinzipien und -strukturen von Wikis.
In: Stegbauer, Christian / Schmidt, Jan / Schönberger, Klaus (Hrsg.): Wikis: Diskurse, Theorien und Anwendungen. Sonderausgabe von kommunikation@gesellschaft, Jg. 8.
Online-Publikation: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B5_2007_Schmalz.pdf - Social Web (Ebersbach / Glaser / Heigl, UTB Verlag, Stuttgart 2008)
- Systemisches Wissensmanagement (Helmut Willke, UTB Verlag, Stuttgart 2001)
- Participation Inequality: Encouraging More Users to Contribute [Jacob Nielsen] –
In most online communities, 90% of users are lurkers who never contribute, 9% of users contribute a little, and 1% of users account for almost all the action.
Weitere Verweise
- Hinzugefügt am 4. Juli 2008:
Intranet governance matrix [Intranet Benchmarking Forum]
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 4. Juli 2008 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 17 Mai 2008, 11:56 MET.
- Artikel:
- Intranet 2.0: Kooperierst du noch oder machst du schon mit [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/135
- Thema:
- Kommunikation
- Stichworte:
- Intranet, Unternehmen, Weblogs, Wikis, Wissensmanagement
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