HTML p-Element: Absätze statt Textwurst mit Zeilenumbruch
Samstag, 31 Oktober 2009 23:11 MET
Mitdenken oder die Welt ändert sich
Vor dem Internet gab es für Blinde oft nur ein Mal in der Woche von einer einzigen Zeitung im Land eine extra Braille- oder Hörausgabe.
Die zusätzlichen Herstellungs- und Distributionskosten können wir uns leicht vorstellen. Ansonsten gab es nur das Radio oder die Hilfe von anderen Menschen durch Vorlesen, um aktuell informiert zu sein.
Mit dem Internet änderte sich die Situation für blinde Menschen radikal. Allein diese einzige Tatsache ist eine Revolution und kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Heutige Barrieren
Online-Shopping ist für blinde Menschen aus einfach nachvollziehbaren Gründen ideal. Unter anderem auch deswegen, weil es damit möglich sein sollte Zusatzinformationen zu einem Produkt ohne fremde Hilfe zu erfahren.
Aber was passiert? Das Kleingedruckte wird, wenn überhaupt, bestenfalls als Grafik präsentiert.
Bei Lebensmittel wären – neben Zusatzstoffen – die Haltbarkeit oder die Art der Zubereitung eine wichtige Information, die jederzeit auf der Website zu dem Produkt als Text abrufbar sein müsste. Denn sonst sehe ich mich gezwungen mit dem frisch gelieferten Lasagne Pack in die Filiale zu kommen um jemanden vom Verkaufspersonal zu fragen wie die zubereitet werden muss
, wie unlängst Daniele Corciulo im Access-for-all-Blog erheiternd formuliert.
Neben nicht vorhandenen beziehungsweise nicht ausreichend zugänglichen Informationen, sind unstrukturierte HTML-Textwürste ein weiteres Problem.
Warum Absätze in HTML als solche markiert werden
Anbieter von Informationen im Web brauchen nichts weiter tun, als ihre Texte mit HTML (HyperText Markup Language) gut zu strukturieren und mit Bedeutung (Semantik) versehen.
Alles andere erledigt die Software. So einfach ist es eigentlich.
Ohne Strukturinformationen bekommen wir eine einzige Textwurst. Eine dieser HTML-Strukturinformation ist die Kennzeichnung eines Absatzes.
Ein Absatz wird mit dem Block-Element p ausgezeichnet.
Alleine in den letzten Tagen fielen mir wieder einige Sites auf, die ihren Fließtext in einer einzigen Textwurst präsentieren:
- Dieser lange Artikel beim Landeswohlfahrtsverband Hessen ist nur sichtbar gegliedert. Tatsächlich ist der Text eine einzige Wurst und für Screenreader-Benutzer wohl nur mit äußerster Konzentration zu lesen.
- Gleich überhaupt auf das HTML-Element
pverzichtet das Magazin Focus, wie in diesem längeren, beispielhaften Artikel zu sehen. - Auf pressetext.com findet sich auf jeder Seite nur ein einziges
p-Element; und dieses eine dient nur der Besucherzählung von Programmen ohne Javascript und enthält eine Leergrafik. Erstaunlich für eine Agentur die täglich unzählige Texte digital veröffentlicht.
Anmerkung
- Das ist eine Bestandsaufnahme vom 30.10.2009. Die Seiten können sich ändern.
- Diese Beispiele sind mir bei meiner täglichen Informationsbeschaffung gerade aufgefallen. Die Liste ließe sich ohne großen Zeitaufwand schnell erweitern.
Für Personen mit alternativen Leseprogrammen eine einzige Textwüste.
Absätze werden in solchen Konstrukten mit doppelten Zeilenumbrüchen simuliert. Fett erscheinende Wörter, die eine Betonung deuten, werden zum Teil auch nur optisch als solche dargestellt.
Ich will damit nicht dumpf ankreiden, sondern typische Beispiele zeigen, die völlig unnötige Barrieren erzeugen. Im Übrigen nicht nur für Menschen.
Der Fließtext hätte hingegen auch Absätze bekommen dürfen
, bemerkte unlängst auch Jens Grochtdreis in seiner Codekritik an einer Site, die beim deutschen Multimedia-Award ausgezeichnet wurde.
Was offenbar immer und immer wieder nicht beachtet wird – und immer wieder erklärt werden muss – ist die Tatsache, dass HTML nicht der Formatierung des visuellen Erscheinungsbildes dient. HTML informiert über Strukturen und Bedeutung von Texten.
So wie der »normale« Internetnutzer zur Orientierung ein funktionierendes Screendesign vorfinden sollte um Informationen schnell erfassen zu können. So braucht der blinde Besucher oder die Suchmaschine eine klare Gliederung zur Orientierung. Suchmaschinen mögen barrierefreies Webdesign
Nochmals zum Mitschreiben:
HTML dient nicht der visuellen Formatierung!
Texte werden durch die HTML-Auszeichnung Programmen zugänglich gemacht. Ein solches Programm ist – unter vielen anderen – auch ein Browser zur visuellen Darstellung einer Webseite.
Weitere Programme sind alle Arten von Web-Crawler, welche die erfassten Texte an Hand der Strukturinformationen unterschiedlich auswerten und für verschiedene Zwecke verarbeiten. Zum Beispiel auch zur Bewertung und Darstellung in Suchergebnissen.
Unter diesen Programmen sind auch immer mehr solcher Art, die aus strukturierten Daten und Textauszeichnungen semantische Bedeutungen abzuleiten versuchen. Unstrukturierte Textwürste machen es daher auch diesen sehr schwer.
Die Textwurst und seine Nebenwirkung
Eine weitere Sorte sind Programme die digitalen Text in eine Braillezeile übertragen – damit können blinde Menschen Texte ertasten – oder mittels Sprachausgabe vorlesen, genannt auch Screenreader.
Sie ermöglichen Menschen die kein Augenlicht haben selbstbestimmt Informationen und Literatur zu lesen oder zu kommunizieren wann immer sie wollen.
Stellen Sie sich vor, Ihre Tageszeitung würde zukünftig ohne Überschriften ins Haus kommen und alle Beiträge wären eine einzige lange Textwurst - keine Absätze, keine Hervorhebungen, keine Aufzählungen. Ordnung und Übesichtlichkeit im Web
Ich zeige hier mal, wie dieser Artikel ohne Überschriften und Absätze (Beispielseite) aussieht.
Würden wir das ernsthaft lesen wollen? Mit Sicherheit nicht. Wir wären vermutlich sogar empört über die Ignoranz, die uns mit dieser Art der Präsentation entgegenschlägt.
Hier sind wir nun am entscheidenden Gegensatz zum Gedruckten angekommen.
Verständnis von digitalen Texten
Ich kann in HTML mit doppelten Zeilenumbrüchen die Absätze für die visuelle Betrachtung quasi »simulieren«. Die Überschriften kann ich nur für das Auge fett und groß machen. Optisch würde sich der Artikel damit überhaupt nicht von einem korrekt ausgezeichneten HTML-Dokument unterscheiden.
Ein Screenreader oder eine Suchmaschine hingegen, interpretiert meinen Artikel immer noch genauso, wie ich in der schon vorhin verlinkten Beispielseite sichtbar mache.
Eva Papst, selbst blind und Screenreader-Benutzerin, beschreibt ihre eigene Erfahrung sehr deutlich:
Listen und Absätze, die man übrigens genau wie optisch auch mit einem Screen Reader »anlesen« und dann zum nächsten Element wechseln kann, erlauben ein rasches »Überfliegen« des Textes. 23 BIENE-Anwärter mit dem Screen Reader betrachtet
Die Person die den Screenreader benutzt, bekommt ohne vernünftige HTML-Strukturierung, also auch ohne Absatzkennzeichnung, eine einzige Wurst vorgelesen. Sie kann keine Stellen überspringen – wie Sehende es gerne tun – und hat keine Orientierungspunkte im Text.
Wenn Sie die blinde Person wären, würde Ihnen solch eine Textwüste zusätzliche Konzentration abverlangen und Sie würden sich vermutlich über diese Ignoranz sehr ärgern.
Suchmaschinen – oder andere nützliche Programme – ärgern sich zwar nicht, werden aber bei schlecht ausgezeichnetem HTML weniger Bedeutung aus einem Text gewinnen als sie vielleicht in der Lage wären.
Meines Erachtens ist das Verständnis die eigentliche Hürde. Viele verstehen schlicht die Funktion und den Stellenwert digitaler Texte (noch immer) nicht.
- Abschnitt 1 von 1
Verweise zum Einsatz des HTML-Elementes p
- Webseiten strukturieren – Teil 3: Unsichtbare Ordnung [BITV-Test]
- Auszeichnung der Inhalte - Einführung in XHTML, CSS und Webdesign [Michael Jendryschik]
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 30. Oktober 2009 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 31 Oktober 2009, 23:11 MET.
- Artikel:
- HTML p-Element: Absätze statt Textwurst mit Zeilenumbruch [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/230
- Thema:
- Webgestaltung
- Stichworte:
- barrierearm, HTML, Webstandards
Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:
- Von der Einsicht der Struktur zur Vielfalt der Ansichten (2) vom 15. Oktober 2007
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- Web-Abenteuer Textwüste: Werkzeuge und Strategie vom 13. Februar 2010
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