Gesammelte Kuriosa aus dem Web 2011 oder die Hydra Internet
Donnerstag, 29 Dezember 2011 14:59 MET
Der »Geburtsfehler« des Internets
Geht es nach Frau Piel, Vorsitzende der ARD, hat das Internet einen Geburtsfehler. Offenbar deswegen, weil wirtschaftliche Verwertbarkeit und das Anrecht auf Gewinn als unumstößliche Anatomie gesehen wird. Das Internet in dieser Denkweise also eine schändliche Missgeburt ist.
Ganz nebenbei: Die Dame hat offensichtlich die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht verstanden, wie Niggemeier ausführt: Frau Piel, wir müssen reden.
Und wenn wir schon bei Alt-68ern, Medien, Promis und so Internetausdruckern sind, dann lohnt es sich, die Aussprüche einiger Rockmusiker und Schauspieler aufzulisten, die 2011 zur Belustigung beitrugen.
Vollgefressen im Elfenbeinturm lässt es sich munter parlieren.
- Anke Engelke verflucht den Tag, an dem »dieser ganze Dreck [Social-Media] kam«. Die Dame erklärt ihre kategorische Ablehnung mit pseudo-pädagogisch-philosophischem Ansatz.
- Gerard Depardieu, sieht im Internet eine Krankheit. Wenn er hingegen seine Inkontinenz behandeln würde, wäre das ein wertvollerer Beitrag – zumindest für Mitreisende, denen Depardieu mitunter ans Bein pinkelt.
- Bob Geldof träumt von Vinyl-Platten und Menschenschlangen vor Plattengeschäften. Ach Opa, der Opernball in Wien ist augenscheinlich dein neues Parkett. Vergnüg dich mit der Hautevolee und belästige die Welt nicht mit deinen verbalen Nonsens-Ergüssen.
- Jon Bon Jovi urgiert die »magische« Erfahrung beim Kauf einer Schallplatte und gibt Steve Jobs die Schuld, dass er, Bon Jovi, nicht mehr so viel verdient wie früher – oder so ähnlich jedenfalls. Hach, der arme Mann.
- Auch Lenny Kravits macht sich offenbar mehr Sorgen um die Verwertungsindustrie, als um seine Musik.
Eines haben diese Kreativen gemeinsam: Unkreativität in der Auseinandersetzung mit einer neuen Kulturtechnik.
Das Internet als Hydra der Neuzeit
Die moderne Hydra definiert sich mutmaßlich dadurch, dass dieselben vier Leute in hundert Firmen arbeiten. Fantastisch. Ein echter Brüller diese Entdeckung.
Andere sehen sich als neuzeitlicher Herakles und glauben, einen heldenhaften Kampf gegen das vielköpfige Ungeheuer aufnehmen zu müssen.
Nur wenige Stunden nach den traurigen Ereignissen in Norwegen missbrauchten einige Beamte und Politiker im deutschsprachigen Raum die Aufmerksamkeit zu der Wahnsinnstat eines Amokläufers für widerliche Lobbyarbeit in Sachen Überwachung und Sicherheit.
Wirkliche Größe hat in diesem Zusammenhang die norwegische Regierung vorgeführt. Die besonnene, empathische und zivilisierte Reaktion hat meine allergrößte Hochachtung!
Ein Brüller nach dem anderen.
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Besonders hervorgetan hat sich Hans-Peter Uhl, der zur Aussage antrat, »in Wahrheit wurde diese Tat im Internet geboren«. (Das Originalinterview.)
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Ein anderer deutscher Politiker laberte davon, dass es »Mode geworden ist«, von der Freiheit im Internet zu sprechen. Hier eine kleine Zusammenfassung dieser unseligen Ansagen und dem nachfolgenden Shitstorm.
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Zur Vorratsdatenspeicherung fiel dem Baden-Württembergischen Innenminister kürzlich ein unfassbares Geschwurbel ein:
Früher hätten Terroristen zum Beispiel per Brief einen Selbstmordanschlag angekündigt. Diese habe man beschlagnahmen können.
Was machen wir, wenn solche Personen auf Facebook posten?
Was soll nun das Publikum mit so einer sinnbefreiten Stammelei anfangen? Hätte er statt der Redepassage bis zehn gezählt, ergäbe es den gleichen Sinn.
Das ist alles unübertroffene Tragikomik, weil einem während der Belustigung die Gewissheit überkommt, dass hier ahnungslose Leute – mutmaßlich sogar perfide Lobbyisten – den Volksvertreter markieren.
Faymann und Freunde
Die Social-Media-Realsatire 2011 schlechthin leistet sich der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann und seine Freunderlpartie.
Spaß mit Werntschis Freunden.
Den Prolog zur Komödie bietet die monatelange Vorankündigung, dass am 26. Oktober, dem österreichischen Nationalfeiertag, Social-Media im Bundeskanzleramt gestartet wird.
Von seltsamen Facebook-Freunden über hilfloses Herumgeeiere und einem offenbar seit 22. November wieder stillgelegten Twitteraccount (@teamkanzler) reicht die Palette seitdem. Und das alles um angeblich schlappe 200.000 Euronen.
Bullshitbingo, aber barrierefrei.
Positiv zu erwähnen wäre lediglich, dass die Website des österreichischen Bundeskanzlers technisch den allgemeinen Richtlinien der Web-Accessibility entspricht und daher breit zugänglich ist. Die ketzerische Frage: Muss Bullshitbingo barrierefrei sein?
Da ist der Karli-Theo zu Guttenberg, der sich nun bei der EU-Kommission zur politischen Rehabilitation einschrieb und komikhaft für Freiheit im Internet spielt, nur der miserable Epilog zur Social-Media-Realsatire des Jahres 2011.
Ob nun Unternehmen oder Politik, all diese Satirelieferanten sehen Social-Media als moderne Hydra: Ein Monster aus unzähligen Kundenköpfen.
Also auf in den Kampf, ihr Spindoktoren und PR-Recken, brennt es nieder, schlagt dem Ungeheuer die Köpfe ab. 2012 will ich schließlich wieder was zum Lachen haben.
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- Datum:
- veröffentlicht am 29 Dezember 2011, 14:59 MET.
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- Kommunikation
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- Internet, Politik, Social-Web
Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:
- Gesammelte Kuriosa aus dem Web 2010 oder die Achse des Blöden vom 31. Dezember 2010
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