Februar 2010 im Kontext

Freitag, 05 März 2010 20:05 MET

Thema:
Empfehlungen  
Stichworte:
, , , , , , , ,  
dieser Artikel  
Foto: Radarschirm
Februar 2010 im Kontext [hyperkontext | Weblog]
Kommentare 4

Von einer Petition gegen IE6 im Vereinigten Königreich über einen Test mit Screenreadern, bis zu Skiplinks auch für Webkit-Browser fanden sich im Februar doch einige lesenswerte Verweise.

Wer braucht denn Barrierefreiheit im Web? Offenbar keine Pillenverkäufer oder die Geschäftsführung der deutschen Bahnhofsmission. Die Deutsche Bank schreibt ellenlange Erklärungen.

Die Beispiele haben eine traurige Gemeinsamkeit: Süffisanz der Verantwortlichen in unterschiedlicher Spielart.

Überschriften direkt anspringen:

  1. Webgestaltung im Februar 2010
    1. Kurz und bündig
  2. Wer braucht denn Barrierefreiheit?
    1. Mission für Erkenntnis
    2. Websites für Gesunde
    3. Was draufsteht ist auch drinnen. Basta.
    4. Wie sagen wir es denn jetzt

Webgestaltung im Februar 2010

Im Vereinigten Königreich wurde eine Petition aufgelegt, die Behörden verpflichten soll keinen IE6 mehr zu verwenden: UK Citizens Petition For Government IE6 Upgrade [sitepoint].

Dass ich sowas noch erleben darf. Vielleicht kommt es tatsächlich noch einmal zu einer Abwrackprämie für solch Weichwarenschrott.

Dirk Jesse blickt in die Zukunft und fragt, was nach dem IE6 wohl kommen wird. Peter-Paul Koch sieht denn auch einen »Nachfolger« am Horizont: The iPhone obsession. Er könnte meiner Ansicht nach durchaus richtig liegen

Es kann nicht oft genug auf Beiträge verwiesen werden, die sich mit Texten und der Schreibe im Web beschäftigen. Eine kurze und knackige Liste lieferte im Februar The Art of Web Usability ab: 10 Tipps auf die Schnelle: Schreiben fürs Web.

Kurz und bündig weiteres

In den Augen mancher Web-Frickler sind Skiplinks sowieso ein unnötiger »Spleen« von verrückten Standardistas, soweit sie davon überhaupt Kenntnis haben.

Deswegen bleiben wir dieses Mal gleich beim Thema:

Wer braucht denn Barrierefreiheit?

Für Menschen die darauf angewiesen sind, ist Barrierefreiheit im Web kein Spielplatz für Public-Relations. Im Februar tauchten gleich drei Websites auf, die unrühmlich Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Die folgenden Beispiele haben eine traurige Gemeinsamkeit: Süffisanz der Verantwortlichen in unterschiedlicher Spielart.

Mission für Erkenntnis

Rührige Internet-Ausdrucker in der Geschäftsführung der deutschen Bahnhofsmission scheinen sich um ihre digitale Niederlassung zu kümmern.

Das Motto:
Wir sind auch drin.

Dass auch blinde Menschen vorab Informationen für eine geplante Reise suchen und sich auf die – aber vor allem auf derSite verirren, löst dort offenbar Ungläubigkeit ob der Tatsache aus, dass die Verwendung einer Webseite auch ohne Drucker möglich sei.

Ganz konkret:

  1. Eine taubblinde Frau wollte Adressdaten erfahren. Leider ist die Site mit assistiven Ausgabegeräten soweit unbenutzbar gewesen (in der Zwischenzeit wurden einige Mängel nun doch behoben), dass sie die gewünschten Informationen nicht in Erfahrung bringen konnte.
  2. Daraufhin schrieb sie eine E-Mail an die Geschäftsstelle, um so wenigstens an die Adressdaten zu kommen. Diese wurde (übrigens bis dato) nicht beantwortet.
  3. Auch eine E-Mail von Fritz Weisshart, der seine Bekannte unterstützen wollte, wurde nicht beantwortet.

Das alles spielte sich schon im November / Dezember 2009 ab. Eva Papst schreibt im Februar auf WAI-Austria:

Vor allem meine langjährigen Leser wissen, dass ich Frontalangriffe gerne vermeide, wohl auf Mängel hinweise, mit harten Worten aber sparsam umgehe. In diesem Fall platzt mir aber der sprichwörtliche Kragen. Mission Bahnhofsmission

Offensichtlich gab es schon vorher erfolglose Versuche von anderen, die Barrieren auf dieser Website der Geschäftsführung zur Kenntnis zu bringen. Der Name der Institution findet sich nämlich auch in einer Liste von beratungsresistenten Unternehmen (Stand 2010-03-05), die auf solche Hinweise nicht reagieren.

So kommt es, dass Fritz Weisshart einen offenen Brief an die Geschäftsführung der deutschen Bahnhofsmission schrieb.

Einschlägige Ausdrucker

Auf diesen offenen Brief erfolgte nun endlich eine (nicht öffentliche, aber von Fritz auszugsweise zitierte) Antwort mit süffisanten Bemerkungen, etwa die subtile Aufforderung – oder gar Drohung – einschlägige Beiträge zu entfernen.

Zwischenzeitlich wurden zwei der drei gröbsten Mängel nach wiederholter Beackerung tatsächlich behoben. Die taubblinde Dame, welche die nicht zugänglichen Informationen per E-Mail urgierte, bekam übrigens zumindest bis 2010-02-26 noch immer keine Antwort.

Erkenntnis:
Taubblinde tun sich in der Regel schwer, einfach mal telefonisch zu fragen. Das Internet ist das Medium für diese Menschen, sich ohne fremde Hilfe zu informieren.

Während an der Basis tagtäglich bewundernswerte Arbeit und Hilfe geleistet wird, scheint die Geschäftsführung es wohl lächerlich zu finden, wenn jemand im Web mit assistivem Ausgabegerät Informationen einholen will, durch mangelhaftes Site-Design (ja, Web-Design ist nicht nur optisch aufhübschen) daran gehindert wird und sich darüber beschwert.

Eine Kollegin in der Geschäftsführung dieser Institution diskutierte übrigens 1994 Schopenhauer wissenschaftlich: Erlösung durch Erkenntnis?

Mein Tipp: Einfach mal das Web benutzen und nicht ausdrucken.

Das wäre erstmal der Weg zur Erkenntnis. Anschließende Erlösung für chronische Ausdrucker ist denkbar.

Websites für Gesunde

Pillen für Gesunde.

Stellen wir uns vor, ein Apotheker glaubt, sein Laden würde nur von gesunden Menschen betreten werden. Dass jemand auf solch eine Annahme überhaupt kommen könnte, klingt allein schon hanebüchen.

Im Internet scheinen ganze Verbände von Pillenverkäufern tatsächlich von solch einer Annahme auszugehen. Anders ist der jüngste Relaunch – und noch weniger die Wortspenden von Verantwortlichen – nicht zu erklären.

Martin Ladstätter schreibt auf BIZEPS-Info worum es geht:

Die Kritik bezieht sich nicht auf kleine Fehler hier oder dort, sondern auf die Tatsache, dass die grundlegendsten Anforderungen an Barrierefreiheit von Internetangeboten zur Gänze ignoriert wurden. Bittere Pille des Deutschen Apotheker Verlages

Wie Ladstätter im eben zitierten Artikel weiter fortfährt, hat Kobinet direkt beim Projekt­verantwortlichen angerufen und gefragt, warum diese Website nicht so gut bedienbar für einige potentielle Benutzer ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit für solche, die auf Grund einer Krankheit beeinträchtigt sind und Informationen und Medikamente brauchen werden.

Antwort: Barrierefreiheit? Sagt mir jetzt gar nichts.

Kurze Zeit später rief er zurück. Das was dem Mann vorher noch nichts gesagt hatte, ist nun plötzlich in einer Phase 2 geplant, wie er nun meinte. Achso. Klar, nee?

Wer die Sache in Ruhe und der Reihe nach durchlesen will, bitte hier lang:

Was wir daraus lernen können

Der typische Typo-Frickler versteht die Kritik gar nicht.

  • Er entgegnet mit Zertifizierungen verschiedenster Ausführungen.
  • Er beruft sich auf Grundgesetz und Verfassung, wo nirgendwo steht, dass eine Website frei von Gammelcode sein muss und
  • er referenziert ungeniert auf bisherige Taten im leicht erkennbaren <p class="bodytext"> Frickel-Quellcode-Look.

Ein grundsätzliches Problem bildet die mangelnde Professionalität vieler Entwickler. Warum sich Webstandards, Semantik und Barrierefreiheit nicht durch setzen

Das Trash-Log, bekannt für unverblümte Worte, interpretiert: Typo-frickler in Hochform.

Was draufsteht ist auch drinnen. Basta.

Einschub:
Ein Schwesterverband der Pillenverkäufer kleckert nicht. In Baden-Württemberg können sie ja laut Landeswerbung alles, außer … Dort wird im Herbst 2008 Barrierefreiheit einfach ausgerufen. Zugänglich sind die Seiten damit bis dato (2010-03-05) leider auch nicht wirklich.

Die Deutsche Bank ist schon mit anderen Wassern gewaschen und bietet gleich eine eigene Infoseite mit vielen »wichtigen« und rechtlichen Erklärungen zur Barrierefreiheit ihrer Website.

Vorsicht Ironie

Wenn also die Deutsche Bank schreibt, ihre Seiten seien barrierefrei, dann sind sie es auch. Basta. Egal ob du nun blind bist, wie Marco Zehe, oder sonstwie »zu blöde« sie zu bedienen:
Die deutsche Bank hat relauncht – oh Gott!

Und überhaupt: Vor 20 Jahren konnten wir auch ohne Web leben. Vor 150 Jahren ohne Strom.

Achso, bevor ich es vergesse:

Wer braucht jetzt eigentlich noch Barrierefreiheit?
  • Blinde wohl nicht. Die sollen sich in eine Ecke setzen und Ruhe geben. Die sollen sich auch nicht öffentlich beschweren, damit keine Flurschäden an der Reputation einer Organisation entstehen. Notfalls muss ihnen gedroht werden.
  • Farbenblinde sind sowieso gewöhnt, keine oder falsche Farben zu sehen.
  • Sehschwache sollen mal kalt duschen und sich Hilfsmittel besorgen oder von der Person ihres Vertrauens vorlesen lassen.
  • Hörgeschädigte sind ja nicht einmal blind und sehen sogar Videos, das reicht.
  • Suchmaschinen verarbeiten nun schon über Jahre jeden Mist und präsentieren Resultate.
  • Zukünftige Verarbeitungen interessieren heute nicht und
  • die mit motorischen Störungen, Gipshänden oder mit ’nem Döner in der Hand sollen einfach mal Surfpause machen.

Braucht dann wohl eh niemand Webstandards, barrierefreie Websites und all den Kram. Nein?

Wie sagen wir es denn jetzt

Zumeist beginnt das Problem damit, dass es bei zu kritisierenden Websites nicht um einzelne Feinheiten der Barrierefreiheit geht, sondern schon die Grundlagen, die Semantik, der Aufbau, der Usance moderner Webgestaltung widersprechen.

Einfach gesagt, um Wurzelziehen zu erklären, muss ich davon ausgehen, dass bereits verstanden wurde, warum 1+1 zwei ist.

Vom W3C/WAI (World Wide Web Consortium / Web Accessibility Initiative) werden Richtlinien ausgearbeitet, wie Organisationen mit unzugänglichen Websites konfrontiert werden sollten.

Craig Buckler hat auf SitePoint im Februar auch darüber geschrieben: How to Tell Organizations Their Website is Inaccessible.

Selten lässt sich damit allerdings die Einstellung ändern. Viele erkennen die Sinnhaftigkeit erst dann, wenn sie selbst oder in ihrem Verwandten- oder engsten Bekanntenkreis betroffen sind.

In Unternehmen, in denen die betroffenen Entscheidungsträger persönliche Erfahrungen mit Behinderungen und Barrierefreiheit gemacht hatten, war die Erstellung einer Barrierefreien Internetpräsenz ohne große Überzeugungsarbeit möglich. Studie: Wirtschaftliche Bedeutung der Web Accessibility

Wie vorhin gezeigt, reagieren manche mit vorbeugender Arroganz, mit spöttischem Humor oder gar mit Drohungen. Empathie, also Einfühlungsvermögen, scheint kaum verbreitet zu sein, vielmehr die Pflege des »guten Rufes« mit jedem Mittel.

Das endet bedauerlicherweise zu oft mit juristischem Hickhack:
US-Unternehmen Target betreibt nun barrierefreieres Internetangebot [BIZEPS].

Abschnitt 1 von 1

Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 5. März 2010 auf Relevanz geprüft.

Datum:
veröffentlicht am 05 März 2010, 20:05 MET.
Artikel:
Februar 2010 im Kontext [hyperkontext | Weblog]
Kurz-URL:
http://hyperkontext.at/s/250
Thema:
Empfehlungen 
Stichworte:
, , , , , , , ,  
Reaktionen:
Kommentare 4

Kommentare (4) ansehen

Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.

Mögliche themenverwandte Artikel aus dem Weblog

Blättern (chronologisch)

älterer Artikel »
Enterprise 2.0: Weblog als Führungsinstrument