Facebook und die IT-Kapazität des Eidgenössischen Personalamtes

Donnerstag, 11 Juni 2009 15:32 MET

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Junge zieht sich gelangweilt die Augen zu einer Grimasse herunter
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Barbara Schaerer, die Chefin des Eidgenössischen Personalamtes, sieht einen engen Zusammenhang in der Benutzung von Facebook und der IT-Kapazität dieser Behörde.

Ich bin erstaunt. Meine Interpretation: Die Frau hat offenbar keinen blassen Schimmer, wovon sie spricht.

Dass Internet-Analphabeten in dieser Art feudal öffentlich argumentieren ist Symptom dafür, dass die digitale Spaltung der europäischen Gesellschaft bereits dramatische Dimensionen erreicht.

Die Vorgeschichte

Am 4. Juni 2009 berichtet der Tagesanzeiger, dass Facebook die am meisten benutzte Website von den Angestellten der Schweizerischen Bundesverwaltung sei: Merz’ Leute nutzen Facebook am häufigsten.

Die folgende Geschichte allerdings auf einen anderen Blickwinkel zu lenken ist nicht leicht:

Es war zu erwarten.

Obwohl der Artikel neutral geschrieben ist, blieb das zu erwartende empörte Echo natürlich nicht aus, das sich auf einen Punkt fokussiert: Faule Beamte verplempern die Arbeitszeit auf Kosten der Steuerzahler mit privaten Kontakten auf einer Social-Network Plattform.

Erschreckend ist allerdings auch, wie viele der Kommentatoren das Sperren von diversen Social-Media Plattformen durch Arbeitgeber normal und begrüßenswert finden. Wie borniert diese Gedanken sind hat Florian Ranner [Grenzpfosten] kürzlich beschrieben: Schockierend: Rumsurfen macht produktiver. Darauf gehe ich somit hier nicht weiter ein.

Digitale Spaltung

Während also der Großteil der Kommentare mit trolligen Tiraden gegen die Belegschaft des Bundes wettert und am liebsten die Leute mit angewinkelten Beinen, zackiger Arbeitsmoral und keine Sekunde verschwendend am Schreibtisch sitzen sehen will, fand ich einen Satz in diesem Artikel bemerkenswert:

Für den Bund ist die Facebook-Nutzung ein doppeltes Problem: Zum einen belastet sie die Netzwerk-Infrastruktur, zum andern kostet sie Arbeitszeit. Merz’ Leute nutzen Facebook am häufigsten

Frau Schaerer, Facebook und die IT-Kapazität

Ein paar Tage nach eingangs erwähntem Bericht gibt es ein Interview in der schweizerischen Blick mit Barbara Schaerer, der Chefin des Personalamtes. Und da wurde ich dann endgültig stutzig.

Die erste Frage, ob sie persönlich einen Facebook-Account hat, weist sie empört mit einem rhetorischen Nein, weshalb? zurück.

Danach die dritte Frage: Viele private Unternehmen schränken den Facebook-Zugang ein. Braucht es das beim Bund auch?

Nun wird es interessant. Frau Schaerer beginnt die Antwort mit diesen zwei Sätzen:

Facebook braucht sehr viele IT-Kapazitäten. Die Frage ist, ob die Informatik-Infrastruktur des Bundes die Nutzung von Facebook bewältigen kann. […]

Fällt Ihnen etwas auf? Sie leitet die Antwort sinngemäß mit der Feststellung aus dem Bericht des vorher erwähnten Tagesanzeigers ein.

Was hat also die IT-Infrastruktur des Eidgenössischen Personalamtes mit der Benutzung von Facebook zu tun?

Da der Fragesteller leider den schlüssigen Zu­sammen­hang dieser Aus­sage nicht hinter­fragt, bleibt nur die Inter­pretation.

Die einzigen kausalen Zusammenhänge, die mir hierzu in den Sinn kommen, wären eine unzureichend dimensionierte Anbindung dieser Behörde an das Internet oder vollkommen veraltete Ausstattung.

Also etwa in der Art, dass

  • die mit Modems in Geschwindigkeit 56 kbit/s herumgurken oder
  • die PCs mit Windows NT und ’nem installierten Mosaic-Browser, anno 1994, ausgestattet sind oder
  • fünf Personen auf einem PC arbeiten müssen.

All das würde mich staunen lassen und mir ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern. Zudem würde solch unzureichende Ausstattung so gut wie alle Aktivitäten im Web betreffen und ein sinnvolles Arbeiten unmöglich machen. Nicht nur mit Facebook.

Da Facebook auch nicht mehr oder gar spezielle Ressourcen verwendet als gängige Web-Anwendungen, ist die Netzwerk-Struktur genauso viel oder wenig von der Benutzung betroffen, als die ständige Beschäftigung mit Anwendungen, die des gemeinen Volkes ungeteilte Zustimmung hätten und zur Pflichterfüllung des beamteten Arbeitslebens dienen.

Wahrscheinlicher ist die folgende Interpretation dieses Junktims:

Keinen blassen Schimmer

Die Frau hat keinen blassen Schimmer, wovon sie spricht.

Die Dame hübscht bloß gut klingende Worte aus einem Zeitungsartikel weiter aus – etwa Infor­matik-Infra­struktur – und reimt sich ihre Vorstellung zusammen, wie die Dinge zueinander passen könnten. Eine nebulose Offenbarung fehlenden Grund­lagen­wissens.

Bildungszuschuss für Führungskräfte

Das Eidgenössische Personalamt bietet seinen Angestellten auch Kurse von der Technischen Hochschule Zürich an. Da ist sicherlich auch einer für Web-Einführungen dabei. Die Dame sollte zu einem verpflichtenden Besuch eingeladen werden.

Wieder mal herzlich gelacht.

Dass sie hinten nach im Interview noch ein höheres Gehalt für sich und ihresgleichen fordert, ist in diesem Kontext nur konsequent und sollte unter dem Titel Bildungs­zuschuss für Führungs­kräfte mehrheitlich doch Anklang finden.

Nebenbei sei noch erwähnt, dass Frau Schaerer offiziell mit einem Herrn Gygi zusammenlebt.

Diesen Herrn ereilte das tragische Schicksal eines Working-Poor und er musste zuletzt sogar bis zu drei Beschäftigungen nachgehen, um sich über Wasser zu halten: Drei Jobs, drei Löhne – die Kritik an Post-Chef Ulrich Gygi wächst [Tagesanzeiger]. Als Chef der Schweizer Bundesbahnen reichen jetzt glücklicherweise wieder zwei.

Ausgedruckt und abgelegt

Dass Internet-Analphabeten in dieser Art feudal öffentlich argumentieren, Gesetze und Strategien bestimmen, ist Symptom dafür, dass die digitale Spaltung der europäischen Gesellschaft bereits dramatische Dimensionen erreicht.

Hinzu kommt in diesem Fall, dass Frau Schaerer aufgrund ihrer Position auch Departements­vertreterin im Institutsrat des Instituts für Geistiges Eigentum in der Schweiz ist.

Daraus können wir schließen, dass sie sich über kurz oder lang auch in Fragen des Internet­rechts wichtig machen wird. Vielleicht verknüpft sie dann die Funktionsweise von Netzsperren fantasievoll mit Laden­öffnungs­zeiten? Die ideale Marionette also für Lobbyisten der Verlags- und Musikindustrie.

Die Spaltung dabei ist, dass wir solchen Leuten gar keine Dreistigkeit vorwerfen können. Sie reden über Dinge, die sie selbst nicht verwenden. Gleichzeitig aber nicht begreifen, dass sie über substantielle Komponenten nachfolgender Generationen entscheiden.

Vielleicht habe ich ja schon eine pathologische Projektion ausgebildet und Frau Schaerer hat sich nur missverständlich ausgedrückt. Ich nehme meine Interpretationen gerne zurück, wenn die Dame künftig durch schlüssige Argumentationen zeigt, dass sie mehr Erfahrung hat, als sich das Internet durch die Sekretärin ausdrucken zu lassen.

Abschnitt 1 von 1

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veröffentlicht am 11 Juni 2009, 15:32 MET.
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