Enterprise 2.0: Weblog als Führungsinstrument

Dienstag, 23 Februar 2010 23:49 MET

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Kommunikation  
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Frau im Businesslook tippt auf Laptop-Tastatur
Enterprise 2.0: Weblog als Führungsinstrument [hyperkontext | Weblog]
Bezugnahme 1

Manager Karlis faseln immer wieder von besserer Kommunikation. Mit Schweigen und PowerPoint-Bullshit-Bingo wird sich allerdings nichts verbessern.

Nehmen wir an, ein neuer Karli will wirklich Sinnhaftes bewerkstelligen. Dafür wird er mit den Menschen ins Gespräch kommen müssen. Das interne CEO-Blog kann die Basis werden.

Mutig statt Karli oder der Beginn einer vertrauensvollen Beziehung.

Die Angst des Karli Manager vor der Belegschaft

Wer meine Blogeinträge schon länger verfolgt weiß, dass die typischen sogenannten Führungskräfte alle den selben Namen bei mir haben: Karli Manager. Liebevoll Karli genannt, egal ob weiblich oder männlich.

Beobachten lässt sich, dass viele Karlis nackte Angst vor der Belegschaft haben. Dass da jemand mal unfreundlich werden könnte, ein paar scharfe Worte fallen könnten, »einfache Untertanen« den großen Karli kritisieren könnten.

Kurzum, für einen echten Karli sind Menschen nur etwas für Personaler, die Buchhaltung und die Propaganda, aber doch nicht für Karli himself.

Trotzdem faseln Karlis immer wieder von besserer Kommunikation.

Dann sollte aber auch verstanden werden, dass es mit dem Projekt der besseren Kommunikation – vom Propagandakarli als PowerPoint-Bullshit-Bingo (PPBB) präsentiert – auch nichts so recht werden wird.

In solchen Fällen müsste erst einmal das Management in Vorleistung gehen. Betriebswirtschaftlich gesprochen, anders verstehen es Karlis nicht, muss das Management erst investieren.

Beispiele zum Verständnis

Da nicht alle von Dilettantismus dieser Art betroffen sind, beschreibe ich mal zwei selbst erlebte Beispiele:

  • Ihr denkt für mich

    Eines Tages erhielten die Mitarbeiterinnen der Abteilung eine E-Mail vom Abteilungskarli, dass wir uns doch Gedanken darüber machen sollten, wie die Branche in zehn Jahren wohl aussehen würde, wohin der Trend unserer Ansicht nach gehen wird.

    Wir sollten unsere Gedanken doch bitte bis zum soundsovielten per E-Mail an ihn senden.

    Sie dachten auch gerade an seine Überlegungen als Diskussionsanstoß? Ist zwar schon lange her, aber ich kann mich genau erinnern: Da war nichts mehr. Karlis Elektropost war zu Ende.

    Vermutlich hatte irgendein Oberkarli von ihm so etwas haben wollen. Da ihm Muße, Fantasie oder sonstige Fähigkeiten fehlten, dachte sich der bauernschlaue Karli, da lass ich doch gleich meine Untertanen für arbeiten. Die Abschnitte die mir am besten gefallen, lass ich von der Sekretärin auf ein PPBB (PowerPoint-Bullshit-Bingo) aufmotzen und hab eine schöne Präsentation für die Oberkarlis, natürlich unter meinem Namen.

    Die Beteiligung hielt sich schwer in Grenzen. Wie viel darauf wirklich antworteten, kann ich nicht sagen. Irgendwann kam mir zu Ohren, dass er sich über mangelnde Mitarbeit beklagt hätte.

    Selbst unter der Annahme, dass gar kein Oberkarli das von ihm wissen wollte und er wirklich ein Brainstorming anstoßen wollte, fühlt sich die Vorgangsweise ziemlich stümperhaft und noch befremdlicher an.

  • Wer lernt was

    Da werden Ergebnisse einer Mitarbeiterbefragung präsentiert, deren visualisierte Zahlen über das Betriebsklima erschütternd sind.

    In einem rudimentären Forensystem will eine Apparatschik der internen Propaganda die Diskussion anstoßen. Der Initialeintrag lautete sinngemäß, aber in ungefähr gleicher Kürze: Bezüglich der Resultate zur Mitarbeiterbefragung: Was lernen wir daraus?

    Falls es ein mitlesender Karli nicht versteht: Eine Meinung als Diskussionsgrundlage wäre die Minimalinvestition gewesen.

    Geantwortet hat natürlich niemand darauf und der einsame Eintrag wurde irgendwann nach Monaten wieder gelöscht.

Was lernen Karlis nun daraus?

Das große Schweigen

Das Motto, ab jetzt sind wir fair, wollen wir mehr Kommunikation und Vertrauen, macht halt mal, bewirkt gar nichts – nothing, nada, niente, rien, ничто. Überhaupt noch in einem Unternehmen, in dem schon viele Jahre tiefes Misstrauen und Packelei herrscht.

Die einen Karlis verstehen gar nicht, dass sie Verarsche betreiben, während Apparatschiks hingegen andere in eine Diskussion hetzen wollen und sich selbst dabei vornehm raushalten. Andere Karlis verstehen das mit der Vorleistung durchaus und verzichten gleich ganz darauf.

Über kurz oder lang ist in allen Fällen die Reaktion, überhaupt jede Regung einzustellen. Nach dem Motto: Wenn wir gar keine Informationen mehr liefern, kann sich auch niemand über die Art, die Aufbereitung, den Stil oder sonstwie beschweren.

Was also tun in einem Unternehmen des Schweigens, der Gleichgültigkeit, des Misstrauens, des Neides und Standes, das also schon tief im Sumpf des Asozialen steckt?

Neuer Karli, neues Glück

Jetzt nehmen wir mal an, ein neuer Karli übernimmt das Ruder – was zwar ständig vorkommt, der aber kommunikative Regungen zeigt, was wiederum als extremer Ausnahmefall zu betrachten ist.

Nehmen wir weiter an, dieser Karli erkennt nach kurzer Zeit, dass er es in dem Unternehmen mit einem Heer von Bück-Dich Schleckis zu tun hat. Quasi lebende Leichen, die allesamt ein gemeinsames Ziel umhertreibt: Ihre Bestattung im goldenen Sarg bezahlen zu können, wenn es mit dem Leben nicht mehr geht.

Die meisten Karlis vernehmen den Leichengeruch zwar, gewöhnen sich aber schnell daran und entdecken ein neues Ziel: Sie wollen sich mehr als einen goldenen Sarg, nämlich mehr Särge als die anderen verdienen.

Mutig statt Karli

Nehmen wir aber an, unser neuer Karli will wirklich Sinnhaftes bewerkstelligen und ist soweit geistig flexibel. Versuchen wir es mal mit einer weiblichen Karli. Wir verpassen ihr also einen neuen Namen, denn Karli heißen nun mal alle Manager mit Vornamen bei mir. Nennen wir sie also Mutig. Mutig Manager.

Mutig statt Karli oder der Beginn einer vertrauens­vollen Beziehung.

Manager Mutig ist natürlich so klug, den Auftrag der Eigentümer mit ihren Wertvorstellungen zu überprüfen. Erst dann nimmt sie den Job an.

Unsere Mutig muss nun etwas bewerkstelligen (managen). Erst aus der Erfahrung und dem Wissen der Menschen in diesem Unternehmen kann sie ihr Wissen und ihre Erfahrung zu einem Sinn verknüpfen, um Ziele zu erreichen.

Dafür wird sie mit den Menschen ins Gespräch kommen müssen. Ich meine mit den Menschen, nicht nur mit den Karlis.

Die persönliche Vorleistung

Sie braucht das Vertrauen der Menschen und Mutig weiß, dass sie dafür erstmal in Vorleistung gehen muss. Das perönliche Risiko ist also, ihr Vertrauen in andere zu investieren, um von ihnen ernst genommen zu werden und Vertrauen geschenkt zu bekommen.

Vertrauen und Interesse erfordert Zeit. Das weiß unsere Mutig natürlich. Deswegen sieht sie sich mal im Unternehmen um und spricht mit den Leuten.

Nein, sie »bestellt« sie nicht zu sich und sie lässt sich auch nicht nur von einem Unterkarli herumführen.

Sie geht selbst auf die Menschen zu und spricht dort mit ihnen, wo sie diese antrifft.

Ja, sie schüttelt viele Hände, sie stellt sich immer wieder vor, sie hört lange zu. Sie fragt immer wieder nach und sie ist vollkommen geschafft davon. Sie weiß aber, dass diese ersten Eindrücke enorm wichtig für sie und die vielen Menschen sind, denen sie begegnet.

Mutig weiß, dass sie persönlich natürlich nicht alle Menschen erreichen kann.

Deswegen braucht sie einen Kanal, mit dem sie ständig präsent ist und die Menschen ihre Gedanken mitverfolgen können und so Schritt für Schritt mutiger werden, kommentieren, kritisieren und mitgestalten. Sinn spüren und nicht zuletzt auch Vertrauen investieren.

Nach vielen weiteren Gesprächen und Meetings mit Ober- und Unterkarlis, Gewerkschaftskarlis und Kundenkarlis dämmert ihr langsam, dass in diesem Unternehmen vor allem Misstrauen und Status herrscht.

Sie weiß natürlich, dass sie vor allem unter manchen Karlis die ersten Irritationen ausgelöst hat und sie viele jetzt für ziemlich naiv halten. Wahrscheinlich auch aktiv ihre Art der Kommunikation unterlaufen und intrigieren werden.

Internes CEO-Blog als Vertrauensbasis

Es gibt nur ein rudimentäres Intranet, also ohne Rückkanal, ohne Querverbindungen und sowieso kaum gepflegt. Etwas, das auf sehr viele Unternehmen zutrifft. Mutig lässt technisch ein persönliches Blog aufsetzen.

Sie schreibt ihre Gedanken über die vielen Gespräche nieder. Anfangs oft mehrmals täglich. Manchmal auch nur über ihre neue Umgebung, über denkwürdige oder lustige Begegnungen mit den Menschen im Unternehmen.

Sie beginnt, Einträge über ihre Strategie, Wünsche und Absichten zu verfassen. Da sie aber eigentlich nicht so gerne schreibt und die Zeit nun wirklich auch knapp ist, lässt sie sich eine Webcam installieren und spricht manche ihrer Blogeinträge, die natürlich auch kommentiert werden können.

Nach kurzer Zeit entdeckt sie, dass ihre Sekretärin gerne schreibt, sich mit Social-Networks auskennt und sogar ein kleines privates Blog führt.

Sie motiviert sie, doch das ein oder andere Meeting, dem sie öfters beiwohnt, gleich direkt in ihrem Blog als Zusammenfassung aufzubereiten. Darunter schreibt Mutig noch öfter ihre Sichtweise hinzu. Damit kommen zeitnahe Einträge zustande.

Auf jeden Fall kann nun jeder im Unternehmen verfolgen, was sich »da oben« so tut und womit sie sich gerade beschäftigt.

Das war Mutig wichtig.

Alle können unter ihrem eigenen Namen die Beiträge kommentieren. Die Funktion wird zu diesem Zeitpunkt kaum genutzt. Über die Zugriffstatistik sieht Mutig aber, dass immer mehr Menschen im Unternehmen das Blog verfolgen.

Die Gefahr von Missbrauch ist nicht gegeben, denn wer wird schon den Oberkarli direkt beschimpfen? Das trauen sich Schleckis nur anonym.

Aufbruch statt Abbruch

Mit der Zeit entspinnen sich tatsächlich einige interessante Diskussionen auf manche Blogeinträge. Auffällig dabei ist, dass anfänglich kein einziger Karli kommentiert. Damit hat Mutig gerechnet.

Erst als immer mehr Mitarbeiter schon fast regelmäßig kommentieren, trauen sich einige Karlis aus der Deckung und schreiben auch mal ab und an. Meist aber substanzlos und nicht der Rede wert.

Die Kommentarbearbeitung kostet viel Zeit, die sie auch bei bestem Willen oft nicht hat. Das kommuniziert sie. Zusätzlich zu ihrer Sekretärin entpuppt sich noch ein engagierter Mitarbeiter als hilfreich. Die zwei unterstützen Mutig nun und beantworten einige Kommentare auf dem CEO-Blog unter eigenem Namen.

Wichtig ist für sie, die immer weiter um sich greifenden verbalen (Er)Regungen der Menschen nicht unbetreut zu lassen.

Karlis trennen sich vom Weizen

Mutig Manager hat währenddessen nun den zweiten Schritt schon vorbereitet und ließ die technische Plattform so weit dimensionieren, dass nun weitere Blogs aufgesetzt werden können.

Sie verfasst provokantere Posts, in denen sie die Ober- und Unterkarlis dazu auffordert, eigene Blogs zu eröffnen und ihnen wichtige Themen anzuschneiden. Öffentlich im Unternehmen mit ihr und anderen zu diskutieren.

Teilweise gelingt es. Andere Karlis und ihre Apparatschiks werden allerdings unruhig, weil vieles die gewohnten Bahnen verlässt und ihre Denkmauern sprengt.

Der Wunsch nach Diskussionsforen kommt auf, aber Mutig stellt sich dagegen.

Grenzen ziehen

Sie weiß, in einer Organisation die (noch) dermaßen von Misstrauen geprägt ist, entartet ein freies, offenes Diskussionsforum schnell und wird zur Spielwiese für Trolle. Derzeit forciert sie lieber den Aufbau von Blogs, weil dort Themen gezielter von den Blogautoren bestimmt werden.

Persönliche Blogs werden nun auch für Mitarbeiterinnen geöffnet. Es kristallisieren sich abseits von Hierarchien nach und nach Meinungsmacher heraus und es entstehen harte Konfrontationen. Die sprichwörtlichen Fetzen fliegen.

Wichtig ist Mutig, dass zunehmend mehr Menschen Meinungen vertreten und Sachdiskussionen geführt werden und sich daraus reale Arbeitsgruppen bilden. Sie muntert in ihren Beiträgen immer wieder dazu auf, kritisiert aber persönliche Beleidigungen scharf.

Langsam bildet sich Vertrauen und bei einigen echte Begeisterung.

Eine Eigendynamik setzt sich in Gang. Es geht nach über einem Jahr nun in die Richtung, die Mutig anstrebt.

Aus Begeisterung entstehen erste Projektwikis, die allerdings schnell an ihre Grenzen stoßen. Mehr System, Einarbeitung und technisches Know-how sind erforderlich.

Mutig führt mittlerweile Gespräche mit einigen begeisterten Leuten aus der IT-Abteilung und externen Beratern, um den Wildwuchs in Grenzen zu halten und eine robuste, konfigurierbare Plattform einrichten zu lassen. Ein schwieriger Teil, der auch einiges an Kosten verursachen wird.

Bewährtes mit neuer Technik

Ob diese Anfänge nun mit dem Modewort Enterprise 2.0 bezeichnet werden, ist ihr schnurzegal. Die Unternehmensphilosophie von W.L.Gore ist schließlich schon 50 Jahre alt und dient ihr durchaus als Vorlage (siehe auch meine Buchrezension: Das Ende des Managements).

Einige Karlis scheinen nun völlig überfordert und beginnen mit ihren Apparatschiks zu intrigieren.

Für Mutig Manager beginnt jetzt erst die eigentliche Arbeit. Ob sie nun so radikal wie einst Ricardo Semler werden muss – On his first day as CEO, Ricardo Semler fired sixty percent of all top managers – oder Schritt für Schritt die Dynamik des Peter-Prinzip durchbrechen wird, weiß sie noch nicht.

Sie kann sich auch gar nicht sicher sein, ob in einem Unternehmen wie diesem nicht doch wieder die Bück-Dich Schleckis über politische Intervention die Oberhand bekommen. Das ist aber eine andere Geschichte. Darüber schreibe ich vielleicht ein andermal.

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veröffentlicht am 23 Februar 2010, 23:49 MET.
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