Dropout-Rate bei Flyout-Menüs auf Websites

Dienstag, 19 Oktober 2010 22:55 MET

Thema:
Webgestaltung  
Stichworte:
,  
dieser Artikel  
Detail-Screenshot aus einem Flyout-Menü
Dropout-Rate bei Flyout-Menüs auf Websites [hyperkontext | Weblog]
Kommentare 1, Bezugnahme 2

Sie rutschte immer wieder am anvisierten Link der zweiten Ebene vorbei und das komplette Menü brach wieder zusammen. Ich habe das unlängst wieder miterlebt und vollführte die notwendigen Mausbewegungen für eine Person, die eine leichte Beeinträchtigung der Feinmotorik hat.

Die Frage drängt sich auf: Muss das sein, wenn alles viel einfacher sein kann?

Natürlich ist die Navigation einer Website die wichtigste Aufgabe guter Webgestaltung. Unter Navigation versteht sich allerdings der Kontext im Gesamtkonzept und nicht das coole Ausklappmenü.

Dropout ist kein Schicksal

Wer Menschen gesehen hat die mehrmals hintereinander versuchen einen Menüpunkt in einem Flyout-Menü (Beispiele) zu erreichen und kurz vor dem Ziel das Menü einfach verschwindet, der kann ihre Frustration verstehen.

Wenn jemand meint das wäre gerade mal ein Thema für paar Spastiker, dann widerspreche ich hiermit.

Ausklappmenüs können sogar völlig korrekt nach den Richtlinien für barrierefreie Webinhalte implementiert sein und trotzdem für stark Sehbehinderte, für Menschen mit (ständigen oder auch nur temporären) motorischen Beeinträchtigungen und mit der Maus ungeübten Personen schwer bedienbar sein.

Es hängt nicht nur von Menschen ab, sondern auch von technischen Gegebenheiten: Ein schlecht eingestelltes System (das ich gerade nicht verändern kann oder darf) mit behäbigen oder übersensiblen Mausreaktionen oder manche Touchpads auf Laptops entlocken einem bei manchem Flyout auch schon den ein oder anderen Flucher.

Solche Menüs werden oft zum Hochseilakt, zu einer Aktion, die lieber vermieden wird. Ich vermute, dass einige Leute sogar Versagensängste plagen, wenn sie in Anwesenheit von Zuschauern Websites mit solchen Menüs bedienen sollen. Die Angst, ausgelacht zu werden.

Damit streifen wir, neben der Usability (Benutzerfreundlichkeit), auch Bereiche der Techniksoziologie und Psychologie.

Aufgeflogen – Rausgeflogen

Russ Weakly 2005 in einem Interview über Flyout- und Dropdown-Menüs:
Use them or lose them.

Ich selbst habe das unlängst wieder miterlebt und vollführte die notwendigen Mausbewegungen für eine Person, die durch Medikamente eine leichte, im Alltag kaum merkbare, Beeinträchtigung der Feinmotorik hat. Sie rutschte immer und immer wieder am anvisierten Link der zweiten Ebene vorbei und das komplette Menü brach wieder zusammen.

Der Weinkrampf war nicht mehr fern. Verständlich. Es ist einfach deprimierend, wenn du eine Website nicht bedienen kannst, nur weil du nicht in der Lage bist die Maus millimetergenau waagrecht zu verschieben und andere greifen mal kurz hin und erledigen das für dich.

Zum Vergleich:

  • Ziehen Sie sich einen dickeren Handschuh an und versuchen Sie damit ein Flyout-Menü in der zweiten Ebene zu navigieren.
  • Oder machen Sie Klimmzüge bis zur Erschöpfung und greifen Sie danach gleich zur Maus und navigieren ein zartes Dropdown-Flyout-Menü in die dritte Ebene.

Da werden einige schnell zur Überzeugung gelangen, dass das mitunter einem Balanceakt nahekommt.

Ich zumindest schlussfolgere daraus, dass insbesondere Flyout-Menüs – oder die Kombination Dropdown mit vielen Unterpunkten – eine unbekannte Zahl an Dropouts produziert. Viele suchen die Schuld dann bei sich und glauben, etwas nicht zu können, was andere offenbar mit Leichtigkeit schaffen. Das kann zu Versagensängsten beitragen, bei manchen älteren Personen die Abneigung zu Computer und Web dadurch verstärken.

Die Frage drängt sich auf: Muss das sein, wenn alles viel einfacher sein kann? Einfacher sowohl für Webentwickler, als auch für viele Benutzer. Einfacher sowohl in der Bedienung, als auch im Verständnis.

Navigation ist ein Gesamtkonzept

Mir hat mal einer gesagt, dass die – eine gemeinsam betrachtete, von ihm eben fertiggestellte – Website ohne dem Flyout-Menü optisch nicht viel hergeben würde. In anderen Worten: Er meinte, die Website würde dann unprofessionell rüberkommen. Oder nochmal anders gesagt: So hat er als Designer das Menü gleich selbst vorgeschlagen, um zu zeigen, was er denn alles kann.

Ich frage nochmals: Muss so ein Kindertheater sein?

Sowas passiert ja nicht nur mit der Website vom Handwerker um die Ecke, sondern auch in größeren Projekten. Der Wunsch kommt natürlich auch von Kundenseite. Oftmals mit oberflächlichen oder fadenscheinigen Begründungen, hinter denen letztlich nur der Wunsch des Wow-Effektes steht.

Meines Erachtens geht es zumeist lediglich um den Nachahmereffekt – da hab ich so ein cooles Menü gesehen – und die Interaktion, dass sich halt etwas am Bildschirm tut. Mehr nicht. Designer implementieren es gerne, weil sie sich damit profilieren können – mal mehr und mal weniger berechtigt.

Webdesign ist nicht nur Umsetzung gefinkelter Menüs.

Natürlich ist die Navigation einer Website die wichtigste Aufgabe guter Webgestaltung. Unter Navigation versteht sich allerdings der Kontext im Gesamtkonzept und nicht das coole Ausklappmenü.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass mangels Inhalt, optische Firlefanzen und die Navigation das ausschließliche Thema sind. Selten wird Navigation im Gesamtkontext des Inhaltes beleuchtet, die Notwendigkeit, die Alternativen, die Dimension und über Benutzerinnen nachgedacht.

Unterschied zu Desktopanwendungen

Oft höre ich, die Leute seien das sowieso aus Desktopanwendungen gewöhnt. Diese Rechtfertigung ist mehrfach falsch und der sprichwörtliche Äpfel-Birnen-Vergleich:

  • Desktopmenüs in mehreren, seitlich ausklappenden Ebenen sind für viele Menschen auch schwer zu bedienen.

  • Software ist in den meisten Fällen eine Mehrfachanwendung. Wir bekommen dadurch Übung und wissen mit der Zeit genau, hinter welchem Dropdown sich welcher Menüpunkt versteckt. Das lässt Menschen sicherer werden, weil sie genau wissen wohin sie steuern müssen beziehungsweise Tastaturkürzel benutzen.

  • Bei Desktopmenüs in Software hat sich über Jahre eine Konvention herausgebildet, sodass häufige Funktionen in fast allen Produkten an der gleichen Stelle zu finden sind und die selben Tastaturkürzel verwenden.

    Bezeichnungen und Reihefolgen von Menüpunkten auf Websites haben bisher nur ganz wenig gemeinsame Konventionen ausgebildet.

  • Arbeit und Interaktion mit Software ist zumeist stundenlange Beschäftigung mit den selben Navigationsmöglichkeiten (Lerneffekt).

    Websites hingegen werden ständig gewechselt. Benutzer sehen sich permanent mit allen möglichen und unmöglichen Menüs konfrontiert. Grundlegende Navigationsmuster auf jeder Site erstmal erforschen zu müssen ist an sich schon anstrengend. Dafür dann noch mit disziplinierter ruhiger Hand die Maus führen um überhaupt entscheiden zu können wohin ich navigiere, ist mehrfach mühsam.

Mit dieser Aufzählung kristallisiert sich im Umkehrschluss allerdings eine der Umgebungsvariable für den Einsatz von Ausklappmenüs heraus: Auf Sites oder Teilen einer Site, die in großer Mehrzahl regelmäßig von Stammpublikum besucht wird. Diese Voraussetzung ist zum Beispiel in kleinen und mittleren Intranets meist gegeben.

Ausgeklappt – also wie jetzt

Think very carefully before you decide to use fly-outs, and consider the consequences. And make sure your only reason for using them isn’t “It looks cool.”. Usability and Fly-Out Menus

Abgesehen von der Abwägung der Notwendigkeit ist es durchaus so, dass ein durchdachtes, korrekt implementiertes und angenehm bedienbares Flyout-Menü keine leichte Aufgabe ist. Sowohl die Abwägung, als auch die eventuelle Realisierung sollte daher nicht der erstbesten Klitsche für Hompädsches aller Art überlassen werden.

Auch die zahlreich auffindbaren Bastelanleitungen und Fertiglösungen für Ausklappmenüs erfüllen meist nicht barrierefreie Kriterien und Webstandards.

Korrekt implementiert heißt natürlich auch, dass solche Menüs mit der Tastatur bedienbar sind. Damit weise ich gezielt mit ein paar Tagen Verspätung auf den von Robert Lender initiierten jährlichen Tag der Tastatur hin und auch auf meinen vorjährigen Beitrag dazu: CSS :focus und :active – Tast(en)sinn auf Webseiten.

Wenn die Dropout-Rate beim Flyout- oder Ausklappmenü bekannt wäre, dann würden uns wahrscheinlich viele dieser virtuellen Seiltänze auf Websites erspart bleiben.

In diesem Sinne: Hals- und Beinbruch.

Abschnitt 1 von 1

Verweise zum Thema:

Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 19. Oktober 2010 auf Relevanz geprüft.

Datum:
veröffentlicht am 19 Oktober 2010, 22:55 MET.
Artikel:
Dropout-Rate bei Flyout-Menüs auf Websites [hyperkontext | Weblog]
Kurz-URL:
http://hyperkontext.at/s/282
Thema:
Webgestaltung 
Stichworte:
,  
Reaktionen:
Kommentare 1, Bezugnahme 2

Kommentare (1) und externe Bezugnahmen (2) ansehen

Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:

Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.

Mögliche themenverwandte Artikel aus dem Weblog

Blättern (chronologisch)

älterer Artikel »
September 2010 im Kontext