Drei Missverständnisse der Webpublikation
Montag, 07 Mai 2007 07:55 MET
1. Missverständnis:
Das Hypermedium ist nicht per se visuell
Nur weil die Mehrheit gewohnt ist Inhalte einer Webpage visuell wahrzunehmen, hat das Medium ursächlich mit Visualisierbarkeit rein gar nichts zu tun. Liebe Grafiker, prägt Euch also folgende Feststellung ganz fest ein:
(X)HTML ist KEINE Layoutsprache!
Ich schreibe das deswegen so plakativ hin, weil die gegenteilige Feststellung angeblich sogar (noch) in Kursen und Schulen gelehrt wird.
(X)HTML ist eine Textauszeichnungssprache!
Sie erfüllt den Sinn der Strukturierung und Semantik einer Webpage. Das hat den Zweck, dass eine Software, wie sie zum Beispiel von Browsern, Suchmaschinen und Screenreadern eingesetzt wird, eine Seite erfassen und interpretieren kann. Nicht mehr und nicht weniger.
Interpretation einer Webpage heißt nicht unbedingt Visualisierung
Ein Screenreader könnte zum Beispiel <strong>Achtung:</strong> mit tieferer, anderer oder langsamerer Stimme vorlesen. Für Suchmaschinen und x-beliebige Programme kann es ein Hinweis sein, dass es sich hier um einen Textteil handelt, der wichtiger als die Teile rundherum ist. In einem Desktop-Brower wird dies automatisch fett dargestellt. Oder Sie gestalten <strong> in CSS derartig, dass es beispielsweise so Achtung: aussieht.
2. Missverständnis:
Die Webpage ist nicht das Ausgabemedium
Im WWW bestimmt der Empfänger mit seiner technischen Ausstattung und seinen individuellen Software-Einstellungen die Gestaltung der Botschaft. Nicht der Absender, nicht der Webdesigner, nicht die Werbe-Agentur, auch nicht mit verdoppeltem Etat.
Es ist offensichtlich, dass die Tatsache der Vielfalt der Ausgabe-Medien noch lange nicht in den e-commerce-Labors der Werbeagenturen und erst recht nicht in den Köpfen der Entscheider bei den Kunden eingezogen ist. Rainer Kersten 1
Liebe Marketingfuzzis und Werbeleute:
Im Gegensatz zu deinem Hochglanzprospekt, der verteilt wird und so bleibt wie er ist – außer ich leere meinen Kaffee drüber, besitzt der Benutzer einer Website das Ausgabemedium. Und du kannst denen nicht vorschreiben, ob sie mit 800x600 oder 1600x1200 Pixeln Bildschirmauflösung, mit einem Screenreader, Handheld oder Mobile Phone surfen. Du kannst auch nicht wissen, ob der Empfänger deiner Botschaft zu den 10% farbenblinden Männern, zu den über 50jährigen mit Altersfehlsichtigkeit, zu den Menschen mit motorischen Störungen oder sonstwie zu den 50% gehören, die nicht deine guten Augen, deine motorischen und kognitiven Fähigkeiten und deine technische Ausstattung haben. Auch die Suchmaschine weiß nicht, dass zum Beispiel deine Adresse in einer Grafik versteckt ist.
Ich weiß, eine Suchmaschine und ein Sehbehinderter können deine Information im Hochglanzprospekt auch nicht lesen. Und weil das Hypermedium eben anders ist, merke dir:
Auf einer Website hast du die Chance, dass (fast) alle Menschen – und auch andere Programme – deine Botschaften erfassen können. Nutze sie!
3. Missverständnis:
Das Hypermedium ist nicht die logische Erweiterung von Druckwerken
Offenbar viel zu wenig erkannt werden die Möglichkeiten, die das Hypermedium bietet. Die Arbeit scheint für viele damit erledigt zu sein, etwas dort reinzustellen
. Daher wird der gesamte Arbeitsablauf mit dem eines Druckwerkes gleichgestellt. Von der Konzeption bis zu den Ausführenden.
Würden Sie von einem Autohersteller erwarten, dass er Ihnen ein Flugzeug verkauft?
Naiv könnte ich nun argumentieren: Autos und Flugzeuge sind doch beides Transportmittel
. Mit Druckmedien und dem Hypermedium verhält es sich wahrscheinlich auch so.
Webdesigner, die meinen, sie könnten alle diese Berufe gleichermassen beherrschen, kann ich nicht ernst nehmen. Erst recht nicht, wenn sie in einer Werbeagentur arbeiten. Dann sind sie zwar teurer, aber die WWW-Seiten werden davon auch nicht besser. Rainer Kersten 1
Nur braucht es sicherlich noch lange Zeit, bis diese Inkompatibilität und den wenigen Gemeinsamkeiten mit Druckprodukten erkannt wird. Bis sich diese Erkenntnis durchsetzt, werden noch viele Printgrafiker – ohne zu wissen, etwas dazulernen zu müssen oder es bleiben zu lassen – noch viele Websites erstellen.
- Abschnitt 1 von 1
Quellenverzeichnis
- Warum können Werbeagenturen keine guten WWW-Seiten schreiben? (Rainer Kersten, woodshed productions)
Weitere Links zum Thema
- Märchen: Der Suchmaschinenroboter und der Webdesigner (Rainer Kersten, echt lesenswert!).
- Webseiten sind keine Gemälde (Jens Grochtdreis bei Webkrauts)
- Die endgültige Müllseite Websites, die es
wert
sind zur Schau gestellt zu werden. (Wird nach zehn Jahren seit 2007 nicht mehr aktualisiert, trotzdemsehenswert
.) - Web Pages That Suck (Noch so ein
Gruselkabinett
aus dem englischen Sprachraum). - Netzfrühling (Ja, es gibt auch schöne Seiten, die Standards entsprechen, zugänglich sind und die Funktion einer Website erfüllen).
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 10. Mai 2007 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 07 Mai 2007, 07:55 MET.
- Artikel:
- Drei Missverständnisse der Webpublikation [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/13
- Thema:
- Webgestaltung
- Stichworte:
- CSS, HTML, Webstandards
Interne Bezugnahme von neueren Artikeln
- Rezension: Webdesign mit Webstandards vom 14. Mai 2007
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