Die Einfaltsvermutung
Montag, 23 August 2010 14:04 MET
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Verlorene (große) Kinder
Wir leben in einer Zeit der Vermutungen. In letzter Zeit vor allem solcher der Unschuld. Wir sollten uns allerdings auch mit der Vermutung der Einfalt auseinandersetzen, die sich immer öfter aufdrängt.
Eine Ursache könnten die Scharen verlorener großer Kinder sein, die sich ihre Lebensphilosophie aus Hollywood-Schinken und -Serien saugten und nun besonders gewieft zu sein glauben, wenn sie so viel Leute wie möglich ums Ohr hauen.
Wie wir an den folgenden Beispielen sehen, ernten wir gerade die verfaulten Früchte aus Jahrzehnten verfehlter Bildungs- und Gesellschaftspolitik: Immer öfter gilt die Einfaltsvermutung. Manchmal auch gleich die Einfalt, ganz ohne Vermutung. Mir graut jeden Tag aufs Neue.
Um diesen Blogbeitrag im Rahmen zu halten, zähle ich nur ein paar markante Beispiele der jüngeren Zeit auf, die mit Internet und Social-Web zu tun haben. Allein damit ließe sich schon ein Blog kontinuierlich füllen, ganz zu schweigen von Offline-Geschichten aus Politik und Unternehmen.
Street View
Beginnen wir also mit der Hysterie bei den deutschen Nachbarn um Google-Street-View.
Was da in den letzten Wochen so an Wortspenden floss ist nicht nur quantitativ beeindruckend.
Virtuelle Streifenfahrten
Der erste Anhaltspunkt der Einfalt präsentiert sich, wenn jemand sein Unwissen selbstbewusst rausposaunt. Wenn aber Unwissen noch mit Fantasie angereichert wird und auf dieser Grundlage ungeniert mögliche Optionen abgeleitet werden, dann gilt hier stante pede die Einfaltsvermutung.
Mein absolutes Highlight ist daher ein Herr der Polizeigewerkschaft, der durch Street-View die Möglichkeit virtueller Streifenfahrten erkennen will.
Spionage der Oranjes?
Mein zweites Highlight ist die »spannende Analyse«, dass durch Street-View-Aufnahmen von niederländischer Seite auch teutonische Häuserfronten an der Grenze sichtbar sind: Emmerich: Google blickt über die Grenze.
Hier liegt die Sache mit der Einfaltsvermutung etwas komplizierter, weil sie entweder nur für die Zeitung gilt, die diese Geschichte verkauft, oder aber die Redakteurinnen die Einfalt a posteriori bei ihren Lesern vermuten.
Abwarten, vielleicht wird daraus noch eine Staatsaffäre, in der die Niederlande der Spionage mit Hilfe von Google-Street-View bezichtigt wird.
Bürgermeister mit Streisand-Effekt
Wie wir alle wissen, spielte sich in Duisburg ein Drama ab, bei dem 21 Menschen quasi zerquetscht und erstickt wurden und ihr Leben lassen mussten.
Seitdem spielt sich auch dramatisches Einfalts-Ping-Pong ab, weil ja nun keiner Schuld haben will. Eine der Hauptfiguren, der Oberbürgermeister, redet viel und gerne von Aufklärung, so wie die meisten Polit- und Manager-Karlis halt.
Wenn es dann aber soweit ist und 47 Dokumente auf dem (digitalen) Tisch liegen, wird ein Blog, welches diese als erstes zum Download bereitstellt, von der Stadt Duisburg abgemahnt. Übrigens mit der Begründung des Urheberrechts.
Wir reden nun vom sogenannten Streisand-Effekt.
Natürlich haben aber viele andere Blogs nach dieser Nachricht die Dokumente auf andere Server gestellt und mittlerweile lassen sich die Dinger über jedes Hobbyblog im Ruhrpott und Umgebung runterladen. Letztlich sind die Dokumente zur Love-Parade auch bei Wikileaks gelandet.
Die Medieninkompetenz dieses Bürgermeisters und seiner Berater ist so unglaublich, dass wir ohne mit der Wimper zu zucken die Einfaltsvermutung konstatieren dürfen.
Die Firma und ihr Werbeblocker
In manchen Firmen wird ein Werbeblocker im Browser installiert. Allerdings nicht dafür, dass die Mitarbeiter von zappelnder Werbung befreit werden, sondern stattdessen das eigene Logo zu zeigen. Über dieses Gehabe alleine ließe sich ja schon mal die erste Vermutung anstellen.
In einem Betrieb mit 1 200 Personen lässt sich dann nicht vermeiden, dass sich viele wundern, auf fremden Websites immer wieder das Logo der eigenen Firma anzutreffen. Nach einiger Zeit spricht sich das bis zur Geschäftsleitung durch.
Niemand erinnerte sich wohl mehr an den »genialen« Werbeblocker, der irgendwann installiert wurde. Und schon wurde die Rechtskeule gezückt und ein paar Site-Betreiber abgemahnt, wegen vermeintlich unerlaubter Nutzung des Logos
.
Es darf gelacht werden.
Da wird nicht gefragt, warum das so sein könnte. Da wird nicht nachgeprüft, ob die seltsame Anhäufung des Logos auch außerhalb des Firmennetzes anzutreffen ist. Nein, mit klingelnden Eurozeichen in den Augen wird gleich mal draufgehauen.
Klar hat sich die Sache in Wohlgefallen aufgelöst und wir lachen heute über die vielleicht peinlichste Abmahnung aller Zeiten. Der Lachfaktor in diesem Beispiel ist allerdings nur willkommener Zufall.
Die Einfaltsvermutung aber bleibt und ist in ihrer Tiefe kaum mehr zu unterbieten. Die moralische Einfalt nämlich, bei jeder Kleinigkeit kommentarlos kostenpflichtig abzumahnen, um den schnellen Rubel für Advokaten zu lukrieren.
Wenn Google das Internet ist und Facebook der Login
Es gibt offenbar sehr viele Leute, die jedesmal aufs Neue in die Suchmaske von Google »Facebook Login« schreiben, um sich dann via dem ersten Suchergebnis beim Netzwerk anzumelden. Nicht überraschend ist, dass das erste Suchresultat die Login-Seite dieses Dienstes ist.
Das bekannte Blog ReadWriteWeb hatte allerdings im Februar 2010 einen Artikel veröffentlicht, der sich mit dem genannten Suchbegriff kurze Zeit als erstes Suchresultat bei Google präsentierte.
Was dann passiert ist unfassbar!
In der Kommentarfunktion des Blogbeitrages schimpften und beschwerten sich daraufhin unzählige Leute, warum die Seite nun so komisch aussieht
und sie sich nicht mehr einloggen könnten: Hunderte verwechseln US-Blog mit Facebook, werden wütend.
Wir können hier also getrost die Einfaltsvermutung in Hundertschaft aussprechen, wenn Menschen annehmen, Google sei das Internet und Facebook der Login.
Einfalt ist kein Schicksal
Die Sache potenziert sich nämlich zunehmend, wenn Einfaltspinsel andere für dumm verkaufen und diese das gar nicht mehr merken. Wenn also quasi der stärkere Einäugige dem anderen das noch verbliebene Auge auskratzt.
Einfalt unterliegt einer Gruppendynamik. Irgendwann sind dann fast alle blind und sagen, sie haben das ja gar nicht kommen sehen können.
Wir müssen die Frage stellen, wie die weitere Berlusconisierung europäischer Landstriche gestoppt werden kann.
Die Antwort kann wohl nur in der Bildung und Verantwortung liegen. Damit meine ich nicht Noten und Abschlüsse für Auswendiglernen, sondern mehr die Vermittlung ethischer Werte und Grundlagen für selbständiges Denken zu autarker Lebenskompetenz.
Nun, auch wenn sich Bildungspolitik ab heute in diesem Sinne ändern würde, bleibt uns realistisch betrachtet die nächsten 20 Jahre nur, die Einfaltsvermutung zum Generalverdacht zu erheben. So traurig das ist.
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- Datum:
- veröffentlicht am 23 August 2010, 14:04 MET.
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- Thema:
- Kommunikation
- Stichworte:
- Gesellschaft, Politik
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