Dezember 2007 im Kontext
Donnerstag, 03 Januar 2008 19:03 MET
Der Kampf gegen das Unaufhaltsame
Die (Druck-)Medien verlieren schleichend Leserschaft, beziehungsweise gewinnen immer weniger junge Leser. Die Verhaltensmuster von Etablierten, die ihre Felle davonschwimmen sehen, sind zumeist sehr ähnlich und daher in Stufen vorhersehbar:
- Ignorieren.
- Polemisieren, abwerten, lächerlich machen.
- Gerichtliche Klagen und Machtdemonstrationen.
- Lobbying, Stimmungsmache für Protektionsgesetze; Mitleidsmasche wegen Arbeitplätzen und Warnungen vor der Anarchie.
- Mitmachen, Nachmachen, selbst kreativ werden.
- Manche gehen unter, manche schaffen die Veränderung noch.
Bei der Musikindustrie befinden wir uns bereits in Phase 5. Viele Fernsehsender in Europa befinden sich gerade so mal zwischen Phase 1 und 2.
Einige Zeitungsverlage suhlen sich gerade genüsslich in den Stufen zwei und drei.
Die Schwätzer und Marketender
Da verbünden sich zum Beispiel die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und die Süddeutsche
ganz schwesterlich, um perlentaucher.de – in zweiter Instanz erfolglos – zu verklagen (es geht mit einer Berufung wahrscheinlich weiter), dass die keine Rezensionen ihrer Rezensionen zitieren dürfen.
Da schwatzen sich mittlerweile dann schon mal stellvertretende Chefredakteure (Bernd Graff) von sogenannten Qualitätszeitungen (Süddeutsche
) ihren Frust über die digitale Idiotae
(Zitat von Graff) von der Seele. Neun Tage später interviewt er noch einen digitalen Marketender – fahrender Händler (ursprünglich in Heeren) –, welcher die armen Opfer dieses ausgerasteten virtuellen Mobs
als neue Zielgruppe entdeckt hat und die nach Rat lechzende Klientel mit käuflicher Literatur in gedruckter Buchform (Tatort Internet
) bedient.
FAZ Mitherausgeber Nonnenmacher verkündet ungeniert, dass Leserbriefschreiber quai sowieso nicht ernst zu nehmen sind: Auf die Meinung von Leserbriefschreibern gebe ich nicht viel. Das sind alles Fundis
.
Ich verbinde all diese originalen Ausgeburten nicht, da sie weder Information, noch Wert haben und dieser, mein Artikel zudem unter Empfehlungen katalogisiert ist. Vielmehr verweise ich auf einige ausgesuchte Beiträge, welche sich diesem Nonsens in origineller Art nähern. Von dort finden Sie dann auch die Links zu den unvermeidlichen Originalen:
- Die zu späte Pensionierung des Dr. Bernd Graff [Indiskretion Ehrensache] –
Wenn die letzte
.Süddeutsche
gedruckt wird, dann werden Artikel wie jener Unsinn, den der Herr Vize-Chef verzapft hat noch immer im Netz stehen - Das Internet - Debattierklub für Anonyme, Ahnungslose und Denunzianten? [Validome Weblog] –
Er ist unglaubwürdig, weil er dabei vergisst zu erwähnen, dass viele Kritikpunkte 1:1 auf klassische Medien übertragbar sind. Samt Ahnungslosigkeit, Falschaussagen und Denunziantentum…
. - Sueddeutsche Zeitung 0.0 [Kulturmanagement Blog] –
Eigentlich schade, dass ein so kluger Kopf wie Graff es nicht schafft, sich auf sachliche Art und Weise mit dem Thema Web 2.0 auseinanderzusetzen
. - Bernd Graff: Web 0.0 - Die neuen Idiotae [Robert Freund]
- Die Marie Antoinettes von FAZ und SZ [Indiskretion Ehrensache] –
Journalisten, die verkennen, wie sehr weite Teile der Bevölkerung das Internet nutzen, um sich intellektuell zu reiben, zu kommunizieren, sich kennenzulernen
. - Die Samariter-Definition der Süddeutschen Zeitung [Indiskretion Ehrensache] –
Es gibt Intervieweröffnungen, die nur beim Gespräch mit dem Dalai Lama oder Karl-Heinz Böhm erlaubt wären - wenn überhaupt
. - Verpackungsverordnung für Journalismus [ad hoc]
Wie war das mit der digitalen Idiotae
?
Briefe einwerfen nur werktags zwischen 8 und 19 Uhr erlaubt
Es wundert mich, dass die Post noch nicht auf diese Idee gekommen ist. Die Online-Süddeutsche
macht das nämlich jetzt: Kommentare dürfen nur mehr an Werktagen von 8 – 19 Uhr abgeschickt werden.
Ja, Sie haben schon richtig verstanden: Es ist außerhalb der Amtszeiten
der SZ nicht mehr möglich, Kommentare überhaupt zu speichern!
Ich kann diesen Anachronismus – mit veralteten, nicht mehr geeigneten Verhaltensweisen auf neue, veränderte Bedingungen reagieren – auch nicht fassen und habe mich so lange durchgelesen, bis ich diesen Sachverhalt aus einigen Textstellen der Kommentatoren nachvollziehen konnte. So als wenn Server, Festplatten und Datenbanken Arbeitszeiten hätten.
- Der
Süddeutschen
wird das Internet zuviel [Telepolis] –Zuerst ließ man einen Redakteur eine Breitseite gegen den Internetpöbel feuern, dann schließt man das Forum über Nacht und am Wochenende vor den Barbaren aus der Tiefe des virtuellen Raums
. - Kommentare bei sueddeutsche.de
Ich hoffe ja noch immer, dass ich das missverstanden habe und solch geartete digitale Idiotae
so gar nicht stattfindet.
Datenschutz und Überwachung
Kürzlich habe ich das jüngste Buch von Peter Schaar – Das Ende der Privatsphäre
– rezensiert. Hier wird sehr eindrücklich gezeigt, dass wir uns tatsächlich auf dem besten Weg in die Überwachungsgesellschaft befinden.
Was weltweit Staaten jetzt schon so über ihre Bürger preisgeben, hat Elke Wittich in der Netzeitung recherchiert: Gefangen in der Bürgersuchmachine. Und wenn Sie verfolgen wollen, welche Daten von US Firmen und Behörden fast täglich verloren oder geknackt werden, dann brauchen Sie nur den RSS-Feed des Breachblog verfolgen. Kennt jemand so ein Blog für Europa?
Erfundene Bürger, die gar keinen Geburtsschein haben, bekommen Vorschreibung für Rundfunkgebühr.
Wie Eintreibungsstellen
(anders kann das ja nicht bezeichnet werden) an Adressen für potenzielle Rundfunk-Gebührenpflichtige auch kommen, wurde eben in Deutschland offenbart. Ein erfundener Name mit Adresse wurde ausschließlich nur bei diversen Werbeangeboten und Netzwerken bekannt gemacht. Nun bekam der erfundene Bürger – Dr. Billy Baypack – eine Vorschreibung für Rundfunkgebühren zugestellt.
Hier die ganze Geschichte:
- Warum Dr. Billy Baypack heute Nachmittag sein Radio öffentlich und fachgerecht zerstören wird [Telepolis] –
Die GEZ kauft Adressen von privaten Datenbanken und will auch von erfundenen Personen Rundfunkgebühren
.
Da bekommen Sie einen Vorgeschmack, was in den nächsten Jahren so auf uns zukommt, wenn diverse Datenverknüpfungen dann auch noch legal abgehen und es dafür nicht einmal mehr korrupte Beamte, Angestellte oder illegal arbeitende Unternehmen braucht.
Ziehen Sie sich warm an und machen Sie sich keine Illusionen.
Auch in Österreich
In Österreich wurden in den letzten Tagen des Jahres 2007 in einer parlamentarischen Nacht-und-Nebel-Aktion undifferenzierte polizeiliche Befugnisse zur Überwachung von Telefon- und Internetverbindungen per 1.1.2008 gesetzlich verankert.
Es ist nun so gut wie allen Polizistinnen ohne richterlichen Beschluss möglich, jegliche digitale Verbindungen einer Person zuordnen zu lassen und diese permanent zu verfolgen. Es gibt auch keine Verpflichtung, Betroffene auch nach gezielten Überwachungen, die sich im Nachhinein als unhaltbar erweisen, darüber zu informieren.
- Österreichs Polizei soll auch IP-Daten ohne Richterbeschluss erhalten [heise.de]
- Österreich: Komplett-Überwachung [Readers Edition]
- Vorratsdatenspeicherung - eine sicherheitspolitische Sackgasse [ARGE-Daten] –
Fest steht, dass diese viele hundert Millionen Euro teure Überwachung vom Bürger zu bezahlen sein wird
.
Im Zwangsgebühren-Rundfunk wurde das gerade mal in einem Nebensatz erwähnt und kurioserweise interessiert das auch die anderen Medien wenig.
Wenn Sie also als aufrechte/r BürgerIn
dieses Landes nichts zu verbergen haben
, aber doch noch Gefühlsregung gegen äußerst dubiose Gesetze zeigen wollen, dann können Sie Ihr Unbehagen mit dieser Online-Petition artikulieren:
- SOS-Überwachung [ueberwachungsstaat.at] – Parlamentarische Petition zur Behandlung des Sicherheitspolizeigesetzes im Innenausschuss des Nationalrats.
Noch etwas (barrierefreie) Webgestaltung
Im Artikel Accessibility testen macht Eva Papst darauf aufmerksam, dass nun nach einer vierjährigen Übergangsfrist alle behördlichen Webangebote in Österreich ab 1.1.2008 barrierearm nutzbar sein sollten.
Stell dir vor es gibt ein Gesetz, aber keiner nimmt es ernst und kann es umsetzen.
Nun ist es genau so, wie ich das schon einmal beschrieben habe: Da werden viele Konferenzen von Titel-Schwangeren und Projekt-Heinis abgehalten; Aber die die das letztendlich umsetzen sollten, die bekommen von ihrem Arbeitgeber in den seltensten Fällen die Zeit, Muße und Weiterbildungsmöglichkeit dafür. Was dabei herauskommt, hat auch Eva Papst schon vor einiger Zeit geschrieben: Barrierearm und doch nicht gut nutzbar? (Dieser Artikel ist zum Jahresende auf BIZEPS erneut publiziert worden.)
Eva Papst, die auch das Weblog WAI-Austria betreibt, ist nicht nur sehr engagiert, sondern selbst Betroffene (Biografie) und weiß daher sehr genau, wovon sie schreibt.
Passend hierzu bietet die Nielsen Norman Group eine ihrer Studien zum kostenlosen Download an. Hier werden Nutzungsgewohnheiten von Menschen mit Handicap analysiert. Sie stammt zwar schon aus dem Jahr 2001, aber glauben Sie mir: Aktuell wie nie zuvor.
Abteilung Web: Die Schwätzer und Marketender
Es gibt nun einmal in allen Bereichen (siehe weiter oben) die Schwätzer und Marketender. Als Kunde engagieren Sie deswegen eine Fachkraft, weil Sie auf diesem Gebiet keine Fachkenntnis haben oder Ihnen die Zeit zur Umsetzung fehlt. Haben Sie also selbst keine Fachkenntnis, dann müssen Sie sich – in der Theorie – auf die Fachkraft verlassen können.
In der Praxis sieht das leider oft ganz anders aus. Die Schwätzer haben sehr leichtes Spiel, wenn Sie als Kunde nicht wissen, wie die Qualität einer Arbeit überprüft werden kann.
Maria Putzhuber hat ein paar einfache Regeln zusammengestellt, wie Sie auch als Laie – teilweise sogar ohne Hilfsmittel – Webstandards und die barrierearme Nutzbarkeit einer Website testen können. Damit sind sie zumindest vor allzu ahnungslosen und geschwätzigen Marketendern gefeit:
- Barrierefreiheit selber testen – Schnelltest ohne Werkzeuge [putzhuber.net]
- Barrierefreiheit selber testen – Schnelltest mit Werkzeugleisten [putzhuber.net]
Ranking macht doch nur Sinn, wenn es auch Unterschiede festzustellen gibt.
Macht Testen da noch Sinn?
Luzia Hafen betitelt ihren Artikel im namics Weblog zwar mit Barrierefreiheit: Die Schweiz wieder einen Schritt weiter, erwähnt darin aber eine belgische und eine kanadische Studie zum Stand der Barrierefreiheit mit katastrophalen Ergebnissen:
- Seit den letzten Evaluierungen gab es quantitativ kaum Verbesserungen;
- von 200 überprüften Websites der kanadischen Studie erreichen gerade einmal 15% akzeptable Zugänglichkeit.
- Von 233 überprüften – vorwiegend dänischen und französischen – Websites der belgischen Studie wurden nicht einmal mehr alle WCAG (Web Content Accessibility Guidelines)-Leitlinien zur Messung herangezogen, ansonsten wahrscheinlich gar keine Sites mehr positiv abgehakt werden könnten.
Aussichtsplattform
- A Preview of HTML 5 [Lachlan Hunt auf alistapart.com] – Interessanter Artikel über die wahscheinlich neuen Möglichkeiten der nächsten Version.
- Internet Explorer 8 lächelt für Webstandards [webkrauts.de] – Es gibt unzählige Meldungen und Meinungen zu diesem Thema, deswegen hier nur die von den Webkrauts. Ich glaub es erst, wenn ich die Betaversion selbst teste.
Was sonst noch auffiel
Zum Abschluss noch eine Kurzauflistung von Beiträgen vom Dezember 2007 aus der Blogosphäre, die ich persönlich besonders interessant oder herausragend finde (chronologisch geordnet):
- Warum sind die
Hidden Champions
so erfolgreich? [best-practice-business.de] - Kostenlos:
So nobody's going to make any money?
[Kulturmanagement Blog] - Google-Befehle und Zusatzfunktionen [Bongard.net] – Google kann mehr als nur suchen
- Keynote: The Potential of Enterprise 2.0 - Six Lessons for Success [Trends in the Living Networks]
- Flugbewegungen in Echtzeit [dobszay.ch]
- Enterprise 2.0 mit Kultur 1.0? [injelea.de]
- Aus Blogtexten wird Theater [Kulturmanagement Blog]
- Gesucht wird: der Mitarbeiter 2.0 [PR Blogger] – Beachten Sie hier auch die Kommentare
- Blogs in touristischen KMU [Daniela A. Caviglia auf blogpraxis.ch]
- The 2.0 enterprise does not exist and will not for many years to come [globally local]
- Die sieben Todsünden der PR-Agenturen im Web 2.0 [Readers Edition]
- Bubblicious Internet: The Results! [Nicole Ferraro on internetevolution.com]
- Abschnitt 1 von 1
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 3. Januar 2008 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 03 Januar 2008, 19:03 MET.
- Artikel:
- Dezember 2007 im Kontext [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/107
- Thema:
- Empfehlungen
- Stichworte:
- barrierearm, Behörden, Datenschutz, Gesellschaft, Unternehmen
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