Das Internet lassen wir von anderen bedienen
Mittwoch, 02 Mai 2007 09:22 MET
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So einfach lasse ich das nicht stehen
Gleich vorweg: Ich halte es nicht für einen Skandal, aber auch nicht nur für lustig, dass einer mal (sicher nicht so gewollt) ehrlich ist, wie es denn so läuft. Klar, der Mann ist mit der Aussage eine Lachnummer für die, die das Internetz bedienen
. Das Problem ist, dass
- die meisten aus dieser Politikergeneration so agieren
- solche Leute Gesetze zu neuen Medien beschließen, wovon sie meist sehr wenig Ahnung haben
- zu Marionetten von denen werden können, die
das Internet zu bedienen wissen
Hier zuerst mal die Schlüsselpassage des Interviews auf der CeBIT:
Ich habe Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen. Michael Glos, März 2007 1
Was er wohl mit dem Gott sei Dank
gemeint hat?
Da ich davon ausgehe, dass Herr Glos sicher nicht die technische Kenntnis des Internet Protokolls gemeint hat und zurecht auch nicht Server- und PC-Konfigurationen, mutmaße ich mal, dass er die Bedienung und das Zurechtfinden auf Websites gemeint hat. Hätte er Ahnung vom Web und würde er es selbst täglich verwenden, dann hätte er zum Beispiel folgendes sagen können:
Gott sei Dank, dass ich junge Mitarbeiterinnen habe, die sich auf den zumeist nicht sehr benutzerfreundlichen Seiten zurechtfinden. Deswegen fordern wir auch vehement und mit Nachdruck, die Einhaltung des schon vor längerem beschlossenen Gesetzes für barrierefreien Zugang und die Vorgaben für Webstandards zu beachten.
Wir überlegen auch gerade, diese gesetzlichen Vorgaben auf alle gewerblichen Internetangebote auszuweiten und eine Initiative auf europäischer Ebene. Es kann nicht sein, dass sich die Mehrzahl von älteren Menschen aus dem Internet ausgeschlossen fühlt. Es darf auch nicht sein, dass farbenblinde, sehbehinderte oder blinde Menschen, Menschen mit motorischen Störungen und temporären Behinderungen auf ganz wenige Internetangebote beschränkt werden.
Ich frage mich auch, warum Informationen, die ich auf meinem großen Bildschirm im Büro ansehen kann, auf einem kleineren Bildschirm im Hotel oder auf meinem Handy plötzlich nicht mehr oder nur kompliziert abrufbar sind. Dies sind technische und menschliche Herausforderungen, die wir schnellstmöglich lösen sollten und von der Industrie und Mediengestaltern einfordern müssen, damit wir unsere Chancen in einer globalisierten Welt wahrnehmen können – und nicht zuletzt, möchte auch ich das Internet selbst gerne und mit Freude bedienen.
Jau! Das wäre doch mal eine Ansage gewesen. Und er wäre damit auch nicht ins Fettnäpfchen getreten, denn die Seiten des deutschen BMWI sind eigentlich schwer in Ordnung. Sowohl von der technischen Umsetzung (barrierearm, Webstandards entsprechend), als auch aus Sicht der Kommunikation (unverschnörkselte aktuelle Mitteilungen, leicht und schnell zu finden, echte Mehrwertinfos für Wirtschaftstreibende) und dem Anlaß entsprechende Gestaltung.
Symptom von Entscheidern und Führungskräften (meist höheren Alters)
Hin und wieder tauchen Jungpolitiker auf, die sich gerne mit Laptop unterm Arm zeigen oder am Schreibtisch fotografieren lassen (nach dem Fototermin kommt dann die Sekretärin mit der Mappe, welche die ausgedruckten Emails enthält – aber das ist eine andere Geschichte). Klar, für viele ist das nur ein PR-Gag, weil ihnen das ihre Agentur so empfohlen hat (jung, dynamisch, webaffin). Diese Leute sind aus der Generation viel Schein um das Sein
und jede Option wahrnehmen
. Die haben zumindest wahrgenommen, dass da etwas sein könnte, das unser zukünftiges Leben stark beeinflussen wird.
Die etwas ältere Generation von Entscheidern und Politikern brüsten sich noch ganz ehrlich in ihren Reihen damit, keinen blassen Internetz-Schimmer zu haben. Und sie sind auch völlig davon überzeugt, dass sie das auch gar nicht brauchen und sie nicht jede neue Technologie kennen müssen. Dafür gibt es ja Spezialisten
. Dafür bekommen sie (noch) von vielen Beifall, weil sie so ehrlich sind.
Und bei dieser Einstellung wird es spannend:
Wenn ich einen Telefonhörer in die Hand nehme und eine Nummer wähle, muss ich dann wissen wie das technisch so geht, dass es beim Angewählten läutet?
Na eben. Ich brauche als Normalbenutzer auch nicht die Funktionsweise des Internet-Protokolls aus dem Ärmel schütteln, wenn ich auf einen Link klicke.
Diese Leute betrachten aber immer noch das Führen einer Maus als akrobatische Leistung – barrierearme Seiten lassen sich übrigens auch ohne Maus bedienen – und den Versand einer Email als technische Neuerung, die nur was für Spezialisten ist, mit dem sie sich nicht herumzuschlagen brauchen.
Virtuelles kann nicht wirklich sein
Emails werden ausgedruckt (von anderen natürlich) und fein säuberlich in Ordnern und Mappen abgelegt. Eigene Äußerungen werden der Sekretärin – Sekretäre gibts ja kaum – diktiert, von der in eine Textverarbeitung getippst, ausgedruckt, in eine Mappe gelegt und dem Diktierer zur Unterschrift vorgelegt, dann von der Textverarbeitung in das Online-Medium kopiert und versendet. Die versendete Email wieder ausgedruckt und in die Versandmappe gelegt. Auf Empfängerseite – wenn dort auch so Altschädel sitzen (ich darf mir den Ausdruck erlauben, weil ich mich auch schon bald zu der Generation zählen kann) – geht das Spiel dann wieder von vorne los.
Dieses Spiel wiederholt sich in Ämtern, Behörden, großen Unternehmen tagtäglich millionenmal.
Abgesehen vom tonnenschweren unnötigen Papierverbrauch kapieren diese Leute nicht, dass das Virtuelle wirklich ist.
Während Emails den Zenit bereits überschritten haben, zu 80% von unerwünschten Werbebotschaften überschwemmt werden und diese Funktion sich zunehmend wieder auf den ursprünglichen Sinn der persönlichen Botschaft reduziert, entdecken solche Leute gerade die wunderbare CC Funktion, wenn sie denn doch mal selbst so ein Ding verschicken. Blogs, Wikis, Pod- und Videocasts, RSS und all diese Dinge sind für diese Generation weit weit weg.
Allein die Zeitersparnis, wenn solche Leute – und der ganze hierarchische Rattenschwanz von denen – zeitgemäße Kommunikationsmethoden anwenden würden, ist unvorstellbar. Ganz zu schweigen von den Bäumen, die nicht für ihre ausgedruckten Emails zu fällen wären.
Die tausenden Gloses sind der Hemmschuh
Die Aussage von Herrn Glos ist sehr ehrlich gewesen und nicht das Problem. Die Innovationshemmer sind die tausenden Gloses, die im Moment und in den nächsten Jahren andere bedienen lassen
, das Medium nicht verwenden und daher auch nicht verstehen, aber Entscheidungen zum Umgang damit treffen und permanent von anderen Flexibilität einfordern.
- Abschnitt 1 von 1
Quellenverzeichnis
Weitere Links zum Thema
- Michael Glos und die Internet Bediener (Handelsblatt-Weblog)
- …und Technologie
- Ich find den Michi gut
- Generation Web 0.0 (Handelsblatt-Weblog)
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 5. Mai 2009 auf Relevanz geprüft.
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- veröffentlicht am 02 Mai 2007, 09:22 MET.
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- Thema:
- Kommunikation
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