Bullshit 2.0 - Vorwärts in die Vergangenheit
Montag, 02 Juli 2007 22:57 MET
Bullshit 2.1
CSS … äh … also wie jetzt? Wir reden doch jetzt über Web-Design
Genau. Und weil wir über Erstellung von Websites reden, reden wir eben auch über CSS (Cascading Style Sheets).
Wenn ich mich mit einem Zimmermann unterhalte, dann wird der doch sicher einen Hobel kennen. Oder wie sehen Sie das?
Molly E. Holzschlag wurde im Zuge einer Vortragsreihe durch Europa mit diesem CSS … äh … also wie jetzt?
, offenbar in so erschreckender Art konfrontiert, dass sie sich kurzerhand entschloss, ein Jahr lang kostenlose Kurse in Webgestaltung mit Webstandards
für Lehrende anzubieten. Leider nur in den USA. Eric Eggert hat aber sofort reagiert und bietet solche Kurse dankenswerter Weise auch in Deutschland an und – da er ja momentan in Wien lebt – wahrscheinlich auch eben dort.
Im Klartext: Ich bin erschüttert
Frau Holzschlag hat in diversen Vorträgen in Europa 1 über Browser, Webstandards und CSS, namentlich in Budapest, Zürich und Amsterdam, für Webgestalter und -programmierer eine kleine – und natürlich nicht repräsentative – Umfrage veranstaltet.
Das sind alarmierende und erschreckende Daten!
Budapest, rund 200 Anwesende:
- 90% arbeiten mit (X)HTML ((Extensible) Hypertext Markup Language) seit fünf Jahren oder länger
- 15% arbeiten mit CSS seit drei Jahren oder länger
- 75% verwenden noch immer Tabellen für das Layout
- 2% wissen, was DOCTYPE switch ist
- Für Zugänglichkeit (Accessibility) im Web zeigte keiner Interesse oder misst dem Bedeutung zu
Amsterdam, rund 200 Anwesende:
- 90% arbeiten mit (X)HTML seit fünf Jahren oder länger
- 45% arbeiten mit CSS seit drei Jahren oder länger
- 65% verwenden noch immer Tabellen für das Layout
- 10% wissen, was DOCTYPE switch ist
- Für Zugänglichkeit (Accessibility) im Web zeigte keiner Interesse oder misst dem Bedeutung zu
Zürich, 50–75 Anwesende aus der Schweiz und Deutschland:
- 90% arbeiten mit (X)HTML seit fünf Jahren oder länger
- 10% arbeiten mit CSS seit drei Jahren oder länger
- 98% verwenden noch immer Tabellen für das Layout
- 2 Leute wussten etwas über DOCTYPE switch
- Für Zugänglichkeit (Accessibility) im Web zeigte 1 Person Interesse – weil seine Mutter behindert ist – oder misst dem Bedeutung zu.
Um beim obigen Beispiel mit dem Zimmermann zu bleiben:
Was würden Sie vom Berufsstand der Zimmerleute halten, wenn nur ein Bruchteil von denen schon mal einen Hobel gesehen hat?
Kostenlose Kurse – aus Verzweiflung
Was ich an US-Amerikanern – und in diesem Fall an Frau Holzschlag – wirklich bewundere, ist die Entschlossenheit nicht aufzugeben, sondern nun mit besonderem Elan an die Sache ranzugehen.
Statt das Handtuch zu werfen, sagt sie (Mrs. Holzschlag) ganz einfach:
Okay, dann biete ich kostenlose Kurse an, wie heute Websites gemacht werden.Meine Hochachtung! (Auch an Eric Eggert, der dies für den deutschen Sprachraum anbietet.)
Vielleicht ist es aber doch schon so etwas wie eine verzweifelte masochistische Schockreaktion. Denn jetzt mal ehrlich:
- Wie die Praxis zeigt, wird moderne Webgestaltung nicht wirklich ernst genommen.
- Die Leute arbeiten in der Regel zu einem Bruchteil des Lohnes der IT, Werbe- und Grafikbranche.
- Oft vegetieren sie mehr schlecht als recht als Freelancer dahin.
- Sie müssen sich ziemlich oft über realitätsfremde Vorgaben ärgern und
- Einwände, Vorschläge ihrerseits, werden mit Handwink weggewischt.
Und jetzt wollen so manche dann noch Angestellten von Firmen, deren Entscheider sich bis dato einen Dreck um standardkonforme Websites kümmern, kostenlose Kurse geben?
Das Gegenargument verstehe ich natürlich auch: Die Hoffnung, dass das Verständnis dafür steigt und letztendlich die Profession Web-Design als eigenständiger Zweig honoriert wird. Allein mir fehlt der Glaube.
Bullshit 2.2
Seitenausgabe ist Kinderkram und wird automatisiert
Diese Gedankengänge sind bei IT-Leuten und Entscheidern dominant. Der Output wird von Programmen automatisch generiert.
- HTML? Kinderkram, wird
on the fly
generiert.Unsere Programme erstellen seit zehn Jahren perfekte Tabellenlayouts.
- CSS? Wozu?
Unsere Programme sind so flexibel, dass sie für jedes gewünschte Ausgabegerät oder für den Ausdruck eine Seite erzeugen.
- Dokumententypdeklaration? Blödsinn.
Aber wenn Sie wollen, pappen wir das halt in den Code hinein.
- Barrierearm?
Ja, von dem Mist hab ich schon gehört. Na wenn Sie das wollen, dann generiert unser Programm Bildtitel in das ALT-Attribut. Das kostet dann 10% mehr, dafür haben Sie dann amtliche Barrierefreiheit.
CSS … äh … also wie jetzt? Sieht doch halbwegs gut aus. Hauptsache 2.0 kompatibel und das Programm läuft.
Da gibt es jede Menge begabte Programmierer, die jede Menge nützliche Dinge erzeugen. Für die Ausgabe von Seiten wird dann so nebenbei der HTML-Code reingepappt. HTML? Lernt ja jeder Grundschüler schon.
Es fehlt ganz offensichtlich an Verständnis für die Ansprüche und Notwendigkeiten von Webprojekten. Webgestalter geraten in die Zwickmühle zwischen Grafiker aus dem Druckgewerbe – die meist in völligem Unverständnis des Mediums von pixelgenauen Entwürfen fantasieren – und Programmierer. Alle anderen Aspekte bleiben zumeist auf der Strecke.
Ein paar Beispiele gefällig?
In letzter Zeit gab es einige typische Beispiele, die das Ergebnis dieser Arbeitsweise zeigen:
Relaunch vom Tagesspiegel
Nicht weniger als 626 Divs werden auf der Startseite benutzt. Der Validator zeigt 217 HTML-Fehler. Von Alt-Attributen hat man noch nichts gehört. Eric Eggert 2
Relaunch von Toom-BaumarktEs ist mir unbegreiflich, wie eine Agentur so einen Dreck noch 2007 als Produkt verkaufen kann. Jens Grochtdreis 3Update vom 20. September 2007:
Die obige Aussage dieses Punktes ist nicht mehr gültig, da die Website einem neuerlichen Relaunch – offenbar von einer anderen Agentur – unterzogen wurde. Diesmal scheint die Sache auf den ersten Blick sogar halbwegs standardkonform zu sein.
Die Site des Baumarktes Toom ist daher nicht mehr als extremes Negativbeispiel im Kontext dieses Artikels zu betrachten!-
Dann noch Süddeutsche Zeitung, Die Welt, Netzeitung und der Focus, von Jens Grochtdreis in einem längeren Artikel genauer unter die Lupe genommen 4.
Schluss mit der Pfuscherei
User-centered websites can’t be manufactured on a production line. Jonathan Kahn 5
Jonathan Kahn beleuchtet in seinem Artikel You Are Not a Robot
5 genau dieses Phänomen.
Gerrit van Aaken (Welches Webdesignderl hätten’s denn gern? 6) setzt sich damit in der Art auseinander, dass eine staatliche Ausbildung für den Beruf wohl angebracht scheint.
Meiner Meinung nach brauchen wir einen staatlich anerkannten Ausbildungsberuf
Webdesigner. Gerrit van Aaken 6
Derzeit scheint es aber so, dass schlicht und ergreifend nicht genug qualifizierte Lehrende zur Verfügung stehen, was allerdings wohl nur eine Zeitfrage ist.
Bullshit 2.3
Web 2.0 klingt gut, da sind wir dabei
Was machen diese Leute eigentlich beruflich und warum fragen sie nicht mal jemanden, der Ahnung hat?
Jens Grochtdreis 7
Der WYSIWYG-Editor von 1999 ist gut genug für Seitenerstellung
Auf Web 0.5-Seiten (Formulierung von Jens Grochtdreis), wird hier (nicht mehr erreichbar) eine Initiative für Web 2.0-Gründer angeboten.
Im Ganzen wirkt das so deplatziert, als wenn Nordkorea den Tag der Menschenrechte zu einem nationalen Feiertag machen würde.
Aus Gallery wird dann auch mal Gallerie
, aus präsent present
.
Deutsche Sprache ist egal
Gespickt mit unsagbaren Rechtschreibfehlern wird Meier
von einem (nicht gerade kleinen) Webhoster versprochen, aus seiner Homepage
ein Web 2.0-Portal machen zu können. Link zur Firma gibt es keinen, da ich mir wegen solchem Schwachsinn keine Recht(fertigung)sbriefe einfangen will. Googeln Sie mal nach ohne Programmierkenntnise Web 2.0
– mit Anführungszeichen natürlich und Kenntnisse
bitte mit einem s
.
Von welcher Firma lassen Sie denn Ihr Blog schreiben?
Hast du keinen Inhalt?
Macht nichts. Dafür gibt es ForumStars.com. Jetzt mit neuen exklusiven Content-Paketen auch für Blogbetreiber. Von nichts kommt eben nichts. Und deswegen machen diese Leute für dich den Inhalt und Kommentare auch gleich dazu. Klar, wir leben ja in einer Dienstleistungsgesellschaft. Service 2.0!
Plugins sind cool
Jawohl, wir gehen bewegten Zeiten entgegen, denn das Bewegtbild ist die letzte Killer-Applikation im Web. Wenn ich mir die Site von der Agentur die das verkündet ansehe, kann ich nur mehr sagen: Plugin reloaded, Web 1.0 extended!
Auch Kinofilme brauchen jetzt eine Versionsbezeichnung
mit Punkt: Stirb langsam 4.0
. Wenn ich mir ausmale was im Fernsehen 2.0 alles umbenannt und neu gemacht werden könnte? Der Alte 2.0
, Traumschiff 2.0
, Angriff der Killertomaten 2.0
, Dallas 2.0
…
Das alles hatten wir schon einmal
Damals hieß es New Economy
und alles fing mit My …
an. Es beginnt wie ein Krebsgeschwür und ist langsam unübersehbar: Plumpe Geschäftemacher springen auf den Zug auf und ziehen die klassischen Medien wie eine Herde Schafe hinter sich her.
- Wie lange wird es wohl dauern, bis uns Aktien auf das ultimative Web 2.0-Portal angeboten werden?
- Wann wird der erste Kunde sagen:
Ich will meine
?Homepage
auf 2.0 upgraden Mit unserem Programm erstellen Sie Web 2.0-Seiten in nur fünf Minuten!
Ich will gar nicht danach googeln – ich wette, diesen Werbespruch gibt es schon.Web 2.0 Startup sucht Mitarbeiter 2.0
. Ob ich meine Zeugnisse dann noch auf 2.0upgraden
lassen kann?Web 2.0 – auch Hunde machen mit!
Welches Boulevard-Magazin wird diese Schlagzeile zuerst schreiben?
Um wieder auf meinen Zimmermann zu kommen:
Geschäftemacher und Medien reden Leuten zunehmend ein, dass sie
- ein Haus (2.0) haben müssen und
- dafür weder Architekt noch Zimmermann brauchen und
- die Fertigteile dafür selbst zusammenstöpseln können
Auf freien Märkten gibt es eben alles zu kaufen
Das ist gut so und jeder muss selbst entscheiden. Sehr alarmierend – um nicht zu sagen katastrophal – ist allerdings die Tatsache, dass es jede Menge Zimmerleute (= Web-Gestalter, -Entwickler) da draußen gibt, die nie einen Hobel (= Cascading Style Sheets) benutzen. Traurig daran ist nur, dass derjenige Zimmermann, der auch mit dem Hobel umgehen kann, bis zum Ende der Komödie 2.0 wahrscheinlich arbeitslos ist.
Manches lässt sich eben ganz intuitiv benutzen, auch ohne dass man genau weiß, wie es eigentlich heißt. Und gerade das ist ja eben auch die Stärke dessen, was O´Reilly irgendwann mal eher flapsig Web 2.0 getauft hat: Es funktioniert auch, wenn ich es Klickdingsbums nenne. Marco Kitzmann 8
Wenn Marketing-Fuzzis – und im Schlepptau die traditionellen Medien – auf den Zug aufspringen, heißt es eben nicht mehr Klickdingsbums
. Da heißt das Klickdingsbums dann Web 2.0
.
Wollen Sie mit mir wetten, welches Klickdingsbums schneller die nächste Versionsnummer erreicht?
Bullshit 3.0 oder Web 3.0? Sie können meinen Tipp erahnen.
Für mich bleibt es ganz einfach das Klickdingsbums – ohne Versionsbezeichnung.
Quellenverzeichnis
- So How Do We Fix the Web, Really?
- Der neue Tagesspiegel ist eine Frechheit
- Zurück zu den Anfängen: der Relaunch von Toom
- Viermal Relaunch und Code aus der Vergangenheit
- You Are Not a Robot (Jonathan Kahn)
- Welches Webdesignderl hätten’s denn gern?
- Web 2.0-Initiative - ganz wie Web 0.5
- Heidelberger,
Engländer
und das Klickdingsbums
Weitere Links zum Thema
- Webdesign-Kurse kostenlos – Eric Eggert bietet kostenlose Kurse für Lehrende an
- 97% of websites still inaccessible – Roger Johansson
- 10 things businesses should know before building a website – Roger Johansson
- Requirements? That’s Sooo ‘90s – by Mike Cherim on Accessites.org. (Nachtrag vom 6. Juli 2007)
- Let there be web divisions – by Jeffrey Zeldman (Nachtrag vom 6. Juli 2007)
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 20. September 2007 auf Relevanz geprüft.
- Datum:
- veröffentlicht am 02 Juli 2007, 22:57 MET.
- Artikel:
- Bullshit 2.0 - Vorwärts in die Vergangenheit [hyperkontext | Weblog]
- Kurz-URL:
- http://hyperkontext.at/s/67
- Thema:
- Webgestaltung, Kommunikation
- Stichworte:
- barrierearm, CSS, HTML, Unternehmen, Webstandards, Wirtschaft
Dieser Artikel bezieht sich intern auf frühere Einträge:
- Rezension: Webdesign mit Webstandards vom 14. Mai 2007
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