Buchrezension: Neue Demokratie im Netz? von Jan-Felix Schrape

Donnerstag, 28 April 2011 12:04 MET

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Kommunikation, Empfehlungen, Bücher  
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Buchrezension: Neue Demokratie im Netz? von Jan-Felix Schrape [hyperkontext | Weblog]
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Eine Kritik an den Visionen der Informationsgesellschaft, so der Untertitel zum Buch des Mediensoziologen Jan-Felix Schrape.

Quintessenz in einem Satz: Das Web beschleunigt zwar die Kommunikation in vielen Bereichen, erreicht aber nicht die breite Bevölkerung. Offen bleibt, unter welchen Bedingungen sich Prioritäten verschieben könnten oder warum persönliche Kommunikation nicht zur Wirklichkeitsbeschreibung beitragen sollte.

Fazit: Empfehlenswerte Lektüre mit rascher Halbwertszeit.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist die überarbeitete Dissertation des Autors, Jan-Felix Schrape (Gedankenstrich.org). Dementsprechend ist die Lektüre aufgebaut und beschäftigt sich erst mit Definitionen, dann Auswertung und Zusammenfassung empirischen Materials – aus meiner Kurzbeschreibung zum Buch.

Zum Verständnis des Werkes:

  1. Der Buchautor bezieht sich auf allgemeine Nutzung und Verwendung des Webs und nicht etwa auf wirtschaftlichen Nutzen oder unternehmensspezifische Anwendungen (Enterprise 2.0). Die Resultate seiner Analysen klopft er demzufolge auch nur auf relevante Veränderungen für das demokratische Zusammenleben im Gesamtkontext ab.
  2. Schrapes Basis sind ausschließlich empirische und demoskopische Daten zu Deutschland. Ich gehe aber davon aus, dass die Ergebnisse im europäischen Kontext zumindest auf Österreich, die Schweiz und einige andere west- bis mitteleuropäische Länder zutreffen.

Das Buch hat 216 Seiten, wobei sich der Hauptteil der Interpretation der Daten auf die letzten 13 Seiten konzentriert. Nachfolgende Beschreibung und Kritik bezieht sich zumeist auf diesen letzten Teil.

Aussagen und Schlussfolgerungen

Was viele Webworker täglich erleben und vermuten, können wir gelassen als empirisch breit bestätigt zur Kenntnis nehmen:

[…] schon die Abfrage allgemeiner Online-Kenntnisse zeigt, dass sich zwei Drittel der Bevölkerung lediglich auf einem niedrigen Kompetenzniveau bewegen. Seite 163

Aber selbst für viele die sich aktiv im Web engagieren ist Dilettantismus – abseits jeglicher Polemik – eine zutreffende Beschreibung:

Der technische Aufwand für eine Veröffentlichung mag durch die neuen Kommunkationsstrukturen im Web gesunken sein, nicht aber der kognitive beziehungsweise zeitliche Aufwand, […] Seite 185

Die Essenz des Webs, das Recherchieren und die unübertroffene Möglichkeit darauf zu verlinken, wird von den meisten Blogautoren daher kaum in den Beiträgen verarbeitet.

Obwohl der bidirektionale Kommunikationsapparat mit dem Web auf technischer Ebene Realität geworden ist, werden die neuen Kommunikationsmöglichkeiten nur selten im Sinne der Idealisten verwendet. Seite 211

Viele rotzen Texte hin als wären sie alleine auf der Welt und niemand hätte jemals zum Thema schon geschrieben.

Der Autor stellt an verschiedenen Stellen mehr oder weniger die Bedeutungslosigkeit von Blogs für die Realitätsbeschreibung dar: Weblogs wie Podcasts können selbst bei jüngeren Nutzern keine hohen Verbreitungszahlen erreichen, denn die meisten sind am individualkommunikativen Austausch interessiert (Seite 165) und nicht an Sinnangeboten, die massenmediale Darstellungen konterkarieren oder komplettieren könnten (Seite 208).

Was im Buch unverarbeitet scheint, ist die sinkende Anzahl an aktiven Weblogs – zumindest im deutschsprachigen Raum. Damit wird die rasche Halbwertszeit der Arbeit klar, denn die Masse der Web-Kommunikation zieht in die heranwachsenden Social-Networks ab.

Schrape konstatiert allerdings schon für Weblogs, dass zumeist nach wenigen Zeilen auf etablierte Angebote der Massenmedien verwiesen wird.

Schon heute herrscht in der deutschen Blogosphäre beispielsweise ein ähnlicher Matthäus-Effekt wie in der Wissenschaft: Wer bekannt ist, wird häufig verlinkt, wer unbekannt ist, erhält zumeist keinen Link zurück. Seite 213

Der Matthäus-Effekt in Social-Networks ist nicht nur die beschleunigte Variante, sondern nach meiner Meinung einer der primären Gründe für die erfolgreiche Existenz.

Der Autor sieht daher keine Gefahr für die Massenmedien, denn die gesellschafts­übergreifende Wirklichkeitsbeschreibung, wie er es an vielen Stellen nennt, bleibt weiter dort verankert. Nicht erörtert werden jedoch die zukünftig bevorzugten Verbreitungswege, die meines Erachtens in diesem Kontext reziproke Einflussfaktoren sind.

Weitere Zusammenfassung, die sich punktuell bereits in meiner Kurzbeschreibung zum Buch findet:

  • Das Web beschleunigt zwar die Kommunikation in vielen Bereichen, erreicht aber nicht die breite Bevölkerung.
  • Die Vorstellung einer Netzdemokratie, die sich durch vielfältige Themensetzungen und dadurch Dezentralisierung der Medienhoheit definieren würde, ist – und vor allem, wird es bleiben – das Pathos einer prozentual sehr kleinen Gruppe.

Meine Kritik

In diesem Werk findet sich an einigen Stellen ein Mal mehr die Falle in die so manche Demoskopen, Trendforscher, Soziologen, Politiker und Freizeitphilosophen tappen: Sie schreiben Gegebenheiten bewusst oder unbewusst in die Zukunft fort.

Schrape hält sich denn auch auf der letzten Seite mit der sinngemäßen Aussage, das Web könne unter Umständen zu vollkommen anderen Veränderungen führen als zu denen, die wir heute vermuten, die retrospektive soziologische Analyse in petto.

Offen bleibt zum Beispiel, unter welchen Bedingungen sich Prioritäten verschieben könnten oder warum persönliche Kommunikation nicht zur Wirklichkeitsbeschreibung beitragen sollte.

»Gesellschaftsübergreifende Wirklichkeitsbeschreibung«

Der Autor definiert zu Anfang des Buches (Seite 17) die gesellschaftsübergreifende Wirklichkeitsbeschreibung. Später fließt der Begriff der individualkommunikativen Unterhaltung ein und wird als Unterscheidung zu ersterem verwendet.

Hier orte ich eine Unschärfe: Die individualkommunikative Unterhaltung kann meinem Verständnis nach nur Teil der gesellschaftsübergreifenden Wirklichkeitsbeschreibung sein und nicht davon ausgeklammert. Die Definition von Seite 17 verstehe ich im Übrigen auch so.

Jeder Historiker wird gefundene Notizen, persönliche Briefe und Postkarten als Puzzlestück zur Wirklichkeitsbeschreibung willkommen heißen. Im Web sind es halt nicht vergilbte Schriftstücke, sondern die zeitnahe Erfassung öffentlicher, persönlicher Kommunikation.

Zur zeitnahen Kontextualisierung fehlte früher schlicht die Kapazität.

Der richtige Umgang mit dem Internet kann uns ermöglichen, schneller und näher als bisher, an Wirklichkeitsbeschreibungen ran zu kommen. Unerheblich dabei ist, ob die Annäherung durch persönliche Unterhaltungen, Bücher, intellektuelle Blogbeiträge oder mediale Faktendarstellung erfolgt. Wichtig ist vielmehr die Kontextualisierung verschiedenster Stücke, in Schnelligkeit und Menge, die ohne Internet nicht möglich wäre.

Zur gesellschaftsübergreifenden Wirklichkeitsbeschreibung – wie Schrape sie nennt – trägt also bei, wenn wir in Zukunft noch effizientere Möglichkeiten finden, individuelle Unterhaltungen – die sich ja bekanntermaßen mittlerweile in Social-Networks abspielen – in sinngreifende Zusammenhänge zu stellen.

Der kapitale Bock

Individualkommunikative Unterhaltung als sinnbefreit und nutzlos für die Wirklichkeits­beschreibung auszuklammern, halte ich daher für einen kapitalen Bock den der Autor da schießt. Was früher schon aus Kapazitätsgründen der Heuristik zum Opfer fiel, ist ein Baustein im digitalen Zeitalter.

Etwas erinnert mich das an die schrulligen Kulturpessimisten, die gegen das Internet mit Goethe zu Felde ziehen, obwohl das Motiv dieser Leute mit dem des wissenschaftlichen des Buchautors natürlich nicht zu vergleichen ist.

Digitale Spaltung

Im Zuge seiner Analyse konstatiert Schrape zwar die digitale Spaltung der Gesellschaft, bewertet diese Ungleichheit jedoch nicht zwangsläufig problematisch, weil das Internet trotz seiner diskursiven Zentralstellung nach wie vor nur ein Teilbereich des sozialen Lebens sei (Seite 215). Diesen Punkt sehe ich dramatischer.

Die Sache nur mit zeitlicher Inanspruchnahme von Angeboten zu vergleichen, greift zu kurz.

Unzweifelhaft erweckt das Internet wirtschaftliche Begehrlichkeiten, die sich darin äußern, essentielle Bestandteile zu verhindern, manipulieren oder vereinnahmen zu wollen. Digitale Analphabeten, die überwiegend noch immer in Entscheiderpositionen sitzen, verstehen nicht ansatzweise die Zusammenhänge.

Als nur ein Beispiel seien hier Protagonisten der Massenmedien erwähnt, die mitunter vom Geburtsfehler des Internets sprechen, weil sie ihre pekuniären Felle davonschwimmen sehen.

Daraus ergeben sich gesellschaftspolitische Konfrontationen, die sich nicht bloß mit dem Älterwerden und zwangsläufigen Interessensverschiebungen junger Erwachsener auflösen werden, wie der Autor meint.

Vermutlich wachsen da relevante politische Kräfte heran – Beispiel: Piratenpartei.

Verhaltensänderung

Schrape geht – seriös und wissenschaftlich – vom bisherigen sozialen Verhalten aus und folgert aus zunehmendem Alter und durchschnittlichen privaten und beruflichen Verhältnissen ein abnehmendes Interesse am aktiven Medienkonsum.

Dass sich Leute nur berieseln lassen wollen, mag zwar die Beobachtung des Soziologen sein, kann sich aber ändern.

Wie die Geschichte immer wieder zeigt, engagieren sich Menschen in Umbruch- und Notsituationen, weil sie direkt etwas bewirken können, bewirken müssen. Meist dann, wenn öffentliche Verwaltungen aufhören zu handeln, wenn Regierungen versagen.

Postdemokratische Entwicklungen – wie wir sie bei uns beobachten – sind schleichend, sehr schleichend. Immer mehr Menschen könnte klar werden, dass unser derzeitiges politisches Siechtum irgendwann – mehr oder weniger überraschend – enden wird. Motiviert durch den leichten Einstieg und die partizipativen Möglichkeiten im Web, könnten sich infolge dessen immer mehr aktiv an politischer Veränderung beteiligen. Solch einen schleichenden Prozess erwägt der Autor nicht.

Ketchup aus der Flasche.

Es könnte auch sein, dass durch die Folgen eines Quasi-Überwachungsstaates das politisch polarisierende Engagement rapide ansteigt. Allein durch das Bemühen und die Zusammenarbeit, Überwachungsstrukturen zu umgehen, kann daraus eine bedeutende und nachhaltige Veränderung in Verhaltensmustern entstehen.

Diese Entwicklungen können, soweit ich das laienhaft einschätze, in China beobachtet werden und wie wir an einigen arabischen Ereignissen sehen, sich plötzlich entladen – so wie Ketchup aus der Flasche.

In den eben aufgezählten Szenarien sind das keine plötzlichen Situationen die niemand so vorhersehen konnte, wie dann gerne gesagt wird. Es sind meist Entwicklungen die nach dem Motto, »was nicht sein darf, kann nicht sein«, ignoriert wurden.

Fazit: Empfehlenswerte Lektüre mit rascher Halbwertszeit

Die Bestandsaufnahme derzeitiger Stimmungen und Verhaltensweisen ist natürlich zu begrüßen.

Klar sollte sein, dass dies nur bedingt Schlüsse auf die Zukunft bietet. In der Natur unseres Wesens liegt es wohl, dass wir es trotzdem immer wieder versuchen.

Alles in allem ein wichtiges Werk, das vieles sortiert und in überschaubare Zahlen bringt. Allein die Fülle an empirischen Daten reicht schon als unentbehrliche Grundlage für Diskussionen. Die unaufgeregte und sachliche Analyse des Autors bestätigt die Seriosität seiner wertvollen Arbeit.

Lediglich die Aktualität macht Probleme.

Erneut stellt sich allerdings die Frage, ob im digitalen Zeitalter die gedruckte, abgeschlossene Publikation zu einer Diskussion über das Netz die beste Form ist. Durch die vielen demoskopischen Daten auf der einen Seite und die schnellen Veränderungen im und durch das Web auf der anderen Seite, nimmt Aktualität und Relevanz schnell ab.

Wer sich für die empfehlenswerte Lektüre entscheidet, sollte sie daher so bald als möglich, vorzugsweise noch im Jahr 2011 lesen.

Abschnitt 1 von 1

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Daten zum Buch

Neue Demokratie im Netz?
Eine Kritik an den Visionen der Informations­gesellschaft
ISBN-10:
9783837615333
Autor(en):
Jan-Felix Schrape
Weitere Daten:
Verlag Transcript; 1. Auflage, Oktober 2010

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Datum:
veröffentlicht am 28 April 2011, 12:04 MET.
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