Buchrezension: Der Informationscrash von Max Otte
Freitag, 16 April 2010 14:13 MET
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Die Suggestion der Entscheidung
Ich rezensiere das Buch vor allem, weil die Passagen über das Internet zum Thema meines Blogs gehören und genauere Betrachtung geradezu herausfordern.
Zuvor aber im Schnelldurchgang noch zum erträglichen und durchaus lesenswerten Hauptteil.
Ein Markt ohne Staat führt zurück ins Mittelalter.
Seite 265
Inhalt des Buches
Die wesentliche Aufklärung die dieses Buch vermitteln will, ist die Verwirrungstaktik der Marktakteure (Customer Confusion). Aus unendlich viel Informationen und Angeboten wird letztendlich Desinformation. Die Freiheit der Entscheidung wird zur Suggestion, die Informationen zum Crash.
Buchautor Professor Max Otte erklärt zu Anfang drei Hauptgruppen für seine Erläuterungen:
Die Triebkräfte der Desinformationsgesellschaft
- Das Interesse der Wirtschafts-Akteure an Desinformation
- Die Macht- und Ahnungslosigkeit der Politk
- Die Schwächung der Medien und des Journalismus
Seite 32–40
In weiterer Folge besteht der größte Teil des Werkes aus vielen Beispielen, wie wir tagtäglich davon betroffen sind und über den Tisch gezogen werden.
Wie oft rief ich während der Lektüre gedanklich, Stimmt
oder ja, genau so ist es
.
Nach dem zehnten Genau-Ruf habe ich allerdings die Spur aufgenommen. Der Wunsch nach Ursachenforschung und differenzierter Betrachtung wird stärker. Leider wird diese Neugier nur mehr lückenhaft gestillt.
Zur weiteren Botschaft des Buches zitiere ich meine bereits erfolgte Kurzbeschreibung aus der Leseliste:
Es geht gerade munter zurück ins Mittelalter, zu einer feudalen Lehnswirtschaft
(Seite 263). Konzerne sind die Lehnsherren, die sich mit anderen Großinvestoren um Gebiete und Anteile bekriegen. Die Bürger sind in jedem Fall die auszubeutende, getäuschte und manipulierbare Masse.
Als Konsequenz sympathisiert der Autor mit dem Ordoliberalismus a la Alexander Rüstow, kritisiert die totale Marktgläubigkeit (Neoliberalismus) und fordert einen starken Staat.
Soweit der Ansatz und die Quintessenz des Buches.
Bis hierhin würde ich mich mit folgendem Fazit begnügen:
Endlich versucht jemand den Wahnsinn aufzuarbeiten, dem der Einzelne täglich durch den Auswuchs eines völlig durchgeknallten Wirtschaftsliberalismus ausgesetzt ist. Für aufgeklärtere sind die endlosen Aufzählungen vermutlich zu langweilig, für weniger bedarfte durchaus spannende Aha-Geschichten.
Wenn das mit »dem Internet« nicht wäre
Es ist so, als wenn er das Telefon verteufelt, nur weil die Leute sich mehrheitlich Kleinkram erzählen.
Zur »Customer Confusion« eignet sich das Web natürlich sehr gut, womit eine berechtigte Spur verfolgt wird.
Leider wird das Werk mit den Ausführungen zum Internet zur Farce, da der Autor durch den Blick aus dem Tunnel schreibt und das Buch zur Desinformation verkommt. Also genau das, wovor uns der Mann so eindringlich warnen will.
Ich verstehe nicht, warum sich Max Otte auf solch Polemik einlässt. Ich hätte – nach Der Crash kommt (2006) – anderes von ihm erwartet.
Max Otte und das Internet
Heute sind im Internet so viele Informationen abrufbar, dass niemand sie mehr wirklich zählen kann. Seite 111
Interessante Aufgabe der sich der Autor hier stellen will, zumal das Ergebnis dieser Zählung zumindest nutzlos erscheint.
Ich habe schon größeren Humbug über Internet und Web gelesen. Der vorliegende ist streckenweise schlicht eine Lachnummer und im Gesamten konzeptionslos.
- Konzeptionslos deswegen, weil letztlich nicht zu erkennen ist – zumindest ich nicht erkenne, worauf der Autor mit seinen Aussagen hinaus will, außer »das Böse« zu beschwören.
- Lachnummer dann, wenn sich so Sätze wie der vorhin zitierte finden oder Gegenbeweise ausbleiben, weil der Autor a priori von einer allgemein gültigen Norm ausgeht. Quasi ein unumstößliches Dogma in Umgang mit Wissen und Information impliziert.
Noch ein Lacher gefällig?
Eine gesellschaftliche Wertschöpfung, ein Publizieren um das
Wahre, Schöne, Gute(Goethe) zu befördern, findet hier nicht mehr statt, es geht nur noch um kleine und kleinste Interessen, […]. Seite 240
Vor 120 Jahren hätte der Mann gegen das Telefon, einige Zeit vorher gegen Buchdruck für »niedere Interessen« ähnlich argumentiert.
Ich kann nur spekulieren:
Vielleicht will der Autor einen soziologischen Diskurs führen, den Richard Sennett beispielsweise schon vor rund 30 Jahren aufnahm (Tyrannei der Intimität) oder von Jürgen Habermas (kritische Öffentlichkeit) angesprochen wird.
Statt dessen beschäftigt sich Professor Otte mit dubioser Schmalspurliteratur von Andrew Keen – Die Stunde der Stümper. Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören (2008) –, zitiert daraus irrelevante Statistik (500 Mio. Blogs über Katzen, Hunde und Ferienreisen »verstopfen« das Internet) und beschränkt sich auf Kampfrhetorik.
Meinungsprekariat Wikipedia?
Don Tapscott erzählt auf Vorträgen gerne die folgende Begebenheit zu seinem Buch Wikinomics: Es wird die Geschichte von Tapscott junior erzählt (Seite 241), der als 15jähriger Vaters Manuskript zum ersten Kapitel des Buches online zur Diskussion stellte. Tapscott senior ließ sich davon inspirieren und nahm neue Anregungen auf.
Allein durch die Erzählung dieser Begebenheit impliziert der Autor nun ohne weitere Argumente oder Gegenbeweise ein verqueres Denken und zeichnet den Weg in eine Art Meinungsprekariat.
In der neuen Welt findet keine Kompetenz- oder Wissensprüfung der Medienschaffenden mehr statt. Es existiert kein fertiges, qualitätsgesichertes Produkt mehr wie die Ausgabe der Tageszeitung. Seite 242
Professor Otte geht von einem Dogma aus, wie Bildung, Information und Medien zu funktionieren haben, und verleugnet gleichzeitig die Realität. Andere Wege werden nicht analysiert, argumentativ behandelt und kritisiert, sondern dämonisiert.
Mit überheblicher Selbstverständlichkeit plaudert er von einer Wikisierung der Medien
(Seite 242), welche die Produktion von Inhalten zur Blaupause
macht. Ein paar Seiten weiter erklärt er die Wikipedia für unseriös und bedauert die Einstellung des 30bändigen Brockhaus-Lexikons als Art kulturelles Desaster.
Konnten wir uns in der vordigitalen Zeit noch darauf verlassen, dass Informationen von gut ausgebildeten Profis erfasst, bewertet, geprüft, gegengeprüft und schließlich gewichtet wurden, […] Seite 246
Pardauz! Ein harter Schlag auf den Tisch. Für Einblicke in die Arbeit so mancher »Profis« empfehle ich das Bildblog oder die österr. Variante Kobuk! (Beide allerdings nur im »bösen Internet« und nicht als gedruckte Zeitung verfügbar.)
Letztlich stellt sich die Frage, worauf der Autor mit seinen kruden Ausführungen über das Internet hinaus will. Darüber lässt er uns im Unklaren. Wir können daher im Kontext mit seinen allgemeinen Thesen wieder nur rätseln:
Das Internet regulieren?
- Sollen nur mehr Menschen mit Presseausweis oder akademischem Grad publizieren dürfen?
- Soll das Internet etwa den Bildungsministerien unterstellt werden und nur nach Prüfung Inhalte publiziert werden dürfen?
- Soll das Internet verstaatlicht werden oder sollen »Sendeplätze« vom Staat versteigert werden?
- Oder will der Mann einen Web-Ausweis einführen?
Alles nur Spekulation, denn der Buchautor erklärt es uns nicht. Was bleibt, ist sinnbefreites Phrasendreschen gegen das »böse Internet«, untermalt mit irrelevanten Statistiken.
Hirngespinste und Wahrheit
Nein doch, ein paar konkrete Verhaltensregeln zur Informationssouveränität
(ab Seite 275) empfiehlt der Autor schon. Unter anderem, (nur) Bücher zu lesen. Das ist zwar ein guter Rat und ich lese davon sehr viel, die Begründungen haben mitunter aber wieder etwas von diesem, »nur hier finden Sie das Wahre, Schöne, Gute«.
Buchautoren können sich mehr als alle anderen Autoren wirklich originelle Gedanken leisten. Seite 278
Nunja, mit etwas Empathie – vielleicht weil ich altersmäßig auch zur »Generation Kugelschreiber« gehöre und eine halbe Dekade älter als der Buchautor bin – kann ich seine Empörung etwas erahnen.
Solch publizierter Tunnelblick kann allerdings nicht als weitsichtig oder gar wissenschaftlich bezeichnet werden.
Verabschieden Sie sich von dem Hirngespinst, dass das Internet automatisch ein demokratisierendes Medium ist. Seite 279
Auch hier wieder Kampfrhetorik: Weit und breit kein Hinweis, keine Quelle, wer solch naives Zeugs daherplappert. Vielmehr die subtile Unterstellung, dass eine nicht definierte, vermeintlich homogene Gruppe von infantilen Tölpeln glaubt, das Mekka der Demokratie gefunden zu haben.
Mit etwas Bösartigkeit bräuchte ich aus dem zitierten Satz »das Internet« nur mit »Bücher« auswechseln, um damit dem Buchautor ebenso Naivität zu unterstellen.
Verabschieden Sie sich von dem Hirngespinst, dass Bücher automatisch ein demokratisierendes Medium sind.
Mit Ironie ließe sich noch hinzufügen, dass die Geschichte seit Jahrhunderten beweist, dass Bücher nicht per se demokratisierend sind.
Nicht verhehlen möchte ich, dass in diesem Verteufelungsschwall natürlich auch berechtigte Kritik auftaucht und Fragen aufgeworfen werden. Etwa die Rolle von Google oder Unternehmen und Lobbyisten mit versteckter PR, die im Web naturgemäß fröhliche Urständ feiern.
Fazit: Gefährlich platt
Für Stammtischgespräche taugt das Buch hervorragend, um die Generalkeule gegen das System zu schwingen.
Im Kontext grundsätzlicher Kritik am ökonomischen und politischen System entsteht mit platten Ausführungen allerdings eine Gefahr: Demagogen bedienen sich an solch Literatur gerne und die Journaille verbreitet es dankbar.
Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Wissenschafter, Philosophen oder Künstler unfreiwillig zu Propheten einer Ideologie gemacht werden.
Die Einschätzung bestätigt sich insofern, weil das Buch mittlerweile von politischen und ideologischen Rändern – egal welcher Couleur – gerne empfohlen wird. Diese Tatsache sollte mehr als nur zu denken geben.
Wie mich Herr Otte für dumm verkaufen will.
Hinzu kommt, dass der Autor auf weiten Strecken polemischen und nutzlosen Humbug über das Internet schreibt. Ich vermisse eine sinnvolle – damit meine ich nicht per se affirmative (=bejahende) – Auseinandersetzung mit dem Medium.
Auch bei noch so viel Sympathie zur Intention und Grundaussage des Buches:
Allein die unsäglichen Ansagen zum Internet verhindern jede positive Gesamtbewertung.
- Abschnitt 1 von 1
Externe Verweise dieses Artikels wurden zuletzt am 16. April 2010 auf Relevanz geprüft.
Daten zum Buch
- Der Informationscrash
- Wie wir systematisch für dumm verkauft werden
- ISBN-10:
- 3430200784
- Autor(en):
- Max Otte
- Weitere Daten:
- Verlag Econ, Oktober 2009
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- Datum:
- veröffentlicht am 16 April 2010, 14:13 MET.
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