Barrierefrei ist kein Geschäft

Sonntag, 11 November 2007 17:08 MET

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Kommunikation  
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Barrierefrei ist kein Geschäft [hyperkontext | Weblog]
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Wie wir inkompetentem Code-Gemurkse die Akzeptanz schrittweise entziehen ist für mich die eigentliche Frage.

Webstandards und Accessibility ist grundsolides Handwerk. Die Leute, die sich damit befassen müssen und sollen, sind kreative Web-Handwerker. Und Fachleute brauchen solide Ausbildung beziehungsweise Raum für relevante Weiterbildung.

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur
Accessibility Blog-Parade 2007
Banner mit Aufschrift: Accessibility Blog Parade - 10.10. bis 11.11.2007

Rückblick zur Accessibility Blog-Parade

Ich habe mich in allen meinen vorigen Beiträgen zur Blog-Parade ganz bewusst dem theoretischen Gelabere und der Wortklauberei entzogen und versucht konkrete Themen des Aufbaus von Webseiten aufzugreifen:

Ich glaube aber, dass einige Aspekte überhaupt nicht beziehungsweise nur in Kommentaren zu Beiträgen vorsichtig angesprochen wurden. Daher möchte ich zum Abschluss der Blog-Parade die Suppe mit schärferem Pfeffer der Marke Provokativ würzen.

Kleine Statistik

Von rund 100 aufgelisteten Beiträgen in der Blog-Parade-Rolle beziehen sich rund 50 zur Blog-Parade als Ankündigung oder Kommentierung dieser. Rund 40 Einträge sprechen konkrete Lösungen oder Probleme an. Und zehn Artikel philosophieren über die Wörter Barrierefreiheit und Co.

Diese knapp 10% der philosophischen Beiträge referenzierten und kommentierten sich permanent gegenseitig. Hingegen viel konkrete Artikel seltener Reaktionen oder Bezugnahmen erfuhren. Typisch? Zufall?

Inkompetentem Code-Gemurkse die Akzeptanz entziehen

Für mich bleibt das Grundproblem der mangelnden Umsetzung von Webstandards und zugänglichen Webseiten die offensichtlich fehlende Kompetenz1 von Web-Entwicklern im professionellen Bereich.

Zur Klarstellung: Es geht hier um die – leider sehr zahlreichen – Leute, die klar, deutlich und sichtbar desinteressiert an standardkonformer, zugänglicher Webentwicklung sind. Es ist ein Unterschied, ob ich lerne und Fehler mache und etwas nicht weiß oder ob ich ahnungslos bin und trotzdem damit Geschäfte mache.

Dabei stellte es sich heraus, dass der ORF über vieles nicht informiert ist beziehungsweise sich damit kaum auseinandergesetzt hat, zum Beispiel die internationalen Richtlinien der Barrierefreiheit (WAI). Lukas Huber
[aus einem Interview auf BIZEPS2]

Da helfen keine akademischen Grundsatzdiskussionen, keine tollen Konferenzen und schöne Reden und auch keine entschlossenen (Agentur-)Chefs, wenn viele ihrer Mitarbeiterinnen zwar vielleicht exzellente Grafiker oder Java-Script Gurus sind, aber Cascading Style Sheets (CSS) nicht einmal buchstabieren können und grundlegende HTML-Elemente nicht verstehen3 und einsetzen.

Wenn man Accessibility als Feature betrachtet, wird man sie wahrscheinlich weglassen. Die meisten Entwickler lassen sie sowieso weg, weil sie gar keine Ahnung von Accessibility haben oder einfach nicht wissen, dass sie überhaupt wichtig ist. Joe Clark
[deutsche Übersetzung aus Transcending CSS, Seite 13]

Wie das abläuft, wenn ein Chef – zurückgekommen von einer der vielen Konferenzen – einen Barrierefrei-Auftrag an einen Mitarbeiter gibt, wird sehr anschaulich im Wienfluss-Weblog beschrieben4.

Doch mangelnde Kompetenz lässt sich nicht nur bei Ausführenden, sondern auch bei Lehrenden beobachten.

Lehrer und Prüfer sind meist über 50, gelernte Drucker oder Schriftsetzer und halten das Internet für Papier hinter Glas. Validität, Barrierefreiheit, fließende Layouts und Auflösungsunabhängigkeit sind Fremdworte und werden, wenn sie bei der praktischen Prüfung berücksichtigt werden, nicht honoriert. Mo [aus einem Kommentar bei praegnanz.de]

Solche Zustände müssen ganz klar einmal ausgesprochen werden!

Mitunter werden ja auch Websites, die sich im Bereich jenseits von Gut und Böse befinden, mit goldenen Web-Awards ausgezeichnet, wie Sylvia Egger recherchiert hatte5. Kein Wunder, wenn die Seiten des Awards selbst, schlicht sprachlos ob dem Grad der digitalen Verwesung machen. Dort sind die Entwicklungen der letzten zehn Jahre spurlos vorüber gegangen.

Wenn wir von Barrierefreiheit und ähnlichen Ausdrücken sprechen, dann ist das

  • kein Feature
  • kein (Nischen-)Geschäftsmodell
  • nicht verkaufsfördernd
  • kein Marketing-Gag für Wir sind die Guten
  • kein Dogma
  • kein Auswuchs enthemmter Bürokraten
  • kein Zugeständnis

Aus dieser Sichtweise sind Veranstaltungen von Konferenz-Profis und PR-Fuzzis und den sich dort versammelnden Phrasendreschern und Projekt-Heinis zu diesem Thema hinfällig.

Webstandards und Accessibility ist grundsolides Handwerk.

Die Leute, die sich damit befassen müssen und sollen, sind kreative Web-Handwerker. Und Fachleute brauchen solide Ausbildung beziehungsweise Raum für relevante Weiterbildung. Und damit nähern wir uns dem Knackpunkt.

Kreatives Handwerk kostet etwas

Mir ist völlig klar, dass das Ansinnen adäquater Bezahlung oder wie immer gearteter Gedanken an mehr Kosten in unserer Billig-Gesellschaft realitätsfremd ist.

Wenn nicht der (heuchlerische) Umweg zu Webstandards und barrierefreier Webgestaltung via Public-Relations gegangen wird und die Einsicht eines ernstzunehmenden Handwerkes – mit mehrheitlich kompetenten Ausführenden – Einzug hält, dann kostet das etwas. Diese Kosten schlagen sich dann in den Preisen für ordentliche Websites durch. Und zwar ohne Kunden mit Barrierefrei- und Qualitäts-Gesülze dafür weichzuklopfen. Es wäre selbstverständlicher Standard.

Solange aber zum Beispiel Browser jeglichen Unsinn im Quellcode3 auch noch halbwegs darstellen und keine sichtbaren (im wahren Sinne des Wortes) Nachteile entstehen, wenn Websites irgendwie zusammengeschustert werden, solange wird es keinen verhandelbaren pekuniären – das Geld betreffenden – Spielraum geben.

Der freie Markt stuft dieses Handwerk, ob nicht festzumachender Kriterien, als Zulieferung sonstiger minderwertiger Dienstleistungen ein, deren Wert sich mittlerweile gegen Null bewegt.

Wenn ich als Web-Entwickler (selbstständig oder angestellt) nicht gerade altruistisch – selbstlos, uneigennützig – angehaucht bin, dann ist es nur wichtig die optischen Wünsche des Kunden (Chefs) zu erfüllen und so rasch als möglich umzusetzen. Die Qualität unter der Haube ist für die Preisgestaltung (Gehaltshöhe), die Geschäftsbeziehung und den ahnungslosen Kunden (Chefs) meist völlig unerheblich. Das ist die Realität.

Will ich also in der Branche halbwegs gut davon leben können und keine missionarischen Bedürfnisse habe, kümmern mich Webstandards und Accessibility gerade nur so weit, um mir die eigene Arbeit zu erleichtern.

Wie wir aus diesem Dilemma herauskommen und inkompetentem Code-Gemurkse die Akzeptanz schrittweise entziehen ist für mich die eigentliche Frage.

Ich habe zwar kein Rezept, aber will mein Gemeckere mit einem Blick in die Zukunft abschließen:

Ein Blick in die Zukunft

Mein Wunsch, meine Hoffnung, wo die Reise hingehen sollte ist am besten erklärt, wenn ich mir den geschichtlichen Eintrag eines digitalen Lexikons um 2050 vorstelle.

Hinweis:
Die folgende Geschichte ist ab dem zweiten Absatz frei erfunden.

Die Geschichte des World Wide Web (2050).

Die Erfindung des Internets (um 1970) und die Digitalisierung von Texten brachte bereits ab 1980 einen wirtschaftlichen Schub mit sich. Das Kopieren von Dokumenten und der enorme Verbrauch von Papier (welches aus Holz gewonnen wurde) konnten schrittweise gesenkt werden. Durch die weitere Entwicklung des WWW (um 1992) brauchte ein Dokument grundsätzlich nur mehr an einer Stelle gespeichert werden.

Anders als heute, wurden bis zum Anfang des Jahrtausends Dokumente von Autoren immer wieder neu zusammengetragen und zeitaufwändig erstellt. Dies führte – abgesehen vom Zeitaufwand – natürlich zu ständigen Wiederholungen und unüberschaubaren Redundanzen.

Durch weitere Standardisierungen und dem neu entstandenen Beruf von HTML/XML-Lektoren wurde es Programmen möglich, Bild-Daten und Texte sinnvoll zu analysieren und für diverse Zwecke aufzubereiten. Früher brauchte es beispielsweise immer eigener Versionen und Anstrengungen, Texte in anderen Sprachen oder für Blinde (siehe auch: Medizin – massive Verringerung der Blindenrate seit 2040) zugänglich zu machen.

Das heute verwendete Prinzip des sogenannten OIIO (One Input – Infinity Output) und die Verwaltung des Internets durch die UNO seit 2034, trugen wesentlich dazu bei den Zusammenbruch der lebenswichtigen Netzwerke zu verhindern, die Sicherheit zu verbessern und den massiven Datenmissbrauch der 20er Jahre einzudämmen (siehe auch: Informationskriege und Überwachungsstaaten 2020–2035 oder die große wirtschaftl. Depression 2014–2030).

Heute können wir sagen, dass die enormen wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritte seit 2040 durch das WWW und OIIO ermöglicht wurden. Manche sprechen auch vom größten Fortschritt der Wissenschaft in der Menschheitsgeschichte.

Frei erfunden von Gerald Brozek, 2007

Wem mein Blick in die Zukunft zu verrückt klingt, dem empfehle ich auch das Internet – ein Märchen von Nils Pooker. Vielleicht hilft es, im größeren Zusammenhang zu diskutieren und zu agieren.

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Accessibility Blog-Parade 2007.

Abschnitt 1 von 1

Quellenverzeichnis

  1. So How Do We Fix the Web, Really? [Molly E. Holzschlag]
  2. ORF-ON: Schlichtungsverfahren wegen fehlender Barrierefreiheit [BIZEPS-Info]
  3. Zauberhafte Überschriften-Elemente [OesterBlog] –
    Anmerkung: Der Blog-Eintrag stammt aus 2005, der beschriebene, unfassbare Code aus einer Autobörse existiert am 11. November 2007 noch immer!
  4. Bobby & Co - 99% böse! [WIENFLUSS Weblog]
  5. AAC-Fackel-Online, der Preis und seine schwere Zugänglichkeit [Sprungmarker]
  6. das Internet – ein Märchen [Pooker.Blog]

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veröffentlicht am 11 November 2007, 17:08 MET.
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